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Gottesdienst am Oculi, 19. März
2006, in Wilhelmsdorf um 9.00 Uhr, Predigt über 1. Petrus 1,13-21.
13 Darum umgürtet die Lenden eures Gemüts, seid nüchtern und setzt eure
Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch angeboten wird in der Offenbarung
Jesu Christi. 14 Als gehorsame Kinder gebt euch nicht den Begierden hin,
denen ihr früher in der Zeit eurer Unwissenheit dientet; 15 sondern wie
der, der euch berufen hat, heilig ist, sollt auch ihr heilig sein in eurem
ganzen Wandel.
16 Denn es steht geschrieben (3.Mose 19,2): »Ihr sollt heilig sein, denn
ich bin heilig.« 17 Und da ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der
Person einen jeden richtet nach seinem Werk, so führt euer Leben, solange
ihr hier in der Fremde weilt, in Gottesfurcht; 18 denn ihr wisst, dass ihr
nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen
Wandel nach der Väter Weise, 19 sondern mit dem teuren Blut Christi als
eines unschuldigen und unbefleckten Lammes. 20 Er ist zwar zuvor
ausersehen, ehe der Welt Grund gelegt wurde, aber offenbart am Ende der
Zeiten um euretwillen, 21 die ihr durch ihn glaubt an Gott, der ihn
auferweckt hat von den Toten und ihm die Herrlichkeit gegeben, damit ihr
Glauben und Hoffnung zu Gott habt.
Wer wird Millionär? So heißt eine beliebte Fernseh-Show mit Günther Jauch,
ein Ratespiel. Der Wert der Fragen steigert sich von Mal zu Mal.
Vielleicht hat man Glück und findet die richtigen Antworten. Warum schauen
so viele Menschen zu?
- Vielleicht wegen des Nervenkitzels! - Vielleicht, weil man da so
unverschämt viel Geld gewinnen kann! Und das steht dann in keinem
Verhältnis zu dem, was man selbst leisten kann. Es ist wie ein Geschenk
aus einer anderen Welt.
Menschen erwarten und hoffen, dass von anderswoher etwas kommt: Ein volles
Konto, ohne dass man selbst viel aufwenden musste.
Wir leben als Christen nicht von einem Glücksspiel. Doch darin stimmen wir
überein: Das Wesentliche gibt es nur umsonst.
Setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade.
Seid Realisten! Macht euch nichts vor. Lebt von dem, was ihr nicht selbst
verdient habt! Denn das ist zu wenig. Wer nur auf das setzt, was er selbst
verdient hat, der hat vor Gott zu wenig. Und das reicht nie und nimmer.
Es geht heute um eine Ablösung aus einer totalen Abhängigkeit oder
Unfreiheit. Und diese Unfreiheit wird mit der eines Sklaven verglichen.
Die große Frage bleibt zunächst noch in der Schwebe, wer denn der
Sklavenhalter ist. Wir selbst? - andere Menschen? - oder geistige Mächte?
In der damaligen Zeit gab es sehr viele Sklaven. Sie waren keine Ausnahme,
sondern die Regel. Wo wir heute Maschinen verwenden, hatte man damals
Sklaven. Und sie mussten auch ähnlich „funktionieren“. Sie mussten wie auf
Knopfdruck reagieren. Sie hatten keine persönlichen Freiheiten, auch wenn
es ihnen, materiell gesehen, oft sehr gut ging. Aber sie konnten über ihr
Leben nicht bestimmen. Sie hatten auch nicht die Möglichkeit, sich
freizukaufen. Alles, was sie hatten, gehörte ja ihrem Herrn. Sie konnten
nur von außen freigekauft werden.
Menschen als Sklaven, d.h. gefangen von irgend jemandem oder etwas?
Gefangen von Schuld?
Wer abhängig ist durch Schuld, kann nicht noch einmal ganz neu anfangen,
niemals. Er schleppt immer die alte Geschichte mit. Sie ist in seinem
Inneren, sie bestimmt ihn immer mit. Er kann sich nicht entschließen,
jetzt fange ich noch einmal an, als wäre nichts gewesen. Das Bisherige
kriegt er nicht los. Es sind Ergebnisse da, die nicht ungeschehen gemacht
werden können. Andere sind betroffen. Menschen wurden durch die Schuld
verändert, oft lebenslang gezeichnet. Das bleibt. Auch wenn Terroristen
dem Terror abschwören: Sie können das Leid, das sie anderen zugefügt
haben, nicht wieder rückgängig machen. Zerstörte Gebäude erstehen nicht
wieder, menschliche Opfer werden nicht durch ihren Entschluss wieder
lebendig. Deshalb das Bild des Sklaven. Immer unfrei. Das gehört zum Fluch
des Gesetzes. Du kannst den Film nicht rückwärts laufen lassen.
Nur durch Freikauf von außen gewinnt er wieder die Freiheit. Die Last wird
von außen abgelöst. Das ist, als würde der Film tatsächlich noch einmal
zurückgedreht. Vor seinen Augen ist‘s, als wäre das nicht gewesen.
