Gottesdienst am 2. Sonntag n. Trin., 25. Juni 2006, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über 1. Korinther 14, 1-3.20-25.

Heute geht es um den Gottesdienst. Er soll offene Türen haben. Menschen sollen von ihm angezogen werden wie Eisenteile von einem Magneten. Genauer: Wie baut der Gottesdienst die Gemeinde auf?
Wenn wir den Menschen von damals vor 2000 Jahren begegnen würden, könnten wir uns wohl schwer gegenseitig verstehen. Eigentlich liegen Welten zwischen uns. Das spiegelt sich auch im Gottesdienst wider.
Bei allen Unterschieden ist es um so erstaunlicher, dass die damals ähnliche Fragen beschäftigten wie uns heute, ja dass sie sich sogar darüber stritten. Wozu ist eigentlich der Gottesdienst da?
Vordergründig geht es im Predigttext in 1. Korinther 14 um das Zungenreden und um prophetisches Reden. Das reißt uns zwar heute nicht vom Hocker. Aber die Frage bleibt: Was ist eigentlich die Hauptsache am Gottesdienst. Warum kommen wir am Sonntagmorgen zusammen?

Dem Predigttext geht das Hohelied der Liebe voraus. Paulus spricht dort von den allerbesten Gaben, die man sich denken kann. Glänzende Gaben, die besten Redner, vollen Einblick in alle Geheimnisse, große Wundergaben: Doch das ist‘s nicht. Das alles kann man vergessen, wenn keine Liebe da ist.

1 Strebt nach der Liebe! Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber um die Gabe der prophetischen Rede! 2 Denn wer in Zungen redet, der redet nicht für Menschen, sondern für Gott; denn niemand versteht ihn, vielmehr redet er im Geist von Geheimnissen. 3 Wer aber prophetisch redet, der redet den Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung.
20 Liebe Brüder, seid nicht Kinder, wenn es ums Verstehen geht; sondern seid Kinder, wenn es um Böses geht; im Verstehen aber seid vollkommen. 21 Im Gesetz steht geschrieben (Jesaja 28,11–12): »Ich will in andern Zungen und mit andern Lippen reden zu diesem Volk, und sie werden mich auch so nicht hören, spricht der Herr.« 22 Darum ist die Zungenrede ein Zeichen nicht für die Gläubigen, sondern für die Ungläubigen; die prophetische Rede aber ein Zeichen nicht für die Ungläubigen, sondern für die Gläubigen.
23 Wenn nun die ganze Gemeinde an einem Ort zusammenkäme und alle redeten in Zungen, es kämen aber Unkundige oder Ungläubige hinein, würden sie nicht sagen, ihr seid von Sinnen? 24 Wenn sie aber alle prophetisch redeten und es käme ein Ungläubiger oder Unkundiger hinein, der würde von allen geprüft und von allen überführt; 25 was in seinem Herzen verborgen ist, würde offenbar, und so würde er niederfallen auf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen, dass Gott wahrhaftig unter euch ist.


Die Zungenrede war ein Streitfall in der Gemeinde in Korinth.
Mancher fragt sich vielleicht: Wie kann man sich nur bei dieser Frage festbeißen, als wäre die Zungenrede der Schlüssel zur Himmelstür.
Aber vielleicht ist das, worüber wir uns aufregen, auch eine Nebensache. Können wir sagen, was das Wichtigste am Gottesdienst ist, das die Gemeinde aufbaut?

1. Der Gottesdienst soll einladend sein
Wer über viele Jahre regelmäßig in den Gottesdienst geht, für den genügt das Läuten der Glocken als Einladung, und dem ist der Ablauf des Gottesdienstes in Fleisch und Blut übergegangen.

Das ist dann wie beim Zähneputzen: Man denkt nicht mehr viel darüber nach. Man macht‘s einfach. Natürlich können wir Auskunft geben, wenn wir gefragt werden: Wir putzen die Zähne, damit wir keine Karies bekommen, und damit das Zahnfleisch gesund bleibt. Der Gottesdienst ist eine Art bedingter Reflex, wie beim Pawlowschen Hund, dem schon bei einem Klingelzeichen das Wasser im Mund zusammenläuft.

