Gottesdienst am 2. Sonntag n. Epiph., 15. Januar 2006, in Wilhelmsdorf um 9.00 Uhr, Predigt über 1. Korinther 2, 1-10.

Gegenwärtig verdoppelt sich das Wissen in der Welt etwa alle 6 Jahre. Wir wissen heute mehr denn je. In der Vergangenheit haben viele Menschen das Wissen angehäuft, das wir heute haben. Und 90% der Menschen, die jemals geforscht und gelehrt haben, leben heute. Das muss man sich einmal vorstellen! Unser Wissen wächst rasant. Keiner kann mehr Schritt halten. Das Wissen läuft uns davon.

Was Menschen heute in ihrer Kindheit und Jugend in der Schule lernen, ist 10 Jahre später ziemlich veraltet.

Trotzdem eignen wir uns eine Unmenge an Kenntnissen an. Wir brauchen es, um in unserem Leben bestehen zu können, um noch mitzukommen, um unser Geld zu verdienen, usw.

Aber wir haben dennoch das dumme Gefühl, dass unser großes Wissen uns Entscheidendes nicht bringt. Wir leben zwar viel besser, aber wir sind unzufriedener geworden. Wir kommen miteinander nicht besser zurecht. Wir sehen hier keinen Fortschritt. Wir kommen auch mit Gott nicht besser zurecht.

Worauf kommt es denn im Leben eigentlich an?
Was sind die Punkte, die im Leben und für die Ewigkeit zählen?
Diese Frage ist ja in der Bibel ständig gegenwärtig. Und eigentlich ist die Antwort unkonventionell und total überraschend. Es liegt überhaupt nicht im Rahmen der Erwartungen. Was Paulus dazu an die Korinther schreibt, gehört in diesen Zusammenhang:

1 Auch ich, liebe Brüder, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten und hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu verkündigen.
2 Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten.
3 Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern;
4 und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft,
5 damit euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.
6 Wovon wir aber reden, das ist dennoch Weisheit bei den Vollkommenen; nicht eine Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen.
7 Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit,
8 die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, so hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt.
9 Sondern es ist gekommen, wie geschrieben steht: »Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.«
10 Uns aber hat es Gott offenbart durch seinen Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit.


Menschliche Weisheit und Kraft Gottes stehen sich gegenüber, wie unvereinbare Gegensätze.

Paulus ist ein Verräter! - So kam es vielen seiner Zeitgenossen vor. So denken auch heute viele. Er kommt doch selbst aus der Schule der Wissenschaft. Das ist doch ein kluger Mensch. Wie kommt es, dass er ausgerissen ist aus diesem Lager?

Er ist Jesus begegnet. Und er merkte: Ich habe das Falsche gelernt. Das hat mich dem Ziel des Lebens nicht näher gebracht, sondern weiter davon weg. Er sagt einmal, dass er das, was er früher lernte, inzwischen für schädlich hält, für Dreck. So musste er die Wege Gottes ganz neu kennenlernen. Hören lernen! Neu sehen lernen! Auf das achten, was in Gottes Augen Weisheit ist.

Ich will das für Wilhelmsdorf übertragen: Wir haben viele Lehrer hier, viele Pädagogen, Psychologen, Theologen oder Menschen mit anderen Studiengängen. Wir bilden uns doch ein, das, was wir gelernt haben, sei brauchbar, und es würde uns für den praktischen Alltag helfen. Aber wenn wir gefragt werden: Wer von uns hätte den Mut, diese ganzen Dinge am Willen Gottes zu prüfen? Wer hätte den Mut, den Dingen auf den Grund zu gehen und nach den Wurzeln zu fragen?

Wir sollten nicht glauben, das sei ein harmloses Verfahren! Den Ertrag und die Frucht von Jahren und Jahrzehnten in den Papierkorb werfen! Das Hirn leeren. Ganz neu anfangen. In der Computersprache: Die Festplatte neu formatieren und alles nochmal neu draufspielen.

Wenn das wahr ist, was Paulus schreibt, wenn menschliche Weisheit und die Kraft Gottes sich als Gegensätze gegenüberstehen, hält unser Tun und Denken die Begegnung mit Gott aus?

Diesen ganzen Prozess hat Paulus durchgemacht. Und man spürt seinen Sätzen noch die inneren Kämpfe ab, die er erlebte. Da kommt ein kluger Mensch, wie er, in Schwachheit, in Furcht und mit großem Zittern. Man spürt, da ist für ihn eine neue Tür aufgetan. Und er kann es fast nicht fassen, was er da sieht. Es ist, als wäre ein neuer Mensch geboren, der atmet und sich bewegt und regt und Leben zeigt. Da werden neue ungeahnte Kräfte frei und neue Dimensionen tun sich auf.

