Gottesdienst am Miserikordias Domini, 30. April 2006, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über 1. Petrus 5, 1-5.

Bekanntlich können viele in unserer Bevölkerung mit Ostern und Weihnachten nichts anfangen. Was soll man dann vom heutigen Sonntag erwarten. Weiß jemand, wie er heißt? (Nicht Theologen!) Die evangelische Kirche hält zäh am lateinischen Namen fest: Misericordias Domini, d.h. Barmherzigkeit des Herrn. Mit diesem Sonntag ist immer das Thema des Hirten verbunden. Aber denken Sie nicht an einen Schäfer, der mit seinen Schafen unterwegs ist.

Ein Begriff, der die gemeinte Aufgabe heute in etwa wiedergibt, ist Manager. Aber wir denken bei Manager hauptsächlich an Leute in der Wirtschaft und Verwaltung; Menschen mit Verantwortung, die Entscheidungen zu treffen haben, die Leitungsaufgaben haben.

1 Die Ältesten unter euch ermahne ich, der Mitälteste und Zeuge der Leiden Christi, der ich auch teilhabe an der Herrlichkeit, die offenbart werden soll: 2 Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist; achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt; nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund; 3 nicht als Herren über die Gemeinde, sondern als Vorbilder der Herde. 4 So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unvergängliche Krone der Herrlichkeit empfangen.

5 Desgleichen ihr Jüngeren, ordnet euch den Ältesten unter.
Alle aber miteinander haltet fest an der Demut; denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.

In unserem Individualismus betonen wir heute die Interessen des einzelnen mehr als die der gesamten Gemeinschaft. Aber gerade in dieser unserer Zeit mit den vielen Privatinteressen gibt es eine unüberschaubare Menge von Menschen, die krank geworden sind vor Sinnlosigkeit. Sie wissen nicht, wie und wo sie sich orientieren sollen. Man wird fast unwillkürlich an das Wort Jesu erinnert, dass die Menschen seiner Zeit verschmachtet und zerstreut gewesen seien wie Schafe, die keinen Hirten haben (Mt.9,36). Was haben wir Christen an ihnen versäumt!? Jesus wollte und will nicht, dass man die Menschen in ihrem Elend lässt, auch wenn sie es sich selbst gewählt haben.

Es geht also um die Leitung, vor allem um die Leitung in Gemeinde und Kirche.

1. Dienstanweisung für Mitarbeiter
2. Motiv des Dienstes
3. Kennzeichen des Dienstes

1. Dienstanweisung für Mitarbeiter
Die Mitarbeiterin in einer Beratungsstelle hatte viel mit den Problemen junger Menschen zu tun. Sie hat über ihre Erfahrungen bei der Beratung junger Menschen einmal gesagt: „Wenn sie ins Zimmer eintreten, dann sind sie sicher und selbstbewusst, so sehr ichbezogen, dass ich mich frage, ob sie sich nicht an der Tür geirrt haben. Aber wenn sie dann vor mir sitzen, wenn so ziemlich alles heraus ist, dann sitzt vor mir ein Bündel Elend, ein so hilfloser Mensch, dass es mich erbarmt [Dr. Hans Weber, Lektorenpredigt z. 17. April 1988].

Wenn Anleitung, Hilfe und Begleitung im Leben fehlen, dann spielen sich Menschen gerne so auf. Sie tun so, als hätten sie für ihr Leben klare Vorstellungen und Ziele. Doch innerlich sind sie oft orientierungslos. Manche begeben sich gerade deshalb etwas verzweifelt in die Hände von autoritären Führern in religiösen Gruppen oder in anderen Gruppen.

Vor einiger Zeit ging mir der Werbeprospekt für ein Buch ins Haus: „Cassie. Sie sagte Ja und musste uns viel zu früh verlassen.“ Es ist die Geschichte eines Mädchens, die aus einer okkulten Sekte ausgestiegen war und zum Glauben an Jesus gefunden hatte. Sie wurde dafür von den Anhängern ihres Gruppe ermordet [Misty Bernall. Cassie. Sie sagte Ja und musste uns viel zu früh verlassen, Brunnen-Verlag, Gießen, 7. Aufl., 144 S, ISBN: 3-7655-3856-6].

Nur selten endet es so furchtbar - zum Glück! Aber wie viele Menschen werden alleingelassen auf der Suche nach einem Weg für das Leben. Nach einem Leben, das doch gelingen soll.

Ich habe keine Angst, dass Menschen eines Tages zu mir kommen könnten und sagen: Du hast deine Autorität mir gegenüber missbraucht. Du hast mir zu viel vorgeschrieben. Sondern ich fürchte eher, sie könnten kommen und sagen: Du hast gewusst, was für mich richtig ist. Warum hast du es mir dann nicht gesagt? Wo blieb deine Hilfe, als ich in die Irre ging?

In vielem müssen wir fast wie von vorne anfangen, Verantwortung gegenüber anderen Menschen richtig wahrzunehmen. Wir müssen lernen, wie das richtig geht. Hilfreich leiten. Wir müssen deswegen in vielem neu anfangen, weil Leitung lange unter dem Trauma einer missbrauchten Leitung stand. Fehlende Autorität ist genauso schlecht wie missbrauchte Autorität.

Und das ist eine Arbeit. Da sind nicht nur Pfarrer und Gemeindeleitung gemeint, sondern auch alle, die in der Jugendarbeit, als Mitarbeiter im Kindergottesdienst oder beim Besuchsdienst helfen, oder diejenigen, die Kranke besuchen. Und das gleiche gilt auch in der Familie. Ich weiß, dass es hier besonders schwer ist.

