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Gottesdienst am Letzter Sonntag n.
Epiph., 5. Februar 2006, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über
Offenbarung 1, 9-18.
Die größte Christenverfolgung der Geschichte findet in unserer Generation
statt; am heftigsten in Nordkorea, und auch in einigen islamischen
Ländern. Aber Verfolgung und Diskriminierung hat die Christen schon von
Anfang an begleitet. Im römischen Reich gab es mehrere Verfolgungswellen.
Sie hatten verschiedene Ursachen. Doch stets hatte man das gleiche Ziel:
Man wollte die Christen loswerden. Sie wurden als öffentliche Störenfriede
empfunden, weil sie die Werte des Römischen Reiches nicht anerkannten. Sie
hatten ihre eigene Wertordnung; die römischen Götter konnten und wollten
sie nicht anerkennen, genau so wenig den Kaiserkult, denn sie hatten nur
einen Herrn, Jesus Christus.
In der Verfolgung gegen Ende der Regierungszeit des Kaisers Domitian (etwa
um das Jahr 90) wurde auch Johannes festgenommen. Dazu gehört der heutige
Predigttext (Offb. 1,9-18):
9 Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich
und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des
Wortes Gottes willen und des Zeugnisses von Jesus. 10 Ich wurde vom Geist
ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von
einer Posaune, 11 die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und
sende es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach
Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach
Laodizea. 12 Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir
redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter 13 und
mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich,
angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem
goldenen Gürtel. 14 Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße
Wolle, wie der Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme 15 und seine
Füße wie Golderz, das im Ofen glüht, und seine Stimme wie großes
Wasserrauschen; 16 und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und
aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein
Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht. 17 Und als ich
ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand
auf mich und sprach zu mir: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der
Letzte 18 und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von
Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.
Johannes sitzt in einem römischen Internierungslager in der Verbannung auf
der Insel. Vermutlich finden gerade die Gottesdienste in den christlichen
Gemeinden statt, besonders auch in Kleinasien, von wo Johannes
herausgerissen worden war. Es ist gerade Sonntag. Johannes ist
sichergestellt!
Jetzt kann er nach römischer Sichtweise kein Unheil mehr anrichten. Sie
müssen ihn als gefährlich empfunden haben, sonst hätten sie ihn nicht
gefangen gesetzt. Sein Einfluss musste unbedingt unterbunden werden.
Vielleicht denken manche, das könne Stoff für einen dramatischen Roman
werden: Rechtsbeugung durch staatliche Organe.
Johannes jammert aber nicht über das Unrecht, das ihm widerfährt. Er klagt
nicht die eingeschränkte Freiheit an. Er ruft auch nicht dazu auf, eine
Delegation zum Kaiser zu schicken, obwohl das nicht unchristlich wäre. So
hat sich ja z.B. Paulus sehr wohl auf den Kaiser berufen. Aber was
Johannes tut, ist für das Römische Reich schlimmer: Soll ich sagen,
Missachtung! Der Kaiser ist für ihn kein Gesprächspartner, er erwähnt ihn
nicht, jedenfalls nicht direkt, sondern nur in versteckten
Nebenbemerkungen. Denn der Kaiser ist nicht der Herr der Welt, sondern ein
anderer, Jesus, der auferstandene Herr. Das können die staatlichen Organe
nicht verhindern, auch wenn sie noch so entschlossen sind.
Die Gemeinden haben sich offenbar nicht gewundert, dass man der
christlichen Botschaft Widerstände entgegensetzt. Sie werden sogar sehr
realistisch damit gerechnet haben. Der umfassende Machtanspruch des
Staates war mit der Macht Jesu nicht auszugleichen. Es musste zum
Zusammenstoß kommen. Und zudem hatte Jesus schon einst seinen Jüngern
Verfolgungen vorausgesagt.
Jesus ist es auch, der in der Offenbarung des Johannes die Initiative
ergriffen hat. Johannes ist nur der Berichterstatter, so wie ein
Journalist das wiedergibt, was er gesehen und gehört hat.
Der heutige Predigttext ist sozusagen die Einleitung, es ist der Bericht
über den, der mit ihm spricht, der ihm den Auftrag gibt und der große
Pläne und Ziele hat.
Was Johannes über ihn berichtet, versteht man im Zusammenhang mit Stellen
aus dem Alten Testament. Aus der Fülle von Bildern können wir nur das
Wichtigste bedenken:
Schon der irdische Jesus hat sich selbst als den Menschensohn bezeichnet.
Johannes sieht, das ist ja genauso, wie es Jesus einst angekündigt hat und
wie es schon der Prophet Daniel geweissagt hat: Der Menschensohn. Er sieht
aus, als wäre er ein Mensch. Aber er sieht nur so aus. Denn er ist in
Wirklichkeit mehr als ein Mensch.
Dann beschreibt Johannes etwas Merkwürdiges, das eigentlich jeden, der das
Alte Testament gut kennt, innerlich zutiefst erschüttern muss. Daniel hat
Gott in seiner umfassenden Allmacht beschrieben, wie er auf dem Thron
sitzt. Er hatte weißes Haar wie reine Wolle. Sein Thron bestand aus Feuer
und Feuer ging von ihm selbst aus (Daniel 7, 9-14). Die gleichen
Kennzeichen trägt nun auch der erhöhte Christus: Das weiße Haar, das von
ihm ausgehende Feuer und dann die mächtige Stimme. Er hat die Herrlichkeit
Gottes. Jesus sagt von sich das gleiche, was im Alten Testament von Gott
gesagt ist, nämlich dass er der erste und der letzte ist (Jesaja 44,6;
48,12). Die Siebenzahl der Sterne (Planeten) und das Schwert sind neben
anderem auch Kennzeichen seiner umfassenden Macht.
