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Gottesdienst am Sexagesimae, 19.
Februar 2006, in Wilhelmsdorf um 9.00 Uhr, Predigt über 2. Korinther 12,
1-10.
Im deutschen Olympia-Team gab es am Freitag einen kleinen Skandal. Ein
Skispringer (Alexander Herr) wollte sich mit den Entscheidungen seines
Trainers nicht abfinden - und flog aus dem Team. Er war überzeugt: Ich bin
der Bessere. Andere konnten dem nicht zustimmen. Jetzt hat er sich in eine
dumme Lage gebracht. Er konnte mit der kleinen Demütigung nicht umgehen.
Sein Konflikt entstand aus Selbstüberschätzung. Wenn jemand unter
Selbstüberschätzung leidet, das gibt immer Konflikte, früher oder später.
Schon kleine Kinder lernen‘s im Sandkasten. „Ich hab die größere Burg
gebaut.“ In der Schule feilscht man um Noten und Leistungen, während die
Schwachen und Außenseiter das Nachsehen haben. Im Geschäftsleben ist es
nicht anders, und in der Politik, auch wenn die Formen anders sind.
Wettbewerb gehört zum Leben.
Nicht alle machen es gleich geschickt. Macht‘s einer zu auffällig, dann
sagen alle: „Der Angeber.“ Macht man es überhaupt nicht, kommt man unter
die Räder. Auch das rechte Angeben ist eine Kunst und will gelernt sein!
Etwas vornehm nennt man das Werbe-Psychologie. Es gibt dazu sogar
spezielle Ausbildungswege.
Paulus hat auch in der Gemeinde peinliche Angeberei erlebt und einen
ungeistlichen Wettbewerb um Einfluss schmerzlich erfahren müssen. Es gab
welche, die sich mit ihren Gaben hervorhoben und prahlten. Das ging so
weit, dass das Evangelium in Gefahr geriet. Nur ganz widerwillig lässt
sich Paulus auf diese Auseinandersetzung ein. Er macht diesen Unsinn mit,
nicht um sich selbst herauszustellen, sondern um das Evangelium zu
verteidigen.
1 Gerühmt muss werden; wenn es auch nichts nützt, so will ich doch kommen
auf die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn. 2 Ich kenne einen
Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren – ist er im Leib gewesen? Ich
weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen? Ich weiß es auch nicht;
Gott weiß es –, da wurde derselbe entrückt bis in den dritten Himmel. 3
Und ich kenne denselben Menschen – ob er im Leib oder außer dem Leib
gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es –, 4 der wurde entrückt in das
Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann. 5
Für denselben will ich mich rühmen; für mich selbst aber will ich mich
nicht rühmen, außer meiner Schwachheit. 6 Und wenn ich mich rühmen wollte,
wäre ich nicht töricht; denn ich würde die Wahrheit sagen. Ich enthalte
mich aber dessen, damit nicht jemand mich höher achte, als er an mir sieht
oder von mir hört. 7 Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen
nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans
Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe.
8 Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass er von mir weiche.
9 Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine
Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten
rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne. 10 Darum
bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in
Verfolgungen und Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so
bin ich stark.
Drei Stichworte: Es geht um Leiden, Erfahrungen und Gnade
1. Leiden ist eine Spur Gottes
2. Erfahrungen gehören zum Christsein
3. Gnade geht über Leiden und Erfahrung
1. Leiden ist eine Spur Gottes
Gibt es für einen Beauftragen Gottes einen Ausweis? Woran erkennt man
seine Glaubwürdigkeit? Die Menschen damals meinten, er müsse Spuren des
Heiligen an sich tragen. Spuren der Berührung durch den Heiligen Geist.
Sie dachten, wer mit ihm zu tun hat, der müsse einen „geistlichen
Brandgeruch“ haben.
Die Frage ist, ob es Kennzeichen einer besonderen Erfahrung gibt. Drückt
Gott den Menschen irgendwie einen Stempel auf, wenn sie mit ihm in
Verbindung stehen?
Im Alltagsleben gibt es solche Beglaubigungen. Wenn jemand z.B. das
Abschlusszeugnis seiner Berufsausbildung einreichen muss, dann geht er
auf‘s Rathaus oder Notariat und lässt sich die Fotokopie beglaubigen. Dort
kriegt man einen Stempel und eine Unterschrift. Und dann gilt die Kopie
als echt. Das darf nicht jeder. Wehe, Sie machen das selbst! Das wäre
Urkundenfälschung! Warum darf das dann Frau Hoffmeier? - Das müssen Sie
sie selbst fragen.
Oder warum darf Herr Frese Strafzettel verteilen? Das darf ja auch nicht
jeder!
Nun dachten die Menschen damals, das sei im geistlichen Bereich ähnlich.
Die Beauftragung durch Gott könne man vorzeigen.
