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Gottesdienst am 1. Sonntag n. Trin.,
18. Juni 2006, in Wilhelmsdorf um 9.00 Uhr, Predigt über Jeremia 23,
16-29.
Wie lange darf etwas her sein, damit es mich noch etwas angeht? - Es gibt
Dinge, die liegen erst wenige Jahre zurück, und sie berühren mich kaum
mehr. Aber dann erfahre ich etwas aus längst vergangener Zeit, und ich
merke, ich mache gerade etwas Ähnliches durch. Es ist, als wäre es mitten
in meine Gegenwart hineingesprochen.
Mehr als 2 1/2 Tausend Jahre ist es her (593 v.Chr.). Es war dramatischer
als bei einer Fußball-Weltmeisterschaft. Denn es ging darum, was ist wahr
oder gelogen, was ist richtig oder falsch. Und von der Entscheidung hing
das Überleben ab. Wie kriegt man den Willen Gottes heraus, wo doch Gott
selbst überhaupt nicht auftritt, nichts sagt, sondern nur irgendwelche
Leute agieren lässt.
Der Prophet Jeremia war schon lange öffentlich aufgetreten und hatte
Unheil prophezeit. Und dann waren auch die Babylonier mit einer großen
Heeresmacht gekommen, hatten Jerusalem belagert und einen Teil der
Bevölkerung mit sich nach Babylon weggeführt. Aber man dachte, das sei ein
Versehen. Babylon war ein Neuling im politischen Kräftespiel. Und man
traute ihnen eigentlich nicht zu, dass sie die Hauptrolle übernehmen
könnten. Irgendwie war man sich sicher, dass Gott bald eingreifen und sein
Volk wieder in die Freiheit führen. Die Tonangebenenden in Jerusalem
trafen sich heimlich, sie schmiedeten Pläne, verwarfen sie wieder, machten
neue. Es musste irgendeinen Weg geben, wie man in Würde weiterleben
könnte.
Da gibt es eine dramatische Steigerung im Fall Jeremia. Er geht zum
Tempelplatz, zu diesem brodelnden Kessel von Stimmungen, die man mühsam
verbergen wollte. Auf die Schultern legt er sich ein Joch. Das ist als
Zeichenhandlung gemeint. Dann ruft er: „So hat Gott das Joch des Königs
Nebukadnezar von Babel über alle Völker der Umgebung gelegt. Das ist kein
Zufall, sondern Gott hat es so gewollt. Darum sollen sich alle unter
dieses Joch beugen, dann wird es ihnen gut gehen. Doch wehe denen, die
sich dagegen auflehnen. Es wird ihnen schlecht gehen. Krieg, Hunger und
Pest wird über sie kommen.“ Also kein Widerstand, sondern ein Sich-Fügen
in die Hand eines Gewaltmenschen.
- Aber kann das denn sein, Jeremia! Du musst dich getäuscht haben! Gott
will nicht, er kann doch nicht wollen, dass die Menschen unterjocht sind,
und erst recht will er nicht, dass das Volk Gottes auf die Pfeife eines
Despoten tanzen muss, und sogar eines fremde. Viele Menschen müssen so
gedacht haben. Kaum vier Jahre lag es zurück, dass in einem großen Zug die
Menschen abtransportiert wurden nach Babylon. Wie wäre es uns gegangen?
Hätten wir nicht auch gerufen, laut nach außen, oder wenigstens insgeheim
in unser Herz hinein: Jeremia, das stimmt nicht, Gott kann dieses Unrecht
nicht wollen und nicht zulassen! Er ist doch ein Gott der Gerechtigkeit
und Freiheit!
Auch die Propheten, die am Tempel angestellt waren, widersprachen Jeremia.
