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Gottesdienst an Laetare, 26. März
2006, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über Philipper 1, 12-21.
Der Komiker Heinz Erhardt - „und noch‘n Gedicht“ - erzählt von einer
Verwechslung. Er sitzt in einem Cafe. Da kommt jemand reingestürmt durch
die Tür, geht schnurstracks auf ihn los und haut ihm mit einem Schirm
ständig auf den Kopf. Das machte ihn stutzig... er wundert sich gewaltig.
Dann sagt er zu sich: „Herr Erhardt“.. nee „Heinz“... ich sag ja Du zu
mir. „Heinz“ sag ich, „was soll das bloß sein?“ Und nachher..., da kam ich
dahinter. Der hatte mich verwechselt! Das gönn‘ ich dem.
Natürlich ist das nur ein Gedicht. Erlebt hat er es nicht wirklich. Nur im
Gedicht kann er gelassen bleiben. Aber wer kann gelassen bleiben, wenn auf
ihn eingedroschen wird? Und wenn er verwechselt wird!
Stellen Sie sich vor: Paulus ist das tatsächlich passiert, und zwar in
einer dummen Situation. Er sitzt im Gefängnis. Sie kamen nicht zur Türe
rein, sondern sie bleiben draußen. Dort hauen sie auf ihn ein, mit Worten.
Sie wollen ihm eins auswischen. - Wie hat er darauf reagiert? Und wie hat
er überhaupt auf seine Gefangenschaft reagiert?
12 Ich lasse euch aber wissen, liebe Brüder: Wie es um mich steht, das ist
nur mehr zur Förderung des Evangeliums geraten. 13 Denn dass ich meine
Fesseln für Christus trage, das ist im ganzen Prätorium und bei allen
andern offenbar geworden, 14 und die meisten Brüder in dem Herrn haben
durch meine Gefangenschaft Zuversicht gewonnen und sind umso kühner
geworden, das Wort zu reden ohne Scheu.
15 Einige zwar predigen Christus aus Neid und Streitsucht, einige aber
auch in guter Absicht: 16 diese aus Liebe, denn sie wissen, dass ich zur
Verteidigung des Evangeliums hier liege; 17 jene aber verkündigen Christus
aus Eigennutz und nicht lauter, denn sie möchten mir Trübsal bereiten in
meiner Gefangenschaft. 18 Was tut’s aber? Wenn nur Christus verkündigt
wird auf jede Weise, es geschehe zum Vorwand oder in Wahrheit, so freue
ich mich darüber.
Aber ich werde mich auch weiterhin freuen; 19 denn ich weiß, dass mir dies
zum Heil ausgehen wird durch euer Gebet und durch den Beistand des Geistes
Jesu Christi, 20 wie ich sehnlich warte und hoffe, dass ich in keinem
Stück zuschanden werde, sondern dass frei und offen, wie allezeit so auch
jetzt, Christus verherrlicht werde an meinem Leibe, es sei durch Leben
oder durch Tod. 21 Denn Christus ist mein Leben und Sterben ist mein
Gewinn.
Mitten in der Passionszeit kommt Freude auf - es ist wie ein Stück
vorweggenommene Osterfreude, aber zur Unzeit. Eigentlich passt in diese
Lage keine Freude. Doch die Erwartung der Auferstehung ist wichtiger als
die Todesgefahr und Todesnähe. In keinem anderen Brief schreibt Paulus so
viel über die Freude, wie im Philipperbrief - und das aus dem Gefängnis,
in einer kritischen Situation, wo er nicht weiß, ob er noch lebend
herauskommt. Vielleicht ist das Gefängnis in Ephesus, an der türkischen
Westküste. Auch wenn es in einer anderen Stadt ist, ändert das kaum etwas.
Sicher ist, er hat von Christus gepredigt. Er hat gepredigt, dass der uns
von unserer Schuld befreit und uns mit Gott wieder in Verbindung bringt.
Das war der Grund für seine Gefangenschaft.
Wir denken auch an einen aktuellen Fall, der in den letzten Tagen die
Öffentlichkeit mindestens in Europa erregt hat. In Afghanistan ist Abdul
Rahman im Gefängnis, weil er Christ geworden ist. Ihm droht nach dem
islamischen Recht auch die Todesstrafe. Es ist noch nicht klar, wie der
Prozess ausgehen wird. Aber es erinnert in manchem an die Situation des
Paulus.
In den westlichen Ländern ist man verwundert und empört, dass die
Menschenrechte, insbesondere die Religionsfreiheit, in Gefahr stehen. Man
bangt um das Leben eines Menschen, nur wegen seines religiösen
Bekenntnisses. Inzwischen wird versichert, dass er freikommen werde. Wenn
das dann dazu kommt, dann wird die Öffentlichkeit bei uns erleichtert
sein. Denn uns ist ein Menschleben sehr wichtig.
Der Vergleich mit Paulus ist sehr aufschlussreich. Er zeigt, dass es um
etwas anderes geht als um die neuzeitlichen Menschenrechte. Natürlich
waren die Menschenrechte damals noch nicht so formuliert, wie wir sie
heute kennen; und natürlich gab es im Römischen Reich auch klare Rechte.
Und dennoch: Für die Christen gab es etwas Wichtigeres als das Überleben.
Paulus kann sagen, dass es unwichtig ist, ob er freigelassen oder getötet
wird. - Paulus! wie kannst du nur so mit deinem Leben umgehen? Wie kannst
du so unverkrampft mit den Rechten umgehen, die dir doch eigentlich
zustehen: Das Recht zu leben, das Recht auf einen guten Ruf, das Recht zur
freien Rede... Du hast doch nichts Böses getan! Du bist doch kein
Verbrecher!
