Jesaja 35, 3-10
Die Adventszeit ist wie die Warte-Zeit zwischen Bauplan und bezugsfertigem Haus.
Wer ein Haus gebaut hat, weiß, dass das nicht über Nacht geht. Zuerst reifen die Gedanken, dass man vielleicht bauen könnte. Dann geht man zum Architekten und spricht mit ihm die Pläne durch. Nach Wochen und Monaten sind die Pläne fertig, liegt die Genehmigung vor und steht die Finanzierung. Aber es ist noch kein einziger Handgriff getan. Man weiß eigentlich schon sehr viel über das Haus, noch längst bevor es steht. Doch wohnen kann man in diesen papierenen Plänen noch nicht. Und dennoch kann man die Planungsphase nicht übergehen.
Ähnlich ist es mit den Plänen Gottes.
Der 2. Advent hat das 2. Kommen Jesu als Thema. Als man unter den Christen begann, die Adventszeit zu feiern, war das eigentlich nicht die Vorbereitung auf Weihnachten. Der 6. Januar war ein großer Tauftermin in der Alten Kirche. Und vor diesem Tauftag gab es eine 40-tägige Fastenzeit. Weil am Samstag und Sonntag nicht gefastet wurde, musste die Fastenzeit bereits am 11.11. beginnen. Heute beginnt da ja die Narrenzeit. Aber eigentlich war es der Beginn einer besonders geheiligten Zeit. Man dachte sehr viel an die Wiederkunft Jesu.
Deshalb ist die Adventszeit eine Zeit des Wartens und der Spannung. Eine ungeheuer intensive Zeit. Sehr zielgerichtet. Auch eine Zeit der Vorfreude. Und man plant für die Zeit der Erfüllung im Reich Gottes.
Die Wartezeit ist noch nicht die Erfüllung. Da steht das Leben noch unter einer Spannung. Die Gefühle gehen noch hin und her, zwischen Hoffnung und Enttäuschung, zwischen Freude und banger Sorge. Aber Adventszeit ist die Zeit zwischen Verheißung und Erfüllung. Oder genauer, wir leben in der Adventszeit schon zwischen einer Teilerfüllung und der endgültigen Erfüllung.
Das Volk Israel war ein wartendes Volk. Immer wieder wurden sie in ihrem Warten geprüft. Unmittelbar nach dieser Weissagung des Jesaja wird berichtet, wie die Assyrer Jerusalem belagerten. Sie wollten es dem Erdboden gleich machen, wie sie es mit den Städten ringsum schon gemacht hatten. In großer Angst verbrachten sie Monat um Monat, draußen die Assyrer, drinnen sie, mit knapper werdenden Nahrungsmitteln. Und auch in dieser Lage bekamen sie eine Verheißung Gottes durch den Propheten Jesaja. Tatsächlich: Nach langer Zeit bangen Wartens zogen die Belagerer ab. Alte Berichte deuten eine Katastrophe in ihrem Lager an, und auch bei Jesaja und im 2. Königebuch schlägt sich das in Berichten nieder. Gott selbst hatte eingegriffen und sein Volk gerettet. Das Warten wurde erfüllt.
Es wird uns nicht berichtet, ob Johannes mit dieser Antwort zufrieden war. Seine Gefangenschaft hat sich nämlich nicht geändert. Ja, seine Not wurde später sogar noch größer, denn er wurde ja hingerichtet. Kennzeichen des Advent ist: Wir wissen, da ist ein Teil schon erfüllt. Aber die Not ist noch nicht endgültig beseitigt; wir müssen sie immer noch mit ansehen und oft selbst erleben, wenn auch nicht so drastisch wie der Täufer. Doch zweifellos ist im irdischen Handeln von Jesus die Verheißung bereits teilweise erfüllt. Nun ist das Warten verändert. Es ist nicht mehr ziellos und sinnlos, es ist nicht mehr von dumpfer Resignation geprägt, sondern es kann sich bereits auf Vergangenes berufen, auf das, was Jesus getan hat und neu gemacht hat.
