Domino Gottesdienst am 24. September 2006,  in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über Mk 7, 1-23 – Außen hui, innen pfui?


Einstieg: [Bild mit toten, aufgespießten Hühnerköpfen]

Können Sie es erkennen? Wenn Sie genau hinschauen, dann entdecken Sie, was das ist: tote, aufgespießte Hühnerköpfe. Auf einem Nachtmarkt in Dalian, China. Ein kleiner Leckerbissen am Abend für einen Chinesen, nichts für unsere Mägen. Dass Chinesen alles essen, was vier Beine hat, ist nicht ganz von ungefähr. Sie essen auch ziemlich viel, was nur zwei Beine oder gar keine Beine hat. [Bild: Verzehr von Hühnerkralle] Hier sehen Sie mich, wie ich gerade eine Delikatesse verspeise – oder versuche: eine Hühnerkralle. Ja, ist nicht viel dran, Knorpel und so ´nen Zeug. Ich konnte dem auch nicht viel abgewinnen. Die Soßen sind wie sonst auch das Geheimnis. Chinesen essen Schweinehaut und Hühnerkralle, Katzen und Hunde, Seidenraupen und sogar Mäuse. Trotz der Bilder kann ich Ihnen versichern: es gibt sehr, sehr leckere Speisen und eine unglaubliche Vielzahl dazu. Für jeden hier wäre etwas dabei, was bald zu seinem Leibgericht würde, da bin ich mir sicher. Aber manche Speisen sind für uns mehr als ungewohnt.

Die Chinesen lieben Fleisch. Für einen Vegetarier ist es nicht immer einfach. Für einen Muslim bisweilen schwierig, für einen Juden schier unmöglich dort so zu leben, wie es den jüdischen Speisevorschriften entspricht.

Kann man eigentlich durch den Verzehr bestimmter Speisen „unrein“ werden? Wenn man solche Bilder sieht, könnte man das fast glauben.

Im heutigen Text geht es auch um Speisen und die Frage, ob sie Auswirkung auf unsere Beziehung zu Gott haben.

Mk 7, 1-5

Im AT sind den Juden bestimmte Speisen verboten, andere geboten. Die strenggläubigen Juden, die Pharisäer, hatten im Laufe der Jahrhunderte zu diesen Speisevorschriften noch andere dazugesetzt. Da ging es nicht nur um die Frage, WAS, sondern WIE man isst. Die Hände mussten vom Handballen bis Ellenbogen gewaschen werden, keine hygienische Maßnahme, nein, eine rituelle Waschung. Von diesen Bestimmungen gab es sehr viele. Die Pharisäer werfen den Jüngern Jesu vor, diese Vorschriften nicht zu beachten und deshalb unrein zu werden und nicht mit Gott Gemeinschaft haben zu können. [Kann man durch das, was man isst und wie man es isst, unrein werden, kann die Beziehung zu Gott dadurch zerstört werden? ] Warum essen deine Jünger mit ungewaschenen Händen?

Jesus antwortet:

„Wie recht Jesaja, wenn er von euch Heuchlern schreibt:

Diese Leute können schön über Gott reden, aber mit dem Herzen sind sie nicht dabei.

Es ist alles nur Geschwätz. Ihre Gottesdienste sind wertlos, weil sie ihre menschlichen Gesetze als Gebote Gottes ausgeben.“ (Mk 7,6) [Jes. 29,13]

Jesus bezeichnet die Fragesteller als Heuchler. Ein Heuchler ist jemand, der nur so tut als ob; der nach außen sich so verhält, aber innen anders ist; jmd, der sich verstellt, der bestimmte gute Eigenschaften oder Gefühle nur vortäuscht. Das ist ein harter Vorwurf. Wieso traf das auf die Pharisäer und Schriftgelehrten damals zu?