Ich will die Werte des Paulus auf den heutigen Fall anwenden. Dann würde
das heißen: Es ist unwichtig, ob da ein Mensch die Todesstrafe erfährt
oder ob er freigelassen wird. Wenn dadurch Christus verherrlicht wird,
dann wäre es eigentlich gleichgültig.
Wenigstens ein kleines Stück will ich von Paulus lernen. Sein eigenes
Leben ist nur wichtig, soweit es der Gemeinde nützt und Christus
verherrlicht. Er beschäftigt sich nicht sehr mit seinem eigenen Zustand,
ob gefangen oder nicht, ob ihm die Todesstrafe droht oder nicht. Und wenn
es für Christus und die Gemeinde gut ist, dann will er lieber auf seine
persönlichen Rechte verzichten.
Ich kannte eine ältere Frau. Sie ist längst in der Ewigkeit. Als sie
erfuhr, dass sie Krebs hat, sagte sie: Das ist noch zu früh. Ich brauche
noch 1 1/2 Jahre. Die brauche ich für eine nicht so einfache Seelsorge.
Das geht nicht einfach an einem Wochenende, sondern ist ein längerer
Prozess. Sie wird noch etwa so lange dauern und vorher nicht zu Ende zu
kriegen sein. Ihr wurden diese 1 1/2 Jahre geschenkt. Sie konnte die
Seelsorge zu Ende führen. Dann starb sie in Frieden.
Das ist keine großartige Geschichte. Sie hat die Welt nicht verändert.
Aber die Frau hat in ihrem kleinen Bereich die Ziele Gottes sehen können.
Das machte ihr Leben wertvoll und sinnvoll.
Dagegen steht: Menschen, denen es nur um ihr eigenes Wohl und Wehe geht,
haben deshalb oft ein schwieriges Schicksal.
Das hat schon der Fabeldichter Äsop in eine Fabel gefasst, die Luther in
Kurzform erzählt: Es lief ein Hund durch einen Strom und hatte ein Stück
Fleisch im Maul; als er aber das Spiegelbild vom Fleisch im Wasser sah,
dachte er, es wäre auch Fleisch, und schnappte gierig danach. Als er aber
das Maul auftat, entfiel ihm das Stück Fleisch, und das Wasser trug es
weg; also verlor er beides: das Fleisch und das Spiegelbild.
Vielen Menschen geht es wie dem Hund, nicht nur mit dem Haben-Wollen und
Besitz-Ergreifen, sondern auch mit ihren eigenen Rechten; angefangen von
den Rechten in der Familie, gegenüber dem Ehepartner oder den eigenen
Geschwistern oder Eltern, und vielleicht zieht es dann auch weitere Kreise
in die Nachbarschaft und Gemeinde. Manchmal gibt es einen Kampf bis zur
Erschöpfung. Und wer hat was davon? Niemand! Es gibt nur Verlierer! Dann
laufen wir alle mit angezogenen Handbremsen herum, aus lauter Angst. Und
der größte Verlierer ist die Gemeinde und das Reich Gottes. Denn dorthin
gehört unsere Kraft und unsere Aufmerksamkeit. Gott möchte uns für seine
Gemeinde haben, er möchte, dass wir Kräfte für die Hingabe übrig haben,
und für das Gebet, und für das Denken für andere.
Eine der größten Taten für das Reich Gottes ist es, sich selbst nicht so
wichtig zu nehmen; und seine eigenen Probleme nicht so wichtig zu nehmen.
„Denn euretwegen wird Gottes Name gelästert unter den Heiden“ (Röm. 2,24;
Jes. 52,5).
Es wurde angedeutet: Paulus scheint Gegner in der eigenen Gemeinde zu
haben, in der er gefangen ist. Sie predigen kein anderes Evangelium.
Sondern sie stehen in Rivalität zu Paulus. Die Motive hält er nicht für
gut, aber über die Verkündigung freut er sich dennoch. Er hat eine
versöhnliche Haltung: Die Motive des anderen sind für ihn nicht
ausschlaggebend. Sie mögen nicht echt sein! Sie mögen sogar missgünstig
sein. In der Motivforschung der anderen ist er sehr großzügig. Für ihn ist
nur die tatsächliche Verkündigung maßgeblich.
Niemand kann ihm seine Freude nehmen. Und das ist eine andere Freude als
wegen eines Erfolgs, oder persönliche Ziele erreicht zu haben... Sondern
es ist die Freude, dass das Reich Gottes wächst, dass da Frucht gedeiht.
Zu dieser Freude sind wir eingeladen: Freude an Gottes reichem Tun. Dann
können wir unsere persönlichen Kleinigkeiten vergessen. Wenn wir das
miteinander machen, dann gibt es nur Gewinner: Jeder, der mitmacht, und
viele andere dazu, und hauptsächlich die Gemeinde, an der man die Früchte
sehen kann.
Der Apostel lebt in einer großen Erwartung. Im Urtext klingt es ungeheuer
anschaulich, „mit vorgestrecktem Kopf“. Selbst die Körperhaltung sagt aus:
Da steckt eine große Erwartung drin.
Der letzte Vers dieses Abschnittes hat Melchior Vulpius zu einem Lied
veranlasst, das bei uns oft bei Beerdigungen gesungen wird. Aber
eigentlich hat dieses Lied aber nicht das Sterben, sondern die Ewigkeit im
Blick. Deshalb hätte das Lied eigentlich eine fröhlichere Melodie
verdient, denn es ist aus dem Philipperbrief angeregt, dem Brief der
Freude. Amen.
(Pfr. Dr. Karl Knauß)
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