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Gottesdienst am Judika, 2. April
2006, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über 4. Mose 21, 4-9
Die Jahreszeit ist für die heutige Geschichte ungeeignet, und das
April-Wetter auch nicht. Dafür müssten wir eigentlich schweißtriefend hier
sitzen, dürstend und mit knurrendem Magen. Das Volk Israel befindet sich
in der Wüste. Und wieder einmal ist etwas nicht nach Wunsch verlaufen. Ich
werde diesen Hintergrund gleich beschreiben. Aber zuerst hören wir den
Text:
4 Da brachen sie auf von dem Berge Hor in Richtung
auf das Schilfmeer, um das Land der Edomiter zu umgehen. Und das Volk
wurde verdrossen auf dem Wege 5 und redete wider Gott und wider Mose:
Warum hast du uns aus Ägypten geführt, dass wir sterben in der Wüste? Denn
es ist kein Brot noch Wasser hier und uns ekelt vor dieser mageren Speise.
6 Da sandte der Herr feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das
Volk, dass viele aus Israel starben. 7 Da kamen sie zu Mose und sprachen:
Wir haben gesündigt, dass wir wider den Herrn und wider dich geredet
haben. Bitte den Herrn, dass er die Schlangen von uns nehme. Und Mose bat
für das Volk. 8 Da sprach der Herr zu Mose: Mache dir eine eherne Schlange
und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie
an, der soll leben. 9 Da machte Mose eine eherne Schlange und richtete sie
hoch auf. Und wenn jemanden eine Schlange biss, so sah er die eherne
Schlange an und blieb leben.
Es ist wie bei einer archäologischen Ausgrabung. Da liegt vieles
übereinander, das man noch nicht unmittelbar sieht. Ich will drei
Schichten mit Ihnen durchgehen. Dabei gehe ich von der erlebten
Wüstensituation des Volkes Israel zunehmend in die geistliche Bedeutung
und schließlich zur christliche Deutung. Die erste Schicht gehört zum
Alten Testament, die dritte Schicht zum Neuen Testament, die zweite
Schicht ist wie eine Brücke zwischen beiden Teilen der Bibel:
1. Schicht: Die Wüste - Über Frust und Ärger und die Folgen
2. Schicht: Rettung durch Vertrauen - Die Schlange auf der Stange
3. Schicht: Der Blick auf das Kreuz
1. Schicht: Die Wüste - Über Frust und Ärger und die Folgen
Die lange Wüstenwanderung liegt fast hinter ihnen. Sie sind kurz vor dem
Ziel. Vier, fünf Tage noch, dann sind sie im verheißenen Land. Sie können
es schon ahnen und kaum mehr erwarten. Hoffnung breitet sich aus. Bald ist
es soweit. Nur noch einige Tagesetappen. Das halten wir noch durch, dann
wird alles besser! Die Stimmung ist wie vor einer sicheren Prüfung: Das
ziehst du durch, danach wird alles gut!
Der Weg führt durch bewohntes Gebiet. Das Brudervolk der Edomiter wohnt
dort, die Nachfahren von Esau, dem Bruder Jakobs. Die Wanderer in der
Wüste stellen sich vor: Die werden uns natürlich durchziehen lassen. Zwar
besitzen die das Land und sitzen am Drücker. Aber die gehören doch zu
unserer Familie. Und in der Familie ist man sich doch gut - etwa nicht? -
oder war da vielleicht etwas?
Die Israeliten verhandeln über den friedlichen Durchzug. Doch diese Bitte
wird scharf zurückgewiesen. Sie bekommen eine harsche Abfuhr. Es wird
nicht erklärt, warum. Es heißt einfach nur, nein!
Jetzt müssen sie also wieder zurück, wo sie hergekommen sind. Krieg gegen
das Brudervolk scheint nicht überlegt worden zu sein. Aber frustrierend
ist das schon! Ein großer Umweg steht ihnen bevor; wer weiß, wie lang! Ist
es nicht verständlich, dass sie sauer werden?
Die Israeliten werden verdrossen, so übersetzt Luther, wörtlich: Der Atem
wurde ihnen zu kurz, Schwäbisch: Ihnen geht der Schnaufer aus. Hätten Sie
da ruhig bleiben können?
Wir müssten jetzt vielleicht darüber nachdenken, wie man mit Frust umgeht:
Gibt es ein gutes Rezept? Aber das wäre ein Nebengleis, denn bei den
Israeliten war es anders. Sie hatten kein gutes Rezept.
Der Frust entlädt sich im Ärger und in Vorwürfen gegen Gott und Mose. Die
Tür zur Rebellion ist schon offen, wie schon öfter während der Wüstenzeit,
vielleicht das fünfte oder sechste Mal; also ein altes Muster.
Aus der Wüste kommen feurige Schlangen, sie sind hochgefährlich und
giftig. Die Israeliten scheinen sie schon zu kennen. Aber bisher hatte
Gott sie zurückgehalten. Er nimmt seine schützende Hand weg und lässt die
Schlangen auf sie los. Sie kommen in Massen. Viele Menschen müssen
sterben.
Der Ärger und die Rebellion gegen Gott haben ein zerstörerisches Werk in
Gang gesetzt. Was passiert, ist kein Zufall. Gott selbst hat sogar seine
Hand im Spiel. Er gibt ein Warnsignal, das zur Umkehr führen soll.
