Gottesdienst am 18. Sonntag n. Trin., 15. Oktober 2006, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über Jakobus 2, 1-13

Als Angela Merkel vor etwa einem Jahr in das Bundeskanzleramt einzog, machte man sich darüber Gedanken, wie man sie anredet. Heißt sie Frau Bundeskanzler oder wie..? Inzwischen sind wir‘s gewohnt: Sie heißt Frau Bundeskanzlerin.

Solche Dinge nennt man Protokoll. Das Protokoll schreibt auch bei Staatsbesuchen viele Dinge vor, die einfach sein müssen; z.B. manchmal der Rote Teppich, oder das Abschreiten einer Truppe von Soldaten, oder wer wen zum Essen einlädt und vieles mehr.

Manche wissen es noch: In der Adenauer-Ära war für das Protokoll Erica Pappritz zuständig. Sie gab die Linien vor, dass die Politiker nicht irgendwo in ein Fettnäpfchen tappten.

Eine halbe Wissenschaft ist es, sich in der Anrede bei Adelstitel zu üben. Sagt man Herr Graf Johann oder nur Graf Johann? Und wen redet man als Durchlaucht an?

Ich muss gestehen, dass ich an dieser Stelle eigentlich Nachhilfeunterricht brauchen würde. Ich wäre ziemlich aufgeschmissen, wenn ich mich in entsprechenden Kreisen bewegen würde. Aber zum Glück ist das keine alltägliche Situation. Im Bedarfsfall hoffe ich, dass ich mich vorher kundig machen kann.

Wie ist das mit dem Protokoll in der christlichen Gemeinde? Wie ist der Umgang zwischen verschiedenen sozialen Schichten? Gelten bei uns die gleichen Regeln wie in der Politik und Öffentlichkeit?

Darum geht es im heutigen Predigttext:
1 Liebe Brüder, haltet den Glauben an Jesus Christus, unsern Herrn der Herrlichkeit, frei von allem Ansehen der Person. 2 Denn wenn in eure Versammlung ein Mann käme mit einem goldenen Ring und in herrlicher Kleidung, es käme aber auch ein Armer in unsauberer Kleidung, 3 und ihr sähet auf den, der herrlich gekleidet ist, und sprächet zu ihm: Setze du dich hierher auf den guten Platz!, und sprächet zu dem Armen: Stell du dich dorthin!, oder: Setze dich unten zu meinen Füßen!, 4 ist’s recht, dass ihr solche Unterschiede bei euch macht und urteilt mit bösen Gedanken?

5 Hört zu, meine lieben Brüder! Hat nicht Gott erwählt die Armen in der Welt, die im Glauben reich sind und Erben des Reichs, das er verheißen hat denen, die ihn lieb haben? 6 Ihr aber habt dem Armen Unehre angetan. Sind es nicht die Reichen, die Gewalt gegen euch üben und euch vor Gericht ziehen? 7 Verlästern sie nicht den guten Namen, der über euch genannt ist? 8 Wenn ihr das königliche Gesetz erfüllt nach der Schrift (3.Mose 19,18): »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst«, so tut ihr recht; 9 wenn ihr aber die Person anseht, tut ihr Sünde und werdet überführt vom Gesetz als Übertreter.

10 Denn wenn jemand das ganze Gesetz hält und sündigt gegen ein einziges Gebot, der ist am ganzen Gesetz schuldig. 11 Denn der gesagt hat (2.Mose 20,13–14): »Du sollst nicht ehebrechen«, der hat auch gesagt: »Du sollst nicht töten.« Wenn du nun nicht die Ehe brichst, tötest aber, bist du ein Übertreter des Gesetzes. 12 Redet so und handelt so wie Leute, die durchs Gesetz der Freiheit gerichtet werden sollen. 13 Denn es wird ein unbarmherziges Gericht über den ergehen, der nicht Barmherzigkeit getan hat; Barmherzigkeit aber triumphiert über das Gericht.

Da ist ein Ehepaar mittleren Alters. Sie gehören zur gehobenen Mittelschicht, sind nicht unvermögend. Können sich manches leisten und haben einen entsprechenden Lebensstil. In ihrer freikirchlichen Gemeinde haben sie viele Freunde. Sie sind auch im Spenden sehr großzügig. Das tut der Gemeinde gut.

Eines Tages geraten sie in finanzielle Probleme. Sie können ihren Lebensstil nicht aufrechterhalten und brauchen selbst Hilfe. Seltsamerweise ziehen sich nach und nach die Freunde in der Gemeinde von ihnen zurück. Sie waren gut, solange sie etwas hatten. Nachdem sie aber nicht mehr viel haben, verlieren sie ihre Stellung.

Leider müssen wir sagen, dass das in der Gemeinde der Christen keine Ausnahme ist. Das ist vermutlich nicht einmal Absicht. Sondern fast unweigerlich geraten wir in einen Sog, dem wir uns nur schwer entziehen können. Wir gehen mit vielen Menschen nach dem um, ob sie uns etwas nützen oder nicht. Kirche und Gemeind sind kaum anders als die „Welt“. Wenn wir darüber reden, kann es leicht peinlich werden.

Doch wir werden erinnert: Vor Gott sind alle Menschen gleich viel wert.

