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Gottesdienst am Invocavit, 5. März
2006, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über 2. Korinther 6, 1-10.
Sein Abitur hat er mit Bravour bestanden - ich glaube, mit einer glatten
Eins. Der Vater war Mitarbeiter in der Gemeinde. Der Sohn hätte alle
Möglichkeiten gehabt. Die Türen standen ihm offen. Welches Studium?
Welcher Beruf? Er hätte die freie Wahl gehabt. Aber dann zog er sich nach
Japan zurück, zu Meditationen, wie sie einst als schick galten. Keine
Berufsausbildung, kein Studium. Er wusste mit dem, was er hatte, nichts
mehr anzufangen. Der Vater hat es uns in tiefem Schmerz erzählt. Wir haben
ihn dann aus den Augen verloren.
Persönliche Gaben kann man brach liegen lassen; geistliche Gaben auch. Wir
haben ungeheuer viel. Was machen wir damit?
Paulus schreibt an die Gemeinde in Korinth:
1 Als Mitarbeiter aber ermahnen wir euch, dass ihr die Gnade Gottes nicht
vergeblich empfangt. 2 Denn er spricht: »Ich habe dich zur Zeit der Gnade
erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen.« Siehe, jetzt ist die Zeit
der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils! 3 Und wir geben in nichts
irgendeinen Anstoß, damit unser Amt nicht verlästert werde; 4 sondern in
allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Trübsalen,
in Nöten, in Ängsten, 5 in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen, in
Mühen, im Wachen, im Fasten, 6 in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut,
in Freundlichkeit, im Heiligen Geist, in ungefärbter Liebe, 7 in dem Wort
der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur
Rechten und zur Linken, 8 in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und
guten Gerüchten, als Verführer und doch wahrhaftig; 9 als die Unbekannten
und doch bekannt; als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die
Gezüchtigten und doch nicht getötet; 10 als die Traurigen, aber allezeit
fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts
haben und doch alles haben.
Paulus ermahnt in seinem Brief die Gemeinde in Korinth. Sie hatten viel
von Gott empfangen. Und es sieht so aus, als hätten sie es sozusagen auf
einen Berg aufgehäuft, hätten sich davorgestellt und ihn bewundert.
Wir haben auch viel von Gott bekommen. Die Bibel nennt das Gnade.
Das dickste Bankkonto nützt nichts, wenn man nichts daraus macht. Darum
gilt die Ermahnung auch uns: Auf, mach was draus! Jesus hat dazu das
Gleichnis von den anvertrauten Talenten erzählt. Du hast was anvertraut
bekommen. Nütze es aus!
Wir sollen die Gnade Gottes nicht ins Leere laufen lassen, heißt es da
wörtlich, oder wie Luther übersetzt, nicht vergeblich empfangen. Da gibt
es Leute, die haben von Gott viel bekommen, aber es ist vergeblich, weil
sie es nicht einsetzen, nicht arbeiten mit der von Gott ausgeteilten
Gnade. Für uns Christen kann es tatsächlich zur Gewohnheit werden, dass
man sagen kann, ja ich weiß, dass Jesus für mich gestorben ist, dass ich
jetzt in Frieden und Freiheit mit meinem Gott leben kann. Und doch ist
keine Kraft mehr drin, es wirkt wie abgestandenes Wasser. Trotz allem
geistlichen Wissen, trotz reicher Glaubenserfahrung kann das Glauben zur
Routine werden.
Gegen diesen geistlichen Leerlauf werden uns heute zwei Heilmittel
genannt:
1. Auf das Jetzt kommt es an
2. Christen bewähren sich in Schwierigkeiten
1. Auf das Jetzt kommt es an
Eine junge Frau steht vor einer Prüfung. Aber Prüfung war nicht unbedingt
ihre Sache. Sie bekam leicht Panik. Schon mehrmals war sie davongelaufen.
Es war fast zum Auswachsen. Gaben waren da, mehr als genug an Gaben. Aber
sie konnte sie nicht ausnützen, weil da irgendetwas gegen sie arbeitete.
