Gottesdienst am Epiphanias, 6. Januar 2006, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über Kolosser 1, 24-29.

24 Nun freue ich mich in den Leiden, die ich für euch leide, und erstatte an meinem Fleisch, was an den Leiden Christi noch fehlt, für seinen Leib, das ist die Gemeinde. 25 Ihr Diener bin ich geworden durch das Amt, das Gott mir gegeben hat, dass ich euch sein Wort reichlich predigen soll, 26 nämlich das Geheimnis, das verborgen war seit ewigen Zeiten und Geschlechtern, nun aber ist es offenbart seinen Heiligen, 27 denen Gott kundtun wollte, was der herrliche Reichtum dieses Geheimnisses unter den Heiden ist, nämlich Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit. 28 Den verkündigen wir und ermahnen alle Menschen und lehren alle Menschen in aller Weisheit, damit wir einen jeden Menschen in Christus vollkommen machen. 29 Dafür mühe ich mich auch ab und ringe in der Kraft dessen, der in mir kräftig wirkt.

Ein kleines aufgewecktes Mädchen aus meiner weitläufigen Verwandtschaft hatte mit 8 Jahren bereits mit gutem Erfolg lesen und schreiben und rechnen gelernt. Ihr Horizont hatte sich mächtig erweitert. Dann verkündet sie ihrer Familie voller Stolz: „Das meiste weiß ich!“

Es gibt Erwachsene, die ihr das nachmachen. Der Horizont ist natürlich unvergleichlich weiter und breiter. Sie haben viele Jahre gebüffelt und dann noch eine Berufsausbildung oder ein Studium gemacht. Dazu noch die Berufserfahrung. Müsste doch eigentlich reichen, oder? Ab wann weiß man eigentlich das Wichtigste und Wesentliche?

In der Philosophie- und Geistesgeschichte haben viele behauptet: Mein System ist das endgültige und wahre. Nicht alle, aber viele, waren so blind, zu behaupten, mit mir beginnt‘s. Und doch haben unsere Schulen und Universitäten auch mit das Ziel, dass man der Wahrheit wenigstens immer näher kommt. Werden wir das denn irgendwann erreichen? Oder könnte es sein, dass wir bei allem Forschen und Denken „doch weiter von dem Ziel“ kommen, wie es Matthias Claudius in seinem Abendlied „Der Mond ist aufgegangen“ dichtet?

Was ist es eigentlich, was uns vorwärtsbringt?

Wir Christen behaupten doch auch: Wir haben‘s gefunden. Aber bei uns beruht es nicht auf menschlicher Erfindung, sondern auf Gottes Offenbarung.

Paulus hätte etwa so antworten können: Das Wichtigste habe ich bisher nicht geblickt. Trotz gründlicher Ausbildung in Lesen und Schreiben, dann intensivem Studium beim berühmten Professor Gamaliel. Das Wichtigste hat bisher überhaupt niemand erfasst.

Aber jetzt ist es da. Wir wissen‘s. Wir erleben‘s: Christus unter uns und in uns. Gott hat seine Beobachterrolle aufgegeben und ist selbst gekommen. Er ist unter uns!

Ist das nicht zu fromm? Kann man das den normalen Menschen rüberbringen?

Ein paar junge Leute aus unserer Gemeinde haben vor einigen Monaten in Ravensburg eine Umfrage auf der Straße gemacht. Irgendwie haben sie die Passanten nach der Lebenseinstellung gefragt. Können die Leute mit dem Christlichen irgendetwas anfangen? Verbinden sie es mit ihrem normalen Leben. Sie haben sogar das Ganze gefilmt.

In einer solchen Situation möchte man eigentlich auch genau diese Frage stellen: Was ist denn das Wichtigste? Die Hauptsache in der Welt? Oder was Gott den Menschen unbedingt sagen muss?

Man kann sich vorstellen, dass etwa folgende Antworten kommen: Anständig leben. Die anderen nicht übervorteilen. Man kann sich hundert Antworten vorstellen. Aber ich glaube nicht, dass die Antwort von Paulus darunter wäre.

Warum hat das Gott denn vorher nicht weitergesagt? Die ganze Zeit hat er hinter dem Berg gehalten, hat die Leute nur hingehalten. Hätte er das nicht gleich sagen können?

