Offenbarung 2, 8-11

19. November 2006 - Gottesdienst am Volkstrauertag
Pfr. Dr. Karl Knauß

Die Stadt, um die es heute geht, heißt Izmir und liegt an der Westküste der Türkei. Früher hieß sie Smyrna. Was hat die Stadt mit Autos zu tun? -

Gestern vor 100 Jahren (18. Nov. 1906) wurde in der Stadt Alec Isigonis geboren, der Konstrukteur des legendären Morris bzw. Austin Mini, bis vor wenigen Jahren ein Kultauto vieler junger Leute. Im Studium hat mich mal ein Kommilitone in so einem Gefährt mitgenommen. Das Abenteuer ging schon beim Einsteigen los. Und wenn du drinsitzt, dann meinst du, unter einem großen Lastwagen könntest du ungestreift durchfahren.

Aber es soll ja heute nicht um Autos gehen. Die Verbindung war nur Izmir. Vor 100 Jahren war die Stadt hauptsächlich von Christen bewohnt, von griechischen und armenischen Christen. Doch im Jahr 1922 wurde die Stadt von der Türkei erobert und dann gebrandschatzt. Etwa 25.000 Bewohner fanden den Tod. Der Rest wurde vertrieben, darunter auch dieser damals 16jährige Alec Isigonis. Allerdings gibt es dort bis heute eine kleine Gruppe von Christen.

Die Stadt hat in den Wechselfällen der Geschichte großes Leid erleben müssen. Sie hat eine alte christliche Tradition. In ihr lebte einer der wichtigsten christlichen Schriftsteller nach den Aposteln, nämlich Polykarp von Smyrna, der im Jahr 155 als Märtyrer starb. Ich hätte auch noch andere Leute aufzählen können.

An diese Stadt ist auch einer der Briefe gerichtet, die Johannes im Auftrag Jesu geschrieben hat, eines der sieben Sendschreiben der Offenbarung (Offb. 2, 8-11)

8 Und dem Engel der Gemeinde in Smyrna schreibe: Das sagt der Erste und der Letzte, der tot war und ist lebendig geworden: 9 Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut - du bist aber reich - und die Lästerung von denen, die sagen, sie seien Juden und sind's nicht, sondern sind die Synagoge des Satans.

10 Fürchte dich nicht vor dem, was du leiden wirst! Siehe, der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis werfen, damit ihr versucht werdet, und ihr werdet in Bedrängnis sein zehn Tage. Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.

11 Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! Wer überwindet, dem soll kein Leid geschehen von dem zweiten Tode.

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gemeinde!

Ist das nun ein Thema für Jugendliche? - Ich denke eher, dass eine gewisse Befangenheit da ist. Denn eigentlich redet man fast gar nicht darüber. Man denkt eher über die nächste Prüfung nach, oder... worum drehen sich eigentlich die Gedanken? Jedenfalls um irgendetwas Irdisches.

Doch ich glaube, dass man es anders ausdrückt. Das bewegt einen doch: Wozu bin ich überhaupt da? Hat mein Leben einen Sinn? Andererseits: Ich will in dieser Welt etwas bewegen. Denn diese Welt muss doch eine Zukunft haben.

Die Christen damals in Smyrna hatten auch große Dinge erfahren. Sie hatten sich in einer chaotischen Welt vorgefunden. Überall war ein großes Durcheinander. Keiner konnte so richtig sagen, wo es lang gehen sollte. Es war wie in einem religiösen Supermarkt. Viele Kulte rangen um den Einfluss der Menschen. Und dann gab es auch noch den Staatskult. Die großen Dinge, die die Christen erlebt hatten - das war: Sie hatten die Orientierung gefunden, weil sie Jesus kennen gelernt haben. Sie wussten, er hat die Welt in seiner Hand; er macht uns frei von dem Chaos in uns und um uns herum. Wenn du mit dem Herrn der ganzen Welt in Verbindung bist, dann sollte ja eigentlich alles klar sein.

Doch zu den unbegreiflichen Dingen gehörte: Je deutlicher sie sich zu diesem Jesus bekannten, desto größer wurde der Widerstand, sogar Verfolgung.

Wenn sie den Leuten nach dem Mund geredet hätten, dann wäre alles ruhig geblieben. Aber das konnten sie nicht. Sie mussten von dem reden, was sie erfahren hatten. Das hat mit der Ewigkeit zu tun. Wenn man mit dem ewigen Herrn lebt, dann kann man das Leben nicht mehr so einrichten, wie man selbst für gut hält. Da muss man doch fragen, was hat vor der Ewigkeit Bestand?

