Gottesdienst am Himmelfahrt, 25. Mai 2006, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über Kolosser 3, 1-4.

1 Seid ihr nun mit Christus auferstanden, so sucht, was droben ist, wo Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes. 2 Trachtet nach dem, was droben ist, nicht nach dem, was auf Erden ist. 3 Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit Christus in Gott. 4 Wenn aber Christus, euer Leben, sich offenbaren wird, dann werdet ihr auch offenbar werden mit ihm in Herrlichkeit.

Als der römische Kaiser Julian Apostata starb, soll er ausgerufen haben: „Du hast gesiegt, Galiläer.“ Die Begebenheit wird in einer Legende berichtet. Es war am Abend einer Schlacht der Römer gegen die Perser im Jahr 363. Das ist zwar schon lange her. Aber es war doch von großer Bedeutung für den Fortgang Europas.

Kaiser Julian hatte in den zwei Jahren davor mit großer Umsicht, mit Schläue und mit Härte die Christen aus allen öffentlichen Aufgaben verdrängen wollen. Sein eigentliches Ziel verfolgte er immer offener: Das Heidentum sollte wieder zur Staatsreligion werden. Es war im letzten halben Jahrhundert mehr und mehr in den Hintergrund getreten. Das Christentum hatte immer größere Kreise der Bevölkerung erfasst. Es war damals noch nicht Staatsreligion. Es hatte seinen Einfluss nicht durch Machtmittel bekommen, sondern hauptsächlich durch die große Glaubwürdigkeit der lebendigen Zeugen, der Christen. Sie waren anders als die anderen.

Der Kaiser versuchte das Christentum wieder als rückständige Religion zu verdrängen und setzte alle Hebel dazu in Bewegung. Deswegen hat man ihm in der Geschichte den Beinamen „der Abtrünnige“ gegeben. Sein Versuch misslang, das Heidentum wieder aufzurichten. Er war noch nicht lange Kaiser geworden, da musste er gegen die Perser in den Krieg ziehen und kam dort zu Tode.

Wir glauben es und sind überzeugt, dass Jesus Christus der Herr ist im Himmel und auf Erden. So sagen wir es im Glaubensbekenntnis. So bezeugen es die Schriften des Neuen Testaments. Seine Herrschaft ist trotzdem immer noch verborgen. Wir können sie nicht vor aller Augen beweisen. Aber alle werden es einmal sehen und bekennen.

Gewiss ist es für viele ein Anstoß, dass es jetzt noch gar nicht sichtbar ist. Der Augenschein spricht sogar eigentlich dagegen. Warum lässt er denn seinen Gegnern in dieser Welt so viel Macht und Einfluss? Warum setzt er nicht Zug um Zug seinen Willen überall durch? Warum hat er nach seiner Auferstehung und Himmelfahrt nicht sofort alle seine Widersacher entmachtet?

Es gehört zu unserem Glauben, dass wir damit leben müssen. Gott will im Verborgenen bleiben, die Machtstellung Jesu auch.

Der Predigttext beschreibt 3 Stationen:

1. Christus, zur Rechten Gottes
Schon in der Bibel wird die Himmelfahrt oft mit den Worten umschrieben, dass Christus zur Rechten Gottes sitzt. Das beginnt bereits im Alten Testament. In Psalm 110 heißt es: „Der Herr sprach zu meinem Herrn: »Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße mache.«“ Im Neuen Testament ist immer an diese Psalmstelle gedacht, wenn von Jesus gesagt wird, dass er zur Rechten Gottes sitzt. Die Himmelfahrt ist deshalb nicht in erster Linie ein Abschied von den Jüngern, sondern wichtiger ist seine Einsetzung in die Herrschaft, so wie es im 110. Psalm heißt. Keine alttestamentliche Stelle ist so oft im Neuen Testament zitiert wie dieser Vers. Jesus übt die Herrschaft Gottes aus. Und sie hat das Ziel, die Feinde Gottes zu beseitigen und sein ewiges Reich aufzurichten, vor allen sichtbar. Dort wird Frieden und Gerechtigkeit sein.

Das Beseitigen von Feinden hat für uns Menschen immer auch den Beigeschmack, dass die Feinde verletzt oder in die Flucht geschlagen oder getötet werden.

Aber bei Jesus Christus ist es so gerade nicht, jedenfalls nicht vor seiner endgültigen Offenbarung in Herrlichkeit. Sein Reich wird nicht ausgebreitet, indem er seine Gegner verjagt. Sondern statt dessen erleidet er eigene Demütigungen. Er lässt sich selbst verletzen. Er leidet, und seine Gemeinde leidet; aber nicht der Gegner.

Dennoch: Die Herrschaft Jesu hat das Ziel, seine Feinde zu beseitigen. Aber sie werden beseitigt, indem sie immer wieder siegen. Es sind sozusagen Pyrrhussiege. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem Christus in Herrlichkeit offenbar werden wird, erscheint es so, als würden seine Feinde zunehmend stärker. Aber je stärker sie anscheinend werden, desto näher kommen sie an ihr Ende. Das ist der Weg Gottes. Es ist kein Weg, wo er andere zwingt, sondern der Weg, wo er selbst duldet und leidet.