Jesus zitiert den Propheten Jesaja. Es geht um religiöse Handlungen, die nach außen unheimlich toll aussehen und beeindrucken (exzellente Predigten, salbungsvolle Reden, lange Gebete, asketisches Fasten, herrliche Musik, klasse Liturgie, super Diakonieprogramm, reibungsloser Gottesdienstablauf etc.), aber nicht Ausdruck des Inneren sind, sondern nur Programm. Wenn dies der Fall ist, kann man sich den Gottesdienst schenken. Dann ist der wertlos. Absolut ohne Belang, was Gott angeht. Ja, es ist noch schlimmer. Geheuchelte religiöse Handlungen machen den wahren Gottesdienst unmöglich! Wie das?

Jesus zeigt auf, dass die Pharisäer und Schriftgelehrten durch ihre im Laufe der Zeit aufgestellten Regeln die eigentliche Gebote Gottes ausgehebelt hatten: Er macht das am Beispiel des 4.Gebotes (nach Luther) deutlich: „Ehre Vater und Mutter“ Klares Gebot Gottes!

Die Pharisäer lehrten aber nun: Wenn einer zu seinem Besitz „Korban“ (d.h. Opfergabe) sagt, dann war dieses Gut dem Tempel geweiht und durfte nicht anderweitig verwendet werden. Wurden die Eltern im Alter hilfsbedürftig und benötigten Geld, war es laut dieser Auslegung die höhere religiöse Pflicht das geweihte Gut später dem Tempel zu vermachen als zu verkaufen und mit dem Geld die gebrechlichen Eltern zu versorgen. Eine raffinierte Methode sich unter dem Mantel der Religion aus der Verantwortung und Pflicht zu ziehen. „Tut mir leid, ich würde ja gern helfen, aber ich kann leider nicht.“ Diese Form der Religion ist Gott zuwider. Die Leute zur Zeit Jesajas waren Meister darin. Die Pharisäer zu Zeit Jesu ebenfalls. Und mir schwant, wir sind nicht viel schlechter darin.

Religiöse Traditionen sind nicht zwingend schlecht. Im Gegenteil, sie haben viel Gutes und Wertvolles, weil sich in ihnen oftmals etwas bewahrt, das sonst verloren ginge. Aber die religiösen Zusatzvorschriften sind dann schädlich, wenn

  1. ich mich auf sie verlasse und mein Inneres nicht mehr dabei ist, wenn nur noch die Form stimmt, aber nicht mehr der Inhalt nach dem Motto: „Außen hui, innen pfui!“. Wenn es also um eine Alibifunktion geht.

  2. diese Traditionen die Gebote Gottes verdrängen, aushöhlen oder sogar unmöglich machen.

 

Für uns heißt das: Das höchste Gebot lautet: Du sollst den Herrn, deinen Gott, von ganzem Herzen lieben, mit ganzer Hingabe, mit deinem ganzen Verstand und all deiner Kraft.“ Und: „Liebe deinen Nächsten so wie du dich selber selbst!“

Traditionen und Gebote müssen sich dem unterordnen und daran gemessen werden, egal ob von katholischer, orthodoxer oder evangelischer Kirche, egal ob Brüdergemeinde oder Baptisten, Charismatiker oder was es sonst noch in dieser Welt gibt. Auch in meinem eigenen Leben muss ich aufpassen, dass mir meine lieb gewonnene Tradition mich nicht vom Eigentlichen abhält.

Der Vorwurf ist deutlich: „Mit dem Herzen sind sie nicht dabei.“ Wörtlich: „Ihr Herz ist fern von mir.“

Das ist der Maßstab: Wie nah ist dein Herz bei Gott! Nichts anderes zählt!

Also: Wo ist dein Herz? Ist es nah bei Gott oder fern von ihm?
Gott will nicht dein Essen, sondern dein Herz!

Gott will nicht deine Lieder, sondern dein Herz!

Gott will nicht deine religiösen Übungen, sondern dein Herz!

