Gottesdienst am 10. Sonntag n.Trin., 20. August 2006, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über Römer 9,1-5; 10,1-4.

Heute geht es um unsere Verbundenheit mit Israel, vor allem um die Mission gegenüber Israel. Können sie gerettet werden?

1 Ich sage die Wahrheit in Christus und lüge nicht, wie mir mein Gewissen bezeugt im Heiligen Geist, 2 dass ich große Traurigkeit und Schmerzen ohne Unterlass in meinem Herzen habe. 3 Ich selber wünschte, verflucht und von Christus getrennt zu sein für meine Brüder, die meine Stammverwandten sind nach dem Fleisch, 4 die Israeliten sind, denen die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und die Bundesschlüsse und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen, 5 denen auch die Väter gehören und aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch, der da ist Gott über alles, gelobt in Ewigkeit. Amen.

1 Liebe Brüder, meines Herzens Wunsch ist und ich flehe auch zu Gott für sie, dass sie gerettet werden. 2 Denn ich bezeuge ihnen, dass sie Eifer für Gott haben, aber ohne Einsicht. 3 Denn sie erkennen die Gerechtigkeit nicht, die vor Gott gilt, und suchen ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten und sind so der Gerechtigkeit Gottes nicht untertan. 4 Denn Christus ist des Gesetzes Ende; wer an den glaubt, der ist gerecht.

Seit Jahrhunderten gedenkt die christliche Gemeinde am 10. Sonntag nach Trinitatis, den wir heute feiern, der Zerstörung Jerusalems und des Tempels im Jahre 70 nach Christus. Jesus hatte diese Zerstörung angekündigt. Es war nicht nur eine geschichtliche Katastrophe für die Juden, sondern vollzog auch den endgültigen Bruch zwischen ihnen und der christlichen Gemeinde. Gewiss hatte sich dieser Bruch schon lange angekündigt. Man konnte nicht einen gemeinsamen Weg gehen, der den Weg des Gesetzes und den Weg der Gnade vereinigte, man konnte nicht gleichzeitig Christus als den Heilsweg annehmen und dann doch einen selbstgewählten Weg des Selbsterlösung gehen.

Doch so unvereinbar die beiden Wege erschienen und auch heute erscheinen, so verwunderlich ist, dass Gott an der Erwählung Israels festhält. Und das ist die eigentliche Nachricht für den heutigen Tag. Israel ist und bleibt das auserwählte Volk Gottes. Viele Christen haben das jahrhundertelang vergessen gehabt oder nicht wahrhaben wollen, obwohl Paulus es uns doch deutlich sagt. Wir wollen mit Paulus beides festhalten und bedenken, dass nur Jesus Christus uns den Weg zu Gott bereitet hat, aber dass auch Israel von Gott nur für einen geschichtlichen Zeitraum, aber nicht für immer verworfen ist.

Trauer um Israel
Gemeinschaft mit Israel
Hoffnung für Israel

1. Trauer um Israel
Paulus hätte genügend persönlichen Grund gehabt, die Juden aufzugeben. Sie haben ihn nicht nur für einen Abtrünnigen gehalten, sondern ihn bitter verfolgt. Und dennoch empfindet er für seine in die Irre gegangenen Brüder tiefen Schmerz und Traurigkeit. Wenn es möglich wäre, hätte er sich vom ewigen Heil ausschließen lassen, um seine Brüder zu retten. Doch es war ja nicht möglich, denn niemand kann einem anderen eine Entscheidung oder den Glauben abnehmen, niemand kann stellvertretend für einen anderen glauben.

Mose hatte sich einst ähnlich für das Volk Israel einsetzen wollen, als es in der Wüste von Gott abgefallen war und der Anbetung des Goldenen Kalbes verfallen war. Doch Paulus denkt nicht nur an seine irdische Verwerfung wie Mose, sondern er denkt sogar an seine eigene ewige Verwerfung. So tief geht sein Schmerz über den Irrweg seiner Brüder.

Am Südportal des Straßburger Münsters sind zwei Stein-Skulpturen. Die beiden Frauenfiguren bedeuten allegorisch die christliche Kirche und das Judentum mit der Synagoge. Die Frau, die die Kirche symbolisieren soll, hat das Kreuz in der Rechten und den Abendmahlskelch in der Linken und auf dem Haupt eine Krone. Die andere Frau, die die jüdische Synagoge symbolisiert, hält mit der Hand einen zerbrochenen Speer als Zeichen des zerbrochenen Sieges, während ihre Augen mit einer Augenbinde verbunden sind.

