Gottesdienst an Pfingsten, 4. Juni 2006, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über 1. Korinther 2, 12-16.

Eine junge Religionslehrerin will den Erstklässlern das Lied verständlich machen: „Jesu geh voran auf der Lebensbahn“. Sie sprechen auch von den Gefahren, die uns im Alltag begegnen.
Dann meldete sich eines der Kinder: „Ja, das stimmt, da kann tatsächlich viel passieren. Jeden Morgen, wenn ich in die Schule gehe, muss ich über eine Straße mit viel Verkehr. Dann bete ich immer: »Jeden Schritt und jeden Tritt geh du, lieber Heiland mit...« “
Die Lehrerin will schon anfangen, diesen Gesprächsbeitrag lobend aufzugreifen, da fällt ihr ein anderer ins Wort und triumphiert: „Des brauch‘ ich nicht! Ich gehe durch die Unterführung!“

Kinder können ja in ihrer Direktheit den Nagel auf den Kopf treffen. - Ich brauche Gott nur dort, wo ich an meine Grenzen komme. An einer verkehrsreichen Straße ist die Unterführung wichtig. Aber: benützen wir im Leben im übertragenen Sinn nicht auch manchmal „Unterführungen“, wo wir meinen, Gott nicht zu brauchen? - Rein menschliche Überlegungen! Ich lass mich auf nichts ein, dann komme ich alleine zurecht.

Was macht der Heilige Geist in unserem Leben anders? Ist er nur ein kleiner Zusatz, oder verändert er den Alltag durch und durch?
- Es gibt eine Wirkung des Heiligen Geistes in uns. Er verändert uns in unserem Denken, Fühlen und Wollen.

[Paulus schreibt in 1. Korinther 2, 12-16]

12 Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, dass wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist. 13 Und davon reden wir auch nicht mit Worten, wie sie menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Geist lehrt, und deuten geistliche Dinge für geistliche Menschen. 14 Der natürliche Mensch aber vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit und er kann es nicht erkennen; denn es muss geistlich beurteilt werden. 15 Der geistliche Mensch aber beurteilt alles und wird doch selber von niemandem beurteilt. 16 Denn »wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer will ihn unterweisen«? (Jesaja 40,13) Wir aber haben Christi Sinn.


Nochmal: Wir verhalten uns in unserem täglichen Leben möglichst nach allen Regeln der Technik und der Wissenschaften. Wir bauen unsere Häuser erdbebensicher, dann kann uns nichts passieren. Wozu brauchen wir dann Gott im Alltag? Manche denken, Gott sei nur ein Lückenbüßer, der dort einspringt, wo wir nicht mehr weiter wissen.

Meine Schwester hat einmal erzählt: Ihre Freundin hatte eine ziemlich abenteuerliche Fahrweise mit dem Auto. Sie setzte ihre Kinder immer hinten auf den Rücksitz. Die mussten dann immer beten. Als einmal meine Schwester mit dem Auto fuhr und die Kinder mitnahm, fragten sie: „Müssen wir bei Dir auch beten?“

Nein! Gott ist nicht nur Lückenbüßer. Er springt nicht nur dort ein, wo wir nicht mehr weiter können. Sondern er verändert uns grundlegend. Das alte Denken baut auf menschlichen Überlegungen. Gottes Geist ist mehr.

Die Zeit des Paulus hatte zwar mit anderen Probleme zu kämpfen als wir heute. Und dennoch ist es im Grundsätzlichen gar nicht so verschieden. Der Konflikt unserer menschlichen Weisheit mit dem Heiligen Geist ist geblieben.

Eigentlich dürfte man doch gegen die menschliche Weisheit nicht viel sagen. Dennoch hat Paulus etwas dagegen einzuwenden. Die ganzen ersten drei Kapitel des 1. Korintherbriefes sagt er etwas gegen die menschliche Weisheit.

Ja, was hat er denn dagegen?

Unser Leben ist dazu da, dass wir vor Gott leben und mit ihm in Verbindung sind, und nicht nur, damit wir eben einige Jahre da sind. Wer seinen eigenen menschlichen Horizont für das Ganze hält, der hat Gott und Welt vertauscht und Gottes Ziel verfehlt.

Der Heilige Geist gibt uns einen anderen Blick für unser Leben und für Gottes Welt. Ohne ihn konnte man nur auf die Oberfläche sehen. Aber mit ihm ist es wie mit einem Röntgengerät. Man sieht tiefer.

Und man gewinnt auch andere Zusammenhänge. Der Heilige Geist kommt an Dinge heran, die man ohne ihn gar nicht wahrnehmen kann.

