Erntebittgottesdienst, 16. Juli 2006, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über Matthäus 6, 25-33.


25Darum sage ich euch: Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? 26Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie? 27Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt? 28 Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. 29Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen. 30Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen? 31 Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden?32Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft. 33 Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.
 


Manchen kommt das vor wie ein guter Wunsch, eine gute Idee: Nicht sorgen! Aber können wir das? Selbst wenn wir es wollen?

Einfach vergessen: Die Sorgen um den Arbeitsplatz, die Sorgen um die Welt-Situation, die Sorge um die Zukunft unsrer Kinder, um die Gesundheit und all die vielen großen und kleinen Sorgen? Und was sollen die Landwirte sagen, wenn sie zur Sorglosigkeit aufgerufen werden? Ein Landwirt ernährt mit seiner Arbeit inzwischen durchschnittlich über 120 Menschen. Aber er kann davon nur noch mühsam sich und seine Familie ernähren. Vor 50 od. 60 Jahren ernährte ein Landwirt noch 8 Menschen und sein Auskommen und seine Zukunft schien verlässlicher als heute.

Können wir so einfach vergessen, wenn Jesus einfach sagt: „Sorget nicht!“ Die Sorgen haben wir doch nicht im Griff. Sie kommen von selbst; und wir können uns nicht wehren. Sie sind hinter uns her wie die Wespen hinter einem Zwetschgenkuchen. Schlägst du nach der einen, surrt schon die nächste. Es gibt Sorgen, die quälen uns ständig, machen uns schlaflose Nächte und lassen uns nicht zum richtigen Schnaufen kommen. Diese lästigen Störenfriede, gegen die wir uns oft so machtlos fühlen. Sorgen können wir nicht einfach mit einem Schalter ausknipsen.

Allerdings gibt es auch das Vorsorgen und das Planen und die Fürsorge. Das gehört zu uns als Menschen. Über das reden wir zunächst nicht. Wir reden zunächst nur über das falsche Sorgen, das in uns selbst kämpft wie ein innerer Feind.

Jesus meint nicht, dass das unwichtig sei, worum wir uns Sorgen machen. Er will nicht sagen: „Ach, vergiss das Essen und Trinken oder das Dach über dem Kopf! Tu nicht so wichtig!“ Sondern im Gegenteil. Die Sorge um Essen und Trinken und Kleidung und das nötige Einkommen zum Überleben, deine Nöte mit der Prüfung, deine Angst um deine Kinder oder Enkel, dein Bangen um Arbeitsplatz und Beruf sind so wichtig, dass Gott sich selbst darum kümmert. Er hat es zu seiner eigenen Angelegenheit erklärt. Und darumkomme du nicht, und nehme im seine Aufgabe weg.

Mit unseren quälenden Sorgen machen wir Gott Konkurrenz. Wir sollen nicht meinen, die Dinge seien nur für uns wichtig. Sondern wir sollen wissen, dass sie für Gott wesentlich sind.

Jesus nennt das kleingläubig, wenn wir innerlich gewissermaßen sagen: „Lieber Gott, das mach ich schon selbst. Da kennst du dich nicht so recht aus. Und darum will ich mir schon selbst Sorgen machen.“ Wenn da so ein schwerer Angriff von Sorge von innen heraus kommt, dann wachsen die Sorgen zu einem riesigen Berg und Gott wird ganz klein. Da werden unsere Kräfte auch klein. Und es ist, als wäre der Teufel erfolgreich, indem er uns in die Enge drängt und richtig Angst macht.

In der Landwirtschaftlichen Familienberatung kennt man solche Fälle, bei denen Menschen in dieser panischen Sorge sich so in sich selbst verschließen, dass sie auch keine Hilfsangebote mehr sehen. Erschütternd ist das Beispiel einer kinderreichen Familie, die kein Erziehungsgeld beantragte, weil man vor lauter Panik und Sorge allen Schriftverkehr mit der Außenwelt abgebrochen hatte. Diese Art von Sorge verfinstert uns nicht nur die Zukunft, sondern wir sind auch in der Gegenwart nicht „bei Sinnen“: wir sehen nichts mehr, hören nichts mehr, riechen nichts mehr, spüren nichts mehr. Die Sinne und Gefühle sterben ab.