Einer von ihnen, den wir mit Namen kennen, war Hananja. Er mag eine
Zeitlang zugeschaut haben, wie Jeremia mit seinem Joch auf dem Tempelplatz
umherging. Aber dann kommt‘s unwiderstehlich über ihn, mit
Sendungsbewusstsein, mit Zorn und Eifer: Während die Priester und eine
große Volksmenge versammelt sind, geht er auf Jeremia zu, reißt ihm das
Joch von der Schulter und zerbricht es. Und dann ruft er‘s hinaus auf den
Platz, so dass es alle hören: „So hat Gott das Joch des Nebukadnezar
zerbrochen. Es werden keine zwei Jahre vergehen, dann werden alle
Beutestücke, die aus dem Tempel geraubt sind, wieder zurückgebracht werden
nach Jerusalem und alle Deportierten werden mit ihnen zurückkommen.“ Er
sprach es im Namen Gottes, und daran konnte auch kein Zweifel bestehen,
denn er stand ja im Dienst des Tempels.
Viele werden ihm sicher Beifall geklatscht haben, und Jeremia zog wie ein
ausgepeitschter Hund seines Weges. Wahrscheinlich wäre er am liebsten
davongerannt. Er war ja kein Abenteurer, der sich immer gerne in das
Gewühl wirft. Die Auseinandersetzung lag ihm nicht. Das hat er selbst
bezeugt. Und so wartete er, was Gott tun würde.
In diese Lage hinein musste dann Jeremia die Worte unseres Predigttextes
sagen.
16 So spricht der HERR Zebaoth: Hört nicht auf die Worte der Propheten,
die euch weissagen! Sie betrügen euch; denn sie verkünden euch Gesichte
aus ihrem Herzen und nicht aus dem Mund des HERRN. 17 Sie sagen denen, die
des HERRN Wort verachten: Es wird euch wohlgehen –, und allen, die nach
ihrem verstockten Herzen wandeln, sagen sie: Es wird kein Unheil über euch
kommen.
18 Aber wer hat im Rat des HERRN gestanden, dass er sein Wort gesehen und
gehört hätte? Wer hat sein Wort vernommen und gehört? 19 Siehe, es wird
ein Wetter des HERRN kommen voll Grimm und ein schreckliches Ungewitter
auf den Kopf der Gottlosen niedergehen. 20 Und des HERRN Zorn wird nicht
ablassen, bis er tue und ausrichte, was er im Sinn hat; zur letzten Zeit
werdet ihr es klar erkennen.
21 Ich sandte die Propheten nicht und doch laufen sie; ich redete nicht zu
ihnen und doch weissagen sie. 22 Denn wenn sie in meinem Rat gestanden
hätten, so hätten sie meine Worte meinem Volk gepredigt, um es von seinem
bösen Wandel und von seinem bösen Tun zu bekehren.
23 Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der HERR, und nicht auch
ein Gott, der ferne ist? 24 Meinst du, dass sich jemand so heimlich
verbergen könne, dass ich ihn nicht sehe?, spricht der HERR. Bin ich es
nicht, der Himmel und Erde erfüllt?, spricht der HERR.
25 Ich höre es wohl, was die Propheten reden, die Lüge weissagen in meinem
Namen und sprechen: Mir hat geträumt, mir hat geträumt. 26 Wann wollen
doch die Propheten aufhören, die Lüge weissagen und ihres Herzens Trug
weissagen 27 und wollen, dass mein Volk meinen Namen vergesse über ihren
Träumen, die einer dem andern erzählt, wie auch ihre Väter meinen Namen
vergaßen über dem Baal? 28 Ein Prophet, der Träume hat, der erzähle
Träume; wer aber mein Wort hat, der predige mein Wort recht. Wie reimen
sich Stroh und Weizen zusammen?, spricht der HERR. 29 Ist mein Wort nicht
wie ein Feuer, spricht der HERR, und wie ein Hammer, der Felsen
zerschmeißt?
Meine Frau hat mir eine Geschichte ihres Zeichenlehrers erzählt. Der hatte
bei einem Kunsthändler eine alte, wertvolle Skulptur entdeckt. „Ist die
echt“, fragte er. Es wurde ihm versichert, ja, sie sei echt. Er schaute
sie gründlich an. Gut, es konnte stimmen. Doch er wollte sich‘s noch
gründlicher überlegen. Wieder und wieder kam er vorbei. Jedesmal schaute
er die Figur genau an, und jedesmal wurde ihm auch die Echtheit
versichert.