Wir wünschten uns, dass wir einiges davon doch selbst erleben könnten, was die Jünger damals sehen und hören konnten. Wenn doch wenigstens einige von diesen Anzeichen von Gottes neuer Welt auch heute geschehen würden. Die Jünger haben dann ja sogar noch viel mehr erlebt. Christus ist auferstanden, aus dem Tod zum neuen Leben gekommen. Für kurze Zeit haben sie Einblick bekommen in die Zukunft Gottes. Ab da war ihr Leben völlig verändert.
Jetzt ist diese Schöpfung noch vom Vergehen gezeichnet und von äußerer Not und oft auch Zerstörung. Wir müssen uns nur die Nachrichten der letzten Zeit in Erinnerung rufen: Zerstörte Häuser und zerstörte Existenzen durch Naturgewalten: Stürme oder Schlammlawinen...
Eigentlich schreit dies alles nach einer Besserung. Paulus hat es in Römer 8 so geschildert, dass sich auch die Schöpfung nach der Erlösung sehnt. Hier und da gibt Gott Zeichen seines Heils mitten in dieser unserer vergehenden Welt. Da macht er einen Menschen wieder gesund, der schon keine Hoffnung mehr hatte. Da öffnet er Mauern und reißt einen eisernen Vorhang nieder, die für die Ewigkeit gebaut schienen. Und da werden auch Wüsten wieder fruchtbar, von denen wir meist nur hören, dass sie sich ausdehnen. Doch alles das kann immer nur wie ein Lichtstrahl in der Finsternis sein, der die ganze Finsternis doch nicht vertreiben kann.
Die Verheißung meint mehr. Gott wird beständig und unumkehrbar das zur Erfüllung bringen, was er sich vorgenommen hat.
Aber davon dürfen wir Christen reden und davon dürfen wir leben: Gott wird mit Leid und Krankheit ein Ende machen.
Wir denken an den letzten Domino-Gottesdienst im November mit dem taubblinden Diakon Peter Hepp. Es gab welche, die gefragt haben: Wie kann man denn mit so einer massiven Behinderung sein Leben so aktiv angehen, und dann auch noch in den Dienst Gottes stellen? Sein Leben ist ein Zeugnis der Hoffnung: Unser Herr wird diese Behinderung einmal weggenommen haben.
Weiter beschreibt Jesaja: Das psychische Wohlbefinden. Diese Nachricht geht wahrscheinlich besonders uns Deutsche an. Denn wir jammern auch, wenn es uns gut geht; nach dem Motto: Ich jammre, also bin ich. Wir müssen noch lernen, wie man sich freut. Das Lebensmotto würde uns doch eigentlich besser helfen: Ich freue mich, also bin ich.
Freude und Wonne sind demnach fast wie ein Wunder, ein Stück wiederhergestelltes Heil. Ihre Quelle ist nicht, dass man alles hätte, was man braucht, sondern das Hinfinden zur Bestimmung des Menschen. "Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem Heiligen Geist."
Die Christen der ersten Generationen haben ständig in der Sorge und Angst vor Verfolgungen leben müssen. Aber merkwürdigerweise hat das ihr Lebensgefühl nicht geprägt. Sie haben in der Erwartung gelebt, dass Gott seine Verheißungen erfüllt. So konnten sie leben trotz vielfältiger Verfolgung und Anfeindungen, so konnten sie ihren Feinden vergeben und positiv aufbauend handeln. Ihre Freude und Zuversicht wirkten ansteckend inmitten einer niedergehenden Kultur. Sie arbeiteten in dieser Welt, weil sie Gottes Welt ist. Sie arbeiteten für die Menschen, weil es Gottes Menschen sind.
Das gehört zum Advent: Freude, weil man sich auf die Begegnung mit Jesus einstellt und vorbereitet, d.h., weil man sich heiligt.
Auch bei Christen ist die Frage nicht sehr in: Wie bereite ich mich auf die Wiederkunft Christi richtig vor. Wir fragen höchstens, was wir nicht tun sollten, um ihn nicht zu ärgern, oder um nicht von ihm verworfen zu werden. Aber wer Jesus lieb hat, sollte aktiv darauf zugehen: Wie kann ich ihm eine Freude machen.
Ich fasse zusammen: Advent, das ist die Zeit zwischen dem ersten und dem zweiten Kommen Jesu. Wir erleben zwar noch Nöte, aber wir richten uns schon aus auf sein endgültiges Heil. Wir bereiten uns darauf vor und wollen ihm würdig begegnen. Amen!