Gottesdienst am 17. Sonntag n. Trin.,
8. Oktober 2006, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über Jesaja 49, 1-6
Gott hat schlechte Erfahrungen gemacht mit
seinen Leuten. Die, die es eigentlich angehen sollte, haben ihm nicht
zugehört. Man fragt sich: War ihnen die Nähe Gottes zu nahe? Wollten sie
doch einmal auch ihre eigenen Wege gehen können? Jedenfalls hielten sie
sich die Ohren zu, wenn sie von Gott etwas Unangenehmes hörten. Deshalb
wendet sich Gott an die anderen. Zwar verwirft er seine Leute nicht. Aber
dennoch sucht er zunächst andere. Zum Glück, für diese anderen, zu denen
auch wir gehören.
Immer wieder, durch die ganze Bibel hindurch gilt: Gott erwählt, und er
verwirft. Und die, die er erwählt, können nichts dafür.
Im Sommer lief wieder das FePro, das Ferienprogramm für junge Leute aus
Wilhelmsdorf. Es ist ein Geschenk Gottes. Er möchte mit uns zu tun haben.
Er möchte seine Geschichte mit uns schreiben.
1 Hört mir zu, ihr Inseln, und ihr Völker in der
Ferne, merkt auf! Der HERR hat mich berufen von Mutterleibe an; er hat
meines Namens gedacht, als ich noch im Schoß der Mutter war. 2 Er hat
meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht, mit dem Schatten seiner Hand
hat er mich bedeckt. Er hat mich zum spitzen Pfeil gemacht und mich in
seinem Köcher verwahrt. 3 Und er sprach zu mir: Du bist mein Knecht,
Israel, durch den ich mich verherrlichen will. 4 Ich aber dachte, ich
arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz, wiewohl
mein Recht bei dem HERRN und mein Lohn bei meinem Gott ist.
5 Und nun spricht der HERR, der mich von Mutterleib an zu seinem Knecht
bereitet hat, dass ich Jakob zu ihm zurückbringen soll und Israel zu ihm
gesammelt werde, – darum bin ich vor dem HERRN wert geachtet und mein Gott
ist meine Stärke –, 6 er spricht: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht
bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels
wiederzubringen, sondern ich habe dich auch zum Licht der Heiden gemacht,
dass du seist mein Heil bis an die Enden der Erde.
1. Gott hat die ganze Welt im Blick.
Wo sind die Völker in der Ferne oder die fernen Inseln?
Sind sie vielleicht in Indien bei dem Sohn jenes Hindupriesters? Er hat
eine glänzende Karriere im Tempel vor sich. Aber eines Tages erhält er von
einer Frau ein kleines christliches Heft. Er liest und fängt an, sich für
die Bibel zu interessieren. Das bleibt nicht ohne Folgen: Er findet zum
Glauben an Jesus Christus. Er wird deshalb aus seiner Familie ausgestoßen.
Sein neues Ziel war, von dem weiterzuerzählen, der ihn selbst gerettet
hat.
Oder sind die Enden der Erde in Paraguay, wo eine Siedlerfamilie ein Stück
Land gekauft hat, Sojabohnen anpflanzt und unter ärmlichsten Bedingungen
ihren Lebensunterhalt fristet? Doch diese Familie kümmert sich nicht nur
um ihren Acker und ihre paar Stück Vieh, sondern lädt auch zu einer
Kinderstunde ein. Auch die Kinder der anderen Siedler sollen von dem Licht
Christi hören, das bis in den Urwald von Paraguay hineinstrahlt.
Aber man kann es aber auch anders sehen. Die Inseln könnten unsere eigenen
Herzen sein, die sich doch so weit voneinander und manchmal auch von Gott
entfernt haben. Wie viele Menschen haben wir in unserer Gesellschaft, die
wie Inseln sind, die einfach vor sich hin leben. Sie haben ihren Job,
ihren Fernseher und ihre eigenen vier Wände. Was braucht man mehr! Inseln
- weit weg. Und vielleicht fühlen wir uns manchmal auch so, wie eine
Insel.
Die Enden der Erde könnten Menschen in unserer Nähe sein, die unter uns
wohnen.
Ich denke an den jungen Mann. Ein Sohn türkischer Einwanderer. Seine Frau
hatte ihm über ihren christlichen Glauben nicht ausreichend Auskunft geben
können. Nach einigen Gesprächen findet er zum Glauben und lässt sich
taufen.
Oder jene junge Frau: Sie hat studiert; als Alleinstehende hat sie ein
Kind zu erziehen; mit ihrer eigenen Familie ist sie tief zerstritten. Dann
lädt jemand sie zu einer christlichen Freizeit ein, und dort findet sie
Jesus Christus, den Befreier. Allmählich wird ihr Leben durch die
Verbindung mit ihm verändert, erneuert, geprägt.
Gott hat die ganze Welt im Blick: Manche Menschen können es sich gar nicht
anders vorstellen, als dass Gott der Gott der ganzen Welt ist. Sie meinen,
das sei selbstverständlich. Für Gott würde es sich so gehören. Wenn er
seinem Ruf gerecht bleiben will, dann muss er es schon so machen. Aber für
Israel hat das anders ausgesehen. Das alte Israel hat gemeint, Gott will
von den anderen nichts wissen. Er sei nur ein Gott für sie.
Doch: „Hört mir zu“. Da ist keiner ausgespart. Die Einladung gilt jedem,
auch dem, der schon in dritter Generation entchristlicht ist.