Nun hatte er einen Freund, der Holzschnitzer war und sich in derartigen
Kunstwerken sehr gut auskannte. Er suchte ihn auf, um ihn zu Rate zu
ziehen. Erstaunt entdeckte er die gleiche Figur bei ihm, das alte
Original. Und der Freund erzählte ihm von der Skulptur, und dass er davon
auch eine Kopie angefertigt habe. Aber ein Kenner würde entdecken, dass
sie nachgemacht ist. An einer bestimmten Stelle habe er in der Eile ein
falsches Werkzeug benützt, eine feine Feile, die es zu der in Frage
kommenden Zeit noch gar nicht gegeben habe.
Noch einmal ging der Zeichenlehrer zu dem Kunsthändler. Mit neu
geschärftem Blick prüfte er die Figur noch einmal. Tatsächlich! An der
bezeichneten Stelle hatte sie wirklich die Feilspuren. Wie gut, dass er so
skeptisch gewesen war und sein Geld nicht im Übermaß verschleudert hatte.
Unser Leben ist mehr wert als eine Holz-Skulptur, und der Weg eines
Volkes, einer Gesellschaft, einer Gemeinschaft von Völkern kann mit
materiellen Werten nicht verglichen werden.
Deshalb ist es für uns dringend, richtige Entscheidungen zu treffen.
Grundlegende Fehler kann man nicht mehr rückgängig machen.
Es geht um die Wege Gottes und wie man seine Wahrheit herausfindet:
1. Göttliches und Menschliches
Wie ein Roter Faden zieht sich die Frage nach wahrer und falscher
Prophetie durch, nach Göttlichem und Menschlichem. Mehrmals ist vom Herzen
der falschen Propheten und Übeltäter die Rede, einmal vom Herzen Gottes.
Wo kommen die Ideen her? Aus dem Herzen Gottes oder aus dem Inneren von
Menschen? Wie sollen wir beides unterscheiden?
Jeremia scheint mit leeren Händen dazustehen. Er hat keinen Ausweis. Für
sich selbst hatte er zwar eine unumstößliche Gewissheit. Er konnte
glasklar sehen wie durch eine Glasscheibe. Er sah glasklar, wie der Weg
weitergehen müsse. Denn er wusste diesen Weg von Gott.
Für die große Menge war es ungewisser. Für sie war es wie eine
undurchsichtige Mauer. Sie konnten selbst nichts sehen. Zwei Seiten
behaupteten jeweils das Gegenteil. Und beide machten laut auf sich
aufmerksam. Auf der einen Seite waren die vielen Propheten, die das Glück
verkündeten, auf der anderen Jeremia, einsam und fast ohne Unterstützung.
Erst hinterher wird jeder auf der Straße ohne Zweifel wissen, wer recht
gehabt hat. Und tatsächlich haben‘s die meisten auch erst hinterher
gemerkt, - als es zu spät war, als nicht die Prophezeiungen des Hananja
eingetroffen waren, sondern die des Jeremia, die Katastrophe, die neue und
verheerende Eroberung Jerusalems, die die Stadt in Schutt und Asche gelegt
hatte. Doch wer aufmerksam war und nach Gottes tatsächlichem Willen
gefragt hat, konnte es schon vorher wissen:
2. Gottes Unterscheidungskriterium
Es ist ein göttliches Unterscheidungskriterium, das Jeremia aufzeigt: Gott
verheißt den Menschen nicht Glück und Heil, wenn sie seine Wege verlassen
haben! Gottes Wort ist wie Feuer und wie ein Hammer. Wenn Gottes Wege
verlassen werden, dann kommt kein Glück. Eigentlich ist das sehr einfach.
Meine Frau hat mir eine Krawatte aus Seide geschenkt. Kann man
feststellen, ob das Material stimmt? Könnte es nicht auch Kunstseide sein?
Würden Sie‘s wissen? Ich habe nachgeschaut, in: „Nicht verzagen, Oma
fragen. Man entnimmt an einer unkritischen Stelle einen Faden und zündet
ihn an. „Ein echter Seidenfaden brennt nur langsam, glimmt nicht nach und
hinterlässt hellgraue Asche...“
Das ist der Test - bei Seide.