Jesus fördert nicht unseren direkten Kampf gegen die Sorgen, sondern er öffnet unsere Sinne und Gefühle, indem er uns das Werk Gottes zeigt: Die Schöpfung und ihre Schönheit und ihre Sorglosigkeit. Die Vögel unter dem Himmel und die Lilien auf dem Feld. Es könnte jemand sagen: Die müssen auch allerhand durchmachen. Sturmund natürliche Feinde bedrohen doch deren Leben auch. Was bleibt von einem Vogel übrig, wenn die Katze ihn geholt hat? Und den Blumen geht es bei einem Hagel auch übel. Aber Jesus macht keine Rechnung mit Plus und Minus auf, er gibt auch keine Überlebens-Strategie, sondern weist uns auf die Sorglosigkeit der Schöpfung hin. Sie ist in Gottes Hand, im Leben und im Vergehen, in ihrer Schönheit und auch in ihrer bloßen Existenz.

Gott gibt dem Vogel und der Blume ihr Dasein. Ihre Schönheit und ihre Lebenszeit. Ermisst auch uns unser Leben zu mit seinem ganzen Wert.

Jesus gibt uns ein Heilmittel gegen die quälende Sorge: Wir sollen auf die Schöpfung schauen und sie wahrnehmen. Das ist nichts für verbissene Kämpfer, für die nur das Schaffen und nur die Leistung zählt. Wir sollen durch die Felder gehen, und einfach nur schauen und hören und hören und riechen: Auf die Farben und Formen sehen, auf den Gesang der Vögel hören, auf das Summen der Bienen und Hummeln, die Gerüche des Sommers und seiner Blumen riechen, die Wärme der Sonne auf der Haut wahrnehmen und den Wind in den Haaren spüren. Das alles ist einfach da, ohne unser Zutun! Wir haben es nicht gestaltet.

Anders als die wilden Lilien, von denen Jesus gesprochen hat, braucht das Getreide schon unsere menschliche Mühe und Sorgfalt. Landwirte müssen säen und vieles mehr, damit es gut gedeihen konnte und die Felder nun geerntet werden können. Und doch reicht menschliche Fürsorge nicht. Gott setzt ganze Heerscharen von Mikroorganismen ein, damit das Korn im Boden Wurzeln treiben, keimen und wachsen kann. In einer Hand voll guter Erde sind so viele Lebewesen, wie die Erde Bewohner hat, um ihren Beitrag zum Wunder des Wachsens zu leisten. Und das ist nur ein kleiner Teil von dem, was ohne unser Zutun zum Wachsen des Getreides beiträgt. Seht die Schöpfung an: für jedes Geschöpf ist durch unendlich viele andere Geschöpfe und Vorgänge in der Schöpfung gesorgt!

Jesus verweist auf die Vögel. Sie wirken auf uns besonders sorglos. Wenn ich die Störche in ihrem Nest beobachte, kommt es mir vor wie ein entspannter Feierabend, ein Gegenentwurf für unser oft so sorgenvolles Leben mit den ernsten Mienen und dem geschäftigen Treiben.

In ihrer ganzen Sorglosigkeit können uns Vögel und Lilien die Fürsorge Gottes zeigen. Er sorgt für sie, obwohl sie sich darüber keine grauen Haare wachsen lassen.

Jesus sagt: Wenn Gott schon für diese unbedeutenden Geschöpfe sorgt, wie wird er erst für euch sorgen, die ihr Ihm doch so viel mehr wert seid? Es ist nicht verwunderlich, wenn Landwirte heute damit manchmal Probleme haben: Wir und viel wert? Was wir tun, wird doch immer noch weniger belohnt! Man schaue sich einmal die Preise für landwirtschaftliche Produkte an! Ein Industriearbeiter bekommt heute für den Lohn einer Arbeitsstunde etwa das Zehnfache an Nahrungsmitteln wie vor 100 Jahren.

Doch es ist wahr: Der Wert eines Menschen darf nicht daran gemessen werden, was er bei seiner Arbeit „verdient“. Längst schätzt die Gesellschaft den Wert der Landwirtschaft höher ein, als es an den Preisen sichtbar ist. Und das soll nicht nur in Worten zum Ausdruck kommen.

Jesus eröffnet einen noch weiteren Horizont; und auch das ist ein Heilmittel gegen das Sorgen: „Suchet zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.“ Da geht es umeine andere Zukunft, als wir sie uns in unseren Sorgen ausmalen. Wir sollen uns um die Ziele Gottes Gedanken machen, nach ihnen suchen. Dann werden unsere alltäglichen Dinge sehr klein. Das geht nicht nur Landwirte an: Ich wünsche uns allen, dass wir über dem Sorgen für die Ziele Gottes unsere eigenen Probleme im richtigen Verhältnis sehen. Amen!

(Pfr. Dr. Karl Knauß)                          

  

 

Impressum