Gottesdienst am Rogate, 21. Mai 2006, in Wilhelmsdorf um 9.00 Uhr, Predigt über Kolosser 4, 2-6.

Vor ein paar Tagen war ein Gespräch; einige Jugendliche und einige Erwachsene aus unserer Gemeinde. Eigentlich ging es um den Gottesdienst. Was bringt Jugendliche zum Gottesdienst? Was ist für sie wichtig usw. Mir hat sich tief eingeprägt, dass die Jugendlichen eigentlich das Gespräch mit den älteren Generationen suchen. Sie sind dankbar, wenn es da Brücken gibt; wenn man aufeinander zugehen kann; wenn man Verständnis füreinander hat.

Dann haben wir die Bibelstelle aufgeschlagen, die heute als Predigttext dran ist. Es geht ums Beten. Wir hatten dann ein Aha-Erlebnis: Wir sollten mehr füreinander beten, Jüngere für die Älteren und die Älteren für die Jüngeren.

2 Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung! 3 Betet zugleich auch für uns, dass Gott uns eine Tür für das Wort auftue und wir das Geheimnis Christi sagen können, um dessentwillen ich auch in Fesseln bin, 4 damit ich es offenbar mache, wie ich es sagen muss.
5 Verhaltet euch weise gegenüber denen, die draußen sind, und kauft die Zeit aus. 6 Eure Rede sei allezeit freundlich und mit Salz gewürzt, dass ihr wisst, wie ihr einem jeden antworten sollt.


Es ist ein kleines Land in Südamerika: Surinam. Die Menschen leben in einfachen Verhältnissen. Die Hütten in den Dörfern bestehen oft nur aus einem einzigen Raum. Die Christen suchen sich meistens einen Platz im Wald, um ungestört beten zu können. Die Wege dorthin wurden durch die häufige Benutzung zu ausgetretenen kleinen Pfaden. Eines Tages sagt ein Dorfbewohner zu seinem Nachbarn: „Du, auf deinem Gebetsweg wächst langsam das Gras!“

Wir müssen immer wieder ans Beten erinnert werden, damit kein Gras auf unserem Gebetsweg wächst, oder dass es nicht überhand nimmt. Es gehört zu unserem geistlichen Leben wie das Atmen für unseren Körper. Paulus erinnert uns daran: Wer Christ ist, betet.


Als anschauliche Gliederung verwende ich 3 Gebrauchsgegenstände: Wecker, Schlüssel, Wörterbuch

1. Das Gebet - ein Wecker für Christen
Die meisten Menschen brauchen einen Wecker, wenn sie morgens pünktlich aufstehen wollen. Wenn der Wecker klingelt, dann heißt es: Der Tag fängt an!

Am Beten merken wir, ob wir in unserem Glauben noch wach genug sind. Wenn unser Gebet lebendig ist, dann ist auch unser Glaubensleben aktiv. Sind wir mit unserem Gebet am Ende, dann leidet auch unser Glaube. Kurz: Wie es mit unserem Glauben steht, das wird durch unser Gebet signalisiert. Darum sollten wir uns selbst wachrütteln oder wachrütteln lassen, wenn wir mit dem Beten Probleme haben. Wenn wir beten, dann wird unser Glaube aktiv. Wer am Steuer einschläft, hat das Auto nicht mehr im Griff.

Paulus meint das mit dem Wachen im Gebet aber noch anders: Das Beten ist in den Zeiten dran, wenn Ruhe ist, wenn der Umtrieb des Tages uns nicht ablenkt, etwa morgens oder abends, oder zu festgelegten und überkommenen Gebetszeiten. Diese Regel gilt für Christen nicht nur im Kloster oder in Christlichen Lebensgemeinschaften. Auch als einzelne oder in der Familie oder in unseren Gebetskreisen sollen wir beten.