Ein Sprung durch die Jahrtausende ins Jetzt: Es ist fast eine
Lebensgeschichte. Eine Frau hatte mit ihrem Vater Probleme. Der Vater
hatte sich das Leben der Tochter einst sehr konkret ausgedacht und die
Weichen mit einer gewissen Bestimmtheit gestellt. Vielleicht war es von
ihm her in seiner Art fürsorglich gedacht. Aber sie hat es wie einen Zwang
erlebt. Sie macht sich aus diesem Zwang frei und geht ihren eigenen Weg,
keinen bösen, sondern einen anderen als den geplanten. Es gelingt sehr
vieles. Aber für alles, was schiefgeht oder nicht nach Plan verläuft, wird
der Vater verantwortlich gemacht. Und so lebt sie in ständiger Rebellion
gegen ihn. Wenn sie mit ihm zusammentrifft, kracht es. Auch er ist nicht
zimperlich. Vorwürfe werden ausgeteilt wie anderswo die Küsse. Beide
leiden darunter und können doch aus dieser Rolle nicht mehr heraus. Die
Gesundheit leidet darunter, und der Friede ist dahin.
Wir haben oft neuen Anlass für einen Frust. Für solche Anlässe können wir
meist nicht viel. Sie umgeben uns wie giftige Feuerschlangen. Gott hält
sie normalerweise von uns fern. Es könnte eigentlich sehr viel passieren.
Aber wir sind doch unter seinem Schutz.
Unzufriedenheit mit Gott und der Welt, Rebellion gegen seinen Weg, das
lässt die Schlangen los. Oder genauer gesagt: Gott lässt sie los. Auf uns!
Es sind Gottes Schlangen. Er möchte mit den Folgen der Schlangenbisse uns
zur Besinnung bringen.
Fragen Sie in solcher Situation nicht die Psychologen! Die sagen
vielleicht: Das ist recht. Der Frust muss raus! - Doch auch im Frust
begegnest du dem lebendigen Gott. Für das seelische Tief können die
Israeliten nichts, wohl aber für ihre Reaktion darauf. Damit es aber nicht
einseitig wird: Vor Gott kommen wir alle mit unserer Schulweisheit an
Grenzen. Denn es geht um den strafenden und aufrichtenden Gott. Wo immer
wir uns ein einfaches Bild von Gott zurechtgemacht haben, kommen wir hier
nicht weiter.
2. Schicht: Rettung durch Vertrauen-Die Schlange auf der Stange
Die Leute wenden sich in ihrer Not an Gott. Sie bekennen ihre Schuld: Wir
haben gesündigt. Die Katastrophe lässt sie umkehren. Gott zerschlägt, und
er heilt (5. Mose 32, 39).
Mose muss vermittelnd für sie eintreten. Und er tut es, wie er auf dem
Berg in der Wüste für das Volk seine Hände zu Gott erhebt und betet. (2.
Mose 17,11).
Die Leute stellen sich vor, dass Gott die Schlangen wieder wegnimmt. Er
soll mit seinem Schutz wieder dazwischentreten. Es soll werden wie vorher.
Aber Gott macht es anders als erhofft. Er lässt sie mitten in der Gefahr
drin. Und mitten hinein schickt er ihnen eine Rettung.
Jesus sagt im hohenpriesterlichen Gebet: Ich bitte dich nicht, dass du sie
aus der Welt nimmst, aber dass du sie bewahrst vor dem Bösen (Joh. 17,15).
Im Auftrag Gottes errichtet Mose die eherne Schlange. Sie ist kein
Zaubermittel. Sondern wer auf sie blickt, wendet sich im Vertrauen an
Gott.
Auf hoher See tobt ein schwerer Sturm. Ein Schiffsjunge muss in dieser
Situation den Mast hinaufklettern. Während der Wind tobt und die Wellen
auf‘s Schiff schlagen, wird es dem Schiffsjungen elend und schwindelig, er
droht herabzustürzen. Da ruft ihm der Kapitän zu: „Junge, sieh nach oben!“
Der reißt seinen Blick von den bedrohlichen Wellen weg nach oben. Der
Blick in den Himmel rettet ihn. Sicher kann er nach oben klettern und
seine Aufgabe erledigen.
3. Schicht: Der Blick auf das Kreuz
Hat Gott mit der ehernen Schlange eine pädagogische Vorbereitung für das
Kreuz Jesu getroffen? Denn das klingt doch fast schon neutestamentlich. Es
ist wie ein Fenster in einem Tunnel. Man fährt mit dem Zug durch den
Tunnel, und zwischendurch wird ein ganz kurzer Blick frei auf die Stadt,
in die man einfährt. Dann verschwindet der Blick wieder. Nicht umsonst
greift Jesus die Geschichte mit der ehernen Schlange auf und erklärt daran
seinen eigenen Weg und Auftrag. (Siehe Schriftlesung.) Es ist in dem
Nachtgespräch mit Nikodemus. Der im Alten Testament gut geschulte Theologe
kannte das Gesetz, aber der Weg Gottes war ihm an entscheidenden Stellen
unbegreiflich. Vor allem war ihm verschlossen, wie man denn zum Neuen
Leben aus Gott kommt; verschlossen war ihm auch, wie er uns Menschen aus
dem Verderben rettet.
Die eherne Schlange war nur eine kurz Episode für das alttestamentliche
Gottesvolk. Doch für uns ist das Kreuz Jesu entscheidend.
Wir sind durch unsere Schuld in die Gottesferne gekommen, von Gott
getrennt. Jesus hat durch seinen Tod am Kreuz unsere Schuld auf sich
genommen. Wenn wir das im Glauben annehmen und auf ihn schauen, sind wir
gerettet. Der Weg zu Gott ist wieder frei. Gott sei Dank! Amen.
(Pfr. Dr. Karl Knauß)
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