Jesaja 11, 1-9

26. Dezember 2006 - Gottesdienst am 2. Weihnachtstag
Pfr. Dr. Karl Knauß

Der kath. Pfarrer und Maler Sieger Köder hat ein Bild gemalt. Der Blick fällt auf einen kleinen Jungen. Neben ihm eine Schlange, die gerade aus einem Loch herauskriecht. Mit seiner Hand greift der Junge hinüber. Sie tun sich nichts - ein Bild des Friedens. Links über ihm spielen ein Bär und ein Rind miteinander. Und im Vordergrund ist der Prophet Jesaja. Man merkt ihm an, dass er in die Ferne schaut, in eine weite Zukunft. Und vor ihm, da wächst aus einem Baumstumpf, der aussieht wie ein Kanonenrohr, eine Rose hervor. "Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart..." Und die Macht des Bösen, zusätzlich durch Schwert und Stacheldrahtverhau und anderes dargestellt, ist besiegt. Rosen wachsen aus ihnen empor.

Der Künstler hat die Prophetie dieses Textes dargestellt:
1 Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. 2 Auf ihm wird ruhen der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN.

3 Und Wohlgefallen wird er haben an der Furcht des HERRN. Er wird nicht richten nach dem, was seine Augen sehen, noch Urteil sprechen nach dem, was seine Ohren hören, 4 sondern wird mit Gerechtigkeit richten die Armen und rechtes Urteil sprechen den Elenden im Lande, und er wird mit dem Stabe seines Mundes den Gewalttätigen schlagen und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten. 5 Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein und die Treue der Gurt seiner Hüften. 6 Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben.

7 Kühe und Bären werden zusammen weiden, dass ihre Jungen beieinander liegen, und Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder. 8 Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein entwöhntes Kind wird seine Hand stecken in die Höhle der Natter. 9 Man wird nirgends Sünde tun noch freveln auf meinem ganzen heiligen Berge; denn das Land wird voll Erkenntnis des HERRN sein, wie Wasser das Meer bedeckt.

Man könnte ins Schwärmen geraten über diesem prophetischen Wort des Propheten Jesaja. Wie ist das, wenn alles Unrecht ausgemerzt sein wird!? Wenn es keine Bosheit mehr gibt, und wenn sogar die Natur mit einbezogen sein wird in diesen ursprünglichen Gottesfrieden? Ist das zu schön, um wahr zu sein?

Nun hat das mit Jesus etwas zu tun - und mit Weihnachten.

Es ist keine Kunst, sich auszumalen, wie das wäre, wenn alles in Ordnung wäre. Davon träumt jeder irgendwie. Doch warum ist das alles immer noch nicht geworden? Es ist immerhin schon über 2 ½ Tausend Jahre her, seit Jesaja diese Weissagung gab. Alle sehen doch sofort ein, dass das schön wäre. Wir Menschen sind es, die dem im Wege stehen. Nicht die anderen, weit weg, sondern ich selbst. In der Umgebung, da sieht jeder täglich das Schwere und die Bosheit. Aber irgendwie scheinen wir blind zu sein für den eigenen Beitrag, den wir selbst dazu leisten, um das Schöne zu verhindern, das wir uns ausmalen und von dem wir träumen.

Eine Weissagung ist etwas anderes als eine Utopie. Eine Utopie ist der Ausdruck einer menschlichen Sehnsucht, die unausgesprochen dazu aufruft, das Ziel miteinander anzustreben. Aber eine Weissagung ist kein Aufruf zu menschlichem Handeln, sondern die Ankündigung, dass Gott handeln wird. Zwei Kapitel vorher heißt es bei Jesaja bei einer ähnlichen Weissagung: "Solches wird tun der Eifer des HErrn Zebaoth."

Gott hat verheißen, einen Retter zu schicken, der diese ganze Verführung zur Bosheit wegnimmt. Wir brauchen einen Erlöser, der die Blindheit und Schuld von uns nimmt, nicht nur von den anderen, die man vielleicht als böse empfindet, von den Fernen, sondern von mir. Und wir haben diesen Erlöser bekommen.

Es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais... Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und des Verstandes...

Mit dem Kommen Jesu ist die große Hoffnung verbunden: Er löst eine für uns unlösbare Aufgabe, an der wir Tag für Tag immer wieder an unsere Grenzen kommen - Menschen können sich wieder verstehen, können einander Platz einräumen, können einander Rechte und Lebensraum einräumen, können in Frieden miteinander leben. Und sie können das im Großen wie im Kleinen. Da denkt vielleicht mancher an die letzte Auseinandersetzung mit einem Geschäftskollegen oder dem Ehepartner. Warum nur lassen sich die verschiedenen Vorstellungen nicht unter einen Hut kriegen?

Wir machen uns schon unsere Gedanken, wie das Leben und die Welt eigentlich aussehen müssten. Und uns fällt auf Anhieb vieles ein, das anders sein sollte, Ungerechtigkeiten, Unglücke. Warum gibt es so viele Krankheiten und persönliche Nöte, warum Kriege, warum Naturkatastrophen und auch viel Leid durch menschlichen Leichtsinn oder vielleicht sogar durch Vorsatz?

Der verheißene Retter wird die Ungerechtigkeiten und alles Schlechte und Böse wegnehmen. Das sagt sich so einfach. Aber können wir erfassen, was da alles sich ändern muss?