Man singt die Lieder mit und spricht miteinander die Psalmen, man steht auf, wenn‘s dran ist und sitzt dann wieder hin. Man hört der Predigt zu, wenn‘s gut ist, sogar konzentriert. Ist das schon das Wesentliche?

Nein! Es reicht noch nicht, wenn es nur um Gewohnheiten geht.
Der Gottesdienst soll eine Anziehungskraft ausüben, er soll Appetit auf ein Leben mit Gott machen. Stellen Sie sich vor, Sie wollen einen Menschen mit Jesus bekannt machen. Sie denken bei sich: Das ist doch schade, wenn der oder die Jesus nicht kennenlernt. Kommen Sie dann auf die Idee, so jemanden in den Gottesdienst mitzunehmen? „Da musst du unbedingt mit. Du wirst es nicht bereuen!“

Paulus macht seinen Leuten keine Vorschläge über eine bessere Liturgie. Sondern er setzt den Hebel wo ganz anders an: „Ihr dreht euch hauptsächlich um euch selbst.“ Das Mittel dazu war für die Menschen die Zungenrede. Sie hat große Faszination ausgeübt. Schade, dass wir keine Filmaufnahmen oder Tonbänder von den Gottesdiensten damals haben. Wir würden es uns gerne besser vorstellen können, was damals abging. Aber sicher scheint, dass es recht lebendig zuging, vielleicht sogar ausgelassen oder ekstatisch. Aber das war gar nicht das Eigentliche. Es ist nicht die Frage, wie lebendig oder wie temperamentvoll, wie unterhaltsam usw., sondern es ist die Frage nach der Liebe. Nicht nur die Liebe des Predigers, sondern die Liebe von uns in der Gemeinde!

Vor allem müssen wir für die anderen denken: Was brauchen die Menschen, die wir in unseren Gottesdienst einladen wollen? Paulus diskutiert nicht um den Inhalt der Botschaft. Der ist nicht umstritten. Er bringt es auf einen sehr einfachen Nenner: Die anderen sollen merken: In diesem Gottesdienst ist Gott in der Mitte. Wir sollen Gott im Mittelpunkt unseres Lebens sein lassen. Und dann soll uns wichtig sein, dass Gott auch für andere Menschen der Mittelpunkt wird.

Eine Gemeinde muss missionarisch sein! Sie muss einladen zum Glauben! Sie muss es einüben, wie man Menschen abholen, zum Glauben hinführen und im Glauben begleiten kann. Eine Gemeinde, die das nicht will, ist ein Auslaufmodell!

Vor allem brauchen wir Begegnungen von Menschen. Einladungen zum Gespräch nach dem Gottesdienst. Das sollte gefördert und ausgeweitet werden. Wir brauchen Formen und Möglichkeiten, wie wir unverkrampft auch auf „Neue“ zugehen. Sowohl im Gottesdienst als auch danach müssen Menschen sich eingeladen fühlen zu diesem menschenfreundlichen Gott.

Die Predigt sollte nur der Auftakt sein. Danach sollten wir eigentlich zusammensitzen und miteinander reden können.

2. Der Gottesdienst soll aufbauend sein
Wenn heute nicht die Schriftlesung zur Taufe verlesen worden wäre, wäre das Gleichnis vom großen Abendmahl aus dem Lukasevangelium dran gewesen. Da ist ein Mann, der ein großes Fest macht und Menschen dazu einlädt. Und von den Eingeladenen sagt einer nach dem anderen ab. Sie haben schon ihre Gründe: Der eine hat ein Grundstück gekauft, der andere ein neues Fahrzeug (Ochsen), der dritte hat geheiratet. Wegen der laufenden Absagen wird der Festveranstalter zornig. Er lädt andere ein, die ursprünglich nicht zum Fest gedacht waren.

