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Gottesdienst am Neujahr, 1. Januar
2006, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über Josua 1,5.
Es geht heute um die Jahreslosung des Neuen Jahres. Nicht um die unserer
Gemeinde, sondern um die der EKD.
Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht. (Jos 1,5)
Das sagt Gott zu Josua. Wir wünschen uns, dass er‘s auch zu uns sagt. Und
dann kann kommen, was will.
Zuerst eine kurze Schilderung der Situation: Dieses Wort gehört in eine
dramatische Zeit des Umbruchs. Josua steht mit dem Volk Israel auf der
östlichen Seite des Jordans. Die Wüstenwanderung liegt hinter ihnen. Mose
hatte als einzigartige Persönlichkeit die Leitung gehabt. Aber das ist
Vergangenheit. Jetzt muss der Nachfolger Josua ran. Und der Hut ist ihm
drei Nummern zu groß. Die Aufgabe könnte ihn überfordern. Menschlich
gesehen sind seine Fähigkeiten nicht ausreichend, sie zu bewältigen. Es
ist eine Fülle von fast unerfüllbaren Dingen. Er muss die Männer, Frauen
und Kinder, und die vielen Tiere heil über den Jordan bringen. Es gibt
keine Brücke. Wie kommt ein Volk heil über den Fluss? Auf der anderen
Seite warten Feinde in befestigten Städten. Und dieses Land soll Josua an
das Volk Israel verteilen. Die Ausgangslage ist denkbar schlecht.
Werden sie in dieser Zeit was zu essen haben? Wie kann man die Tiere und
die Menschen versorgen, während sie gleichzeitig bedroht sind? Eine
Expedition zum Südpol ist dagegen ein Spaziergang. Bereits Mose hatte
Kundschafter in das Land geschickt, um die Lage zu sondieren. Sie kamen
mit einer katastrophalen Mitteilung zurück: Es ist völlig unmöglich,
dieses Land einzunehmen.
Jetzt geht es um uns.
Unsere Aufgaben sind im Vergleich dazu sehr klein. Was haben wir zu tun?
Im wesentlichen, was wir bisher auch getan haben. Morgens aufstehen,
unsere Arbeit zu tun. Die Menschen, mit denen wir zusammen sind, lieb
haben, annehmen, für sie sorgen; uns in der Gemeinschaft der anderen
nützlich machen, so gut wir können. Das ist nicht sehr viel.
Wenn Gott da mitten hinein sagt, dass er uns nicht verlässt, dann bekommt
unser gewöhnlicher Alltag eine neue Qualität. Das ist, wie wenn ein Stück
Draht von elektrischem Strom durchflossen wird. Dann wird aus dem Draht
ein Transporteur von Kraft und Energie. Damit kann man dunkle Räume
erleuchten, Maschinen antreiben, Computer bedienen, Telefone betreiben und
vieles mehr. Schaut man nur die Leitungen an, dann sind sie eigentlich
nicht viel wert. Aber sie werden wertvoll durch das, was durch sie
hindurchfließt.
So ist‘s mit unserem gewöhnlichen Alltag auch. Für sich genommen hat er
fast keine Bedeutung. Aber wenn die Liebe und Kraft Gottes mitten
hineinkommt, dann bekommt der Alltag ein Stück Ewigkeitswert. Da fährt in
ihn eine Kraft hinein, die nicht von uns kommt.
Ich greife einige Punkten heraus, die mir Brennpunkte zu sein scheinen.
1. Der Beginn des Tages
Zur Situation muss man nicht viel erklären. Der Wecker klingelt. Du reibst
dir die Augen. Will der Kreislauf nicht so richtig in Gang kommen? Oder
ein bisschen Angst vor dem Tag?
Gegen die verborgene Angst setzt Gott seine Zusage: Ich lasse dich nicht
fallen. Was auch immer an diesem Tag auf dich zukommen wird. Er ist dabei.
