Lukas 1, 67-79

3. Dezember 2006 - Gottesdienst am 1. Advent
Pfr. Dr. Karl Knauß

67 Und sein Vater Zacharias wurde vom Heiligen Geist erfüllt, weissagte und sprach:
68 Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat besucht und erlöst sein Volk
69 und hat uns aufgerichtet eine Macht des Heils im Hause seines Dieners David
70 - wie er vorzeiten geredet hat durch den Mund seiner heiligen Propheten -,
71 dass er uns errettete von unsern Feinden und aus der Hand aller, die uns hassen,
72 und Barmherzigkeit erzeigte unsern Vätern und gedächte an seinen heiligen Bund
73 und an den Eid, den er geschworen hat unserm Vater Abraham, uns zu geben,
74 dass wir, erlöst aus der Hand unsrer Feinde,
75 ihm dienten ohne Furcht unser Leben lang in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinen Augen.

76 Und du, Kindlein, wirst ein Prophet des Höchsten heißen. Denn du wirst dem Herrn vorangehen, dass du seinen Weg bereitest
77 und Erkenntnis des Heils gebest seinem Volk in der Vergebung ihrer Sünden,
78 durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes, durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe,
79 damit es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.

Einst hatte es ihm die Sprache verschlagen, schon Monate vor diesem Lobgesang. Damals geschah es mitten im Tempel. Zacharias war Priester. Ihm war die Aufgabe zugefallen, das Räucheropfer darzubringen. Die Leute mussten draußen warten. Eigentlich hätte es viel rascher vorbei sein müssen, dieses Räucheropfer.

Wir können's uns nur noch schwer vorstellen, welche Bedeutung das damals hatte, solch ein Tempelgottesdienst am großen Versöhnungstag. Es gibt Berichte, wonach man den Rauch von diesem Räucherwerk bis nach Jericho gerochen habe, das etwa 30 km entfernt ist. Das ganze Land lebte davon: Gott hat uns unsere Schuld vergeben und uns wieder angenommen. Und drinnen im Tempel tat der Priester seinen Dienst, draußen warteten wohl Tausende von Menschen.

Warum musste der Engel ausgerechnet in dieser ungeschickten Zeit kommen? Hätte er's ihm nicht auf dem Heimweg sagen können?

Aber wohl hat es Gott so gewollt, dass die Öffentlichkeit es mitkriegt: Da wird ein großes Ereignis angekündigt.

Zacharias konnte den Wartenden nichts mehr sagen, weil es ihm die Sprache verschlagen hatte. Sie merkten nur: Da muss etwas Besonderes geschehen sein. Und es war ja auch etwas Besonderes: Ihm wurde die Geburt Johannes des Täufers angekündigt. Der sollte ein Großer im Reich Gottes sein. Die Mutter Elisabeth war eigentlich viel zu alt. In ihrem Alter kann man keine Kinder mehr kriegen.

Gottes Wunder gegen alle menschliche Wahrscheinlichkeit.

Lange hat der Vater Zacharias warten und schweigen müssen. Inzwischen waren Monate vergangen. Johannes war da! Acht Tage alt.

Da platzt der Knoten bei Zacharias. Er redet. Seine ersten Worte sind ein Lobgesang und eine Prophetie und beides in einem. Bei den Propheten, da meinen die meisten, es ginge nur um die Zukunft, sozusagen christliche Voraussage der kommenden Zeiten. Das kann es zwar auch sein. Aber das Wesentliche an den Propheten ist etwas anderes: Sie reden aus der Welt Gottes heraus. Sie reimen sich ihre Sachen nicht zurecht aus dem, was die anderen auch so sehen könnten. Sondern sie bekommen vom Heiligen Geist den Durchblick durch verworrene Zustände und Zusammenhänge hindurch.

Ist es für uns nicht auch oft so, dass wir sagen müssen: Da blickt kein Mensch mehr durch? Und haben wir nicht auch oft die Sehnsucht: Jetzt müsste eigentlich jemand kommen und sagen, was Gott darüber denkt. - Genau das tun die Propheten. Aber normalerweise haben die Leute über Propheten geringschätzig gesprochen. Meist hielt man sie für Spinner; abgehoben von dem, was die anderen dachten und wollten.

Zu denen gehört nun unerwartet auch Zacharias. Er spricht im Auftrag Gottes: Die Zeit der Erlösung ist da! Nach vielen, vielen Jahren des Wartens und des Schweigens. Viele Menschen haben damals auch gesagt: Warum redet Gott nicht? Steht er überhaupt noch zu seinem Volk? Wissen wir überhaupt noch, welchen Weg wir gehen sollen?