Ich würde gerne einmal den Versuch machen, mit einer Gruppe eine Zeitung unter diesem Gesichtspunkt durchzulesen. Dann sollten wir uns gemeinsam vornehmen, alle die Artikel anzustreichen, die das Schlechte in dieser Welt zum Gegenstand haben. Vermutlich würde nicht viel in der Zeitung übrigbleiben, das man noch lesen könnte. Denn sehr vieles, was wir auf dieser Erde und in unserer Lebenszeit tun und was Aufmerksamkeit erregt, ist ein Vorgehen gegen den Zerfall, gegen das Schlechte und Böse.

Weihnachten bedeutet nicht, dass uns eine rosarote Brille aufgesetzt würde. Sondern das Kommen Jesu verändert die Wirklichkeit.

Das wird besonders deutlich, wenn wir an den Frieden in der Schöpfung denken. Dass Wölfe und Lämmer beieinander sein können, das ist gegen die Natur der gewöhnlichen Ordnung, wie wir sie kennen. Denn wovon soll ein Wolf denn leben, wenn nicht vom Fleisch der Beutetiere? Oder wie können Bären und Rinder miteinander weiden? Da müssten doch alle Tiere Pflanzenfresser werden. Doch das sind sie nun einmal nicht!

"Man wird nirgends Sünde tun noch freveln auf meinem ganzen heiligen Berge..."

Das ist genauso unmöglich, wie dass der Wolf ein Pflanzenfresser wird. Jedenfalls von menschlichen Möglichkeiten her gesehen. Jesus wird das Unmögliche möglich machen. Dafür ist er gekommen: Das, was unmöglich ist, mich, den Sünder, zu einem Nichtsünder zu machen, der vor Gott treten kann. Aber nicht nur, dass die vergangene Sünde weggenommen wird, sondern so, dass wir keine Sünde mehr tun. So hat sich's Gott eigentlich gedacht. Sein ursprünglicher Wille soll wieder hergestellt werden.

Ich stelle mir vor: Jemand von uns hätte unerwartet diese Aufgabe bekommen. Er würde für neue gerechte Gesetze sorgen und dafür, dass diese Gesetze und Verordnungen auch eingehalten werden. Da kann man seiner Phantasie freien Lauf lassen. In unseren Parlamenten und Regierungen wird ja pausenlos eigentlich genau das getan: Man überlegt sich, wie Ungerechtigkeiten und Unheil weniger werden können und wie die guten Lösungen mehr die Oberhand gewinnen.

Jesaja kündigt kein Programm des Messias an. Sondern er wächst auf wie ein Reis. Da ist Wachstum. Jesus hat das Geheimnis des Reiches Gottes beschrieben wie etwas, das wächst. Das ist auch in einem Gleichnisfenster von Hans-Gottfried v. Stockhausen beschrieben: Das Reich Gottes ist unscheinbar wie ein Senfkorn. Doch es wächst zu einem großen Baum. Und doch ist bei diesem Wachsen vieles so ganz anders als wir erwarten; ja, geradezu absurd! Von dem angekündigten Retter ist eine merkwürdige Eigenschaft angekündigt: In seinem Urteil richtet er sich nicht nach dem, was seine Augen sehen und seine Ohren hören. Er handelt gegen den Augenschein.

Anders gesagt: Er lässt sich nicht täuschen! Und nicht bestechen. Weder durch Geld noch durch Propaganda, noch durch fromme oder unfromme Fassade. Er lässt sich nicht irreführen durch das, was alle sehen und wissen und für richtig halten. Er weiß, was los ist. Er sieht ins Herz. Und das dürfen wir auch wirklich so für uns annehmen. Vieles in uns selbst verstehen wir ja nicht. Aber er versteht uns. Er weiß, warum bei uns ganz bestimmte Dinge immer wieder danebengehen. Wünschen wir uns nicht jemanden, der sortieren kann, wo wir nicht durchblicken?

Weihnachten hat nicht nur mit Jesus zu tun, sondern auch mit uns. Für uns wird dann Weihnachten, wenn wir uns ihm öffnen. Wenn wir bereit sind, dass er in uns hineinsieht. Wenn er uns manches verraten darf, was er über uns weiß. Auch das gehört zum Wachstum, dass das Reich Gottes wächst, wenn es in uns anfängt und weitermacht. Verwerfen wir den Gedanken: Dann komme ich unter die Räder, wenn ich das tue, was er will.

Wir könnten statt dessen nach den Bildern dieser Weissagung etwa beten: Herr, lass du diese Verheißung wahr werden und fange in mir an. Ich weiß es nicht, wenn ich mich wie eine gefährliche Schlange verhalte. Aber mache du, dass ein argloses kleines Kind oder ein argloser Erwachsener sich mit mir einlassen kann. Ich weiß es nicht, wo ich wie ein Löwe oder wildes reißendes Tier anderen ihr Recht oder ihr Leben bedrohe. Aber mache du, dass niemand vor mir Angst haben muss. Man kann es auch mit einem Wort von Angelus Silesius andeuten: "Wäre Jesus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du gingest dennoch ewiglich verloren."

Doch schließlich wird klar, dass die Verheißung erst in der kommenden Welt zur wirklichen Erfüllung kommt. Jesus ist zwar in diese unsere Welt gekommen, aber er ist gekommen, um uns für das kommende Reich Gottes zu erlösen und zu gewinnen. Mit Weihnachten ist das Erlösungswerk noch nicht abgeschlossen, sondern erst angefangen.

Zu Weihnachten gehört, dass ich mich verändern lasse durch Gottes Liebe und Güte. Doch Gottes Wege wollen uns gewinnen, dass wir mit ihm weitergehen, bis seine Verheißung ganz erfüllt ist. Amen!

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