Gottesdienst am Septuagesimae, 12. Februar 2006, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über Jeremia 9, 22-23.

22 So spricht der Herr: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums. 23 Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der Herr bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der Herr.

Ich hatte einen Freund. Er hieß Dieter. Mit ihm habe ich viele intensive Gespräche geführt. Wir hatten ganz große Pläne. Wir wollten die Welt retten. Und wir waren auch überzeugt, dass diese Pläne dem Willen Gottes entsprechen würden und dass sie seiner Gemeinde dienen. Dieter konnte hervorragend organisieren und leiten. Aber durch einen Autounfall kam er ums Leben. Er war damals gerade 25. Das war für mich ein tiefer Schock! Ich wusste nicht, wie mein Leben weitergehen könne. Die ganzen Pläne waren durchkreuzt.

Wir waren eine Gruppe junger Menschen, die Jesus von ganzem Herzen nachfolgen wollten. Uns trieb die tiefe Sorge um den Niedergang der christlichen Gemeinde um. Es war nicht so sehr der moralische Niedergang - der war damals noch nicht so deutlich erkennbar -, sondern vieles, was geschah, sahen wir als Zerstörung der Grundlagen des Glaubens: Dass Gott lächerlich gemacht wurde, dass biblische Grundlagen zerstört wurden und vieles mehr. Wir hatten deshalb eine theologische Schule bilden wollen. Wir wollten gute und gründliche Arbeit machen; ernsthaft studieren, nicht nur Theologie, sondern auch verschiedene andere Fächer. Eine solche theologische Schule müsste doch ihre Wirkung haben, so dachten wir.

Diese Gedanken und Ziele hatten mich damals voll ergriffen. Ich möchte nicht sagen, dass sie total falsch waren. Aber ich weiß nicht, was tatsächlich herausgekommen wäre, wenn wir weitergemacht hätten. Nicht alles, was am Anfang gut aussieht, ist am Ende auch wirklich hilfreich. Denn „der Teufel steckt im Detail“.

Es geht um die Dinge, die unserem Leben eine Richtung geben und die uns gefangennehmen können: Für manche Menschen ist es das Geld, für andere die Macht oder große eigene Fähigkeiten. Wie groß halten wir von den menschlichen Möglichkeiten.

Davon spricht auch Jeremia in diesem prophetischen Wort. Man könnte auch sagen, es geht um Dinge die uns Einfluss verschaffen, oder manchmal auch Vorteile bringen im Wettbewerb des Lebens.

Reichtum, Stärke und Weisheit erhöhen das Ansehen. Sie machen das Leben sicher, und sie können an Gottes Stelle treten.

In der Offenbarung wird beschrieben, dass das Lamm, d.h. der gekreuzigte und auferstandene Christus, allein würdig ist zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ruhm und Lobpreis.

Geld ist an sich weder gut noch schlecht. Wenn man es recht einsetzt, kann es großen Segen wirken. Es kann Not lindern, es kann Schaden beseitigen, es kann Rettungswerke zustandebringen. Aber wenn man es missbraucht, dann kann es ruinieren und zerstören. Geld in den Händen von Verbrechern ist eine Katastrophe, Geld in guten Händen baut auf.

Über den Missbrauch von Gaben nach außen könnte man viel reden. Diesen Missbrauch haben wir oft auch anschaulich vor Augen.

Nun geht es aber nicht um das, was man mit dem Geld machen kann. Sondern es geht darum, was macht das Geld mit uns? Bill Gates ist seit etwa 10 Jahren der reichste Mann der Welt. Aber ich glaube nicht, dass er der glücklichste ist. Einstein wurde zu seiner erfolgreichen Zeit wohl als das größte Genie und der gescheiteste Mensch der Welt betrachtet. Aber menschlich war er eine Niete. Und seine Umgebung hatte mit ihm große Not.

Geld und Intelligenz und Macht verführen uns dazu, dass wir Menschen uns in den Mittelpunkt stellen. Sie üben eine Faszination aus, dass wir uns davon abhängig machen und unfrei werden. Wer gemerkt hat, was er mit seinem Geld oder mit seinen Fähigkeiten für einen Einfluss gewinnen kann, steht in Gefahr, dass er diesen Dingen um so mehr nachjagt. Er braucht immer mehr davon. Denn das ist doch so erfolgreich! Schließlich wird er selbst ein Gejagter.

Jesus sagt in der Bergpredigt: Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz (Matth.6, 21).

