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Andacht zur Todesstunde Jesu,
Karfreitag, 14. April 2006 um 15.00 Uhr, in Wilhelmsdorf, über Johannes
19, 17-30.
Martin Luther sagte einmal: „Du bist der größte Mörder, Dieb, Ehebrecher,
Gotteslästerer, Heiligtumschänder, Schurke, und einen größeren wird’s nie
geben.“ Luther sagte das nicht über einen seiner Zeitgenossen, wo es auf
manchen Mächtigen in Kirche oder Politik passend gewesen wäre, sondern er
sagte das von dem Gekreuzigten. Aber dann kniete er sich nieder vor diesem
Gekreuzigten. Denn es war unser aller Schuld, Luthers Schuld, und unser
aller Schuld, die sich auf Jesus abgeladen hat. „Für uns zur Sünde
gemacht.“ In dem Gekreuzigten ist die ganze Verlorenheit der Menschheit
zusammengefasst.
Und Gott antwortet darauf so, dass er sein Gericht über ihn hereinbrechen
lässt.
Da berichtet uns der Evangelist Johannes: „Und Jesus trug sein Kreuz und
ging hinaus..“ Aber eigentlich war es mein Kreuz, das er da getragen hat,
und das Kreuz von jedem von uns. Er hat es einfach auf sich genommen, das
da auf uns gewartet hätte. Unser Kreuz ist nicht mehr da, weil Jesus es
als sein Kreuz angenommen hat.
Das Kreuz wurde dann mitten zwischen die beiden Kreuze von zwei
Verbrechern gestellt, die ihren Tod wirklich verdient haben. Wir gehen auf
den Tod zu mit vollen Recht, weil wir ihn verdient haben.
In den zehn Geboten wird so genau beschrieben, was wir tun sollen, um vor
Gott gerecht zu sein, und im NT wird das noch ausführlicher erklärt.
Niemand kann so Gott zu Gefallen leben, dass Gott zu ihm sagen könnte:
Komm her, an dir ist alles in Ordnung. Sondern zu jedem von uns müsste er
sagen: Was hast du denn alles getan, was der ewigen Verdammnis wert ist.
Da ist kein Zweifel: Es gibt keine Rettung für uns, wenn wir uns selbst
anschauen.
Jesus hat uns das einmal erläutert, und zwar ausgerechnet in der
Bergpredigt, die doch viele Menschen so gerne zitieren, um unser
menschliches Tun so sehr in die Höhe zu heben. Ausgerechnet dort hat Jesus
neben die vermeintliche Höhe unserer reinen Gesinnung die schlechte
Gesinnung unserer unverbesserlichen Bosheit gestellt: Ihr habt gehört,
dass zu den Alten gesagt ist: ‚Du sollst nicht töten‘; wer aber tötet, der
soll des Gerichts schuldig sein. Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder
zürnt, der ist des Gerichts schuldig; wer aber sagt: Du Narr!, der ist des
höllischen Feuers schuldig.
Also das, was unser tägliches Leben prägt, dass wir zornig sind
übereinander, dass wir den anderen mit Wort und Tat in Bedrängnis bringen,
ihm seinen Lebensraum einengen, das alles ist Grund für unseren ewigen
Tod.
Jesus hat das gewiss nicht deshalb gesagt, damit wir Menschen meinen, das
lohnt sich ja nicht. Das schaffe ich ja nie. Er hat es auch nicht gesagt,
damit wir meinen sollten: Das kann ja nicht ernst gemeint sein, denn wer
von uns Menschen kann dem im Ernst gerecht werden? Jesus hat es aber
gesagt, um uns zu zeigen: Wenn du dich auf dich selbst und auf dein Tun
und Denken vor Gott berufst, dann hast du überhaupt keine Chance. Gott hat
recht, wenn er dich anklagen wollte.
Nun ist es nicht so, dass Jesus uns mit Gewalt niederdrücken wollte, wenn
wir auch ohnehin schon den Kopf noch kaum nach oben bekommen. Sondern er
will uns einen Spiegel vorhalten, der uns die Tiefe unserer Seele zeigt.
Er will uns unsere Stützen wegnehmen, wo wir uns mit den anderen
vergleichen, etwa nach der Art: Herr, ich bin doch viel besser als die
meisten anderen. Denk doch mal an die, die anderen ihre Häuser anzünden
oder ihnen die Heimat wegnehmen oder die sie mit Krieg und Terror
bedrohen. Herr, da gibt‘s doch Unterschiede.
