Johannes 7, 28+29
Heinrich Böll hat die Kurzgeschichte geschrieben: "Dr. Murkes gesammeltes Schweigen". Die Geschichte spielt in den 50er Jahren hauptsächlich in den Redaktionsstuben eines Rundfunksenders. Ein bedeutender Buchautor (Bur-Malottke) hält zwei Vorträge über das Wesen der Kunst. Sie sollen nun in einer Sendung ausgestrahlt werden. Sie sind bereits auf Band aufgenommen. Da kommen dem Autor Bedenken - religiöse Bedenken. 27 mal hat er das Wort "Gott" benützt; und er steht nicht mehr richtig dazu. Er will es ersetzen durch "jenes höhere Wesen, das wir verehren." Er kann den Intendanten für diese Änderung gewinnen. Und nun muss der Redakteur Dr. Murke die Änderungen durchführen. Bur-Malottke muss noch einmal kommen und 27 mal die Ersatzwörter sprechen; aber nicht alle gleich. Denn es sind auch Genitive und Dative dabei, also "jenes höheren Wesens, das wir verehren" und "jenem höheren Wesen, das wir verehren". Schon überlegt der Autor, ob er nicht bei seiner alten Version bleiben soll. Aber es ist zu spät. Denn von dem Tonband sind schon die entsprechenden Schnipsel herausgeschnitten. Gott kommt nicht mehr vor.
Kommt Gott an Weihnachten vor? In unserer gegenwärtigen Gesellschaft scheint er verdrängt und herausgeschnitten, wie die Tonband-Schnipsel in Heinrich Bölls Kurzgeschichte.
Aber an Weihnachten spielt er eigentlich eine wichtige Rolle; sogar die Hauptrolle.
Der Predigttext für den heutigen Abend scheint auf den ersten Blick nicht für Weihnachten zu passen. Aber wenn wir so wollen: Hier spricht Jesus selbst als erwachsener Mann, was denn nun eigentlich am Heiligen Abend geschehen ist. Er gibt uns einen tieferen Blick, der genauer hinsieht.
28 Da rief Jesus, der im Tempel lehrte: Ihr kennt mich und wisst, woher ich bin. Aber nicht von mir selbst aus bin ich gekommen, sondern es ist ein Wahrhaftiger, der mich gesandt hat, den ihr nicht kennt.
29 Ich aber kenne ihn; denn ich bin von ihm, und er hat mich gesandt.
Da ist kein Kind in der Krippe, keine Engel, keine Hirten, und überhaupt fehlt die ganze Stimmung, die Weihnachten erfüllt.
Aber da schaut ein Mann zurück auf seine Herkunft: Jesus. Er ist auf der Höhe seiner irdischen Wirksamkeit. Er hat sich in ein Gespräch eingelassen mit Menschen, die ihm gegenüber skeptisch sind. Sie sind nicht Feuer und Flamme. Sie sagen sich im Grunde: Das kann doch nicht sein. Dieser Jesus soll der von Gott gesandte Messias sein? Er kommt nicht mit Blitz und Donner oder mit einer himmlischen Erscheinung, nicht mit irgendeinem göttlichen Ausweis. Stellen Sie sich vor: Nicht geheimnisvoll verborgen in einem Stall, sondern mit einem riesigen Aufsehen.
Die Fragen sind vielen Menschen heute gar nicht so fremd. Und das ist sogar gut, wenn diese Fragen ausgesprochen werden. Denn dann wird es echt. Wenn das wahr ist, dass in Jesus Gott zu uns gekommen ist, dann verändert sich ja im Grunde alles, unser ganzes Leben und unsere ganze Gemeinschaft. Aber die Frage ist, ob wir Menschen das eigentlich wollen.
Denn da gibt es noch ganz andere Seiten, die nicht verschwiegen werden sollen: Die leitenden Leute, die da so fragen, haben auch persönliche Probleme. Darüber redet kein Mensch. Aber man merkt es irgendwie. Das sind ja eigentlich die Leute, die das Sagen in der Gesellschaft haben oder bisher hatten, und nun kommt da einer, der ihnen diese Rolle wegnimmt. Alles, was er sagt und tut, macht deutlich: Er ist wichtiger als sie. Werden darum diese Oberen die menschliche Größe aufbringen und Gott den Platz einräumen, der ihm gebührt? Werden sie die nötige Demut finden? Gott kann man nur dann in der rechten Weise begegnen, wenn man sich selbst zurückstellen kann. Und wir merken hoffentlich: Das ist nicht nur ein Problem der geistlichen Leiter in Israel gewesen, sondern das gilt heute auch: Wer auf Gott hören will, muss sich zurücknehmen können.
Und ich wünsche uns allen an Weihnachten, dass Gott und Jesus Christus die Hauptrolle für uns spielen.
Die Schlüsselfragen sind: Es geht um das Geheimnis Jesu, und um seinen Ursprung und seinen Auftrag.
