Zweitgottesdienst "Domino" 18. Juni 2006, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr
Vom Umgang mit seelischen Verletzungen oder: Einander vergeben

Bevor ich mit meinem Vortrag anfange, kurz etwas zu meiner Person: Ich bin aufgewachsen in Blaubeuren, habe nach dem Abitur Ev. Theologie und Psychologie in Tübingen studiert, beides abgeschlossen, 15 Jahre bei der Ev. Kirche gearbeitet und vor einigen Jahren über das Thema des heutigen Vormittags eine Doktorarbeit geschrieben. Warum schreibt man über so ein Thema? Erstens aus der beruflichen Erfahrung heraus, dass der Umgang mit Verletzungen ein Problem ist, das jeden Menschen betrifft, das aber viele Menschen nicht bewältigen. Ich habe im Altenheim auch beobachtet, dass viele Menschen nicht im Frieden sterben können, weil sie sich nicht rechtzeitig zur Vergebung und Versöhnung durchringen konnten. Zum dritten gab es auch in meinem eigenen Leben immer wieder schwere Verletzungen

Damit komme ich gleich zum ersten Punkt:

1. Verletztwerden gehört zum Leben

a) Kindheit: Eltern verletzen einen - mit unbedachten, gedankenlosen Bemerkungen wie „Dich wollten wir eigentlich nicht mehr“ - „Du hättest ein.... werden sollen“ - „Aus dir wird nie was“ u.ä. Eltern sind auch oft ungerecht, ziehen das eine Kind dem anderen vor...

Problem: Kind kann sich nicht wehren, denn sein Bild von sich selbst wird von den Erwachsenen bestimmt. Also verinnerlicht das Kind diese Botschaften, es prägt sein Selbstbild und damit auch sein Selbstbewusstsein.

Andere Kinder verletzen einen: Man wird gehänselt, ausgelacht, Schwächen werden gnadenlos aufgespießt. Kinder haben zwar die Gabe der Einfühlung (Empathie), doch wenn diese Anlage nicht gefördert wird, entwickelt sie sich nicht von selbst!!

b) Erwachsenenalter: Hauptquelle von Verletzungen sind die Menschen, die uns besonders nahe stehen, d.h. Partner, Eltern, Kinder usw. Warum ist dies so::

- Je näher uns jemand steht, desto eher kann er/sie uns auf die Zehen treten

- Je näher uns jemand steht, desto mehr erwarten wir von ihm/ihr

- Je vertrauter man einander ist, desto eher lässt man sich auch gehen...

Dazu kommt das Berufsleben, d.h. Kollegen, Vorgesetzte, Kunden als Verletzungsquelle: Schikane, Diskriminierung, unfaire Kritik, Demütigungen, Ungerechtigkeiten usw.

c) Grundsätzlich - d.h. für alle Menschen - verletzend sind beispielsweise:

Zusagen/ Versprechen werden nicht gehalten - Lügen, Irreführung - Verschweigen - Vertrauliches wird verraten - Reden hinter unserem Rücken - Anspielungen, Spott, Spaß auf unsere Kosten - Betrug - Unzuverlässigkeit aller Art - Treulosigkeit -Verantwortungslosigkeit - Beziehungsabbruch ohne Begründung - Nicht-ernst- genommen-werden - Unhöflichkeit - Ignoriertwerden - Körperliche/verbale Gewalt...

Merke: Der Kern der Verletzung ist in jedem Fall eine Beeinträchtigung bzw. eine Bedrohung/Erschütterung unserer Selbstachtung, unseres Selbstwertgefühls. Wir werden nicht mit der Achtung und Würde behandelt, die uns als Menschen zusteht.

Doch: Wo Menschen zusammenleben, gehören Verletzungen dazu - sonst muss man auf eine einsame Insel gehen!

 

2. Wie gehen wir normalerweise mit Verletzungen um, was sind die Folgen?

a)    Das erste Problem ist: wir sagen nicht, dass wir verletzt sind, weil wir entweder zu stolz sind oder weil wir es nicht gelernt haben, über Gefühle zu sprechen. Stattdessen lassen wir es den anderen spüren. Dabei stehen uns im Wesentlichen zwei Reaktionsweisen zur Verfügung: Rückschlag oder Rückzug.

Beim Rückschlag handeln wir nach der Devise "Wie du mir, so ich dir." Das gibt im Moment möglicherweise eine gewisse Befriedigung, doch Friede kehrt danach nicht ein - weder ins eigene Herz noch in die Beziehung. Im Gegenteil, der Graben wird tiefer. "Auge um Auge hinterlässt mit der Zeit nur Blinde." Das ist also keine Lösung.

Beim Rückzug schützen wir uns zunächst vor weiteren Verletzungen sowie vor einer unüberlegten Reaktion unsererseits, was sinnvoll und oft ratsam ist. Doch leider ist dieser Rückzug bei vielen Menschen die Endstation, und auch das kann nicht unser Ziel sein, denn auf diese Weise werden wir immer einsamer.