Das Herz ist das Zentrum des Lebens, die Schaltstelle des Seins.

Sind wir solche, die im Gottesdienst schön über Gott reden und Anbetungslieder singen und mit dem Herzen nicht dabei sind? Dann ist es egal, ob wir das im Betsaal im „normalen Gottesdienst“ oder Im Gemeindehaus im Dominogottesdienst tun. Bist du mit den Lippen nah dabei und mit dem Herzen weit entfernt? Bist das du?

Jesus macht seinen Jüngern klar, dass in der Beziehung zu Gott nicht die Nahrungsaufnahme das Problem ist. Nicht, was ein Mensch isst, macht ihn unrein, sondern das, was denkt und redet oder wie er handelt, das kann ihn von Gott trennen. Was man isst, geht in den Magen und wird dann wieder ausgeschieden. Das Problem ist das, was von uns herauskommt, was aus unserem Inneren kommt:

„Denn aus dem Inneren, aus dem Herzen der Menschen, kommen all die bösen Gedanken wie Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habsucht, Bosheit, Betrügerei, Begehrlichkeit, Neid, Verleumdung, Überheblichkeit und Leichtsinn. Dies kommt von innen heraus und das ist es auch, was die Menschen von Gott trennt.“ (Mk 7,21-23)

Eine lange Liste mit alten Bekannten, was!

Die Beziehung zu Gott ist bei Unreinheit unmöglich.

Aber: Das Problem ist nicht unser Essen, sondern unser Herz!

Ein reiner Mensch kann in Gottes Gegenwart treten und mit ihm Gemeinschaft haben. Unrein wird man aber nicht durch ungewaschene Hände oder schmutzige Klamotten, sondern durch das, was aus dem Herzen kommt.

Wir kriegen unser Herz nicht in den Griff. Es ist Quelle von so vielem Bösen und Schlechten.

Und das ist weltweit gleich. Egal wie unterschiedlich die Essensgewohnheiten in China sein mögen, das Problem der Habsucht haben sie genau wie wir. Egal wie unterschiedlich ihre Sitten und Gebräuche sind, Hochmut kennen sie genau wie wir.

Egal ob Deutscher oder Chinese, ob Engländer oder Inder, ob Spanier oder Indonesier, ob Franzose oder Insulaner – von Unzucht, Bosheit, Überheblichkeit und Neid sind wir alle betroffen. Da sind alle Menschen gleich. [Predigt in Mikronesien über die Macht der Zunge, Jak 3]

Sicher: Schlimme Umstände, böse Menschen, herzlose Erziehung und schwere Zeiten können das, was da Böses in uns schlummert, fördern, anheizen und zum Vorschein bringen. Aber selbst wenn unser Leben ideal wäre  (Erziehung, Umwelt etc.), wäre unser Herz die Quelle von bösen Dingen. Das mag gegen die Auffassung der Lehren bestimmter Psychologen oder auch Humanisten sprechen, aber Jesus ist hier klar: Das Herz ist das Problem! (Und übrigens auch nicht der Teufel: In der Offenbarung wird von einer Zeit berichtet, in der für 1000 Jahre kein Teufel wirken und verführen kann und trotzdem gibt es Probleme!).

Nach der Sintflut sagt Gott über die Menschen: „Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.“ (Genesis 8,21) Dieses Verdikt ist hart und klar.

Du meinst „Das stimmt nicht“ „Bei mir ist das anders“?! Dann mach doch einen Test: Bitte Gott, dir dein Herz zu zeigen, so wie es wirklich ist! Ich garantiere: Da werde sich Abgründe auftun! So war es bei mir zumindest. Ich bin im frommen Hause groß geworden, hab nie was groß Schlimmes oder so getan. Da kommt man sich als ganz ordentlicher Sünder vor, als kleiner Sünder, der zwar de facto Vergebung nötig hat, aber nicht so sehr, ja fast gar nicht. Meinte ich. Welch Irrtum. Und da spreche ich dieses Gebet und Gott lässt mich erleben, wie dunkel es da in mir ist, was für Untiefen sich auftun an bösen und verdorbenen Gedanken! Zu welchen Gedanken ich fähig bin, hat mich erstarren lassen. Und ich bin überzeugt: Ich bin auch zu jeder bösen Tat fähig. Das sind wir wohl alle!  Da könnte man verzweifeln!

