Gottesdienst am 18. Sonntag n. Trin.,
15. Oktober 2006, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über Jakobus 2,
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Als Angela Merkel vor etwa einem Jahr in das
Bundeskanzleramt einzog, machte man sich darüber Gedanken, wie man sie
anredet. Heißt sie Frau Bundeskanzler oder wie..? Inzwischen sind wir‘s
gewohnt: Sie heißt Frau Bundeskanzlerin.
Solche Dinge nennt man Protokoll. Das Protokoll schreibt auch bei
Staatsbesuchen viele Dinge vor, die einfach sein müssen; z.B. manchmal der
Rote Teppich, oder das Abschreiten einer Truppe von Soldaten, oder wer wen
zum Essen einlädt und vieles mehr.
Manche wissen es noch: In der Adenauer-Ära war für das Protokoll Erica
Pappritz zuständig. Sie gab die Linien vor, dass die Politiker nicht
irgendwo in ein Fettnäpfchen tappten.
Eine halbe Wissenschaft ist es, sich in der Anrede bei Adelstitel zu üben.
Sagt man Herr Graf Johann oder nur Graf Johann? Und wen redet man als
Durchlaucht an?
Ich muss gestehen, dass ich an dieser Stelle eigentlich
Nachhilfeunterricht brauchen würde. Ich wäre ziemlich aufgeschmissen, wenn
ich mich in entsprechenden Kreisen bewegen würde. Aber zum Glück ist das
keine alltägliche Situation. Im Bedarfsfall hoffe ich, dass ich mich
vorher kundig machen kann.
Wie ist das mit dem Protokoll in der christlichen Gemeinde? Wie ist der
Umgang zwischen verschiedenen sozialen Schichten? Gelten bei uns die
gleichen Regeln wie in der Politik und Öffentlichkeit?
Darum geht es im heutigen Predigttext:
1 Liebe Brüder, haltet den Glauben an Jesus Christus, unsern Herrn der
Herrlichkeit, frei von allem Ansehen der Person. 2 Denn wenn in eure
Versammlung ein Mann käme mit einem goldenen Ring und in herrlicher
Kleidung, es käme aber auch ein Armer in unsauberer Kleidung, 3 und ihr
sähet auf den, der herrlich gekleidet ist, und sprächet zu ihm: Setze du
dich hierher auf den guten Platz!, und sprächet zu dem Armen: Stell du
dich dorthin!, oder: Setze dich unten zu meinen Füßen!, 4 ist’s recht,
dass ihr solche Unterschiede bei euch macht und urteilt mit bösen
Gedanken?
5 Hört zu, meine lieben Brüder! Hat nicht Gott erwählt die Armen in der
Welt, die im Glauben reich sind und Erben des Reichs, das er verheißen hat
denen, die ihn lieb haben? 6 Ihr aber habt dem Armen Unehre angetan. Sind
es nicht die Reichen, die Gewalt gegen euch üben und euch vor Gericht
ziehen? 7 Verlästern sie nicht den guten Namen, der über euch genannt ist?
8 Wenn ihr das königliche Gesetz erfüllt nach der Schrift (3.Mose 19,18):
»Liebe deinen Nächsten wie dich selbst«, so tut ihr recht; 9 wenn ihr aber
die Person anseht, tut ihr Sünde und werdet überführt vom Gesetz als
Übertreter.
10 Denn wenn jemand das ganze Gesetz hält und sündigt gegen ein einziges
Gebot, der ist am ganzen Gesetz schuldig. 11 Denn der gesagt hat (2.Mose
20,13–14): »Du sollst nicht ehebrechen«, der hat auch gesagt: »Du sollst
nicht töten.« Wenn du nun nicht die Ehe brichst, tötest aber, bist du ein
Übertreter des Gesetzes. 12 Redet so und handelt so wie Leute, die durchs
Gesetz der Freiheit gerichtet werden sollen. 13 Denn es wird ein
unbarmherziges Gericht über den ergehen, der nicht Barmherzigkeit getan
hat; Barmherzigkeit aber triumphiert über das Gericht.
Da ist ein Ehepaar mittleren Alters. Sie gehören zur gehobenen
Mittelschicht, sind nicht unvermögend. Können sich manches leisten und
haben einen entsprechenden Lebensstil. In ihrer freikirchlichen Gemeinde
haben sie viele Freunde. Sie sind auch im Spenden sehr großzügig. Das tut
der Gemeinde gut.
Eines Tages geraten sie in finanzielle Probleme. Sie können ihren
Lebensstil nicht aufrechterhalten und brauchen selbst Hilfe.
Seltsamerweise ziehen sich nach und nach die Freunde in der Gemeinde von
ihnen zurück. Sie waren gut, solange sie etwas hatten. Nachdem sie aber
nicht mehr viel haben, verlieren sie ihre Stellung.
Leider müssen wir sagen, dass das in der Gemeinde der Christen keine
Ausnahme ist. Das ist vermutlich nicht einmal Absicht. Sondern fast
unweigerlich geraten wir in einen Sog, dem wir uns nur schwer entziehen
können. Wir gehen mit vielen Menschen nach dem um, ob sie uns etwas nützen
oder nicht. Kirche und Gemeind sind kaum anders als die „Welt“. Wenn wir
darüber reden, kann es leicht peinlich werden.
Doch wir werden erinnert: Vor Gott sind alle Menschen gleich viel wert.
