Johannes 8, 31-36
Über die Feiertage habe ich meinen Schachcomputer mal wieder hervorgekramt. Das ist ein richtiges Schachbrett mit Figuren. Die eine Farbe spiele ich, die andere der Computer. Wenn ich meinen Zug gemacht habe, dann überlegt er kurz. Dann blinkt er ein bestimmtes Feld an und zeigt an, mit welcher Figur er dorthin ziehen möchte. Ich habe schon lange nicht mehr gespielt und war manchmal unvorsichtig. Das hat der Computer sofort ausgenützt. Aber es gibt eine Rückwärtstaste. Wenn man da drauf drückt, dann heult er geschwind auf - offenbar macht er das nicht gern - aber dann fährt der Computer einen Zug zurück. Wenn man nochmals drauf drückt, nochmal einen. So kann man Zug um Zug zurück bis zu der Stelle, wo man einen Fehler gemacht hat.
Eigentlich wünschen sich das viele in ihrem Leben auch. An einer bestimmten Stelle ist ein Fehler vorgekommen. Könnte man nicht noch einmal zurück? Eine Aktie, die in den Keller gegangen ist, nicht kaufen, und statt dessen eine andere kaufen, die hochgegangen ist. Oder das freche Wort zurückhalten, sich lieber auf die Zunge beißen.
Aber es wäre ein ganz anderes Leben, wenn wir das könnten. Vielleicht wäre das sogar noch dümmer, wenn wir alles rückgängig machen könnten. Vielleicht würden wir dann eine sehr leichtsinnige Lebensart einüben nach dem Motto: Kommt nicht drauf an, was du sagst oder was du tust! Du kannst es ja nachher wieder zurücknehmen! Wir würden gar nicht eigentlich und wirklich leben, sondern nur noch Schach spielen, vorwärts und rückwärts. Ganz nach Belieben.
Dann würde jemand sagen: Ich habe mich mit 17 gegen ein Leben mit Gott entschieden. Drehen wir's noch einmal zurück und probieren es mit ihm. - Doch es gibt keinen Probelauf, weder mit den Aktien, noch mit den Menschen noch mit Gott. Wir werden geprägt von dem, was gewesen ist.
Gott hat uns in diese Welt hineingestellt, in der die Zeit in einer Richtung verläuft. Am Jahreswechsel wird uns das in besonderer Weise bewusst.
Gott muss sich etwas dabei gedacht haben, als er es so eingerichtet hat; und als er uns mitten hineingestellt hat. Wir müssen nun Dinge entscheiden, die wir doch gar nicht überschauen. Wir üben Vertrauen ein. Wir leben in Abhängigkeit, auch in Abhängigkeit von ihm. Wir brauchen Orientierung von ihm.
Zu Menschen, die diese Orientierung suchten, sagte Jesus die Worte, die für den heutigen Predigttext gewählt wurden:
31 Da sprach nun Jesus zu den Juden, die an ihn glaubten: Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger 32und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.
33 Da antworteten sie ihm: Wir sind Abrahams Kinder und sind niemals jemandes Knecht gewesen. Wie sprichst du dann: Ihr sollt frei werden?
34 Jesus antwortete ihnen und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht. 35Der Knecht bleibt nicht ewig im Haus; der Sohn bleibt ewig.
36 Wenn euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr wirklich frei.
Menschen, die es sehr ernstnehmen, machen oft eine Art Inventur am Jahreswechsel. Rückblick und Vorausblick. Was soll man denn anderes machen, wenn alles so am Vorübergehen ist. Also Zettel und Bleistift, Kalender und Planungshilfen.
In gewisser Weise wird uns heute ein Gegenangebot gemacht: Nicht nach dem Veränderlichen zu schauen, sondern nach dem Konstanten. Jesus sagt: Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort... Es geht um die Frage nach der rechten Quelle des Lebens. Es geht um Jünger, wie Jesus sie haben will, die durch ihn freigeworden sind und die an seinem Wort bleiben. Es geht um die Orientierung an ihm.
Da hat sich jemand eine wertvolle Bibel gekauft. Eine Prachtausgabe, in Schweinsleder gebunden, mit Goldschnitt und vielen Bildern christlicher Künstler aus allen Jahrhunderten. Diese Bibel, so meinte er, sei ein besonderes Buch. Ja, das war sie gewiss. Aber sie war offensichtlich ungelesen, nur zum Hinstellen.
Jesus meint mehr, wenn er vom Bleiben an seinem Wort spricht. Nichts gegen wertvolle Bibelausgaben. Man kann ja auch eine Prachts- und eine Arbeitsbibel gleichzeitig haben - vielleicht sogar mehrere. Es gibt in vielen Häusern häufig gebrauchte Bibeln. Wo die Menschen, die damit umgehen, mit großer Beharrlichkeit dranbleiben. Jesus hat auf dieses Dranbleiben eine große Verheißung gelegt: Die Wahrheit wird euch freimachen. Es ist schon ein starkes Stück, dass wir frei werden, wenn wir uns an sein Wort binden. Wenn wir ihn suchen, ihm folgen wollen. Da schafft der Heilige Geist an uns. Auch im Gottesdienst, oder wo sonst das Wort Gottes verkündigt wird.