Auch diesmal konnte sie die Spannung schier nicht aushalten und wäre am
liebsten davongerannt. Der Professor hat das mitgekriegt. Er musste vorher
noch andere Prüfungen abnehmen. Sie kam nicht sofort dran.
Mit Ihrem Einverständnis, sagte er dann: Ich werde Sie jetzt ins Clo
einschließen bis zur Prüfung - und er tat‘s. Anschließend war Prüfung. Sie
konnte nicht mehr ausreißen. Sie kam durch, vermutlich nicht schlecht. Bis
heute ist sie dem Professor dankbar. Was war daran so wichtig? - Der
Professor hat sie ganz ernst genommen. Und wahrscheinlich hat er auch
gewusst, dass sie es sehr wohl kann. Es wäre doch schade, wenn sie das
nicht durchziehen würde.
Lass deine Gaben, die du hast, nicht kaputtgehen. Nütze sie aus. Die Gaben
werden nur dann angewandt, wenn du dir auch einige Zumutungen gefallen
lässt, und wenn du dir selbst was zumutest. Der Glaube findet nicht nur im
Kopf und im Herzen statt, sondern er wirkt sich im persönlichen Leben aus.
Da muss vieles handgreiflich werden, fühlbar, zum Anfassen!
Jetzt ist die Zeit der Gnade!
Im Gästebuch eines Pfarrers hatte einmal ein junger Mann eingetragen:
„Herr, lass mich fromm werden, aber nicht gleich!“
Immer dann, wenn Gott uns anruft, ist seine Zeit. Er spielt kein Theater,
sondern meint es ernst, wenn er an uns herantritt. So meint es auch
Paulus. Er ist von Gott beauftragt und zu den Korinthern gekommen. Er hat
ihnen alles gesagt, was zur Rettung der Menschen nötig ist, und er hat
alles wesentliche gesagt, was sie in der Nachfolge wissen sollen. Da hat
sich das alttestamentliche Wort erfüllt, in dem Gott die Erfüllung der
Zeit verheißen hat. Paulus sagt, wenn er als Beauftragter Gottes seine
Botschaft weitergibt, dann hat Gott seine Zeit erfüllt, und es ist ein
Schaden, wenn man dann noch weghört. Man muss zugreifen, wenn es was gibt,
nachher ist es zu spät.
Luther hat die Stelle unseres heutigen Textes in seiner anschaulichen
Sprache einmal so wiedergegeben: „Liebe Deutsche, kauft, solange der Markt
vor der Tür ist, sammelt ein, solange es scheint und gut Wetter ist...
Denn das sollt ihr wissen, Gottes Wort und Gnade ist ein fahrender
Platzregen, der nicht wiederkommt, wo er einmal gewesen ist. Er ist bei
den Juden gewesen; aber hin ist hin, sie haben nun nichts. Paulus brachte
ihn nach Griechenland: Hin ist hin; nun haben sie den Türken... Und ihr
Deutschen dürft nicht denken, dass ihr ihn ewig haben werdet... Darum
greift zu..., wer greifen kann...“
Welches Wunder! Es ist immer noch nicht vorbei! Wir haben noch die gute
Gelegenheit, dass Gott mitten unter uns, ja jedem persönlich, der es
wissen will, alles ganz genau vortragen lässt, seinen ganzen Willen
mitteilen lässt. Wer da nein sagt oder gleichgültig vorbeiläuft, dem ist
nicht zu helfen. Wenn eine reife Frucht daliegt, dann kann man sie nicht
ewig liegenlassen, sie wird sonst verfaulen.
Wem es durch Herz und Sinn geht: Eigentlich weiß ich genau, was ich vor
Gott tun sollte und was er von mir will, und der es dann doch aufschiebt
und meint, er könne das später immer noch tun, der spielt mit seinem
Leben. Wo Gott mit uns redet und wir das hören, da ist es ernst.
