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Gottesdienst am Reformationsfest, 5.
November 2006, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über Galater 5, 1-6.
1 Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht
nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! 2
Siehe, ich, Paulus, sage euch: Wenn ihr euch beschneiden lasst, so wird
euch Christus nichts nützen. 3 Ich bezeuge abermals einem jeden, der sich
beschneiden lässt, dass er das ganze Gesetz zu tun schuldig ist. 4 Ihr
habt Christus verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, und
seid aus der Gnade gefallen. 5 Denn wir warten im Geist durch den Glauben
auf die Gerechtigkeit, auf die man hoffen muss. 6 Denn in Christus Jesus
gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube,
der durch die Liebe tätig ist.
Freiheit! Für viele Menschen ein Ausdruck unerfüllter Sehnsucht. In der
nächsten Woche haben wir einen Gebetstag für verfolgte Christen. Aber es
sind auch andere verfolgt und zu Unrecht eingesperrt, nicht nur Christen.
Ich denke an die Menschen in Nordkorea; gefangen im eigenen Land. Sie
haben keine Chance zur Freiheit. - Oder vielleicht doch?
Wie war das, als der eiserne Vorhang fiel? Es waren aufregende Wochen. Ich
will es wie in einem Zeitraffer kurz antippen.
Es begann mit der Flucht einiger weniger in Ungarn durch den
Stacheldraht-Zaun. Dann waren Hunderte in der Deutschen Botschaft in Prag.
Und unser damaliger Außenminister Hans-Dietrich Genscher wollte die freie
Ausreise ankündigen, aber seine Worte gingen unter in dem stürmischen
Jubel: Das Erlebnis der Freiheit. Und schließlich die offenen Schlagbäume
in Berlin, und die gen Westen fahrenden Trabbis am späten Abend. Das Ganze
hatte einen Hauch des Unwirklichen. Es war einfach irre, wie viele damals
es ausdrückten. Was vorher streng verboten war, war plötzlich möglich: Der
Weg in die Freiheit.
Ist das die Freiheit, von der der Apostel Paulus schreibt?
Heute ist Freiheit so vieldeutig, dass man sich fast alles darunter
vorstellen kann.
Paulus schreibt von der Freiheit. Sie gehört für ihn zu seinem
Lebensinhalt. Er hat dafür sein Leben riskiert. Aber hat er so etwas
gemeint? Freiheit von politischen Zwängen?
Wir können es uns wahrscheinlich nicht vorstellen, in politischer
Unfreiheit zu leben. Aber wenn Paulus dies gemeint hätte, warum hat er
dann nicht gegen die römischen Kaiser geschrieben, diese oft grausamen
Willkür-Herrscher?
Paulus meint eine andere Freiheit, als man heute im allgemeinen mit diesem
Wort meint. Es ist die Freiheit, an Christus gebunden und mit ihm
verbunden zu sein; die Freiheit, von den eigenen Zwängen loszukommen.
Heute ist unsere Situation vielfältiger als für die damaligen Empfänger
des Galaterbriefes. Für die Gemeinden standen als Heilsweg nur zwei
Alternativen zur Wahl, der alttestamentliche Weg oder der Glaube an Jesus
Christus. In unserer Gesellschaft werden viele Heilswege angeboten. Außer
dem christlichen Glauben und dem Judentum stehen mindestens noch der
Islam, der Hinduismus und der Buddhismus zur Wahl, und dann noch der
Materialismus und der Atheismus, die oft auch religiöse Züge haben. Die
Frage ist: Wie sollen wir leben, dass unser eigenes Leben und das Leben
der Gemeinschaft sinnvoll ist, und dass wir nicht nur leben sondern auch
sterben können. Wo finden wir die Antwort darauf, dass unser Leben nicht
sinnlos ist, hier und in der Ewigkeit.
Interessant: Paulus hat für den jüdischen Heilsweg (Gesetz) anscheinend
eine kleine Hintertür offen gehalten; mindestens an dieser Stelle.
Theoretisch könnte man sie wählen. Aber er beschreibt die Konsequenzen für
den, der ihn gehen möchte. Es ist, als würde er sogar auffordern: Wenn du
ihn gehen willst, dann probier es doch! Aber wenn du das versuchst, wird
dir die Tür zum Glauben verschlossen. Und beim Zugang durch die Hintertür
darfst du an keiner einzigen Stelle einen Fehler machen. Dort ist es, als
würdest du dich durch ein Gewirr von Hochspannungsdrähten hindurchbewegen
wollen. Eine einzige Berührung ist tödlich. Wenn du alles leistest, was
von dir verlangt ist, dann hast du die Prüfung bestanden. Aber weil dieser
Weg so anstrengend ist, sind die Leute auch so nervös und überlastet. Sie
haben keine innere Ruhe. Und sie gehen ihn trotzdem!
Doch wie viel einfacher ist der Weg des Glaubens an Christus! Da wird dir
das frei heraus geschenkt, was du anderswie unter höchster Anspannung,
keine Fehler zu machen, erreichen könntest. Allerdings kann kein Mensch
fehlerlos bleiben. Jesus sagt, das sei uns Menschen unmöglich, weil schon
der Gedanke an einen Ehebruch Sünde ist, schon der Wunsch nach fremdem Gut
Diebstahl, und weil aufsteigender Zorn eine Übertretung des 5. Gebots ist.
Also schaffen wir Menschen den Weg des Gesetzes nicht.
Ich versuche es in wirtschaftlichen Kategorien unseres Alltags, wenn wir
etwas einkaufen wollen: Zunächst scheint der alttestamentliche Weg des
Gesetzes unheimlich teuer zu sein. Man muss ungeheuer viel aufwenden, wenn
man zum Ziel gelangen will. Man muss perfekt sündlos bleiben.