Körperlich hat beides - Rückzug oder Rückschlag die gleichen Folgen:

Die seelische Anspannung führt zu einer körperlichen Alarmreaktion, der sog. Stressreaktion. Sie versetzt den Körper in Kampf- oder Fluchtbereitschaft.

Wird der Stress abgebaut, kommt auch der Körper wieder in die Entspannung, bleibt Wut und Groll erhalten, bleibt der Körper im Alarmzustand - mit schlimmen Folgen.

Die Langzeitfolgen können Bluthochdruck, Herzprobleme, Muskelverspannungen, Magen-Darm-Probleme sowie eine höhere Anfälligkeit für Infektionen und Krankheiten aller Art sein, weil das Immunsystem unter Stress immer geschwächt ist.

Merke: Alles Seelisch-Geistige, was nicht beachtet, nicht bewusst gemacht, nicht verarbeitet und „verdaut“ wird, greift irgendwann auf den Körper über. Denn: Tiefe seelische Wunden heilen nicht von selbst.

Nach diesen Ausführungen dürfte auch verständlich sein, warum Jesus von N. so auffallend großen Wert darauf legt, dass wir Menschen einander vergeben:

Im Vaterunser, dem Gebet, das Jesus uns gab, ist eine einzige Bitte mit einer Selbstverpflichtung des Menschen verbunden: ".... wie auch wir vergeben unseren Schuldigern". Jesus wusste, dass uns Vergebung von Natur aus nicht leicht fällt. Er wusste aber auch, dass wir uns selbst schaden, wenn wir nicht verzeihen, und dass Friede auf Erden nur beginnen kann, wenn wir es schaffen, in unseren Familien und unserem Umfeld Friede zu schaffen.

Alles, was wir von Jesus wissen, können wir auf den Nenner bringen: Es ging ihm um das Heil und vor allem um das Heil-werden von uns Menschen, und dazu gehören unabdingbar auch heile und geheilte Beziehungen.

 

3. Was sind, zusammengefasst, die wichtigsten Argumente für Vergebung:

a) Ich tue es um meiner selbst willen. Ich weiß, dass ich meine Seele und meine Gesundheit belaste und schädige, wenn ich in Groll und Zorn lebe. Ich weiß, dass ich langfristig davon krank werde.

Im Bild gesprochen: Ich will nicht jeden Morgen zwei Koffer packen, in die alles Unvergebene, alles Nachgetragene hineinkommt - das raubt mir Kraft, die Hände sind nicht frei, der Kopf ebenso wenig...

Denn: „Wer nachtragend ist, muss viel schleppen!“ Diese Kraft fehlt für anderes.

b) Ich tue es um meiner Mitmenschen willen:

- Wer mit Groll und Zorn und Verbitterung lebt, vergiftet auch seine sonstigen Beziehungen damit, belastet andere Menschen, z.B. die Kinder, mit dem eigenen Groll. Wer verzeiht, gibt auch der Beziehung zum Verletzer wieder eine Chance.

Allerdings gilt: Vergeben kann ich für mich ganz allein - zur Versöhnung gehören zwei. Und wenn der andere mein Friedensangebot ablehnt, dann kann ich immer noch sagen: In meiner Seele habe ich Frieden, und: meine Tür steht dir offen.

Natürlich wird die Beziehung zum anderen auch nach Vergebung und Versöhnung nicht mehr so sein wie vorher - aber sie muss nicht schlechter sein, auch nicht oberflächlicher!

c) Ich tue es um meiner Beziehung zu Gott/ Jesus Christus willen:

- Jesus hat gesagt: "Selig sind die Friedensmacher, denn sie werden Söhne und Töchter Gottes heißen", d.h. man soll uns Kinder Gottes nicht daran erkennen, dass wir nie streiten und uns nie auseinandersetzen, sondern dass wir wieder aufeinander zugehen, darin muss der Unterschied liegen. Oder, wie man auf Schwäbisch sagt: S`Nafalla isch koi Schand, aber s`Liegableiba! - Außerdem hat Martin Buber gesagt: "Die Tür zu Gott und die Tür zum Mitmenschen gehen gemeinsam auf und gemeinsam zu". Ich kann also nicht mit Gott in Frieden und bestem Kontakt leben und mit meinem Nächsten in Streit und Unversöhnlichkeit! Das ist Selbstbetrug!

 

4. Wie geht der Prozess des Vergebens vonstatten?

Vergebung ist ein Weg - und wie lange er dauert, hängt von uns und von der Tiefe der Verletzung  ab. Auf jeden Fall gilt: Vergebung kann man nicht übers Knie brechen. Und ich kann sie erst  ins Auge fassen, wenn ich es geschafft habe, mich vom Verletzer abzugrenzen, sei es in Worten oder Taten.

Meine Forschungen zeigten, dass der Prozess des Vergebens in mehreren Schritten oder Phasen abläuft:

- Erster Schritt: Man muss sich selbst eingestehen und zugestehen, dass man wütend, enttäuscht, verletzt ist. Sich auch zugestehen, dass man erst einmal Abstand braucht zum Verletzer, anstatt so zu tun, als ob nichts gewesen wäre. Grundsatz: Nur was ich zulasse, kann ich auch loslassen.