Eine Erfahrung aus meiner Zeit als Handwerker: Wenn man Gips verarbeitet
und der Gips zieht, dann muss man ihn schnell verbrauchen, sonst wird er
fest. Vielleicht kann man ihn einmal mit Wasser strecken, und muss sich
dann immer noch beeilen, aber man kann den Gips auch kaputtmachen, dann
taugt er nichts mehr und ist nur noch zum Wegwerfen. Wenn Gott mit uns
redet, das kann man auch nicht ewig strecken. Sonst geht es kaputt. Man
muss dann handeln und reagieren, wenn es dran ist.
2. Christen bewähren sich in Schwierigkeiten
Das Leben des Christen verläuft nicht dauernd im Leiden. Es gibt viel
Freude und schöne Erlebnisse. Und dennoch ist es auch normal, dass, wer
Jesus nachfolgt, anderen Anstoß bereitet, so dass sie sich herausgefordert
sehen und sich gegen uns wehren. Es kann sein, dass sie gegen uns sogar
sehr aggressiv werden. Das ist nicht deshalb, weil wir ihnen Leid zugefügt
hätten, sondern weil sie sich nicht ändern wollen, weil sie sich Jesus
nicht anvertrauen wollen. Gerade wenn wir treue Zeugen unseres Herrn sind,
müssen wir mit Widerspruch und Widerstand rechnen. Wir müssen das wissen,
damit niemand meint, da sei etwas schiefgelaufen, wenn ihm Widerstand
entgegengebracht wird, wenn nicht alles glatt läuft. Was uns passiert, ist
ja auch meist harmlos. Man kann es in keiner Weise mit dem vergleichen,
was Paulus an Widerstand erlebt hat. Wir erleben vielleicht ein bisschen,
dass über uns gelächelt wird, oder dass wir gesellschaftlich weniger
angesehen sind, vielleicht kann mancher Christ einen Posten nicht
bekommen, den ein anderer leichter bekommt. Aber das ist dennoch harmlos.
Menschen wollen gerne strahlende Helden sehen, auch wenn wir heute keine
sehr heldenhafte Zeit haben. Sie verlangen trotzdem nach solchen, die das
Schicksal meistern, ja zwingen, sie verlangen nach überlegenen Leuten, die
um ihre Größe wissen und auch unverhohlen davon reden.
Die Korinther haben offenbar auch nach einem solchen siegreichen
Christsein Ausschau gehalten, das aus lauter Höhenflügen besteht. Doch
Paulus zeigt ihnen das Gegenteil. Und genau das ist das einzige
unzweideutige Kennzeichen der Christen.
Der verstorbene Bischof von Berlin, Otto Dibelius, wusste es noch bis zum
letzten seiner Tagen, dass sein Konfirmator Stolte in der
Konfirmationspredigt gesagt hatte: Ein Kilo Eisen sei nur ein paar
Pfennige wert; und wenn man daraus Hufeisen schmiede, dann werde es auch
nicht viel mehr wert. Aber schon wenn man Messerklingen daraus mache,
erziele man einen Preis von ein paar hundert Mark. Und wenn man es zu
Uhrfedern verarbeite, dann steige der Wert in viele Tausende. Dazu aber
müsse das Eisen immer aufs neue in die Glut und müsse wieder und wieder
gehärtet werden. So sei es auch mit den Menschen. Wer etwas Tüchtiges
werden wolle, der müsse immer wieder in den Feuerofen der Not hinein; da
erst forme sich der Charakter.
Wie sollte es uns anders gehen als unserem Herrn? Haben sie ihm
Schwierigkeiten bereitet, dann werden sie auch uns Schwierigkeiten
bereiten. Das ist dann kein Unglück, sondern wir müssen es als völlig
normal erwarten. Andererseits wollen wir es nicht herbeireden, sondern es
uns nur im voraus gesagt sein lassen, falls wir in kleinere oder größere
Widerstände kommen sollten. Amen!
(Pfr. Dr. Karl Knauß)
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