Wir wollen und wir sollen nicht rechnen und vergleichen, auch wenn uns
Menschen das manchmal naheliegt. Uns soll nur gesagt werden: Eigentlich
bin ich ja derjenige, dem der Kreuzesbalken aufgeladen ist, denn ich hab‘s
verdient: „Ich bin‘s, ich sollte büßen, an Händen und an Füßen, gebunden
in der Höll...“
Nur wer das mitdenken kann, - wenigstens für einen ganz kurzen Augenblick:
es gäbe kein Verzeihen; wer etwas Böses getan hat, der muss auch selbst
dafür büßen - so wäre es ja auch wirklich gewesen, wenn Jesus nicht
gekommen wäre; - nur wer das mitdenken kann, der weiß: Es ist unerhört,
dass Gott sagt, das alles gilt jetzt nicht mehr. Da hat Gott einen
einzigen Mann gesetzt und ihm die ganze Schuld aufgeladen. Und jetzt darf
ich frei davongehen!
2. Jesus, der König der Juden
Pilatus hat das als Überschrift über das Kreuz setzen lassen. Darüber
entbrannte ein Streit zwischen dem römischen Prokurator Pilatus und den
Hohenpriestern. Natürlich konnten sie nicht gelten lassen, dass ein
Verfluchter, der am Kreuz hängt, und den sie als Gotteslästerer verurteilt
hatten, nun plötzlich König der Juden sein solle. Sie konnten das nur als
Meinung Jesu gelten lassen. Etwas barsch sagt Pilatus: „Was ich
geschrieben habe, habe ich geschrieben.“ Doch in Wirklichkeit steckt mehr
dahinter als die Worte vermuten lassen. Es heißt soviel wie: „Was ich
geschrieben habe, ist rechtsgültig.“ Pilatus wollte nicht mit sich handeln
lassen. Er ließ die Hohenpriester merken, wer Herr im Lande ist. Ihn
kümmerte es kaum, dass er damit Jesus wirklich zum König ausrief.
Während er die Hohenpriester und Pharisäer ärgern wollte und ihnen zeigen
wollte, wer die eigentliche Macht im Land hat, da wurde er zum Handlanger
Gottes wider Willen. Er hat Gottes Plan hingeschrieben über das Kreuz,
obwohl er es ja ganz gewiss nicht in Sinne Gottes meinte. Auch Menschen,
die ganz und gar nichts Gutes im Schilde führen, können doch Gottes Plänen
dienen, ja, sie können sogar seinen Willen ansagen.
Es war übrigens völlig normal, dass Pilatus diese Tafel anbringen ließ.
Bei jedem, der zum Tod verurteilt wurde, gab man auf einer Tafel den Grund
für den Tod an.
Wir anerkennen Jesus ja auch als den König. Es ist für uns einfach eine
Bezeichnung wie Messias. Wir bezeugen damit, dass er die eigentliche Macht
hat im Himmel und auf Erden.
Für die Soldaten aber war er nichts anderes als ein Dienstauftrag. Sie
würfelten über seinen Kleidern, so wie man Beute verteilt, die einem
zugefallen ist. Sein Mantel war nicht nur besonders wertvoll, weil er
keine Naht hatte, sondern das zeigte ihn auch als hohenpriesterliches
Gewand an. Für das Gewand des Hohenpriesters war es Vorschrift, dass er
keine Naht haben durfte; er musste insgesamt aus einem Stück gewoben sein.
Sicher will uns Johannes mit diesem ausdrücklichen Hinweis auf das
ungenähte Gewand zeigen: Jesus ist der wahre Hohepriester, der für die
Sünden des Volkes eintritt, und der vor Gott auftritt, damit Gott die
Sünden des Volkes wegnimmt.
3. Jesu Kreuz für uns
Seit dieser Zeit damals steht das Kreuz Jesu mitten in der Welt. Es war
das mittlere von drei Kreuzen, ursprünglich für einen Verbrecher bestimmt,
genauer, für den Anführer einer Terroristengruppe. Auch in diesem Sinn
starb er für einen anderen. Doch mehr noch starb er für alle die, die
seinen Tod für sich gelten lassen wollen; für die, die nicht sagen, ich
will, dass mir Gerechtigkeit widerfährt, sondern für die, die zu Gott
sagen können: Ich danke dir, dass du mit mir nicht nach dem verfährst, wie
es mir recht geschehen würde.
Für viele Menschen heute ist der Karfreitag ein willkommener freier Tag,
an dem man nicht arbeiten muss, aber nicht der Tag, der sie vor Gott zu
freien Menschen macht. Für andere ist das ganze Christentum ein Stück
Kulturgeschichte des Abendlandes.
Wir sollen nicht die Äußerlichkeiten beurteilen, sondern die Tat Gottes
für uns. Wir sollen sagen: Danke, dass du die Unschuld Jesu Christi mir
anrechnest, so dass ich jetzt in seiner Reinheit vor dir stehen darf.
Amen!
(Pfr. Dr. Karl Knauß)
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