Die Einladung Gottes hat etwas Dringliches. Die Einladung an uns schließt ein, dass wir sie weitergeben. Keine Gemeinde und keine Familie hat das Evangelium in Erbpacht auf ewige Zeiten. Es kommt oft vor, dass der Großvater in der Gemeinde mitten drin war, und die Enkel können nichts mehr damit anfangen. Sie haben abgehängt. Dafür sind andere gekommen. Unsere Aufgabe ist es nicht, die Mitgliederzahl irgendeines frommen Vereins zu halten, sondern Verlorene zu retten.

Wichtiger als eine Methode ist die Liebe. Sie ist die Triebkraft für den ganzen Gottesdienst und seinen Aufbau. Aus der Liebe heraus merkt man, was dran ist. Es muss nicht alles anders werden in der Gemeinde oder im Gottesdienst. Sondern wir müssen anders werden: Die Liebe muss uns treiben. Und dann können wir getrost einiges in unseren Gottesdiensten ändern, und anderes beibehalten.

In der Gemeinde in Korinth gab es geistliche Genießer. Die Gemeinde war für sie eine Art geistliches Body-Building, ein Schönheitssalon für geistliche Kraftprotze. Die Zungenrede diente ihnen als Dopingmittel. Da entstand Konkurrenz. Da bist nur du im Mittelpunkt. Und du bist besser.

Das kann leicht missverstanden werden. Darum zur Korrektur: Die Zungenrede oder das Sprachengebet ist für Paulus nichts Negatives. Er übt sie selbst aus. Im Gebet des einzelnen kann sie ihren guten Sinn haben, manchmal auch in der Gemeinde oder Gruppe. Schwierig ist sie, wenn sie den geistlichen Egoismus fördert. Dann nämlich zerstört sie die Gemeinde. Doch alle Gaben müssen sich daran messen lassen, ob sie die Gemeinde aufbauen helfen.

Wir haben im Gottesdienst gar nicht so viele Elemente, die wir daran messen können: Die Musik. Das Singen. Das Beten, die Schriftlesung und die Predigt; manchmal eine Tauffeier oder ein Abendmahl. Wie wird dadurch die Gemeinde aufgebaut und gestärkt?

Es ist nicht möglich, alle diese Elemente des Gottesdienstes in einer Predigt abzuklopfen. Aber für alle gilt: Sie dürfen nicht den geistlichen Egoismus fördern, sondern sie müssen die Gemeinde als ganze im Blick haben und aufbauen. Da ist es gewiss nicht so wichtig, ob alles vollständig gelungen ist, sondern es ist wichtiger, ob es von der gegenseitigen Liebe getragen ist.

3. Der Gottesdienst soll verständlich machen
Wir leben heute in einer sehr verkopften Zeit. Für viele gilt: Man kann nur das ernst nehmen, was man mit dem Verstand nachvollziehen kann. Für die Korinther scheint es genau umgekehrt gewesen zu sein. Für sie galt das Motto: Je unverständlicher desto heiliger.

Nun ist es etwas anderes: Der Gottesdienst soll verständlich machen. Das zielt nicht auf die Alternative rational oder emotional. Sondern das heißt: Es muss in unserem Leben echt werden, es muss uns innerlich überführen. Ja, das ist wahr, Gott will es so. Das Verstehen im christlichen Sinn ist eine Sache des Gewissens. Da können Menschen erschrecken. Was im Herzen verborgen ist, kommt zum Bewusstsein. Es wird nicht mehr mit klugen Argumenten versteckt und mit psychologischen Untersuchungen begründet. Wer wirklich Gott gegenübersteht, wird ehrlich und echt.

Das kann geschehen in Gesprächen. Wenn uns vor Gott klargeworden ist: Ja, so ist Gott. Das will er von mir. Wenn man dann vor Gott niederfällt, mindestens im Herzen, vielleicht aber auch mit den Knien. Und wenn man dann Gott im Alltag den Herrn sein lässt. Und das als großes Glück und Gewinn erlebt.

Das alles kann im Gottesdienst und um den Gottesdienst herum geschehen. Wir sollen uns in Liebe öffnen, dass Gott uns seine Aufgaben zuweisen kann. Amen!
 

(Pfr. Dr. Karl Knauß)                          

  

 

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