Wacht im Gebet: Das erinnert an die Tätigkeit des Wächters. Er passte früher auf, ob irgendwo Feuer ausbricht, ob ein Einbrecher am Werk ist oder ob sich Feinde nähern. Der Wächter wendet Gefahren ab. Das Beten ist wie ein Alarmsystem, ein Seismograf für unser Leben. Wir werden beim Beten auf Gefahren aufmerksam. Wenn unser Gebet versickert, geht uns die Wachheit nach und nach verloren.

Die Christen hatten sich von Anfang an auch an feste Gebetszeiten gehalten; meist morgens, mittags und abends. Dabei hatte sowohl das festgeprägte Gebet seinen Platz, vor allem die Psalmen, als auch das freie Gebet (für Kranke, für Menschen in Not, für die Gemeinde, für Diakonie und Mission, für Politiker und ihre Aufgaben). Beides hat seinen Sinn: Das geprägte Gebet kann unser Gebet weiter machen und von dem Kreisen um die immer gleichen eigenen Gedanken in die Weite führen. Das freie Gebet kann uns von der starren Unbeweglichkeit lösen und das Gespräch mit Gott direkter machen. Es ist nicht so wichtig, welchem von beiden wir mehr folgen. Wichtig ist vielmehr, dass es echt ist.

Leider sind feste Gebetszeiten zunehmend in Vergessenheit geraten (u.a. durch modernes Arbeitsleben). Aber in lebendigen Kirchen ist das gemeinsame Gebet ein wichtiges Kennzeichen.

Vor etwa 30 Jahren habe ich die betende Kirche in Süd-Korea erlebt. In vielen Gemeinden ist es normal, dass von Samstag auf Sonntag die Nacht durchgebetet wird. Die Kirchen können die Christen nicht fassen. Ähnliches wird auch heute berichtet. Inzwischen hatte das im Land und außerhalb große Auswirkungen. Die Gemeinden haben eine große missionarische Kraft. Heute gibt es dort etwa 25% Christen, fast so viel wie Buddhisten, die einst zusammen mit dem Taoismus und dem Ahnenkult bestimmend waren. Die große missionarische Kraft hat mit dem intensiven Gebetsleben der Christen zu tun.

Wir sehnen uns nach einer neuen Kraft zum Beten. Es geht dabei nicht um einen Wettbewerb und es geht nicht um fromme Leistung. Aber es geht um eine Quelle geistlichen Lebens, die auch für uns da ist. Wir dürfen als Kinder unseres Vaters im Himmel zu ihm kommen und mit ihm reden.

2. Das Gebet - ein Schlüssel für verschlossene Türen
Vor kurzem war ich ja in Amerika, um unsere Kinder und Enkel zu besuchen. Eines abends ruft mich meine Frau an. Sie hatte den Schlüssel verloren, genauer gesagt, einen Ring mit Autoschlüssel, Hausschlüssel und noch anderen Schlüsseln. Sie war durch das ganze Haus gefegt, überall hat sie - zunehmend nervös - nach dem Schlüssel gesucht; schließlich auch in der Mülltonne und im Gelben Sack. Nichts zu finden. Und in dieser Verzweiflung rief sie an. Ich habe sie alle die Stellen durchgefragt, wo sie in den letzten ähnlichen Fällen den Schlüssel hingelegt hatte (auf dem Nachttisch, auf diesem und jenem Tisch, in den Schubladen); aber vergeblich. Er war einfach nicht zu finden. Am nächsten Tag hat sie ihn dann gefunden. Er war doch in einer Schublade. „Sag mal,“ fragte hinterher jemand, „hast du eigentlich einfach nur gesucht, oder hast du auch gebetet.“ - Ich weiß nicht mehr, ob wir gebetet hatten.

Aber die Geschichte ist wie ein Gleichnis fürs Gebet. Wenn man den Schlüssel verloren hat, kommt man nicht mehr in die entsprechenden Türen oder man kriegt das Auto nicht mehr auf und nicht mehr an.

Manche Eltern haben den Schlüssel zum Herzen ihrer Kinder verloren. Kinder zu ihren Eltern; mancher auch zu anderen Mitmenschen!

