Domino-Gottesdienst am 17. April 2006 um 10.00 Uhr in Wilhelmsdorf

Lukas 24, 13ff Woher kommt der dritte Mann?

Es ist der 9. April im Jahr 30, später Nachmittag. Zwei Männer sind unterwegs von Jerusalem in ihren Heimatort. Der eine heißt Kleopas, vom anderen wird kein Name genannt. Sie kommen auch im Neuen Testament sonst nicht vor. Sollen wir sagen, es waren irgendwelche unbekannte Jünger. Aber das eine wissen wir: Für sie war eine Welt zusammengebrochen.

In drei Anläufen wurde uns die Geschichte vorgespielt. Jedesmal etwas anders. Einmal, so wie es wirklich war, die beiden anderen Male, wie es gekommen wäre, ohne den dritten Mann.

Hätte es sein können, dass sie allein bleiben? (2. Variante) So hatten sie es sich ja vorgestellt: Sie müssen mit der Geschichte, allein zurechtkommen.

Worüber haben sie geredet? - Lukas erzählt, dass sie über all die Ereignisse geredet haben. Natürlich über die letzten Tage. Aber da ist doch - aus ihrer Sicht - irgendetwas schiefgelaufen. Jedenfalls denken sie das noch so. Es hätte nicht so kommen dürfen. Hätte es nicht einen Ausweg gegeben? Vielleicht nochmal einige Monate ins Ostjordanland gehen, oder vielleich in den Norden, nach Tyrus u. Sidon? Sie waren doch schon mal dort. Den Pharisäern und den Hohenpriestern Zeit lassen. Die hätte man doch noch gewinnen sollen. Die hätten doch eigentlich erkennen müssen, dass Er von Gott geschickt ist. Und irgendwann - dann wäre die Stimmung umgekippt. Es wäre eine geistliche Erweckung ausgebrochen. Es war doch schon so nahe dabei. Die Leute hatten doch schon gejubelt: Hosianna, dem Sohn Davids.

Aber das alles ist nicht passiert. Keine Erweckung. Sie haben ihn gekreuzigt! Durch die Römer. Ein unvorstellbarer Gedanke, dass die Hohenpriester mit der römischen Besatzung zusammenarbeiten. Hat etwa Gott einen Fehler gemacht? Wie geht es denn weiter, wenn Gott offenbar einen Fehler gemacht hat? „Wir aber hofften, er würde Israel erlösen.“ Und von dieser Hoffnung ist nun nichts übriggeblieben.

Die biblischen Berichte übergehen nicht die 1 1/2 Tage der maßlosen Enttäuschung. Tiefe Depression. Niedergeschlagenheit. Lukas schämt sich nicht, das zu schildern. Immerhin sind die entsprechenden Personen später die Verantwortlichen in der Gemeinde. Untergräbt das nicht ihre Autorität, wenn man das alles erfährt?

Viele Menschen kennen das. Zusammenbruch von Illusionen. Pläne gibt es plötzlich nicht mehr. Du schnappst nach Luft. Du hast den Eindruck, als ob du ein wenig über dem Boden schwebst. Und wenn du etwas anfasst, dann fühlt es sich unwirklich an. Das Gefühl ist weg. Kein Bezug mehr zu den Dingen, auch nicht zu Menschen. Kann man so eigentlich noch weiterleben?

(3. Variante: Ein Fremder kommt:) Wenn Jesus nicht gekommen wäre, dann wäre die Geschichte etwa so weitergegangen. Billiger Trost. Bei anderen sind auch schon Pläne zusammengebrochen!

Zu diesem Weg braucht man Gott eigentlich nicht mehr. Alles wird gut. Ich glaube, so sagen Menschen, die von Gott enttäuscht sind. So sagen Menschen, die einige gut gemeinte Versuche gemacht haben und die im Grunde ernüchtert wurden.

(1. Variante = wie es wirklich war:) Da kommt unversehens der dritte Mann dazu. Er hat sich ihnen unmerklich angenähert. Eine Zeitlang hört er ihnen noch zu.