- Zweiter Schritt: Sich intensiv mit dem Verletzer auseinandersetzen - das ist harte Arbeit! Sich überlegen: was ist das für ein Mensch? Was hat er für ein Schicksal, warum handelte er so? War ihm bewusst, was er/sie tat? („Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ sagte Jesus am Kreuz) Verstehen ist die Mutter des Vergebens.

- Dritter Schritt: Sich selbst kritisch hinterfragen: warum bin ich so verletzt? Wo ist eventuell mein Anteil, wo habe ich vielleicht falsch reagiert oder falsches erwartet?

Selbstmitleid ist immer auch Selbstgerechtigkeit! Was an diesem Punkt oft auftaucht, ist Wut über sich selbst - warum habe ich mich nicht gewehrt? Ich merke bei mir selbst: bevor ich es nicht schaffe, mir selbst zu verzeihen, sollte ich besser nicht versuchen, dem anderen zu vergeben. Wichtig ist in dieser Phase, dass wir uns eventuell einer ehrlichen, neutralen Person unseres Vertrauens mitteilen, denn durchs Aussprechen wird uns manches klarer und durch die Sicht eines Dritten verändert sich oft die eigene Sicht grundlegend.

Hilfreich kann auch sein, unsere Gedanken und Gefühle vor Gott auszusprechen! Am Ende dieser drei Schritte steht eine neue, veränderte Sicht dessen, was an Verletzung geschehen ist. Es findet eine Art "Neubewertung" statt.

- Vierter Schritt: Sich entscheiden - und dann sich dementsprechend verhalten.

Die Gefühle werden dennoch am Anfang immer wieder kommen - dann entscheide ich mich erneut. Ich werde die Verletzung möglicherweise nicht vergessen, aber die Erinnerung daran wird von anderen Gefühlen und Gedanken begleitet sein

Achtung: Wann sollen wir mit dem anderen darüber reden, dass er uns verletzt hat?

Ich würde sagen, wenn es immer wieder geschieht oder wenn es einen Graben zwischen uns gerissen hat. Aber wir dürfen unsere Vergebung nicht davon abhängig machen, ob er sich entschuldigt oder nicht, sondern ob ich Bedauern und Reue spüre beim anderen oder nicht. Wenn nicht, dann verzeihe ich ihm trotzdem - nämlich um meiner selbst willen - geh aber zu ihm auf Abstand. Vergebung betrifft schließlich das, was nicht mehr zu ändern ist - aber sie ist kein Freibrief für die Zukunft, das muss man genau unterscheiden und dem anderen auch sagen!

 

5. Warum Glaube beim Vergeben helfen kann:

Ich habe festgestellt, dass für diejenigen, die Christen sind, der Glaube eine echte Hilfe beim Prozess des Vergebens war, und zwar aus mehreren Gründen:

- Wer glaubt, weiß, dass man ohne Schuld nicht durchs Leben kommt und deshalb auf die Vergebung Gottes/ der Mitmenschen angewiesen ist. Dies verhindert Selbstgerechtigkeit, welche Vergebung erschwert.

- Wer glaubt, weiß, dass Menschen zwar Böses tun können, dass das eigene Leben aber letzten Endes dennoch in Gottes Hand ist. Menschen können uns bitter wehtun, aber Gott kann auch aus Bösem Gutes entstehen lassen, oder, wie Joseph nach vielen Jahren rückblickend zu seinen Brüdern sagte: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, Gott aber gedachte, es gut zu machen.“ ( 1. Mose 50,20) - Aus diesem Wissen heraus können wir auch nach tiefem Leid nach vorne schauen und Hoffnung für uns und unser Leben haben.

- Wer glaubt, weiß, dass er in Gottes Augen wertvoll und Wert geachtet ist.  Menschen können unseren Wert massiv in Frage stellen, Gott aber bestätigt uns in vielen Erfahrungen unseres Lebens, dass wir ihm keineswegs egal sind, und deshalb müssen wir uns auch von Menschen nicht alles gefallen lassen.

- Wer glaubt, kann sich darauf verlassen, dass Gott ihm Kraft zu Vergebung gibt.

In Ps. 18 steht: "Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen!"

Dennoch: Alle Befragten sagten: "Ich konnte nicht gleich vergeben, ich brauchte Zeit, aber ich wusste, dass es irgendwann dran ist. Und ich wusste auch: Gott lässt mir die Zeit zum Anlaufnehmen!" - Deshalb überfordern Sie sich dabei nicht, damit es Ihnen nicht so geht wie dem Pfarrer, der nach intensiven Exerzitien nach Hause kam mit dem Vorsatz, dass er nun endlich den alten - schlechten - Menschen ablegen wolle. Auf einen alten Grabstein in seinem Pfarrgarten schrieb er feierlich: "Hier liegt mein alter Mensch begraben!" Ein paar Tage später lag ein kleiner Zettel neben der Grabstätte. Darauf stand: "... und ist am dritten Tage auferstanden!"

 Dr. Beate M. Weingardt

                                  

  

 

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