Gottesdienst
15. Mai 2006, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr
Es gab einmal eine Zeit, da fielen Christen
unter den Radikalenerlass. Sie hatten Rede und Demonstrationsverbot. Sie
durften kein öffentliches Amt bekleiden. Statt dessen wurden sie von
Sicherheitsbeamten verprügelt und kamen immer wieder ausgiebig in
Untersuchungshaft und, wie unser Predigttext berichtet, sogar in den
Hochsicherheitstrakt. Dort steckte man sie in den Block, in ein
Folterinstrument, dass jede Bewegung un-möglich macht. Und damit gar
nichts mehr passieren konnte, haftete der verantwortliche Sicherheitsmann
mit seinem Leben für die Gefangenen.
Das alles war auch nach römischem Recht nicht ganz legal. Jemand so zu
behandeln ohne ordentliches Gerichtsverfahren. Aber die Sicherheit des
Staates verlangt zu allen Zeiten in schwierigen Fällen schon mal
besonderes Vorgehen.
Und Christen, wie Paulus und Silas waren ein schwieriger Fall. Nichts
brachte sie davon ab, ihre Botschaft zu verkünden, mitten auf der Straße
und unter Provozierung von Menschenaufläufen und unerwünschten
Versammlungen. Sie predigten über einen Jesus von Nazareth, der der
Christus, der Sohn Gottes sein ist. Sie predigten darüber, weil sie am
eigenen Leib erfahren haben, wie gut die Beziehung zu Jesus tut, wie
erneuernd, wie verwandelnd, wie befreiend. Und sie predigten, das man
diesem Christus folglich mehr gehorchen sollte, als den Menschen. Und für
einen solchen Menschen hielten sie auch den göttlichen Kaiser von Rom. Die
Christen waren damals ein schwieriger Fall.
Obwohl es 1000 gute Gründe gäbe, als Christ kein schwieriger Fall zu sein.
Sondern nur noch angepasst, brav, geschmeidig, zu allem Ja und Amen
sagend, alles und alle zu tolerieren, zu dulden. Christen, so sehen wir es
an Paulus und Silas, sind un-bequeme Leute, die kein Blatt vor den Mund
nehmen, sondern Risiko bereit, am Wort und der Wahrheit orientiert, in der
Gesellschaft hinweisen auf das Erlösungsbedürftige, auf das Notwendige,
auf das Hilfsbedürftige, auf die Übersehenen, das Übergangene, das
Verlorengegangene. Nicht als Nörgler. Nicht als die Sozialkritiker.
Sondern als die Freudenboten, die gute Botschaft verkündigen vom Heil und
von der Erlösung, von der Befreiung durch den gekreuzigten und
auferstandenen Christus. Paulus traut sich nicht etwas anderes zu
erzählen, als das, was Christus an ihm getan hat. Er malt den anderen
Christus groß vor Augen. Auch auf die Gefahr hin anzuecken und im
hintersten Eck des Gefängnisses zu landen. Auch auf das Risiko hin, sich
in sehr unbequemer Lage wiederzufinden. Einge-schlossen im Block hat man
gerade noch die Freiheit, mit dem Hintern etwas hin und her zu rutschen.
Aber auch in dieser Situation, im hintersten Verliess, bleiben Paulus und
Silas ein schwieriger Fall. Sie verhalten sich nicht, wie normale
Gefangene. Kein Schreien, kein Fluchen, keine Parolen, keine dumpfe Stille
und auch nicht, was uns so schnell auch in einer Krisenzeit einfallen
würde: Not lehrt beten. und dann betet man: Lieber Gott, wenn es Dich
gibt, dann mach dies und das und bitte ganz schnell, dann will ich auch an
Dich glauben und Dir danken, und dies und das tun...
Nein, ein solches jämmerliches und vom Jammer erfülltes Gebet hallt nicht
durch die Gefängnismauern der Stadt Philippi. Die Not ist doch kein so
überragender Lehrmeister in Sachen Gebet, wie der Volksmund behauptet.
Beten will nicht erst in Notzeiten gelernt sein. Es könnte eher sein, dass
man in Notzeiten feststellt, dass man es gar nicht kann, das Beten.
Damit soll nicht gesagt sein, dass Gott nicht auch das jämmerlichste Gebet
erhört. Aber das Gebet, das die Not des Paulus und Silas wendet ist
anders. „Um die Mitternacht aber beteten sie und lobten Gott.“
Sie beten und loben Gott, obwohl es 1000 gute Gründe gäbe, warum einem die
Lust und Laune zum Loben vergehen könnte.
Grund für die verlorene Lust zum Loben könnte sein, dass sich meine eigene
Situation, meine eigene Verfassung so aufgespielt und in der Vordergrund
gespielt hat, dass Gott in den Hin-tergrund geriet. Man sieht nur noch auf
sich selber und nicht mehr auf den, der über allen Dingen steht und die
Fäden in der Hand hat. Die Lust zu loben vergeht, wenn ich meine Probleme
ernster nehme als Gott. Wenn sie größer werden als Gott. Pau-lus und Silas
hätten ihre Probleme sehr ernst nehmen können. Und die Probleme waren ja
auch wie geschaffen dafür. Aber sie nahmen ihren Gott ernster als den
Ernst der Lage. Sie lobten den Gott, der über allem steht und regiert.