Konrad Duden hat im Jahr 1880 sein berühmtes Wörterbuch der Deutschen Sprache herausgegeben. Später versuchte er, für die Rechtschreibreform (1901) die relativ komplizierten Regeln zu vereinfachen. Die Eingriffe waren durchaus drastisch. So hatte Duden z.B. geplant, für Wörter, die aus dem Griechischen stammten, überall das th durch ein einfaches t zu ersetzen. Als Wilhelm II. diese Reformvorschläge durchblätterte, entdeckte er Tron mit einfachem t. Es wird berichtet, dass er wutentbrannt mit roter Tinte an den Rand geschrieben habe: „An meinem Thron wird nicht gerüttelt!“ Das th blieb seitdem stehen.

Irdische Herrscher haben Angst um ihre Macht. Und es wirkt ein wenig kurios, dass man sich sogar durch Rechtschreibregeln in seiner Macht eingeschränkt fühlen kann.

Christus hat das nicht nötig. Niemand kann ihm seinen Thron wegnehmen. Er ist für immer eingesetzt. Deshalb dient alles, was seine Feinde gegen ihn unternehmen, nicht seiner Beseitigung, sondern ihrem eigenen Untergang. Christus kann warten, bis Gott ihm alle Feinde zu seinen Füßen legt.

Das soll uns Zuversicht geben, Zuversicht auch vor dem Hintergrund der Angst, die viele Menschen vor der Zukunft haben. Weder die römischen Kaiser konnten ihn beseitigen, noch die Diktatoren des 20. Jahrhunderts. Wo einst die atheistischen Ideologen herrschten, blühen heute wieder christliche Gemeinden. Auch die religiösen Fanatiker unserer Zeit werden Christus nicht seine Herrschaft rauben können.

2. Christus in uns
Zu dem Prediger Spurgeon soll nach einer Predigt einmal ein junger Mann gekommen sein. Er sagte, dass er eigentlich Christ werden wolle; aber nicht sofort. Denn er wolle vorher noch etwas von seinem Leben haben.

Spurgeon antwortete: „Sie sind sehr anspruchslos! Etwas vom Leben zu haben, das wäre mir zu wenig. Das ganze Leben will ich haben. Das haben wir nur in Christus.

Die landläufige Meinung ist so, wie er junge Mann sie vorgebracht hatte: Christus sei eine Einschränkung für unser Leben.

Aber von einer Einschränkung wird in der Bibel nicht gesprochen, sondern vom Gegenteil. Denn in ihm liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis (Kol 2,3). Er ist unser eigentlicher Lebensinhalt.

Das Ziel unseres Lebens soll deswegen auch nicht auf irdische Dinge gerichtet sein. Wir sollen nicht das zu unseren Zielen machen, was doch nur dem Tagesgeschäft dient. Doch die langfristige Perspektive ist auf Gottes Ziele hin ausgerichtet.

Es gibt einen einfachen Kanon: „Ein Maulwurf hört in seinem Loch ein Lerchenlied erklingen, und denkt bei sich, wie kann man nur so fliegen und so singen!“

Es ist nicht zu erstaunlich, dass wir Christen mit unserer Art zu leben auf Unverständnis stoßen. Das ist nicht zu ändern. Einem Maulwurf kann man nicht beibringen, dass das Fliegen erstrebenswert sei. Der Maulwurf wird es nie können. Er wird seine wesensmäßige Gewohnheit beibehalten und weiter seine Gänge unter dem Boden graben. So können wir auch nicht meinen, die christliche Lebensart müsse doch unbedingt für alle einleuchten. Wir werben auch nicht in erster Linie für eine Lebensart und Verhaltensweise. Sondern wir rufen in die Nachfolge unseres Herrn. Wo Jesus Christus mit Menschen ein Leben angefangen hat, das gibt es Auswirkungen.

Zu diesen Auswirkungen gehört, dass Christen ganz natürlicherweise die Art Christi nacheifern wollen, dass sie die Ziele anstreben, die er lebte, dass sie für sein Reich da sind.

3. Christus vor aller Augen
Die Herrschaft Christi ist jetzt noch verborgen. Aber er wird sie einmal vor aller Augen offenbar und sichtbar machen. Ohne dieses Ziel hätte unser Leben keinen Sinn.

Paulus sagt in 1. Korinther 15 (V14): „Ist Christus nicht auferstanden, so ist unsere Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich.“ Und kurz danach: „Hoffen wir allein in diesem Leben, so sind wir die elendesten unter allen Menschen“. Man könnte es auch mit den Worten des heutigen Predigttextes formulieren: „Wenn die Herrlichkeit Christi nicht erscheinen würde, dann wäre unser Glaube sinnlos.“

Doch daraufhin leben wir, dass das, was wir jetzt nur wissen und glauben, überall sichtbar wird, und dass alle Feinde Gottes vor ihm in die Knie gehen müssen. Dann wird die Himmelfahrt zu ihrem Ziel gekommen sein. Amen!

(Pfr. Dr. Karl Knauß)                          

  

 

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