Jedenfalls war es Gott wichtig, dass er als kleines Kind auf die Erde kam. So brauchen wir uns vor ihm nicht zu fürchten.
Die Nachricht von der Geburt des Retters Jesus Christus ist nicht eine nur menschliche Nachricht. Wäre sie es und hätte irgendein kluger Mensch diese Nachricht weiterverbreiten wollen, dann hätte er sich vielleicht an die Großkopfeten gewandt. Dann hätte er etwa so gesagt: "Den Menschen ist der Heiland geboren." Und das hätte sich so angehört, als ob wir nicht darunter wären. Das würde den anderen Menschen gelten, den Menschen so im allgemeinen. Aber die Engel haben den Hirten gesagt: " Euch ist heute der Heiland geboren." Das galt genau diesen Hirten, nicht irgendwelchen Menschen in der Ferne, nicht nur ausgewählten Gelehrten, nicht nur den besonders Religiösen, sondern genau ihnen.
Wir feiern heute das Fest der Geburt Christi. Und es ist auch das Fest, dass uns diese Nachricht erreicht hat: " Euch ist heute der Heiland geboren..." Wir sind gemeint, die wir heute abend hier im Betsaal sind. Haben wir das erfasst, dass das nicht eine Allerweltsnachricht ist, die bloß die Allgemeinheit angeht? Sondern gerade uns! Nehme es jeder für sich: "Dir ist der Heiland geboren. Und das gilt dir so sehr, als ob es keine anderen Menschen auf der ganzen Welt gäbe."
Unter den Juden herrschte zur Zeit Jesu die Vorstellung, dass sich der Messias an einem unbekannten Ort verbergen werde bis zu dem Zeitpunkt, wo er sich allen plötzlich offenbaren werde. Er käme im Grunde als Unbekannter, plötzlich, unangekündigt.
Wir denken über vieles anders als die Menschen damals. Aber auch für uns ist um seine Person ein Geheimnis.
Dass Jesus der Sohn Gottes ist, gehört zum Urbekenntnis der Christen von Anfang an. Er ist nicht nur irgendein besonders begabter Mensch, der gute Ideen gehabt hätte, sondern er war und ist Gott selbst. Und wer auf Jesus hört, bekommt es mit Gott selbst zu tun, wer Jesus begegnet, begegnet Gott selbst.
Dann kam Jesus. Und er passte für sich nicht ins Konzept. Er brachte alles für sie in Unordnung. Aber wenn Jesus alles so lassen würde, wie es vorher schon ist, dann brauchten wir ihn nicht.
Viele Menschen betrachten ihn als Gesprächspartner, als Ideengeber, und erstaunlich viele als Vorbild. Aber gerade daran liegt's: Wer ihn wirklich als Gott gelten lässt, der müsste auch sagen, dass dann Jesus das Lebenskonzept vorgeben.
Jesus sagt: "Ich bin nicht von mir aus gekommen." Gott hat ihn geschickt. Wer sich darum auf Jesus einlässt, der lässt sich auf Gott ein. Jesus hat sich einmal als die Tür bezeichnet. Er ist auch die Tür zu Gott. Jesus ist viel näher dran am Plan und Ziel Gottes und am Plan und Ziel unseres Lebens. Er ist sozusagen unendlich dicht dran, weil er mit dabei war, als Gott den Menschen geschaffen hat, weil er selbst dem Menschen das Ziel vorgegeben hat, nämlich die Gemeinschaft mit Gott. Und so ist Jesus Gott und Mensch in einer Person.
Es gibt Menschen, die sich keinen Weg führen lassen wollen. Sie wollen ihn schon selbst finden. Doch Jesus hat seine ganze Herrlichkeit aufgegeben, nur um zu uns kommen zu können, um uns nahe zu sein. Letztlich ist nicht das sein Ziel, dass er uns Gaben gibt, sondern es ist sein Ziel, uns mit ihm selbst in Verbindung zu bringen, so dass wir ihn kennen.
Der Essener Pfarrer Wilhelm Busch erzählte einmal: Ich erinnere mich, dass wir in meiner Kindheit einen reichen Onkel hatten. Wenn er zu Besuch kam, brachte er immer herrliche Geschenke mit, Schokolade, Pralinen... Wir Kinder erwarteten ihn stürmisch: "Onkel, hast du...?" Und denken Sie, ich weiß gar nicht mehr, wie der Onkel aussah. Ich sehe nur noch die vollen Taschen vor mir. Das heißt, der Onkel war mir im Grunde ganz egal, ich wollte seine Geschenke..."
Jesus ist nicht auf diese Welt gekommen, um uns sozusagen Geschenke zu machen, sondern seine Person, er selbst ist das Geschenk für uns. Seine Sendung, das ist er selbst. Ich wünsche uns allen, dass das der Inhalt unserer Weihnachtsfreude ist: In Christus ist Gott auf die Welt gekommen. Das zeigt auf Jesu Geheimnis, auf seinen Ursprung und auf seinen Auftrag. Amen!