Uns allen ist gesagt: Stehe zu Deinem Auftrag! Sage denen, die Dir anvertrauten sind, was du ihnen sagen musst, und lebe selber danach.

Petrus sagt: Seid Vorbilder der Herde. Er mahnt uns gleichzeitig, dass wir sie nicht beherrschen sollen oder uns als Herren aufspielen. Und hier ist im Urtext das gleiche Wort benützt, das Jesus auch verwendet, um die gewaltsame Herrschaftstechnik der Könige zu beschreiben. „Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an.“ [Mk. 10,42; Matth. 20,25] Wir sollen nicht durch Druck und Herrschaft miteinander umgehen, sondern dienen.

Dienen heißt, sich um die Schwachen und Gefährdeten annehmen, sie aufrichten und ihnen helfen. Dienen heißt aber auch, dass man die, die sich in allzu großer Weise stark fühlen, darauf aufmerksam macht, wo sie sich verrannt haben. Es ist lieblos, jeden seinen eigenen Weg gehen zu lassen, auch wenn er in die Irre geht. Ich denke, dass geistliche Leiter sich heute mehr dadurch versündigen, indem sie ihrer Verantwortung ausweichen, nicht so sehr dadurch, dass sie mit ihrer Leiterschaft Menschen unter Druck setzen.

Deshalb gilt bei der Dienstanweisung für Mitarbeiter: Achtet aufeinander. Das bedeutet, Glaube und Leben des anderen in guter Weise zu begleiten und zu fördern.

2. Motiv des Dienstes
Darf man das sagen? Das Motiv unseres Dienstes sei, dass wir den ewigen Siegespreis bekommen, die unvergängliche Krone der Herrlichkeit.

Doch Petrus sagt es so. Und Jesus sagt es auch so, in dem Gleichnis von den anvertrauten Talenten: „Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude!“ [Matth. 25, 21.23]

Paulus benützt verschiedentlich das Bild des Wettkampfes für das Leben des Christen. Und das Ziel unseres Lebens ist der Siegespreis [1. Kor. 9,24; Phil. 3,14, Kol. 2,18]. So wie ein Sportler für den Sieg kämpft, so sollen wir dieses Ziel haben. Paulus redet nicht verächtlich von einem Sportler in seinem Bemühen um den Sieg. Sondern er sagt: Wie viel mehr wir, die wir doch einen unverwelklichen Siegeskranz haben. Der springende Punkt ist aber der: Es kostet Einsatz. Da muss man mit Energie dabei bleiben.

Viele Menschen denken heute, das ewige Leben gäbe es sozusagen im Sonderangebot oder gar zum Nulltarif. Doch es kostet Einsatz.

Das bedeutet nun für Mitarbeiter, dass sie ihre Aufgabe mit Energie wahrnehmen. Nicht aus Angst, und auch nicht aus einem Heilsegoismus. Sondern im Aufschauen auf den heiligen Gott. Jesus hat sich seinen Dienst für uns etwas kosten lassen, sogar sehr viel. Es darf uns auch etwas kosten. Wir sollen das Ziel im Auge behalten, für uns und für andere.

3. Kennzeichen des Dienstes
Der Psychologe Paul Watzlawick hat ein Buch geschrieben mit dem bissigen Titel: „Anleitungen zum Unglücklichsein.“ Er beschreibt darin Wege, wie man falsch leben kann, um sich ja das Leben kaputtzumachen und sich psychisch krank zu machen.

Zum Allgemeingut geworden ist daraus die Geschichte mit dem Hammer:
Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommen ihm Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? In Gedanken häuft er seine Zweifel zu einem großen Berg auf. Bald ist er sich ganz sicher über die Boshaftigkeit seines Nachbarn. Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch noch bevor er „Guten Tag“ sagen kann, schreit ihn unser Mann an: „Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!“

Was ist daran so komisch? - Unser guter Mann hat sich die Feindschaft seines Nachbarn nur eingebildet. Es wäre so einfach gewesen: nur hingehen und fragen, den Hammer mitnehmen und benützen.

Christen sind auch nicht davor gefeit, dass sie sich selbst auch fertig machen. Frei nach dem Motto: „Habe Misstrauen gegen jedermann.“ Das ist der sicherste Weg, selbst unglücklich zu werden und die andern mit unglücklich zu machen.

Doch statt dessen hat Gott hat in der Gemeinde den Dienst der Leitung und das Vertrauen ihm gegenüber gewollt, um uns vor solchen Dummheiten zu bewahren; und vor allem, damit in seiner Gemeinde vertrauendes Leben entstehen kann, Wachstum und Aufbau.

Das Hauptkennzeichen des Dienstes ist die Demut.
In der Gemeinde gibt es viele Aufgaben und Dienste. Sie sind etwas wert. Und wir dürfen ihren Wert anerkennen. Wir sollen uns gegenseitig in unseren Fähigkeiten aufbauen und uns nicht selbst voranstellen wollen.

Zu den Kennzeichen gehört: „Ein Dienst von Herzensgrund.“ Das kommt von innen heraus. Wir dürfen und sollen uns selbst prüfen: Tue ich meine Aufgabe von innen heraus? Angetrieben durch die Kraft des Heiligen Geistes?

Ich wünsche uns, dass wir unsere vielfältigen Aufgaben so wahrnehmen. Am Ziel unseres Lebens hält Jesus den Siegeskranz für uns bereit. Amen!
 

(Pfr. Dr. Karl Knauß)                          

  

 

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