Haben wir nicht auch schon öfter so gedacht und gefragt: Lieber Gott, warum lässt du uns so allein unseren Weg gehen? Wir würden gerne wissen, wie wir als Gemeinde in Zeiten dieses Umbruchs leben können. Wir haben Sehnsucht, dass du mit uns redest! Statt dessen geht jeder seinen eigenen Weg. Wann endlich ist deine Zeit da! Das kann doch nicht sein, dass jeder seine eigene Sünde für Recht erklärt und du tust nichts?! Das kann doch nicht sein, dass uns die Zukunft grau und schwer wird, weil uns die Hoffnung schwindet!

Wer diese Fragen nicht denkt, der kann mit dieser Sehnsucht nicht mitfühlen, die die Menschen vor Jesus erfasst hat.

Manchmal denken wir: Warum lässt Gott sein Volk oder seine Gemeinde überhaupt warten? Warum muss er uns so eine Spannung abverlangen?

Zeiten des Wartens gehören zu unserem Leben, auch im ganz normalen Leben. Warten auf das Ergebnis einer Prüfung!

Oder warten in der Zeit der Schwangerschaft, bis endlich das Kind da ist!

Warten auf den Herbst, bis die Mühe des Jahres sich ausbezahlt hat und Früchte da sind, die Zeit der Ernte.

Oder warten auf die Hochzeit!

Wer nicht warten kann, kann auch nicht richtig leben.

Warten auf Gottes Stunde. Gott hat jahrhundertelang die Zeit der Rettung angekündigt. Und sie ließ auf sich warten. Wer nicht warten kann, wird wohl bald sagen: Gott hat uns vergessen. Er wird wohl bald Gott den Abschied geben.

Wenn Gott uns warten lässt, dann ist das eine Zeit der Reifung. So wie die Früchte auf den Bäumen heranwachsen, oder die Saat auf den Feldern, so reift auch Gottes Erfüllung.

"Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn..."

Und dann kommt Gottes Stunde! Zu seiner Zeit. Lange war die Erfüllungszeit sein Geheimnis! Gott ist eigentlich erst recht dann Gott, wenn er in Bewegung ist. Da wird's spannend. Da tritt er uns gegenüber. Und an dieser Schwelle steht nun Zacharias. Und in seinem Lobgesang schaut er zurück auf die Zeit der Propheten. Er wird wohl die vergangenen 9 Monate, in denen er schweigen musste, Zeit gehabt haben, die alten Schriften zu studieren, die Schriften der Propheten, die Verheißungen Gottes. Da wird es ihm zunehmend deutlicher geworden sein, was er nun in seinen Lobgesang fasst. Und es ist, als würde die Sprache sich nun Luft verschaffen, als wäre ein Überdruckventil ausgelöst worden.

Jetzt tut Gott alles das, wonach wir uns in unserer Sehnsucht immer ausgestreckt haben: Die Rettung vor den Feinden, die Freiheit vor den Hassern. Gott denkt an seinen Bund - endlich.

Mehr aber noch als alle Erfüllung von versprochenen Sachen: Er besucht sein Volk. Da ist kein Abstand mehr. Bei der Erfüllung ist ER selbst die Hauptsache. Dass er an uns interessiert ist, das ist des Jubels wert. Jetzt endlich ist offenbar, dass Gott nicht im Abstand von uns bleiben will, sondern uns Auge in Auge gegenübertritt.

Und wenn aller Abstand an Zeit und Raum aufgehoben ist, dann sind auch wir persönlich gemeint. Zacharias weiß um die Sendung des Johannes: "Du, Kindlein, wirst ein Prophet des Höchsten heißen. Denn du wirst dem Herrn vorangehen..." Auch wenn wir viel kleinere Rollen im Reich Gottes spielen, aber jeder ist dennoch persönlich gemeint und hat seine persönliche Aufgabe. Bei Gott ist niemand namenlos.

Gott hält sich an das, was er versprochen hat. Auch wenn er oft lange warten lässt. Aber sein Bund ist zuverlässig.

In unseren Adventsliedern singen wir immer wieder von dem Licht, das unerwartet aus der Dunkelheit hervorbrechen wird. Ich wünsche uns allen, dass die Adventszeit uns ein Stück Licht aus der Welt Gottes wird. Amen!

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