Ist das eine Predigt, die uns schlecht redet oder schlecht macht. Nein! Die Bibel stellt uns unverblümt so dar, wie wir sind. Jesus hält uns einen Spiegel vor.

Der Vorwurf lautete: „Mit dem Herzen sind sie nicht dabei. Ihr Herz ist fern von mir!“

In den Sprüchen heißt es: „Gib mir, mein Sohn, dein Herz…“ (Sprüche 23,26)

Ich glaube, dass uns dies Wort auch heute gilt, dass gleichsam der himmlische Vater zu uns redet und uns mit solchen Worten auffordert:

„Mein Sohn, meine Tochter, gib mir dein Herz!“

Bist du dazu bereit?

Hörst du seine Aufforderung?

Bist du bereit, ihm dein Herz zu geben?

Dem Vater das Herz zu geben setzt voraus, dass wir in seine Nähe kommen.

Jakobus schreibt: „Naht euch zu Gott, so naht er sich zu euch! (Jak 4,8)

Ich soll mich mit so einem Herzen, das zu so Bösem fähig ist, Gott nahen?

JA! Gerade so!
 

Was wird dann passieren? Vier Dinge:

  1. Selbsterkenntnis. Du erkennst, wer du im Lichte Gottes bist. Das bedeutet, Gottes Licht macht die Dunkelheiten deines Herzens sichtbar. Das tut weh und ist schmerzhaft. Davor weichen wir zurück. Wir wollen das nicht. Aber es ist der notwendige Schritt zur Wahrheit und Heilung.

  2. Gotteserkenntnis. Du erkennst, wer Er ist. Psalm 36,10 – „Bei dir ist die Quelle des Lebens und in deinem Lichte sehen wir das Licht.“ Du wirst sehen, dass Gott durch und durch gut ist und dein Heil will.

  3. Sündenvergebung. Du erfährst Vergebung deiner Schuld und Sünden. Gott hat versprochen: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen.“ (Joh 6,37) Und: „Wenn wir unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns unsere Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.“ (1. Joh 1,9)

  4. Herzenserneuerung. Gott verändert dein Herz! Im AT verheißt Gott durch den Propheten Hesekiel seinem Volk: „Ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben… und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun.“ (Hes 36,26-27)
    Es geht Gott nämlich nicht nur darum, uns von Schuld zu befreien, die unsere bösen Gedanken und dann auch Taten verursacht haben. Das ist nur das eine. Gott möchte auch unser Herz verändern, erneuern, es umgestalten.
     

Und genau das passiert, wenn wir uns in Gottes Nähe aufhalten. Nicht einmal kurz vorbei kommen und das war es. Nein. In der Gegenwart Gottes leben, sich dort aufhalten, das bedeutet, dass sein Licht und seine Wärme unser Herz warm und hell macht.

[Ist dein Gottesdienst wertlos?

Wo ist dein Herz? Ist es nah oder fern von Gott?]

Wir wollen beten:

Herr, in mir ist es finster, aber bei dir ist Licht, ich bin einsam, aber du verlässt mich nicht. (Bonheoffer)

Du sagst: „Mein Kind, gib mir dein Herz! Komm in meine Nähe!“ Vater, wir tun uns so schwer damit. Wir weichen aus und zurück. Nimm uns an die Hand. Mache unsere Herzen hell und warm durch dein Licht. Amen. 

(Micha Frick)                          

  

 

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