Man sieht, was der Künstler darstellen will: Das Judentum hat Gottes Weg nicht erkannt, war mit Blindheit geschlagen, es ist in die Irre gegangen. Die Kirche hat jetzt den Sieg, den einst die Synagoge hatte. Entsprechend herrisch schaut die Kirche auch zu der Synagoge hinüber.

Es gibt noch andere ähnliche Darstellungen, die im Grunde das gleiche sagen wollen: Die Kirche ist jetzt die Herrin, während die Synagoge eigentlich schon überwunden und besiegt und beseitigt ist.

Für Paulus ist klar, dass das Volk Israel im Irrtum ist. Doch es steckt eine gewisse Tragik dahinter. Denn eigentlich wollen sie Gott mit großem Eifer nachfolgen. Deshalb kann sich Paulus auch nicht so verhalten, wie die Kirche auf der Skulptur am Straßburger Münster. Er kann nicht überlegen oder hochmütig dreinschauen, sondern traurig. Wie sollte er sich denn auch freuen können über diesen eher tragischen Irrtum? Statt dessen ringt er um sie und gäbe alles daran, um sie gewinnen zu können für Christus.

Natürlich sind wir keine Apostel. Aber wir müssen uns dennoch fragen lassen, ob wir auch solche Schmerzen leiden um die Menschen, die mit Christus nichts zu tun haben wollen? Ist es uns etwa gleichgültig, wenn andere Menschen verlorengehen? Es darf uns ja nicht kalt lassen! Mit der Trauer fängt die Hilfe an. Wer nicht mehr empfinden kann, der unterlässt auch das Retten. Gott hat uns in der Welt als seine Gemeinde die Aufgabe gegeben, andere Menschen zur Rettung zu rufen. Das will ich mir von Paulus als Vorbild sagen lassen. Paulus ist nicht deswegen Missionar, weil er es gerne sieht, wenn sich andere Menschen seiner Meinung anschließen. Sondern sein Anliegen ist, dass sie gerettet werden.

2. Gemeinschaft mit Israel
Paulus hält um Gottes Willen an der Gemeinschaft mit Israel fest. Dieses Festhalten geschieht aber nicht aus Toleranzgründen. Er denkt also nicht wie Lessing in der Ringparabel, jeder hätte seinen eigenen Weg zu Gott. Für Paulus ist klar, dass der Weg zu Gott nur über Christus führt. Zu ihm müssen sie kommen, um gerettet zu werden.
Paulus ist nicht in Gefahr, Wahrheit und Irrtum nebeneinander zu stellen, so dass man nicht mehr weiß, was wahr und was falsch wäre. Weder das Heidentum mit seinen falschen Göttern noch das Judentum mit seiner Selbsterlösung ist für ihn akzeptabel. Er hat beides scharf bekämpft.

Aber Gott hat ein Versprechen für Israel gegeben. Gott wird sie den Weg aus dem Irrtum herausführen. Wer sich darum von der Gemeinschaft mit Israel ausschließt, der verachtet Gottes Verheißung. Deshalb hält Paulus an ihnen fest.

An Israel festzuhalten bedeutet darum, ihnen die Tür zu Christus offenzuhalten.

Aber auch für uns Christen ist das Festhalten an Israel um unseretwillen wichtig. Denn wir haben mit ihnen den gleichen Ursprung, wir sind aus Israel hervorgegangen. Unser Gott ist der Gott Abrahams und Isaaks und Jakobs. Die Geschichte des Alten Bundes läuft auf Jesus Christus zu. Und als Gott am Volk Israel in der Geschichte gehandelt hat, da hat er auch für unser Heil gehandelt. Paulus kann also überhaupt nicht wollen, dass die Juden aufhören, Juden zu sein. Sondern es ist sein Wunsch, dass sie wirkliche Juden werden. Und das soll auch unser Wunsch für Israel sein. Sie sind ja wirklich von Gott erwählt, aber sie sollen ihrer Erwählung auch entsprechen und mit uns die Gemeinschaft mit Gott und mit Jesus Christus suchen und finden.