Im Mittelpunkt unseres Lebens sollte ja eigentlich Gott und seine Ehre stehen. Darum gilt der Selbstruhm in der Bibel als Zeichen des Gottlosen.

Johann Seb. Bach wird sich wohl bewusst gewesen sein, dass er sich mit seinen Werken nicht zu verstecken braucht. Man schätzte sie, und er gehörte zu den Angesehenen der damaligen Gesellschaft. Aber er schrieb über allen seinen Werken „soli deo gloria“ = Gott allein die Ehre. Auch wenn es zu seiner Zeit üblich war, so zeigt es doch, dass man sich der Gefahr des Selbstruhms bewusst war.

Der berühmte Theologe Adolf Schlatter war sich auch seiner großen Fähigkeiten sehr wohl bewusst. Er konnte seine studentische Zuhörerschaft faszinieren und zu Begeisterungsstürmen hinreißen. Von ihm wird erzählt, dass er nach einer sehr gut gelungenen Vorlesung aus dem Hörsaal herausgegangen sei und zu seinem Arbeitszimmer ging. Während er hineintrat, habe er gerufen: „Bravo, Schlatter.“ Dort wartete aber ein Student auf ihn, der mit ihm ein Gespräch führen wollte. Der Student hat die Geschichte später weitererzählt.

Nicht nur die Gottlosen sind in der Gefahr, sich selbst zu rühmen, sondern alle. Es ist unwesentlich, wie fromm oder unfromm wir sind, oder auch wie begabt oder wie viel Geld und Gut wir haben.

Nun kommt ein entscheidender Punkt. Wir beschreiben hier nicht nur den menschlichen Charakter. Sondern es geht um den Kern des Glaubens:
Paulus greift an sehr zentralen Stellen des Evangeliums auf diese Stelle beim Propheten Jeremia zurück, und zwar genau dort, wo er das Wesen des Glaubens erklärt (Römer 3, 23f.27; 1. Kor. 1,29-31). Der Glaube kann nicht auf das bauen, was er selbst geleistet hat. Sondern das Wesen des Glaubens gründet sich auf Gottes Handeln. Wir werden ohne eigene Leistung von Gott angenommen. Keiner kann sagen, ich habe es selbst geschafft, in den Himmel zu kommen. Sondern wir sind alle auf das angewiesen, was Christus für uns getan hat. Das ist eine große Befreiung. Ich darf von Gottes unerschöpflichem Reichtum leben. Ich muss keine Angst haben, dass er jemals ausgehen könnte. Darum dürfen und können Christen in großer Gelassenheit leben. Meine Weisheit geht zu Ende, meine Stärke lässt irgendwann nach, und um mein Geld und Gut muss ich immer besorgt sein. Aber Gottes Gaben hören nicht auf.

Es ist Gottes Weisheit, wenn Mann und Frau sich trotz großer Unterschiede lieben können, und dass sie einander vergeben können. Äußerlich kann man das vielleicht erzählen und wiedergeben. Aber dass da ständig neues Leben geschaffen wird, neue Möglichkeiten zum Leben, das ist ein Geheimnis der Weisheit Gottes.

Schlussbemerkung, um ein Missverständnis zu vermeiden: Die Bibel ist nicht gegen menschliche Leistung und Gaben. Wir sollen nicht Duckmäuser werden, die alles, was wir können, verstecken. Das können wir besonders an den Großen das Glaubens sehen, die in der Bibel beschrieben werden.

David hatte große Gaben, die auch vielen anderen im Reich Gottes großen Nutzen brachten. Ganze Generationen in Israel haben von dem leben können, was er geschaffen hatte. Ihm war aber bewusst, dass es letztlich Gaben Gottes sind. Er hatte ihn ausgewählt, darum konnte er ihm dienen. Aber David hatte auch schwere Fehler. Und er war demütig genug, das anzuerkennen.

Paulus zählte sicher zu den großen Geistern seiner Zeit. Wenn er im jüdischen Glauben geblieben wäre, wäre er sicher auch berühmt geworden. Aber der auferstandene Christus hat ihn in seinen Dienst gestellt und seine Gaben geheiligt.


Von Christus heißt es, „er soll die Starken zum Raube haben“ (Jes. 53,12).
Doch wer in der Nachfolge Jesu ist, der soll wissen, dass alle gute und vollkommene Gabe von Gott kommt und darum ihm die Ehre zukommt. Amen.

 

(Pfr. Dr. Karl Knauß)                          

  

 

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