Christen sind freigekauft aus der Sklaverei. Die Abhängigkeit liegt hinter
ihnen. Es wird noch einmal zurückgeschaut auf diese Zeit. Sie wird als ein
„nichtigen Leben“ bezeichnet. Das Wort „nichtig“ kommt in der Bibel öfter
vor, um falsche Götter zu bezeichnen, fremde und gegen Gott gerichtete
Mächte. Sie gelten vor Gott als Nichtse.
So hat z.B. Paulus in der Gemeinde Lystra den Leuten gesagt, sie sollten
sich von den nichtigen Göttern und Mächten dem lebendigen Gott zuwenden (Apg.
14,15). Das Leben in der Abhängigkeit von diesen Mächten wird sinnlos und
ziellos. Man macht dann im Getriebe der Welt mit, aber man weiß nicht
wofür. Letztlich kommt man aus eigenen Kräften davon nicht frei.
Christus hat uns freigekauft. Diese Rettung war nicht ein plötzlicher und
zufälliger Einfall von Gott, sondern lange geplant, wie die Umsetzung
eines Bebauungsplanes. Er ist auch lange geplant, bevor die Häuser
dastehen. Auf dem Rathaus ist er längst fertig, er ist beschlossen und
genehmigt. Da ist alles schon rechtskräftig, auch wenn noch gar nichts zu
sehen ist. Doch die Umsetzung sieht man erst, wenn Wege befestigt, dann
Baugruben ausgehoben werden, und schließlich Fundamente betoniert und
Häuser darauf errichtet werden. Sehen können wir‘s erst, wenn‘s wirklich
dasteht.
Was einst Plan war, und dann sichtbare Wirklichkeit wurde: Das ist unser
Freikauf von der Schuld, von unserer Schuld, durch den Tod Christi.
Es ist wie eine Art Schöpfungsakt. Beim Schöpfungsakt kann man nicht
fragen: Gott, warum hast du die Welt so gemacht und nicht anders? Gott
hätte wohl anders gekonnt. Aber er hat es nun einmal so gemacht, wie es
ist.
So war es auch mit seinem Erlösungsweg. Es bringt nichts, wenn man sich
ausdenkt, ob es Gott nicht hätte ganz anders machen können; ohne den Tod
Christi - einfach durch einen Federstrich Gottes.
Paulus redet deshalb vom Ärgernis des Kreuzes. Gottes Weg ist für uns
nicht nachvollziehbar. Wir können ihn nur im Vertrauen und Glauben
annehmen. Und in diesem Glauben verändert Gott unser Wesen. Wir werden
innerlich erneuert.
Ziel des Predigttextes ist es nicht, dass wir über die Erlösung informiert
werden sollen. Das wissen die Hörer und Leser längst. Sondern sie sollen
so leben! Wir sollen frei sein von den zerstörerischen Begierden.
In einem amerikanischen Kernforschungszentrum Anfang der vierziger Jahre
entdeckte ein junger jüdischer Physiker, dass eine Kontrolllampe versagt
hatte und eine Kettenreaktion begann. Die ganzen technischen Einrichtungen
waren damals noch sehr primitiv und es gab praktisch keine
Sicherheitssysteme. Wenn so eine Kettenreaktion im Gange ist und nicht
sehr schnell unterbrochen wird, dann ist es praktisch wie die Explosion
einer Atombombe; und das hätte den Tod aller Techniker und Wissenschaftler
bedeutet. Da ging der junge Physiker, einer von den wenigen, der das
Geheimnis der Kernspaltung kannte und der wusste, welche Gefahr drohte, in
die Todeskammer hinein, tat einige notwendige Handgriffe und brachte die
Kettenreaktion zum Stehen. Dabei wurde er selbst von einer viel zu hohen
Strahlendosis getroffen. Er fuhr ins Krankenhaus und musste unter starken
Qualen sterben. Er hatte sein Leben eingesetzt, um Tausende anderer
Menschen zu retten, die keine Ahnung über ihre Lebensgefahr hatten.
Das kann ein Bild sein für den Kreuzestod Jesu. Er hat sich selbst dem Tod
ausgeliefert, um uns davor zu retten. Auch wer die Macht der Sünde und des
Teufels nicht kennt, kommt dennoch durch die zerstörenden Mächte um. Ob
man es weiß und versteht oder nicht spielt keine Rolle. Der ewige Tod, die
Ferne von Gott, das ist die Folge. Doch Gott wusste um die Gefahren und
hat seinen Sohn mitten hineingeschickt. Jesus hat sein Leben geopfert,
damit wir frei leben können.
Wir dürfen das Angebot der Freiheit annehmen. Bezahlen brauchen wir dafür
nichts, denn er hat alles bereits bezahlt. Wir dürfen mit Paulus jubeln
und bekennen: „Tod, wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg? Gott
aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unseren Herrn Jesus Christus.
Amen!
(Pfr. Dr. Karl Knauß)
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