Selbst unter den zwölf Jüngern Jesu gab es ja die ärgerliche Geschichte: Da kamen, Jakobus und Johannes zu ihm - übrigens ein anderer Jakobus als der Schreiber dieses Briefes - nämlich die beiden Söhne des Zebedäus. Sie wollten im Reich Gottes zur Rechten und zur Linken von Jesus sitzen. Und Jesus hat es bekanntlich zurückgewiesen.

In einer christlichen Zeitschrift wurde vor einiger Zeit die Geschichte berichtet, wie ein junger Mann scheiterte:

Rainer gehörte zu einem christlichen Jugendkreis. Dass er unglücklich, einsam und allein war und mit seiner Situation nicht fertig wurde, haben alle geahnt oder im Grunde sogar gewusst. Anzeichen dafür hatte es genug gegeben. Manches hatte er selbst erzählt. Als er älter wurde, bekam er Probleme mit dem Alkohol. Er kämpfte dagegen an, aber er schaffte es nicht. Er war kein Erfolgstyp. Eher etwas unauffällig, fast unscheinbar. Ein treuer, freundlicher Kerl, aber einer, der auch immer ein bisschen am Rande stand. Er sehnte sich nach Zweisamkeit und wartete auf das große Glück. Aber die Mädchen, die er gewinnen wollte, mochten ihn nicht. Das Haus, das er schon früh in seinem Heimatdorf für das ersehnte Familienglück gebaut hatte, blieb leer. Und beruflich war er nicht erfolgreich. Er wurde schwer krank. Dann verlor er seine Arbeit ganz; und seine Oma als seine letzte Bezugsperson in der Familie verstarb. Freunde hatte er im Grunde keine mehr. Das alles hat er nicht mehr verkraftet. Der Alkohol und seine Krankheit ließen ihm keine Überlebenschance. Ganz allein und einsam starb er schließlich in seinem Haus. Er war noch nicht einmal Ende 40.

Solche Menschen wie dieser Rainer werden in unserer Gesellschaft an den Rand gedrängt. Vielleicht tragen sie auch selbst dazu etwas bei. Aber solche Menschen sind hier im Jakobusbrief gemeint, solche, die unter uns kein großes Ansehen genießen, die keine großen Erfolge aufweisen, die sich an den Rand der Gesellschaft manövriert haben.

Wir sollen unseren Glauben an Jesus von allem Ansehen der Person freihalten. Nach der Bibel ist das vor allem ein Kennzeichen Gottes: Bei ihm ist kein Ansehen der Person. Er urteilt gerecht. Sowohl im Alten als auch im Neuen Testament ist das darum auch eine dringende Ermahnung an seine Gemeinde. Es ist nicht nur das Anliegen hier bei Jakobus, sondern wir werden immer wieder daran erinnert. Kein Ansehen der Person!

Und wir sollen Gottes Art nachahmen.
Jakobus erinnert an die erste Seligpreisung aus der Bergpredigt: „Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.“ Gott hat ausgerechnet die erwählt, die es menschlich zu nichts gebracht haben und die nichts vorweisen können. Diejenigen, die ihre Grenzen spüren. Es kann sein, dass das für uns ärgerlich ist. Aber die großen Könner und Leistungsmenschen haben es mit Gott oft schwer, oder vielmehr umgekehrt: Gott hat es mit ihnen schwer.

Die Christen der ersten Jahrhunderte haben sich vor allem in den unteren gesellschaftlichen Schichten ausgebreitet. Und sie haben sich nicht nur ausgebreitet, sondern haben schließlich sogar das Heidentum überwunden. Die Hauptsache daran waren gewiss nicht die großen geistigen Leistungen, sondern der treue Glaube einfacher Leute, die Jesus nachfolgten.

Wenn man nach den normalen soziologischen Gesetzmäßigkeiten gehen würde, dann hätten sie sich um die einflussreichen Schichten bemühen müssen, sie hätten Lobby-Arbeit betreiben müssen.

In der christlichen Gemeinde gibt es offenbar andere Wachstumsgesetze als sonst. Wir kümmern uns um die Armen und Schwachen, und die Gemeinde wird dadurch stark. Das sind ja auch die Merkmale der Diakonie. In der Diakonie nehmen wir uns um Menschen an, die Hilfe brauchen.

Wenn wir das tun, übernehmen wir ein Stück von Jesus. Er hat durch seinen Tod das Leben gebracht, Vergebung der Sünden und Freiheit. Wenn wir hingeben und verlieren, dann gewinnen wir. Das ist christliche Mathematik.

Jakobus sagt übrigens nicht, man solle die Leistungsträger deshalb verachten oder übergehen. Sie haben auch ihren Platz in der Gemeinde. Doch nicht wegen ihrer Leistung!

Jesus hat für uns alle den Weg gewiesen, wie jenem Schriftgelehrten, der ihn nach dem wichtigsten Gebot gefragt hat: Wir sollen Gott lieben und den Nächsten wie sich selbst.

Ich fasse zusammen: Wir sollen lernen, mit Gottes Maßstäben zu messen. Das kann auch vor seinem Gericht bestehen. Amen!

(Pfr. Dr. Karl Knauß)                          

  

 

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