Die Antwort in der Bibel ist: Die Zeit war nicht reif. Die Menschen hätten das davor also gar nicht begreifen können. Sie mussten erst lange eigene Versuche machen. Sie mussten probieren, ob es mit dem Anständig-Leben nicht doch auch klappt. Und sie mussten selbst scheitern. Sie mussten erleben, dass das erfolglos ist. Denn was man selbst erlebt hat, kann man auch wirklich glauben. Und deswegen schaute Gott den Menschen über Jahrhunderte in ihren Fehlversuchen zu.

Jesus sagt einmal: Viele Propheten und Gerechte haben begehrt zu sehen, was ihr seht, und haben‘s nicht gesehen, und zu hören, was ihr hört, und haben‘s nicht gehört. (Matth. 13,16f)
Auch heute kann Gott einem einzelnen Menschen oft jahrelang zuschauen. Er kann sogar mit ansehen, wie er in die Irre geht. Es tut ihm weh. Aber dennoch drängt er niemand seine Wahrheit auf. Er kann warten, bis jemand mit echten Fragen kommt; dann ist das Herz offen.
Ich stelle mir vor, Paulus redet mit Konstrukteur K in der Kantine der ZF (Zahnradfabrik) Friedrichshafen.

K: Ich höre, du sollst von Gott großartige Dinge erfahren haben. Ich will dir das nicht wegnehmen. Das ist vielleicht für dich gut. Aber dann behalt es doch auch für dich. Mir hilft das nicht in meinem persönlichen Leben. Ich lebe anständig, dann kann mir niemand was vorwerfen. Das wird Gott auch einsehen.

P: Das Evangelium gilt für alle. Ich habe auch einmal gemeint, dass ich durch rechtes Leben Gott angenehm sei. Aber dann bin ich seinem Sohn begegnet. Dann habe ich selbst erfahren, dass das nur Fassade ist, was ich in mir aufgebaut hatte. Nach außen hatte ich gute Vorhaben, aber innen nagte der Hass und der Zorn und Missgunst.
K: Aber so böse erscheinst du mir nicht.

P: Wie gesagt, das habe ich erst gesehen, als ich Jesus kennengelernt hatte. Vorher hatte ich in allen Dingen ein gutes Gewissen. Aber seit ich ihm begegnet bin, hat sich alles für mich verändert. Es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Ich habe mich und die Welt in einem völlig anderen Licht gesehen.

K: Ich brauche diesen Jesus nicht. Warum willst du ihn mir nahebringen?

P: Schau mal, ich habe mich gegen ihn mit voller Energie gewehrt. Ich hatte ihn für eine Erfindung der Frommen gehalten. Seit seiner Kreuzigung hatte ich seine Geschichte für erledigt gehalten. Aber sie war eben nicht erledigt, weil er lebt. Und er ist nicht nur im Himmel, sondern hier. Diese Wahrheit muss ich dir sagen, weil sie frei macht und rettet. Das ist nicht nur Theorie, sondern Tatsache.

K: Du meinst also, dass das keine Einbildung sei. Dann müsste ich das ja auch persönlich erfahren können.

Ich verlasse diesen Dialog wieder.

Paulus macht seinen Aufruf ganz dringend. Es ist geradezu eine Gemeinheit, das Geheimnis Gottes zu kennen und für sich zu behalten. Da sind Menschen, die sollen es erfahren. Gott hat es ihnen zugedacht. Er will mit dem Leben von allen Menschen etwas anfangen.

Wir haben heute zumeist hauptamtliche Verkündiger. Sie werden für ihre Aufgabe bezahlt. Natürlich brauchen wir auch etwas zum Leben. Aber das dient nicht immer der Glaubwürdigkeit. Deswegen brauchen wir auch das Zeugnis von anderen, die nicht angestellt sind. Alle Christen sind auch durch ihr Leben, ihr Tun und ihr Reden Zeugen für ihren Herrn.

Unter uns leben viele Menschen, die mit Gott nichts anfangen können; solche die ihn vergessen haben, oder für die er mit ihrem normalen Leben nichts zu tun hat. Unter uns leben auch viele Muslime. Für sie sollen wir Zeugen Gottes sein.

Das Geheimnis Gottes ist Christus in uns - oder unter uns. Er ist auf jeden Fall dort, wo Christen miteinander Gemeinde bilden. Er ist mitten unter uns. Darum suchen wir auch die Gemeinschaft der anderen. Er lebt auch in uns als Christen. Er wirkt in uns durch seinen Heiligen Geist, gibt uns Kraft. Aus leergepumpten Menschen und Herzen macht er wieder Zeugen seiner Gegenwart. Amen.
 

(Pfr. Dr. Karl Knauß)                          

  

 

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