1. Der Blick für den Unterschied

„Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes.“ Er hat keine Antenne dafür. Es ist ein Wunder, wenn man an Gott und an Jesus Christus glauben kann. Nehmen wir es nicht selbstverständlich, wenn wir‘s können. Und danken wir Gott, dass er es war, der uns die Antenne für ihn selbst gegeben hat, den Heiligen Geist. Aber rügen und verachten wir die nicht, die nicht glauben können, sondern bitten für sie, und suchen wir, ihnen dazu zu verhelfen!

Doch lernen wir vom Heiligen Geist auch das Unterscheiden unserer Gedanken und der Wirklichkeit Gottes. Von uns aus können wir die Welt Gottes nicht entdecken und nicht verstehen. Wenn wir uns auf ihn einlassen, dann verändern sich unsere Maßstäbe gewaltig.

Auf einem Tisch stehen Plastik-Blumen. Manche Menschen graust es dabei. Aber andere finden dabei gar nichts. Es sieht doch ähnlich aus, und wenn‘s gut gelungen ist, sogar täuschend ähnlich.

Der Heilige Geist zeigt den Unterschied zwischen echt und falsch. Zwischen dem, was von Gott stammt, und dem, was nur nachgemacht ist.

2. Der Heilige Geist, der Entdecker
Der Heilige Geist weiß nur von Jesus. Etwas anderes weiß der arme Heilige Geist nicht. So hat Luther einmal in einer Pfingstpredigt gesagt. Er kennt nur Jesus als den Gekreuzigten. Nicht unsere großen Leistungen sind es, die uns vor Gott wieder in Ordnung gebracht haben, sondern sein Kreuz. Das ist das Zentrum des Ärgernisses, von dem Paulus hier schreibt. Das kann der natürliche Mensch nicht verstehen, und das will er auch nicht, denn er meint, er müsse selbst etwas leisten. Der natürliche Mensch kann nicht von dem Geschenk Gottes leben. Doch das lehrt uns der Heilige Geist, dass wir leere Hände haben, wenn wir vor Gott stehen. Wer das nicht nur äußerlich im Kopf gelernt hat, sondern wirklich glaubt und lebt, der ist vom Heiligen Geist geleitet. Unsere Armut und Not und Schuld, dagegen Gottes Reichtum, seine Gaben und seine Reinheit, das ist die göttliche Weisheit, die wir erfassen sollen, oder besser, die uns erfasst und hineinzieht in die Nähe Gottes mit unwiderstehlicher Gewalt, und mit uns andere.

„Als sie das hörten, ging‘s ihnen durchs Herz“. Das wird von den Zuhörern am ersten Pfingsttag berichtet. Und sie fragten: „Was sollen wir tun?“ Pfingsten setzt in Bewegung und hinterlässt tiefe Spuren im Leben der Menschen und der Gesellschaft.

Manchmal sind die Spuren gar nicht weltbewegend. Sondern sie wirken sich nur im kleinen Bereich aus. Aber sie bedeuten für unser Leben etwas.

Ein Freund hat erzählt: Beim Heimfahren hatte er wie einen inneren Impuls. Fahr‘ doch nicht die gewohnte Strecke, sondern eine andere. Er tat es. Dann fand er seine Frau mit den Kindern unterwegs. Etwas verzweifelt. Sie hatte den Bus nicht erwischt und hatte es zu Fuß versucht, mit kleinen Kindern. Es war Winter. Tief eingeschneit und durchgefroren. – Warum sollte Gott nicht seinen Kindern solche Impulse geben?

3. Der Heilige Geist lehrt uns Gewissheit
„Wir aber haben Christi Sinn.“ Der letzte Satz könnte überheblich klingen. Aber Paulus weiß, dass er die Weisheit Gottes nicht von sich aus besessen und auch nicht erworben hat, sondern als Geschenk erhalten. Und er behauptet das auch von allen, die zu Christus gehören. Sie kennen den Weg Gottes, weil sie von ihm erfasst sind. Anfechtungen sind hier nicht ausgeschlossen, sondern sie bleiben das Kennzeichen der Nachfolge Jesu, wie sie Paulus besonders im 2. Korintherbrief beschreibt. Doch die Anfechtungen sind der Ausdruck unserer Schwachheit, die um so mehr auf das Eintreten Gottes für uns hinweisen. Unsere Gewissheit ruht darum gerade nicht auf eigener Stärke, sondern auf der Zuverlässigkeit Gottes. Darum leben wir in seiner Gewissheit, die uns trägt, die für uns eintritt und die unsere Armut reich macht.

So lehrt uns der Heilige Geist unterscheiden, entdecken und gewiss sein. Amen!
 

(Pfr. Dr. Karl Knauß)                          

  

 

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