Selbst unter den zwölf Jüngern Jesu gab es ja die ärgerliche Geschichte:
Da kamen, Jakobus und Johannes zu ihm - übrigens ein anderer Jakobus als
der Schreiber dieses Briefes - nämlich die beiden Söhne des Zebedäus. Sie
wollten im Reich Gottes zur Rechten und zur Linken von Jesus sitzen. Und
Jesus hat es bekanntlich zurückgewiesen.
In einer christlichen Zeitschrift wurde vor einiger Zeit die Geschichte
berichtet, wie ein junger Mann scheiterte:
Rainer gehörte zu einem christlichen Jugendkreis. Dass er unglücklich,
einsam und allein war und mit seiner Situation nicht fertig wurde, haben
alle geahnt oder im Grunde sogar gewusst. Anzeichen dafür hatte es genug
gegeben. Manches hatte er selbst erzählt. Als er älter wurde, bekam er
Probleme mit dem Alkohol. Er kämpfte dagegen an, aber er schaffte es
nicht. Er war kein Erfolgstyp. Eher etwas unauffällig, fast unscheinbar.
Ein treuer, freundlicher Kerl, aber einer, der auch immer ein bisschen am
Rande stand. Er sehnte sich nach Zweisamkeit und wartete auf das große
Glück. Aber die Mädchen, die er gewinnen wollte, mochten ihn nicht. Das
Haus, das er schon früh in seinem Heimatdorf für das ersehnte
Familienglück gebaut hatte, blieb leer. Und beruflich war er nicht
erfolgreich. Er wurde schwer krank. Dann verlor er seine Arbeit ganz; und
seine Oma als seine letzte Bezugsperson in der Familie verstarb. Freunde
hatte er im Grunde keine mehr. Das alles hat er nicht mehr verkraftet. Der
Alkohol und seine Krankheit ließen ihm keine Überlebenschance. Ganz allein
und einsam starb er schließlich in seinem Haus. Er war noch nicht einmal
Ende 40.
Solche Menschen wie dieser Rainer werden in unserer Gesellschaft an den
Rand gedrängt. Vielleicht tragen sie auch selbst dazu etwas bei. Aber
solche Menschen sind hier im Jakobusbrief gemeint, solche, die unter uns
kein großes Ansehen genießen, die keine großen Erfolge aufweisen, die sich
an den Rand der Gesellschaft manövriert haben.
Wir sollen unseren Glauben an Jesus von allem Ansehen der Person
freihalten. Nach der Bibel ist das vor allem ein Kennzeichen Gottes: Bei
ihm ist kein Ansehen der Person. Er urteilt gerecht. Sowohl im Alten als
auch im Neuen Testament ist das darum auch eine dringende Ermahnung an
seine Gemeinde. Es ist nicht nur das Anliegen hier bei Jakobus, sondern
wir werden immer wieder daran erinnert. Kein Ansehen der Person!
Und wir sollen Gottes Art nachahmen.
Jakobus erinnert an die erste Seligpreisung aus der Bergpredigt: „Selig
sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.“ Gott hat
ausgerechnet die erwählt, die es menschlich zu nichts gebracht haben und
die nichts vorweisen können. Diejenigen, die ihre Grenzen spüren. Es kann
sein, dass das für uns ärgerlich ist. Aber die großen Könner und
Leistungsmenschen haben es mit Gott oft schwer, oder vielmehr umgekehrt:
Gott hat es mit ihnen schwer.
Die Christen der ersten Jahrhunderte haben sich vor allem in den unteren
gesellschaftlichen Schichten ausgebreitet. Und sie haben sich nicht nur
ausgebreitet, sondern haben schließlich sogar das Heidentum überwunden.
Die Hauptsache daran waren gewiss nicht die großen geistigen Leistungen,
sondern der treue Glaube einfacher Leute, die Jesus nachfolgten.
Wenn man nach den normalen soziologischen Gesetzmäßigkeiten gehen würde,
dann hätten sie sich um die einflussreichen Schichten bemühen müssen, sie
hätten Lobby-Arbeit betreiben müssen.
In der christlichen Gemeinde gibt es offenbar andere Wachstumsgesetze als
sonst. Wir kümmern uns um die Armen und Schwachen, und die Gemeinde wird
dadurch stark. Das sind ja auch die Merkmale der Diakonie. In der Diakonie
nehmen wir uns um Menschen an, die Hilfe brauchen.
Wenn wir das tun, übernehmen wir ein Stück von Jesus. Er hat durch seinen
Tod das Leben gebracht, Vergebung der Sünden und Freiheit. Wenn wir
hingeben und verlieren, dann gewinnen wir. Das ist christliche Mathematik.
Jakobus sagt übrigens nicht, man solle die Leistungsträger deshalb
verachten oder übergehen. Sie haben auch ihren Platz in der Gemeinde. Doch
nicht wegen ihrer Leistung!
Jesus hat für uns alle den Weg gewiesen, wie jenem Schriftgelehrten, der
ihn nach dem wichtigsten Gebot gefragt hat: Wir sollen Gott lieben und den
Nächsten wie sich selbst.
Ich fasse zusammen: Wir sollen lernen, mit Gottes Maßstäben zu messen. Das
kann auch vor seinem Gericht bestehen. Amen!
(Pfr. Dr. Karl Knauß)