Gerade angesichts einer Welt, an der es viel zu tadeln und oft wenig Grund
zum Loben gibt. Gerade deshalb: Lobt Gott. Betet und lobt Gott in die
finsteren Winkel euerer Welt und euerer Herzen hinein. Im Lob Gottes wird
seine Herrschaft ausgerufen. Im Gegensatz zu so manchem Bittgebet, dass
zeigt: Hier nimmt sich ein Beter in all seinem Leiden unheimlich ernst.
Hier wird das Böse und Schlimme ernst genommen. Ein solches Gebet sagt:
Das, was unser Leben bedroht und gefährdet ist unheimlich stark! Das Lob
des Paulus und Silas im finsteren Kerker dagegen, nimmt nicht den Kerker,
sondern Gott ernst. Es singt davon, dass die rettende und befreiende Macht
Gottes unheimlich ernst zu nehmen ist. Johann Franck in seinem Choral
"Jesu meine Freude" geschrieben: Tobe, Welt und springe; ich steh hier und
singe in gar sichrer Ruh. Gottes Macht hält mich in acht, Erd und Abgrund
muß verstummen, ob sie noch so brummen! Wie Bonhoeffer in den KZ-Wänden:
Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen
mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen, und ganz gewiss an jedem
neuen Tag.
Wie anders der Kerkermeister, der dieses Vertrauen nicht hat. Der keinen
Gott hat, den er um Hilfe anrufen kann. Den ernster nehmen kann als den
Ernst der Lage. Für den Kerkermeister und für viele mit ihm gibt es 1000
gute Gründe, sich das Leben zu nehmen. Für den Kerkermeister bot sich eine
verzweifelte, verfahrene Situation dar. Als er sah, was vorgefallen war,
begann eine Negativspirale in seinem Kopf. Er hatte nicht nur ein Bild des
Schreckens vor Augen. Es lief ein Film des Schreckens in seinem Kopf ab,
ohne dass auch nur das kleinste davon Wahrheit und Wirklichkeit wäre. Als
sah er im Film des Schreckens, dass alle Gefangenen entflohen wären. Dann
hätte er als Kerkermeister mindestens seinen Job verlorenen. Ohne Job kein
Geld. In dem Alter nimmt ihn auch keiner mehr. Und als arbeitsloser wäre
er bald ein wohnsitzloser. Und was ist dann mit seiner Familie. Wenn er
für Frau und Kinder nichts mehr tun kann. Und wahrscheinlich hätte ihn ein
Arbeitsgericht eh zur Todesstrafe verurteilt. Also: 1000 gute Gründe hätte
es gegeben, sich das Leben zu nehmen. Zum Glück waren Paulus und Silas
noch da. Denn Christen werden gerade in dem Moment gebraucht, wo andere am
Leben total verzweifeln. Wo andere allen Lebensmut verloren haben. Wo sie
sich das Leben nehmen wollen. Da werden Christen dringend gebraucht.
Keiner verlässt das sinkende Schiff, denn jetzt hier wird die Hilfe
gestandener Christen gebraucht, damit den Kerkermeister nicht das gleiche
Schicksal, wie seinen Kerker ereilt. Und die Christen und der Christus
sind dann auch die Rettung für den Kerkermeister! Und er quittiert die
Hilfe mit seiner Taufe. Und mit der Taufe macht er deutlich: dieser
Christus rettet auch mein Leben. Mit diesem Christus sterbe ich und lebe
ich. Mit diesem Christus habe ich neues Leben und bin befreit von allen
Altlasten. Und dieser Christus verändert sogar die ganze Familie des
Kerkermeisters. Sie alle freuen sich nämlich, dass sie zum Glauben an Gott
gekommen waren.
Wer hätte das gedacht: im Hochsicherheitstrakt, kann man sich vor allem
sicher sein, nur nicht vor Christus. Aber man kann sich sicher sein: Im
finstersten Verliess verliess Christus nicht und niemand. Mitten im
inneren Erdbeben des Kerkermeister, begegnet Christus in Form seiner
Botschafter an Christi statt und er lässt sich versöhnen und verwöhnen.
Freiheit statt Freitod. Eine Ermutigung zum Leben. Wer hätte das gedacht.
Obwohl es 1000 gute Gründe gäbe, sich das Leben zu nehmen!
1000 Gründe, kein schwieriger Fall zu sein, 1000 Gründe, loben und beten
zu vergessen, 1000 Gründe, um sich das Leben zu nehmen. Ich wünsche uns, 1
Grund gefunden zu haben, um Gott ernster zu nehmen, als den Ernst der
Lage.
(Pfr. Heiko Bräuning)