Jesus sagt: Keine Angst vor dem Druck oder der Bedrängnis

Das ist keine Selbstverständlichkeit. Denn eigentlich haben wir Menschen Angst, wenn wir Druck kriegen. Aber in diesem Fall ist der Druck durch Jesus genehmigt. Das ist kein Versehen. Sondern er weiß darum und hält es für unvermeidlich. Im Neuen Testament ist deshalb manchmal das Bild der Geburtswehen benützt. Die Zeit der Bedrängnis, das ist wie die Wehen. Aber kein Mensch käme auf die Idee, dass die damit verbundenen Schmerzen der eigentliche Sinn und Zweck der ganzen Sache wäre, sondern dass ein Kind geboren wird.

Jesus sagt: Keine Angst. Denn er hat das im Auge, was nach dem Druck und der Bedrängnis kommt: Der Siegeskranz. Das Ziel des Lebens.

Vor Jahren hatte ich mir einmal einen Halswirbel ausgerenkt. Irgendwie hatte ich in großer Eile beim Kämmen eine zu ruckartige Bewegung gemacht. Dann kriegte ich den Hals nicht mehr gerade. Es waren Nerven eingeklemmt. Das war entsetzlich schmerzhaft. Ich lebte damals im Internat mit anderen Jugendlichen zusammen. Mit schiefem Hals hat mich dann ein Klassenkamerad zum Arzt begleitet. Der wusste sofort, was los ist. Er sagte, ich solle mich auf dem Stuhl festhalten. Dann nahm er meinen Kopf, und hat ihn einfach hochgezogen. Ich weiß nicht, wie hoch. Aber Sternchen habe ich gesehen. Es war schon ziemlich unbehaglich. Als der Arzt dann weit genug oben angekommen war, drehte er mir den Kopf zurück und schob ihn wieder nach unten. Die Schmerzen waren augenblicklich vorbei.

Es hätte mir nichts geholfen, wenn ich mich gegen die Prozedur des Arztes gewehrt hätte. Natürlich war es sehr unangenehm, und auch mit gewissen Ängsten verbunden. Aber das Ergebnis hat alles wettgemacht.

Wir haben vor allem Ängste, wenn wir Geschehnisse als sinnlos empfinden: Eine sinnlose Krankheit, oder eine Katastrophe, die Unschuldige trifft. Aber wenn wir das Ziel wüssten, dann könnten wir den Druck dazwischen besser aushalten.

Jesus sagt: Am Ende wirst du belohnt werden. Die Krone des Lebens. Den Siegeskranz erhalten.

Jesus spricht von der Armut. Jeder, der sich schwach fühlt, ist besonders angesprochen. Denn in Wirklichkeit zählt nicht unsere eigene Schwäche, sondern dass unser Herr uns durchträgt, durch Schwäche und Erschöpfung und Am-Ende-Sein. Darum sind wir nicht aus eigenen Kräften stark, sondern durch ihn.

Wir denken heute am Volkstrauertag auch an die Opfer von Gewalt, Kriegen und totalitären Ideologien. Bei uns ist das Vergangenheit. Aber in vielen Ländern der Welt ist das heutige Realität. Wir empfinden das ja als sinnlos. Es wäre so schön, wenn alle sich friedlich verhalten würden und dem anderen sein Recht zugestehen würden. Doch aus einem geheimnisvollen Grund klappt das auch nach einigen Tausend Jahren Friedens-Versuchen immer noch nicht. Warum müssen Menschen andere Menschen immer wieder unterdrücken? Warum müssen sie immer wieder ihre Macht gewaltsam ausdehnen? Die haben doch nichts davon.

Jesus sagt: Dahinter stecken nicht nur menschliche Fehlversuche, sondern der Teufel steckt hinter den Unruhen. Wir sollen also in dem, was wir erleben, nicht nur natürliche Ursachen suchen. Es steckt auch ein Kampf zwischen Licht und Finsternis dahinter, zwischen Gott und seinem Widersacher.

Wenn wir nur diese Tatsache wüssten, dann würden wir uns sehr klein und schwach vorkommen. Doch Jesus hat den Tod überwunden und lässt uns an seinem Sieg teilhaben. Amen.

Impressum