Die Gesprächspartner von Jesus einst waren wohl schon sehr interessierte Leute. Sie werden sogar beschrieben als solche, die an ihn glaubten. Aber sie haben Freiheit anders verstanden. Sie haben gemeint, frei ist man, wenn man keinen Chef über sich hat. Wenn man sein eigener Chef ist.
Das können ja manchmal Menschen sagen, die ihre eigene Firma gegründet haben. Jetzt können sie sich die Aufgaben selbst einteilen und selbst wählen, was sie tun wollen. Dann heißt es: Ich bin mein eigener freier Herr.
So ähnlich war es auch bei den jüdischen Zuhörern damals. Sie dachten, Freiheit sei ein rechtlicher Zustand, also das, was vor Gericht und vor den irdischen Behörden gilt: Wenn ich nicht Sklave bin, sondern frei und Abrahams Kind, dann ist das Wesentliche mit der Freiheit schon geschafft.
Was macht uns eigentlich unfrei?
Eine junge Frau fragt ihren Pfarrer: Wenn ich in den Spiegel schaue und sehe, dass ich schön bin - ist das eine Sünde. Der Pfarrer: Eine Sünde ist das nicht, aber eine Täuschung.
Die Wahrheit wird euch frei machen.
Wir Menschen sind nicht nur dadurch gebunden oder unfrei, was andere uns auferlegen, wo sie uns knechten und unterdrücken. Sondern wo wir uns täuschen und uns selbst etwas vormachen. Unfrei werden wir auch durch das, was gestern und vorgestern war, was weiterwirkt. Was uns zwingt, irgendwie weiterzumachen auf der gleichen Spur. Da ist für uns vielleicht ein großer Erfolg eingetreten. Aber selbst ein solcher Erfolg nötigt uns, ja nicht aus der Linie des Erfolgs herauszufallen. Und die anderen sollen uns natürlich als Erfolgsmenschen kennen und in Erinnerung haben. Darum zwingt uns selbst ein Erfolg. Erst recht eine Enttäuschung. Man kann sie nicht einfach abschütteln. Wir werden also unfrei durch Erfolg und durch Enttäuschung.
Und wir sind auch dadurch gebunden, dass wir vorsorgen müssen, dass wir nicht einfach sagen können: "Das ist mir egal, was morgen ist." Denn wer aus dem Tritt gekommen ist, denn lässt unsere Gesellschaft nicht so leicht wieder herein.
Unfrei sind wir auch dadurch, dass keiner von uns der Vergänglichkeit entrinnen kann. Und Krankheiten als Vorboten des Todes weisen uns darauf hin: Du hast nur einen mehr oder weniger beschränkten Raum auf dieser Erde. Sieh zu, dass du nicht das Leben in dieser Enge als das Eigentliche siehst.
Und wir sind auch gebunden, wenn Beziehungen durch unsere Schuld belastet sind, Beziehungen zu Menschen und zu Gott. Jesus sagt sogar, dass das die eigentliche Unfreiheit ist. Unsere Sünde. Jesus sagt: "Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht." Das sieht man schon auf rein menschlicher Ebene. Da geschieht unter Menschen so viel Schlimmes, und man weiß eigentlich nicht so richtig, wo das anfängt. Jeder meint, nur zu reagieren. Aber wie oft tragen wir Schuld hinein und merken es nicht einmal. Deswegen kriegen wir die Sache nicht ganz zu fassen, wenn wir nur nach menschlichem Rechtsempfinden vorgehen.
Jesus meint auch viel mehr das Verhältnis zu Gott. Das eigentlich Schlimme ist, dass wir ihn auf die Seite schieben wollen und uns von ihm freischütteln wollen. Es ist darum die Freiheit, die Jesus meint, wenn wir anerkennen, dass Gott Gott ist.
So kann uns nur der Sohn freimachen, der die Verbindung zu Gott wieder herstellt. Frei können wir erst sein, wenn wir in Gemeinschaft mit ihm sind, der uns doch auf sich hin geschaffen hat. Erst wenn wir das können, was unsere eigentliche Bestimmung ist, erst dann sind wir frei.
Die Wahrheit wird euch freimachen. Das ist keine Wahrheit, die man lernen könnte. Sondern das ist der, der von sich gesagt hat: "Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater denn durch mich."
Ich wünsche uns für das Neue Jahr, dass er uns die Freiheit zu Gott führt. Und dass alles, was uns von ihm abhält, auf die Seite getan wird. Nur so kommen wir zur rechten Freiheit. Amen!