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Gottesdienst am Reminiscere, 12.
März 2006, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über Jesaja 5, 1-7.
Meine Frau und ich waren vor Jahren mit einem Paar befreundet. Als wir sie
kennenlernten, waren sie schon ziemlich sesshaft geworden. Sie wohnten in
einem Gartenhäuschen bei Tübingen. Doch davor waren sie lange Zeit durch
Deutschland gezogen, Sommer und Winter unterwegs mit Fahrrädern, mit einer
Gitarre und einem Hund. Geld hatten sie keins. Das bisschen, das sie
brauchten, verdienten sie sich mit Singen in den Fußgängerzonen der
Innenstädte. Sie sangen von Liebe und Sehnsucht, von dem, was die Herzen
bewegt.
An diese Situation muss ich heute denken. Da kommt auch ein solcher
Sänger, wohl mit einem Musikinstrument in der Hand, und fängt an zu
singen, mitten in Jerusalem, ich stelle mir vor, es war am Tempelplatz. Er
gibt sich als eine Art Bänkelsänger. Er singt das Lied von einem Weinberg.
Zunächst erinnert es an ein Liebeslied.
1 Wohlan, ich will meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem
Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer
fetten Höhe. 2 Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin
edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und
wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte. 3
Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir
und meinem Weinberg! 4 Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg,
das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben
gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte? 5 Wohlan, ich
will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll
weggenommen werden, dass er verwüstet werde, und seine Mauer soll
eingerissen werden, dass er zertreten werde. 6 Ich will ihn wüst liegen
lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und
Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf
regnen. 7 Des Herrn Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die
Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf
Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war
Geschrei über Schlechtigkeit.
Wahrscheinlich haben die Leute geklatscht bei dieser Aufführung des
Jesaja. Vorher sagte ich Bänkelsängertum, Sie können auch sagen, es war
eine Art Kabarett - und das im heiligen Jerusalem!
Er singt von dem, was damals bei vielen das tägliche Geschäft bestimmte,
von einem Weinberg. Der hatte alle Voraussetzungen, dass gute Trauben
hätten kommen können, aber es kamen Herlinge, d.h. unreifes Zeug,
Säuerlinge. Bis hierher kann man es noch als Spaß verstehen. Doch aus dem
lustigen Lied wird Ernst und den Zuschauern und Zuhörern vergeht das
Lachen: „Der Weinberg seid ihr.“ Und Gott ist der Weinberg-Besitzer.
Anders als bei Bänkelsängern ist: Er bleibt nicht unverbindlich, sondern
tut das Geschäft des Propheten.
Vier Abschnitte:
1. Gott steckt viel Arbeit in seinen Weinberg
Gott hat an seinem heiligen Volk mindestens ebensoviel Mühe und Arbeit
hineingesteckt wie der Weingärtner, und wie wir in unsere alltäglichen
Anstrengungen, in Familie und Beruf und Schule, sogar noch viel mehr. Er
hatte ihnen das versprochene Land gegeben, in dem es alles gab, was sie
brauchten, ein Land, in dem Milch und Honig fließt, wie es in der Bibel
heißt. Er hatte seine Verheißungen wahrgemacht und sie sicher wohnen
lassen. Sie mussten keine Angst mehr haben vor Raubzügen und Plünderungen
der umliegenden Bewohner. Sie hatten ein gutes Staatswesen und eine
funktionierende Gesellschaft. Die Leute hielten das für selbstverständlich
und schätzten das gar nicht mehr besonders, weil sie die schlimme Zeit
davor nur noch vom Hörensagen kannten.
Wenden wir‘s auf uns an:
Was hat Gott uns gegeben? Wir haben doch alles, was wir brauchen. Bei uns
muss niemand verhungern. Wir haben sogar mehr als das Notwendige.
Materiell gesehen haben wir eine große Fülle.
Für Erwachsene: Wir fahren gute Autos, haben ordentliche Wohnungen, schöne
Kleidung; können uns Urlaub leisten, fahren im Winter in den Bergen Ski
und im Sommer reisen wir in ferne Länder, oder auch im Frühjahr nach
Israel oder nach Sri Lanka (herzliche Grüße!).
Viele Jugendliche haben Handys, haben Computer usw.
Und nach dem Abi machen sie eine Weltreise.
Natürlich muss man dafür was tun. Aber es ist auch Gott zu verdanken. Dass
wir in Europa in Frieden miteinander leben können. Man müsste eigentlich
sehr viel aufzählen. - Danken wir auch Gott dafür?
Dass wir das alles können, dass wir in dieser Situation leben, das ist
nicht nur eigenes Verdienst. Da ist auch Gottes Hand dahinter - seine
Mühe. Er setzt sich für uns ein!
2. Gott erwartet Frucht
Er „grub eine Kelter und wartete darauf, dass der Weinberg gute Trauben
brächte.“ Gott suchte damals bei seinem Volk Frucht. Und er sucht auch bei
uns Frucht für seine Mühe, die er in uns hineingesteckt hat. Hat sich
diese Mühe gelohnt?
Dieses Weinberglied des Propheten Jesaja kann uns ständig neu daran
erinnern, dass Gott hofft und von uns etwas erwartet. Er wartet auf
Frucht.
