Gottesdienst an Karfreitag, 14. April 2006, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über Hebräer 9, 15.26b-28

Bei einer Kapelle auf der Schwäbischen Alb stehen drei Kreuze. Die Stelle lädt die Wanderer zu einer kleinen Rast ein. Ein junges Mädchen mit ihrem Vater ist dabei. Versonnen genießen sie die schöne Aussicht. Das Mädchen bemerkt die Kreuze und fragt ihren Vater: Sind hier Leute abgestürzt?

Was hat die Kreuzigung Jesu für einen Sinn? Nicht einmal die Jünger haben es damals verstanden. Sie brauchten ausführliche Erklärungen. Sie mussten auch gründlich im Alten Testament nachschauen und prüfen. Jesus hat sie zuerst angeleitet. Der heutige Text beschreibt nicht den äußeren Vorgang der Kreuzigung, sondern mehr den inneren Sinn. Warum, weshalb, zu welchem Zweck?

15 Und darum ist er auch der Mittler des neuen Bundes, damit durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen.
26Nun aber, am Ende der Welt, ist er ein für alle Mal erschienen, durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben. 27 Und wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht: 28 so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal wird er nicht der Sünde wegen erscheinen, sondern denen, die auf ihn warten, zum Heil.

Sind da welche abgestürzt? So hat das Mädchen gefragt. - Man denkt an ein Missverständnis. Doch dumme Fragen können auch weiterführen.

Ja, da sind tatsächlich welche abgestürzt. Denn man kann auch im Leben abstürzen. Die beiden, die an den äußeren Kreuzen hingen, sind natürlich nicht eine Steilklippe hinabgestürzt, sondern im Leben. Sie haben das Ziel ihres Lebens nicht erreicht, weder vor Gott noch vor Menschen. Doch nicht nur sie. Wie viele Menschen sind in ihrem Leben abgestürzt?!

Und Jesus am mittleren Kreuz? - Auch er ist abgestürzt, aber in einem anderen Sinn. Er war doch eigentlich in der Nähe Gottes. Nichts war zwischen ihm und seinem Vater. Es gab volle Übereinstimmung. Aber sein letzter Ausruf am Kreuz zeugt von diesem tiefen Absturz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Viele Menschen damals und später haben gefragt, ob das denn sein musste. Menschlich gesehen war das doch ein Justizirrtum. Denn er war nicht wirklich des Todes schuldig.

Doch in der Bibel wird erklärt, dass sein Tod notwendig war; nicht aus rechtlichen Gründen, sondern damit Gott sein Ziel erreichte. Der Hebräerbrief beschreibt das vor dem Hintergrund des alttestamentlichen Opferkults. Da wir nicht mehr mit diesen Erfahrungen leben, tun wir uns damit nicht leicht. Es genügt aber, wenn wir die großen Linien sehen.

Der Hebräerbrief erzählt die Heilsgeschichte. Es ist die Geschichte einer großen Liebe, die enttäuscht wird, und dennoch wieder neu ansetzt: Die Liebe Gottes zu den Menschen.

Die Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch war eigentlich die ursprüngliche Absicht Gottes. Es sollte kein Neid, kein Hass und keine Not bei den Menschen sein. Aber die Übertretungen der Menschen haben Nöte geschaffen. Immer wieder haben die Menschen neu unter Beweis gestellt, dass sie der Gemeinschaft Gottes nicht wert sind. Ständig haben sie ihre eigenen Ziele über Gottes Ziel gestellt. Und das gilt nicht nur für die Menschen des Alten Bundes, wie es hier im Hebräerbrief heißt, sondern auch für uns heute. Deshalb hat Gott den Tod als Strafe für die Menschen damals und heute verhängt.

Wir können nicht weiterfragen, warum Gott das so beschlossen hat; genauso wenig wie wir fragen können, warum er die Menschen geschaffen hat. Fragen können wir schon, aber wir bekommen höchstens vorläufige Antworten, weil uns die Gedanken Gottes zu hoch sind. Warum hat er Leben geschaffen, warum nimmt er es wieder weg? Letztlich wissen wir nicht so richtig, was Leben ist, und was Tod ist.

Was wir sehen können, das ist, dass lebendige Menschen atmen und tote nicht. Doch die Bibel meint mit tot und lebendig mehr. Das hat etwas mit der Beziehung zu Gott zu tun. Lebendig ist, wer in der Nähe Gottes ist, wer mit ihm und zu ihm Beziehung hat; und wenn die Beziehung zu ihm abgebrochen ist, das nennt die Bibel tot.

Die Strafe Gottes für die Sünde bedeutet deswegen eigentlich, mit Gott nichts mehr zu tun zu haben. Da läuft kein Gespräch mehr, keine Beziehung, nichts.

Gott hätte nun eine Mauer zwischen sich und uns Menschen hochziehen können: Mit euch will ich nie wieder etwas zu tun haben. Denn ihr habt meine Wege verlassen.

Aber das hat er nicht getan. Sondern er hat Brücken geschlagen. Die vielen Opfer im Alten Testament waren eine vorläufige Antwort. Und wenn die Menschen im Opfergottesdienst waren, dann wussten sie, dass die Tiere für die Sünden von uns Menschen sterben müssen. Am besten kann man es sich wohl beim großen Versöhnungstag vorstellen, der hier erwähnt ist. Der Hohepriester bekennt die Sünden des Volkes und legt diese Sünden symbolisch auf einen Ziegenbock. Der wird hinausgeführt in die Wüste, um dort zu sterben. Ein zweiter Ziegenbock wird im Tempel geopfert. Dass die Tiere sterben mussten, war ein stellvertretendes Sterben. Eigentlich hätten die Menschen selbst für ihre eigenen Sünden sterben müssen.

Die Opfer des großen Versöhnungstages wurden jedes Jahr neu wiederholt. Die ständige Wiederholung drückt das Vorläufige aus. Es ist wie ein Wasserhahn bzw. Perlator, der immer wieder verstopft, und der deshalb immer wieder neu gereinigt werden muss. Und bei jedem Reinigen weiß man man schon, dass das nicht für alle Zeiten hält. Man wird es wiederholen müssen.

Anders ist es beim Opfer Jesu. Die Versöhnung durch Jesus ist ein für alle mal gültig. Er ist nur ein einziges Mal gestorben. Jesus ist der endgültige Vermittler.

Die wirklich großen und entscheidenden Ereignisse für uns werden aufgezählt: Sie sind alle einmalig: Tod, Gericht, Versöhnung, Ewigkeit.

Ich möchte dem gegenüberstellen, dass wir Menschen in vielem die Wiederholungen suchen und brauchen. Wenn wir lernen, dann brauchen wir ständige Wiederholungen, um uns etwas einprägen zu können. Selbst die Wissenschaft braucht die Wiederholung: Etwa ein Experiment, das immer wieder gleich ausgeht. Unsere irdische Welt ist von Wiederholungen geprägt.

Der Hebräerbrief möchte beschreiben: Jesus ist ein für alle mal gestorben. Sein Sterben wird nicht durch andere wiederholt. So hat er uns auch mit Gott endgültig versöhnt.

Zum Schluss ein überraschender Ausblick: An Karfreitag wird von der Wiederkunft Jesu gesprochen. Wenn er das nächste Mal kommen wird, dann wird er uns zum ewigen Heil führen. Dann ist sein Werk zum Abschluss gekommen. Amen.

 

(Pfr. Dr. Karl Knauß)                          

  

 

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