Paulus zählt nun auf, was alles für die Gemeinschaft mit Israel spricht. Gott hat seine Herrlichkeit in Israel gezeigt. So hat dieses Volk lebendige Gotteserfahrung. Wie oft hat es sein Eingreifen in der Geschichte erfahren! Und wir dürfen an diesem Handeln Gottes Anteil haben, weil die Geschichte dieses Volkes auch die geistliche Geschichte des neuen Bundesvolkes ist. Das Volk Israel ist auch das Volk der Bundesschlüsse. Wir sind mit hineingenommen in den Noahbund, in dem Gott sich verpflichtet hat, zur Erde unter allen Umständen zu stehen bis an das Ende der Welt. Wir sind mit hineingenommen, dass er uns zu essen und zu trinken gibt, dass er unsere notwendigen Lebensgrundlagen gibt. Wenn wir Gemeinschaft mit Israel haben, sind wir mit hineingenommen in den Bund, den er am Berg Sinai mit Israel geschlossen hat. Seine Lebensordnungen geben unserem Leben Sinn uns Ziel, und wer in seinen Lebensordnungen bleibt, dem wird es wohl gehen in seinem Leben. Wer aber Gottes Lebensordnungen verlässt, die er im Sinaibund geschenkt hat, der zerbricht die geistliche Gemeinschaft mit dem Gottesvolk und damit auch die Gemeinschaft mit Gott, und der schneidet sich auch von den Verheißungen ab. Auch wenn das Volk Israel selbst zeitweise diese Gemeinsamkeit verlassen hat, so halten wir doch daran fest. Daran zeigt sich, dass wir das geistliche Bundesvolk sind.

Wollten wir die Gemeinschaft mit Israel aufkündigen, wir würden unsere eigenen Wurzeln verleugnen; wir würden uns von Gottes Verheißungen abschneiden, wir würden damit unseren eigenen geistlichen Tod wählen.

In der gegenwärtigen Not Israels können wir uns deshalb nicht als Außenstehende fühlen. Wir leiden mit, wenn Israel das Existenzrecht streitig gemacht wird; wir sind mit bedroht, wenn man es auslöschen wollte und will. Die Raketen der Hisbolla heute sind wie die brennenden Synagogen einst in unserem Land. Wir dürfen deshalb nicht die Augen verschließen. Das gilt trotz eventueller Fehler Israels. Aber es ist gut, wenn wir sehr zurückhaltend sind im Zuweisen von Fehlern. Denn in dieser extremen Lage wird eine fehlerfreie Politik gar nicht möglich sein.

3. Hoffnung für Israel
Die Hoffnung für Israel liegt in Gott. Nicht, weil das Volk so fromm und eifrig wäre, nicht weil sie so fromme Vorfahren haben, sondern Gott allein ist die Zukunftshoffnung für sie. Auch in seiner ganzen Geschichte des Volkes war es allein Gott, von dem sie gelebt haben. Gott hatte ihnen seine Verheißungen gegeben und hat sie Zug um Zug eingelöst, als er sie aus Ägypten herausgeführt hat, als er ihnen sein Gesetz gab und das Land Israel zum Leben. Gott hat das Volk auch durch viele geschichtliche Nöte und Katastrophen hindurchgeführt, nicht weil sie so hervorragend waren, sondern weil Gott sie geliebt hat und zu seinen Versprechungen steht.

Man muss auch die gegenwärtige Not Israels nicht nur als eine politische Not sehen. Sondern es gibt einen engen Zusammenhang mit der geistlichen Lage. Ihre Not ist ein Signal dafür, dass sie Gottes Wegen nicht folgen.

Das kann nichts anderes bedeuten, als dass das Volk Israel in seiner Gesamtheit einmal Jesus als seinen Messias erkennen wird und in annehmen wird. Die Zwischenzeit bis dahin nennt Paulus wenig später die Zeit der Verstockung Israels. Doch diese Verstockung wird einmal abgetan sein.

Vielleicht sehen wir dieses Werk heute langsam in Israel anfangen. Die an Jesus glaubenden messianischen Juden sind zwar noch eine kleine Minderheit, aber immerhin, es gibt sie und sie tun das Werk der Mission an ihren Volksgenossen.

Das mag für uns nur ein kleines Zeichen sein. Aber unsere Hoffnung ruht nicht auf Menschen, sondern auf Gott und seinen Zusagen. Amen!
 

(Pfr. Dr. Karl Knauß)                          

  

 

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