Jesus in seiner göttlichen Macht und Herrlichkeit gibt dem verbannten
Johannes die Festigkeit, ebenso den bedrängten Gemeinden. Auch wenn sie
unter Druck sind. Sie brauchen sich nicht zu fürchten, denn er hat dennoch
das Geschehen in seiner Hand. Man kann es jetzt noch nicht fühlen oder
erleben: Aber es werden sich vor ihm einmal alle Knie beugen, nicht nur
die im damaligen Kaiserreich, sondern auch die aller späteren Zeiten, die
Anhänger und die Gegner, die Verfolgten und die Verfolger.
Es gibt Menschen, die sich gerne wünschen, Christus so zu begegnen. Sie
meinen vielleicht, damit würden sie in ihrem Glauben gewiss. Aber Johannes
beschreibt seine eigene Reaktion anders: Er bricht zusammen und wird wie
tot. Das hält man fast nicht aus, als fehlbarer, sündiger Mensch. Ich
denke, es ist gut, dass uns diese Begegnung nicht jetzt trifft, sondern
erst in der Ewigkeit.
Nun noch einige Bemerkungen zu aktuellen Ereignissen:
Der Streit um Karikaturen über Mohammed hat die Gemüter in den letzten
Tagen erhitzt. Eine dänische Zeitung hat schon im September Karikaturen
über Mohammed veröffentlicht, die als religiöse Beleidigung empfunden
wurden. Andere Zeitungen haben sie nachgedruckt. In der moslemischen Welt
droht der Protest zu eskalieren. Nicht nur die Zeitungsverlage stehen
unter Druck, sondern auch die dänische Regierungen und von anderen
europäischen Ländern. (Es gab auch Todesdrohungen gegen die
Karikaturisten).
Der Vorgang ist kein Zufall. Er zeigt einen geistigen Klimawandel an. Wir
können das nicht mehr als Einzelerscheinung auf die Seite schieben. Hier
geht es nicht mehr nur um Meinungsfreiheit oder Pressefreiheit und ihre
Grenzen gegenüber religiösen Gefühlen. Denn es ist ein Hohn, hier nur von
(subjektiven) Gefühlen und Empfindungen zu reden. Es geht um Tieferes. Und
das wäre genauso, wenn es christliche Inhalte betreffen würde. Die
Empörung der zunehmend radikalisierten Muslime richtet sich an dieser
Stelle immer deutlicher gegen Werte der westlichen Welt. Ihr Verhalten
nötigt uns zunehmend, die Unverbindlichkeit zu verlassen. Ja, wir sind in
vielem zu oberflächlich geworden. Den anderen nur zu tolerieren nimmt ihn
nicht richtig ernst. Wir reden nicht nur von Innerlichkeiten. Sondern es
geht um die Fragen, worauf wir letztlich unser Leben aufbauen. Es geht um
die Frage nach der Wahrheit unseres Glaubens, eine Frage, die bei uns in
der Öffentlichkeit schon lange nicht mehr gestellt wurde.
Wenn ich recht sehe, haben die Karikaturen genau das getan. Sie haben
Farbe bekannt, wenigstens an einer Stelle, auch wenn es ungeschickt,
taktlos und lieblos war. Aber die Künstler haben ausgedrückt, wie sie
Mohammed sehen, und sie haben den Finger auf eine höchst wunde Stelle
gelegt. Sie wollen sagen: Gewalt und Terror gehören zum Wesen des Islam.
Mindestens einer der Karikaturisten deutet an, es sei ihm bei diesem
Auftrag sehr unwohl gewesen.
Wir müssen uns den elementaren Lebensfragen ehrlich stellen. Wenn es
Menschen anders sehen als wir, dann müssen wir taktvoll und in Liebe
reagieren. Dabei dürfen wir aber das Bekenntnis zu unserem Herrn nicht
verstecken und verleugnen.
Wir sollten auch sagen, wo wir den Unterschied zwischen Christentum und
Islam sehen. Für uns ist jedenfalls Jesus der Herr, „dem wir im Leben und
im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“ (Barmer Erklärung).
Johannes und die Christen in Kleinasien sind damals unter Druck geraten,
weil sie ihren Glauben ehrlich und ernsthaft bekannt haben und weil sie
anderslautenden Ansprüchen nicht ausgewichen sind.
Die Christen haben damals den Kaiserkult abgelehnt, ablehnen müssen. Weil
sie Jesus als ihren Herrn bekannten, konnten sie nicht sagen: Hauptsache,
wir glauben an irgendwas.
Ich denke, wir können dem Karikaturenstreit deswegen auch etwas Positives
abgewinnen: Glauben wir wirklich an den auferstandenen Herrn, dem alle
Macht im Himmel und auf Erden gegeben ist? Dann soll sich auch unser Leben
danach richten. Amen!
(Pfr. Dr. Karl Knauß)
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