Und dann soll ein Wort Gottes über diesem Tag stehen, vor oder nach dem
Frühstück. Die Losung oder der Tagestext. Gott redet und möchte den Anfang
des Tages erhellen. Was Gott in einer ganz anderen Lage zu ganz anderen
Menschen gesprochen hat, das soll nun für dich ein neues und ganz
aktuelles Wort Gottes sein.
Es geht um einen geistlichen Tagesanfang. Wir dürfen Gottes Zusage in
Anspruch nehmen.
2. Die Begegnung mit Menschen
Wir Menschen sind es, die einander das Leben kompliziert machen. Wir
sind‘s auch, die es einander schön machen. Es scheint so, dass wir uns
heutzutage in der Begegnung mit Menschen besonders schwer tun. Deshalb ist
hier besonders wichtig: Was ist eigentlich hier Gottes Wille und Weg? Wie
wirkt sich seine Kraft in unseren Beziehungen aus?
Paulus schreibt an die Galater (5,22f), dass die Frucht des Geistes Liebe,
Freude, Friede, Geduld usw. ist. Der Heilige Geist möchte aus uns
Werkzeuge seiner eigenen Eigenschaften machen. Sie wachsen nach und nach,
wenn wir mit ihm leben. Ein Klima des Kampfes und der Selbstbehauptung ist
für diese Gaben geradezu tödlich. Diese Gaben lassen sich von anderen auch
nicht einfordern.
Ich denke, dass unsere heutige Lebensart sich weit von den biblischen
Linien wegbewegt hat, und zwar nicht nur in der Gesamtgesellschaft,
sondern auch in der christlichen Gemeinde. Wir sind von einer großen Angst
beseelt, wir könnten die Verlierer sein, wenn wir zu viel geben. Und weil
die anderen nicht viel für uns tun, deshalb müssten wir selbst für uns
kämpfen, für uns sorgen.
Aber Gottes Zusage ist, dass er für uns sorgt, dass er für uns einsteht.
Wir müssen dieses Vertrauen unter uns wieder ganz besonders stärken. Wir
müssen die Angst verlieren, zu kurz zu kommen. Denn Gott hat ungeheuren
Reichtum und Fülle. Wer selbst kämpft, der wird ärmer, doch wer die
offenen Hände Gott hinhält, der kann empfangen.
3. Versöhnung lernen
Auch für Christen gibt es Pannen im Miteinander. Gottes Zusage gilt auch
in Schwierigkeiten. Jesus möchte heilen, wo Wunden geschlagen sind.
Fragen Sie nicht, wer am wenigsten oder am meisten schuld an einer
Verletzung hat. Das bringt nicht weiter. Und vor allem täuschen wir uns
immer, wenn wir selbst betroffen sind. Es ist besser, nach Gottes Ziel zu
fragen. Egal, wie viele Schritte ich dazu beitragen muss: Er will, dass
ich darauf zugehe.
Wenn Menschen miteinander im Zerwürfnis sind, sagen fast immer beide
Seiten, dass sie mehr Recht hätten. Und sie wollen genau das auch unter
Beweis stellen. Deshalb verstehen sie unter Versöhnung meist die eigene
Rechtfertigung. Aber wenn ein Kind in den Brunnen gefallen ist, darf man
nicht fragen, wer es hineingestoßen hat. Die Logik geht dann weiter, und
wer das Kind hineingestoßen hat, muss es auch wieder herausziehen. Doch
bis das geklärt ist, ist das Kind tot. Genau so wenig kann man bei der
Versöhnung die Schuldfrage klären.
In vielen Ehen ist Unversöhnlichkeit das Problem, aber auch in anderen
Beziehungen. Aber wir dürfen damit rechnen, dass Gott uns nicht fallen
lässt. Versöhnung unter Menschen ist deshalb auch eine Sache des
Vertrauens zu Gott. Wer für sich selbst kämpfen muss, traut es Gott nicht
zu.
Schluss: Wir haben ein neues Jahr begonnen. Gott sagt uns zu, dass er auf
unserer Seite ist. An uns liegt es, seiner Zusage zu vertrauen. Amen.
(Pfr. Dr. Karl Knauß)
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