Dagegen ist der Weg des Glaubens an Christus ziemlich einfach und billig.
Man muss nur an Christus glauben, an seine Heilstat und an seine
Vergebung. So gesehen müssten alle Leute entsetzlich ungeschickt sein, die
nicht den Weg des Glaubens gehen. Wer zahlt schon für ein Brot 100 Euro,
wenn er‘s auch für 1 Euro kriegt, oder sogar umsonst? Aber sie leben nach
dem Motto: Ich zahle meine Sachen, dann brauche ich mich nicht zu
bedanken.
Doch das ist das große religiöse Rätsel: Die meisten Leute wählen lieber
das teurere. Sie gehen in den teuren Laden, und kaufen das Brot für 100
Euro, obwohl man es auch geschenkt kriegen kann. Die müssen ganz schön
dumm sein.
Könnte es sein, sie sind skeptisch, ob das auch wirklich echt ist. Sie
denken, das kann doch nicht wahr sein, dass man so billig in den Himmel
kommt. Nur durch den Glauben!
Aber gehen wir tiefer. In unserem Herzen geschieht beim Weg des Glaubens
etwas völlig anderes als beim Weg des Gesetzes. Der Glaube verändert das
Herz von innen heraus. Das Vertrauen in Gott wächst, während das Vertrauen
in sich selbst kleiner wird. Und das ist‘s, warum die Menschen nicht von
sich selbst loslassen wollen.
Die Gemeinden in Galatien, die den Brief bekommen haben, hatten eine
erstaunliche Entwicklung durchgemacht. Sie hatten gehört und erlebt, dass
Jesus Christus sie frei gemacht hat. Sie hatten kapiert, dass er diese
ganze Last auf sich genommen hat und den Zwang von ihnen genommen hat,
alles selbst leisten zu müssen. Das war für die Galater der Anfang, und
der war gut. Das hat ihr Leben verändert. Aber dann gab es einen schlimmen
Rückfall.
Sie hatten Angst bekommen und sich wieder an die alten Dinge geklammert.
„Christus“, so meinten sie, „ist leider doch nicht so gut, wie wir gedacht
hatten. So billig geht es doch nicht. Man braucht auch noch anderes neben
ihm.“ Doppelt genäht hält besser! Es ging die Lehre um, man müsse sich
beschneiden lassen, um ein richtiger Christ sein zu können, man brauche
also das Zeichen des Alten Bundes, und zu diesem Zeichen gehört der ganze
Alttestamentliche Bund. Und diesen alten Bund kann man doch nicht einfach
über Bord werfen, der sich über viele Jahrhunderte bewährt hat. Und man
müsse sich auch nach diesem und jenem Gesetz streng richten. So setzten
sie sowohl auf das Gesetz als auch auf die Gnade.
Stellen Sie sich vor: Ein Ureinwohner irgendwo in unzivilisierter Gegend
will Christ werden, und wir würden von ihm verlangen, dass er unser
Grundgesetz anerkennt, bevor er Christ werden kann. Das wäre absurd. Denn
im Busch hat man andere Vorstellungen vom Leben als wir Mitteleuropäer.
Sie können sehr wohl Christ werden ohne unser Rechtssystem.
So ähnlich ist es gemeint, wenn Paulus sagt: Wer durch das Gesetz gerecht
werden will, hat Christus verloren. Vor Gott gilt nur Christus allein. Er
muss nicht ergänzt werden. Er hat eine andere Situation zwischen uns und
Gott geschaffen. Gott ist nicht mehr unser Gegner, wenn wir uns auf
Christus berufen und an ihn glauben.
Durch die ganze Kirchengeschichte hindurch zieht sich der Missbrauch der
Freiheit in Christus. Am Reformationsfest denken wir an den Missbrauch der
christlichen Freiheit durch die mittelalterliche Kirche, und wir denken an
den Aufruf Luthers in der Reformationszeit, wieder zur Freiheit in
Christus zu kommen. Aber das ist fast 500 Jahre her. Inzwischen steht ein
ganz anderer Missbrauch im Vordergrund: Freiheit wird heute oft so
verstanden, dass man sich nicht nach Ordnungen richten müsste, auch nicht
nach den Geboten Gottes.
Luther meint genau das nicht. In seiner Auslegung zum Galaterbrief (1519)
sagt er zu dieser Stelle Gal. 5,1: „Darin zeigt sich bei den Menschen die
Freiheit, dass die Gesetze geändert werden, ohne dass die Menschen sich
geändert hätten. Christliche Freiheit dagegen besteht darin, dass, ohne
dass das Gesetz geändert worden wäre, die Menschen andere werden; dann
wird dasselbe Gesetz, das zuvor dem freien Willen verhasst war, nunmehr
freudig begrüßt, weil die Liebe ausgegossen ist in unser Herz durch den
heiligen Geist.“ Die Freiheit ist für Luther also eine geistliche Freiheit
und nicht die Abschaffung eines äußeren Zwanges, sondern eine innere
Freiheit.
Jesus ist ohne Konkurrenz. Er ist nicht ein Meister unter vielen, sondern
er ist der einzige, der die Tür zu Gott aufgetan hat. Er hat das Heil
vollbracht. Den Zugang zu diesem Heil haben wir nur im Glauben an ihn. Das
Evangelium ist nicht ein Hilfsmittel neben anderen.
Ich fasse zusammen: Christus hat die Freiheit von der Knechtschaft des
Gesetzes gebracht. Das Tun des Gesetzes hat nun keinen Heilscharakter
mehr. Das Gesetz ist kein Heilsweg, sondern eine Frucht des Glaubens. Wohl
uns, wenn man die Früchte unseres Glaubens sehen kann. Amen!
(Pfr. Dr. Karl Knauß)
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