Es ist keine normale Rede und Gegenrede. Sondern Lukas berichtet davon mit einem sehr seltenen Wort, das im Neuen Testament nur er verwendet, und nur hier und an zwei Stellen in der Apostelgeschichte. Immer geht es dabei um mehr als nur um ein Miteinander-Sprechen. Sie teilen sich ihre innersten Gedanken mit, ihre Gefühle, ihre Visionen. Packen aus. Ringen miteinander.

Zwischenbemerkung, wer die beiden Jünger waren: Eine der Frauen am Grab ist Maria, die Frau des Klopas (Joh. 19,25), eine andere Namensform von Kleopas. Von späteren Kirchenvätern haben wir Angaben, wer die beiden seien. Der judenchristliche Schriftsteller Hegesipp (um 180 n.Chr.) sagt, Kleopas sei der Bruder Josephs, gehörte also zur Familie Jesu. Und Origenes berichtet wenig später, dass der andere Jünger der Sohn des Kleopas gewesen sei, und kein anderer als der spätere Gemeindeleiter der Urgemeinde in Jerusalem Symeon. Und er war für Lukas offenbar der Gewährsmann für die Auferstehungsgeschichte.

Wenn diese Angaben stimmen, dann waren die beiden Jünger also Vater und Sohn, und beide waren enge Verwandte Jesu. Intensiver Austausch zwischen Vater und Sohn! Sie tauschen ihr Innerstes aus. Beide hatten von Jesus großes erwartet.

Jesus hat ihnen eine Zeitlang zugehört bzw. sich von ihnen erzählen lassen. Wo er herkam, haben sie nicht bemerkt. Er war einfach da. Lukas berichtet nur nachher, kurz nachdem sie ihn erkannten, dass er verschwand, oder wörtlich: Dass er nicht mehr sichtbar war. Er wird in ähnlicher Weise plötzlich da gewesen sein. Nichts wird erklärt.

Zunächst ist er noch irgendein Unbekannter für die beiden Jünger. Er weist sich als sehr schriftgewandt aus. Und dann geht er mit ihnen entscheidende Stellen der Bibel durch.

Angefangen bei Mose, und dann durch die Propheten. Jesus hat seinen Weg im Alten Testament schon geweissagt gesehen, vor allem den Sinn seines Leidens. Etwa wenn in Jesaja 53 von dem leidenden Gottesknecht gesprochen wird.

Warum hat Jesus eigentlich nicht folgendes gemacht. Als er die Jünger traf, hätte er doch sagen können: Hallo, Kleopas, hallo Symeon. Ich bin auferstanden.

Statt dessen geht er mit ihnen den Sinn seines Leidens durch. Sie sollen erst den Sinn dieser ganzen letzten Tage erfassen; genau das, was ihnen solches Kopfzerbrechen gemacht hat. Gott hat tatsächlich keinen Fehler gemacht. Das ganze entsetzliche Geschehen war doch von Gott so gewollt. Und dann erkennen sie Jesus von selbst, und zwar an seinem Tun: Er bricht ihnen das Brot und dankt Gott. So hatte er es immer gemacht. Jetzt wissen sie: Er ist tatsächlich auferstanden.

Aber das können sie nicht für sich behalten. Es ist inzwischen schon dunkel. Trotzdem fegen sie 2 Stunden nach Jerusalem zurück. Eine Kleinigkeit, bei der Kraft, die sie bekommen haben. Jesus ist wirklich wieder da! Sie müssen es den anderen erzählen. Die Frauen, die in aller Frühe am Grab gewesen waren, hatten sich doch nicht getäuscht. Und auch die anderen Jünger, die sich dann vergewissern wollten. Die Jünger aus Emmaus rennen nach Jerusalem zurück, trotz Dunkelheit, und ohne Straßenbeleuchtung.

Woher kommt der dritte Mann? - Er kam von dort her, wo er jetzt auch ist, aus der anderen Welt, die nicht dieser Schöpfung angehört, aus der Welt Gottes. Da ist er uns auch jetzt nahe. Und als der Auferstandene ist er unter uns. Amen.

 

(Pfr. Dr. Karl Knauß)                          

  

 

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