Das Neue fasst er in einem einzigen Satz zusammen, nämlich dass er nichts wissen wollte, als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten.

Vor einigen Jahren habe ich über längere Zeit einen jungen Mann begleitet. Er stammte aus der Türkei und war Muslim. Er hatte im Bankfach gelernt. Irgendwie kam er mit Fragen. Er wollte alles über das Christsein wissen. Er hatte geheiratet. Seine Frau gehörte zu unserer Gemeinde. Stundenlang haben sie über Gott und die Welt gesprochen. Aber sie kamen nicht weiter. Und nun stellte er mir Fragen. Meist war er auch im Gottesdienst, zusammen mit seiner Frau. Dann hat es ihn erwischt, Gott hat ihn erwischt. In einer Predigt an Ostern ging die Tür für ihn auf. Dieser Jesus, der tot war, ist lebendig. Er hat die Welt überwunden und mich erlöst. Er ist keine menschliche Erfindung, sondern der Sieger über Tod und Sünde. Danach gingen die Gespräche weiter: Was soll ich jetzt tun? Wie soll und kann ich als Christ leben? Um seinen Neuanfang zu bezeugen, ließ er sich taufen.

Es gibt Leute, die stellen psychologische Studien an, was da vor sich geht. Aber das Entscheidende kriegt man damit nicht heraus. Jesus hat ihn innerlich angesprochen. Menschliche Worte in Predigt und Seelsorge und anderswo waren Werkzeuge. Aber die Worte konnten nicht überreden. Das Wesentliche geschieht als Geheimnis Gottes. Der Glaube kommt nicht davon, dass da ein Mensch gut zureden kann. Sondern wir können nur die Liebe Gottes weitergeben. Sie kommt ja nicht von uns. Wir müssen und sollen uns von ihm so umgestalten lassen, dass man ihn in unserem Wesen spürt.

Es soll noch eine andere Seite bedacht werden:
Die Gemeinde in Korinth war keine Idealgemeinde. Sondern es war eine Gemeinde von lauter Besserwissern. Ständig flogen irgendwo die Fetzen. Der Streit hatte einfach Tradition. Etwa eine Generation später wissen wir von dieser Gemeinde, dass es eine Palastrevolution gab. Die rechtmäßig gewählte Gemeindeleitung wurde einfach von einer jüngeren Clique aus dem Amt gejagt. Es ging also nicht so heilig zu, sondern sehr menschlich.

Wir müssen froh sein, dass das in Korinth vorkam. Denn Paulus musste sich mit dieser aufmüpfigen Art auseinander setzen.

Wie leitet man eine solche Gemeinde? Paulus malt ihnen Christus vor Augen. Er überredet nicht. Er macht nicht den Eindruck, als könne und wisse er alles. Sondern er bringt ihnen das armselige Wort vom gekreuzigten Christus. Nicht durch die Kunst geschulter Rede kommt die Gemeinde zur Einigung. Auch nicht dadurch, dass sie sich im Willen zu Kompromissen übt, sondern indem alle miteinander zum Gekreuzigten kommen.

Irgendwo im schwäbischen Oberland, ich weiß nicht wo, soll es in einer kleinen Dorfkirche ein interessantes Deckengemälde aus der Barockzeit geben: Es ist Jesus am Kreuz dargestellt. Aber auch der Teufel ist abgebildet. Er hat einen großen Schuldbrief in der Hand. Darauf stehen die Sünden der Menschen. Mord und Ehebruch, Lüge und Hass. Der Teufel will zu Jesus sagen: „Schau her, wie schlecht die Menschen sind. Hier stehen ihre Sünden. Diese sündigen Menschen gehören alle mir.“

Dann kommt ein Engel mit einem Schwamm. Er fängt das Blut und Wasser auf, das aus der Seitenwunde Jesu strömt. Mit dem Schwamm löscht er den Schuldbrief des Teufels. Der Maler wollte damit sagen: Jesus hat durch seinen Tod, durch sein Blut, die Schuld der Menschen gesühnt. Er hat uns mit Gott versöhnt.

Wer dies weiß: Jesus ist für meine Sünden gestorben und hat diese Not für mich durchgemacht - kann der noch wegen geistlicher Stilfragen mit dem Bruder und der Schwester brechen? Wem seine eigenen Sachen, sei es seine geistliche Erkenntnis, sei es irgendein materielles Gut, wichtiger ist als Christus, der schafft gegen Christus und nicht für ihn.

Zurück zur Einstiegsfrage: Worauf kommt es im Leben an?
Christus hat mich durch seine Schwachheit am Kreuz erlöst. Das soll sich auch in meinem Leben abbilden. Amen!
 

(Pfr. Dr. Karl Knauß)                          

  

 

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