Gottes Wort ist wie das Feuer, so sagt Jeremia. Da wird das Echte vom
Unechten unterschieden. Und es ist nicht so harmlos wie bei dem Material
einer Krawatte. Hier geht es um unser Leben. Die falschen Propheten sagen:
„Es wird kein Unheil über euch kommen“. Sie sagen nur Angenehmes, das, was
die Menschen hören wollen. An den Problemen reden sie vorbei. Die Sünde
decken sie zu und tun sie sogar selbst. Wenn die Menschen die Gebote
Gottes verlassen, dann sagen sie gar nichts. Sie rufen nicht zur Umkehr
auf, weil sie selbst auf dem falschen Weg sind. Jeremia legt im Namen
Gottes den Finger auf die Wunden und sagt, was Gott in Jerusalem nicht
leiden kann, die „Greuel, wie sie ehebrechen und mit Lügen umgehen und die
Boshaften stärken...“ (Jer. 23,14)
Gottes Wort ist wie ein Hammer, der Felsen zerschmettert. Was sind wohl
die Felsen? Es sind harte menschliche Herzen, die sich gegen die Wege
Gottes wehren. Ein anderes Mal hat Jeremia prophezeit, dass das Gesetz
Gottes in das Herz der Menschen geschrieben sein wird. Er hat den neuen
Bund geweissagt (Jer. 31, 31-34). Doch so weit ist es noch nicht. Noch
sind ihre Herzen hart. Sie meinen, man kann seine eigenen Wege gehen, und
dann noch von Gott Zustimmung erhalten. Die falschen Propheten vertreten
selbst auch diese Ideen. Für sie ist die Hauptsache, alles wird gut. Ihr
braucht euch nicht zu ändern, Gott hat euch ja sowieso alle lieb.
Wer sein Kind liebt, der wird ihm auch sagen, dass man nicht bei einer
roten Fußgängerampel über die Straße geht, sondern bei grün. Grenzen und
Gefahren aufzuzeigen kann ein Zeichen von Liebe, Fürsorge und Schutz sein.
Wenn Gott uns unsere Grenzen und Gefahren zeigt, dann ist es auch Ausdruck
seiner Fürsorge für uns.
Darum, wer nur ja und Amen sagt, wer nur Heil und Glück verheißt, der ist
nicht von Gott. Doch wenn wir die Wahl haben, ist meist nicht der leichte
Weg von Gott, sondern der, wo man auch sich auch unangenehmen Fragen
stellt.
„Das ist eine harte Rede, wer kann sie hören?“ haben die Menschen einmal
auf eine Rede Jesu geantwortet. Als sich viele zurückzogen, fragte er
seine Jünger, ob sie auch weggehen wollten. Jesus ersparte seinen Jüngern
die unangenehmen Fragen nicht.
Eine erstaunliche Sache: Warum wählen wir Menschen so leicht die
Fälschungen? Wohl, weil es allzu schön wäre, wenn alles ganz nach unserem
Herzen ginge. Doch Trugbilder kann man nicht entlarven, indem man in sein
eigenes Herz hineinhört, sondern nur durch die Kraft eines Glaubens, der
sich an Gottes Wort festmacht und Gesundung holt.
3. Gottes Großmut
Gott lässt die falschen Propheten ausreden. Er sagt nicht, dass Jeremia
sie dingfest machen soll. Auch diese Geduld ist ein Kennzeichen der Wege
Gottes. Die Bösen werden nicht vernichtet. Er lässt das Unkraut stehen bis
zur Ernte. Die Menschen werden nicht zu ihrem Glück gezwungen. Sondern
Gott lässt ihnen Raum. Er will unsere freiwillige Umkehr.
Und das weist ein Stück weit auf das Neue Testament hin. Es ist ähnlich
wie bei dem Gleichnis Jesu vom verlorenen Sohn. Der Vater lässt den Sohn
zwar ziehen, aber er wartet auf seine Rückkehr. Beim Irrtum sollen wir
zwar nicht mitgehen, aber wir sollen nicht gewaltsam gegen ihn
einschreiten. Wenn Gott wartet und Geduld hat, dann sollen auch wir mit
ihm warten, dass, wer in den Irrtum gegangen ist und verführt hat,
zurückkehrt in die offenen Arme Gottes. Amen!
(Pfr. Dr. Karl Knauß)
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