Was er erwartet, ist die Bewährung in unserem Alltag, im Zusammenleben mit
den anderen Menschen. Man kann an die Früchte des Geistes denken: Liebe,
Freude, Friede, Geduld
Es sollen ganz sichtbare Früchte sein, nicht nur solche, die er allein
kennt und sieht, sondern die auch die anderen Menschen merken, Früchte,
die sich im Leben der ganzen Gesellschaft auswirken.
Bei den Früchten denke ich an persönliche Erlebnisse: Ich bin im Dorf
aufgewachsen. Da war die Ernte etwas Öffentliches. Wenn der Nachbar seine
Äpfel einfährt, oder vor allem, wenn durch das ganze Dorf eine lange
Schlange von Traktoren mit Anhängern steht mit Zubern voller Trauben. Das
kriegen alle mit. Früchte, das ist auch ein Gemeinschaftserlebnis.
In vier Wochen werden wir Konfirmation feiern. Wenn man so will, ist das
auch ein Abschied von der Kindheit. Die Erziehung ist im wesentlichen
gelaufen. Es gibt eine Ablösung vom Elternhaus.
Frage: Hat das alles zur Reife für sich selbst und vor Gott geführt. Was
bedeutet das für die Konfirmanden und die Eltern, und auch Großeltern...?
Die Anstrengung in der Schule, das Ertragen von Überlegenheit der Eltern
und Erzieher.
Auf der anderen Seite eine Menge an Energie und Fürsorge und Liebe; Zeit,
Geld; das Zurückstellen der eigenen Bedürfnisse; manchmal durchwachte
Nächte.
Gott erwartet Frucht von uns, und wir erinnern uns an die Worte Jesu, „Ich
bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm,
der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ Wir sind
also gar nicht dazu aufgerufen, krampfhaft Früchte aus uns selbst
hervorbringen zu wollen, sondern zuerst die Gemeinschaft mit Jesus
Christus zu suchen. Nur von ihm her können wir die Früchte bringen, die
Gott erwartet.
3. Wenn die Frucht ausbleibt, verwirft er den Weinberg
Kann Gottes Geduld eigentlich einmal zu Ende sein?
Jesaja muss wieder einmal, wie öfter, im Namen Gottes das Gericht
androhen. Gottes Geduldsfaden ist bereits gerissen. Die Ankündigung des
Propheten hat sich wenige Jahre später erfüllt, als das Nordreich Israels
von den Assyrern im Jahr 722 v.Chr. erobert wurde. Ab da existierte es
nicht mehr. Nur das Südreich Juda lebte weiter. Es hat nicht nur diese
Katastrophe überlebt, sondern auch die späteren, teils noch viel
schlimmeren, bis hinein in unsere Gegenwart.
Der Weinberg gilt als Symbol des Volkes Israel, nicht nur hier, sondern
auch an anderen Stellen der Bibel.
4. Gottes Gnade
Von der Gnade Gottes steht nichts im Text. Aber das Weinberglied des
Jesaja hat im Neuen Testament ein Nachspiel. Jesus hat es aufgegriffen und
erzählt das Gleichnis von den bösen Weingärtnern. Er erzählt, wie die
Arbeiter dem Besitzer ihren Weinberg bearbeiten. Aber dann, zum
entscheidenden Zeitpunkt verweigern sie ihm die Früchte. Als er die
Früchte einfordern lässt, werden seine Beauftragten verprügelt oder sogar
getötet. Da schickt er zum Schluss noch seinen eigenen Sohn. Den bringen
sie um.
Doch es gibt eine Überraschung: Jesus erzählt die Reaktion des Besitzers
anders als Jesaja. Der Weinberg wird nicht verwüstet, sondern er wird
anderen Leuten übergeben, damit sie ihn bearbeiten.
Die Strafe der Vernichtung war also nicht das letzte Wort Gottes. Er hat
es sich anders überlegt. Und das ist das eigentliche Wunder. Die Strafe
hat er dem Unschuldigen auferlegt. Die Schuldigen hat er frei ausgehen
lassen: „Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch
seine Wunden sind wir geheilt.“
Reminiscere heißt der heutige Sonntag: Erinnere dich. Aber es ist nicht
unsere Erinnerung gemeint, sondern Gott soll sich erinnern an seine
Barmherzigkeit, wie es in Psalm 25,6 heißt: „Erinnere dich Herr, an deine
Barmherzigkeit.“
Erinnerung, ist das Stichwort des Tages. Denk dran. Lass dich erinnern!
Wir werden daran erinnert, dass Gott von uns etwas erwartet. Er will
sehen, dass seine Mühe auf Resonanz bei uns stößt. Aber auch Gott wird an
etwas erinnert; nämlich dass er versprochen hat, barmherzig zu sein. Er
rechnet nicht wie mit einer Waage das Gute und das Böse bei uns
gegeneinander ab, sondern die Strafe trifft Christus, uns gilt die
ausgestreckte Hand Gottes, zur Versöhnung mit ihm.
Nach dieser ausgestreckten Hand dürfen wir greifen. Amen!
(Pfr. Dr. Karl Knauß)
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