Menschen sind manchmal wie verschlossene Türen. Im normalen menschlichen Gespräch; oder auch, wenn wir ihnen Gottes Angebot weitergeben wollen.

Für Paulus steht fest: Gott ist es, der die Türen auftut. Nicht Zufall. Schauen wir nicht so sehr auf die Zeitläufe oder auf das gesellschaftliche Klima. Wir machen oft an diesen Überlegungen herum: Unter welchen Bedingungen können wir gehört werden. Natürlich ist das auch nicht vernachlässigbar. Aber das wichtigste fällt bei uns leicht unter den Tisch: Gott ist es, der Türen öffnet. Im Gottesdienst, im Gespräch in der Gemeinde. Ihn darum bitten ist keine Nebensache.

Paulus redet aus eigener Erfahrung. In der Apostelgeschichte wird berichtet, wie er in Kleinasien herumreiste und das Evangelium von Jesus weitersagen wollte. Aber dann verwehrte ihm der Heilige Geist die Weiterreise in die geplante Richtung. Statt dessen sah Paulus in der Nacht in einer Vision einen Mann auf der anderen Seite der Meerenge stehen, der rief ihm zu: „Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns!“ Paulus war gewiss, dass Gott ihn dort haben wollte. Er versuchte sofort, diesem Wink nachzugehen. Dann erlebte er, wie Gott Türen auftat. Menschen fanden zum Glauben an Jesus, unter ihnen auch die Purpurhändlerin Lydia. So fing es an in Europa. Unaufhaltsam ging die Botschaft von Jesus weiter. Unzähligen machte er das Leben neu. Gott hatte die Türen dazu geöffnet.

Aber betende Menschen machen auch heute ähnliche Erfahrungen. Ich habe in meinem eigenen Leben grundlegende Weichenstellungen aufgrund von Gebetserfahrungen erlebt. Ich habe Studienpläne und Lebenspläne geändert.

3. Das Gebet - ein Wörterbuch für Gottes Geheimnisse
Auch Menschen müssen miteinander reden, wenn sie einander verstehen wollen. Etwa in einer Ehe. Untersuchungen haben gezeigt, dass Ehepartner im Durchschnitt etwa 3 Minuten täglich miteinander reden, etwa die gleiche Zeit, wie nach Umfragen Christen täglich beten.

Doch das Beten schließt uns Gottes Art auf. Denn Gott denkt oft durchaus anders als wir uns vorstellen. Er zeigt uns Wege, die nicht unmittelbar einleuchten, ja die vielleicht sogar als dumm erscheinen. Wie soll man denn den Menschen die Geheimnisse Gottes erklären, wenn man sie selbst nicht versteht? Uns sind ja die Geheimnisse Gottes meist verschlossen. So können wir sie nur in enger Bindung an ihn weitergeben und für uns selbst erfassen.

Die holländische Evangelistin Corrie ten Boom erzählt uns, wie sie mit ihrer Schwester Betsi ins KZ Ravensbrück kam, in eine Baracke, in der es vor Flöhen nur so wimmelte. Sie hatte aus der Bibel gelernt: „Saget Gott Dank allezeit für alles!“ Aber für KZ und Flöhe danken? Am Ende glaubten sie mehr dem Wort Gottes als ihren Erfahrungen. Und was so widersinnig schien, machte am Ende Sinn. Die Wachmannschaften hatten keinen gesteigerten Drang, in diese eine Baracke hineinzugehen, wegen der Flöhe. Die Schwestern hatten eine unerwartete Freiheit bekommen. Und die nützten sie weidlich aus, auch dazu, den mitgefangenen Frauen das Evangelium zu verkündigen und ihnen aus der Bibel vorzulesen und mit ihnen zu beten: „Danke für die Flöhe!“

„Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung“. Wer wach ist, betet. Wer betet, hält die Verbindung.

Nehmen wir das Beten nicht als Pflichtübung, sondern als Wecker, als Schlüssel und als Wörterbuch für Gottes Geheimnisse. Amen!
 

(Pfr. Dr. Karl Knauß)                          

  

 

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