Gibt es auch so etwas Ähnliches wie göttliche Prüfungen, sozusagen einen
Ausweis: „Du darfst in Gottes Auftrag reden und handeln.“ Unterschrieben
von Gott selbst, unterschrieben nicht mit Tinte oder Kugelschreiber,
sondern mit den Kennzeichen des Heiligen Geistes.
Niemand soll zu schnell mit dem Kopf schütteln. Wenn es nämlich keine
Beglaubigung Gottes gibt, dann gibt es eine Inflation von geistlichen
Weisheiten und man findet jeden Tag neue Offenbarungen.
Manche sagen, die Beglaubigung durch Gott sei, wenn jemand in Zungen reden
könne oder wenn er prophetisch rede oder wenn durch sein Gebet und seine
Handauflegung Kranke gesund werden.
Paulus verachtet eine Vision oder eine Offenbarung nicht, auch nicht
Zungenreden oder prophetisches Reden. Aber das ist für ihn kein Ausweis
der göttlichen Beauftragung. Große Erfahrungen gibt es überall, und große
geistige Leistungen auch. Sie sind hauptsächlich Stärkungen des einzelnen.
Doch das Leiden für Christus hat eine andere Qualität. Es trägt viel eher
den „geistlichen Brandgeruch“ als die große Erfahrungen. Denn die tragen
die Gefahr, dass wir selbst zu wichtig werden. Der Apostel hat in
unsagbarer Weise für seinen Herrn gelitten. Er sagt sogar einmal (Kol.
1,24), dass er durch sein körperliches Leiden die Leiden Christi ergänze.
In dieser Welt der Schuld und Sünde ist das Leiden Gottes und das Leiden
seiner Beauftragten die angemessene Antwort.
In der englischsprachigen Welt werden heute noch viele Lieder der blinden
Sängerin Fanny Crosby gesungen, die 1915 als 95-jährige starb. Sie hat in
ihrem Leben über 8000 Lieder geschrieben. Viele sind auch auf deutsch
übersetzt, etwa: „Seliges Wissen, Jesus ist mein.“ Als sie sechs Wochen
alt war, bekam sie eine Augenkrankheit. Wegen falscher Behandlung verlor
sie ihr Augenlicht. Im Alter hat sie erzählt, sie hätte nie einen Groll
dagegen gefühlt. Sie hätte immer daran geglaubt, dass es Gottes Weg für
sie sei. So hätte er sie fähig gemacht, das Werk zu tun, das ihr
anvertraut wurde. Mit ihren vielen Liedern hat sie unzähligen Menschen
geholfen, ein Leben in der Nachfolge Jesu zu führen.
2. Erfahrungen gehören dennoch zum Christsein
Erst auf dem Hintergrund des Leidens erzählt Paulus von seinen großen
geistlichen Erfahrungen. Er tut das nicht, um sich selbst groß
herauszustellen. Er tut‘s nur als eine Verteidigung denen gegenüber, die
die Menschen in ihren Bannkreis ziehen und die sich mit ihren geistlichen
Höhenflügen selbst in den Mittelpunkt stellen wollen.
Es ist etwas Großes, Erfahrungen mit Gott zu machen. Ja, Erfahrungen
gehören sogar zum Christsein. Denn unser Leben mit Gott ist nicht nur ein
reiner gedanklicher Vorgang. Christsein heißt nicht nur, anständig zu
leben. Es geht nicht nur um das Befolgen von einigen Lebensgrundsätzen.
Eine bewusste Entscheidung für Jesus und ein Leben in seiner Nachfolge ist
mit Erfahrungen verbunden. Ebenso führt ein Leben im Gebet auch zu
Erlebnissen im Glauben. Sie sollen den Glauben stärken. Aber sie dürfen
nie als Machtinstrument missbraucht werden.
Die Erfahrungen sind deshalb eine Gratwanderung. Man muss sehr genau
darauf achten, wen sie groß machen: Gott oder einen Menschen.
Paulus redet von seinen großen Offenbarungen. Offenbar hat er in den
ganzen 14 Jahren, die seitdem vergangen sind, nicht davon geredet. Und
wenn er nun davon spricht, dann so, als würde er über einen anderen
Menschen berichten.
3. Gnade geht über Leiden und Erfahrungen
Das Sich-Rühmen über Erfahrungen bringt nichts, sagt Paulus. Das Leiden
bereitet uns zu, dass wir für Gottes Handeln offen werden. Doch die Gnade
geht über beides. In ihr wendet sich Gott allen zu, die das wollen.
Mit Leiden und geistlichen Erfahrungen wird nur das beschrieben, was an
uns Menschen geschieht. Davon kann keiner leben. Aber was Gott tut, davon
können wir leben. Das öffnet uns die Tür zum Himmel und die Tür zum Herzen
Gottes.
Deshalb sind wir darauf verwiesen: Wir sollen uns in unserem geistlichen
Leben weder von große Erfahrungen leiten lassen noch von schweren
Erfahrungen, sondern vom Handeln Gottes. Amen!
(Pfr. Dr. Karl Knauß)
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