2. Gott hat seine Leute im Blick.
Da wird der Beauftragte Gottes genannt. Und man weiß nicht so genau,
wer es eigentlich ist. Ist‘s der Prophet selbst, ist es das Volk Israel
oder ist es jemand anderes. Jedenfalls kann man das nicht so unmittelbar
hören und es bleibt ein gewisses Geheimnis.
Natürlich zunächst einmal ist der Prophet Jesaja oder der sogenannte
zweite Jesaja der Bote Gottes. Er ist berufen, von Gott. Der Bote Gottes
kann nicht aus eigener Machtvollkommenheit etwas sagen. Da kann nicht
jeder kommen. Aber nun wird er nicht zu Lebzeiten berufen, wie jemand, dem
mit 18 oder 24 Jahren klar wird: „Ich könnte doch Prediger oder Pfarrer
werden.“ Sondern Gott ist auf ihn zugegangen und zwar schon vor seiner
Geburt: „Der Herr hat mich berufen von Mutterleibe an.“ Er hat ihm bereits
einen Auftrag gegeben, noch bevor er geboren wurde. Wenn wir meinen, das
mache unfrei, dann ist das gewiss richtig. Die Propheten haben sich
irgendwie unfrei gefühlt, und manche haben das auch direkt ausgedrückt.
Etwa Jeremia, der sagt: „Ich dachte, ich will nicht mehr an ihn denken und
nicht mehr in seinem Namen predigen. Aber es ward in meinem Herzen wie ein
brennendes Feuer, ... dass ich‘s nicht ertragen konnte.“ Auch Paulus sagt
einmal: „Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte.“ Da ist etwas
von einem heiligen Muss drin. Das kennt nicht jeder in gleicher Weise.
Aber wenn der Prophet oder der Beauftragte Gottes seinen Auftrag
verweigert, dann hat er seine Existenz verfehlt. Gottes Wort muss
unbedingt ankommen. Ein Bürgermeister kann entscheiden, ob er eine Rede
halten will und ob das vielleicht sinnvoll ist. Der Prophet kann nicht
wählen: Er muss.
Knecht heißt er darum hier an dieser Stelle und an einigen anderen, die
man deshalb als Gottesknechtslieder bezeichnet.
Kein anderer war so sehr der Knecht Gottes wie Jesus. Der Prophet spricht
darum bereits so, als wären es Worte Jesu. Er ist das Licht der Heiden.
Die Rede des Propheten hat demnach etwas Doppeldeutiges. Er schreibt wohl
von sich selbst und redet dennoch prophetisch von Jesus.
Dieser Prophet hat eine aufreibende Existenz. Sein Wort ist wie ein
Schwert oder wie ein spitzer Pfeil. Er legt vor die Menschen die Wahl
zwischen Leben und Tod. Denn wen das Wort Gottes trifft, der ist vor eine
Entscheidung gestellt, die eine letzte Entscheidung vor Gott ist: Willst
du dein Leben in Verbindung mit Gott leben oder in der Ferne von ihm.
Ewiges Leben oder ewiger Tod! Und dann muss dieser Prophet erfahren: Es
ist umsonst. Niemand nimmt‘s ernst. Es ist, als wäre es in den Wind
gesprochen.
Die Menschen haben gesagt: Wir haben uns nichts vorzuwerfen. Unsere Wege
müssen Gott gefallen. Zum Verzweifeln! Aber Jesaja ist nicht verzweifelt,
weil er wusste: Gott steht mir bei.
Wir haben nicht die Vollmacht des Jesaja. Und wir dürfen uns auch nicht
eigenmächtig aufschwingen und erfundene Gottesworte verkündigen. Aber wir
sollen Jünger Jesu sein. Durch unser Leben und Reden und Handeln sollen
wir auf das Licht Gottes hinweisen.
Was wir von Gott wissen, was er uns schon aufgetragen hat, das stellt die
Menschen vor das Angesicht Gottes, in Gnade und Verwerfung. Man kann
diesem letzten Ernst nicht ausweichen. Es ist keine harmlose Spielerei,
denn es geht um den lebendigen Gott.
3. Gott hat Rettung im Blick.
Gott hat viel unternommen, um uns zu retten. Was für die Menschen des
Alten Bundes noch unvorstellbar war, das hat Gott gemacht: Er will nicht
nur der Gott seines Volkes sein, sondern auch von denen in aller Welt.
Niemand kann eigentliches Leben leben ohne Verbindung zu Gott. Wer ohne
ihn leben will, verdorrt wie ein entwurzelter Baum.
Warum sollte ein junger Hindupriester seine glänzende Karriere aufgeben,
um ein Bote des Evangeliums zu werden? Warum kümmert sich eine arme
Siedlerfamilie nicht nur um ihren eigenen Broterwerb, sondern auch noch um
biblische Geschichten für die Nachbarskinder? Warum sucht eine junge
Akademikerin neben all ihren Verpflichtungen und Problemen regelmäßig die
Gemeinschaft von Christen auf? Antwort: Weil sie alle miteinander Gottes
Licht erlebt haben. Weil Gott ihr Leben verändert. Weil sie mit ihm und
mit anderen Christen unterwegs sind. Gott hat Rettung im Blick.
Jesaja verkündigt nicht ein weiteres religiöses Angebot neben allen
anderen, die es sonst noch gibt, sondern er ruft zu dem einen Gott. Wir
sollen die Botschaft von dem einen Herrn Jesus Christus weitergeben, der
uns rettet. Er ist das Licht der Heiden. Amen.
(Pfr. Dr. Karl Knauß)