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Gottesdienst am Silvester, 31.
Dezember 2005, in Wilhelmsdorf um 19.00 Uhr, Predigt über 2. Mose 13,
20-22.
In den großen Auswanderungswellen des 19. Jahrhunderts zog auch ein Mann
namens Jürnjakob Swehn nach Amerika. Er hat seine Erlebnisse in einer Art
Tagebuch festgehalten; besser gesagt: er schrieb seinem ehemaligen Lehrer
in Deutschland regelmäßig seine Erlebnisse. Diese Briefe erschienen in
einem Buch: Jürnjakob Swehn, der Amerikafahrer.
Was trieb die Menschen ins neue Land? Im Grunde eigentlich der Hunger!
Hier war keine Existenz möglich. Man wäre hier verhungert. So zogen die
Leute in Länder, in denen sie hofften, überleben zu können.
Dieser junge Mann konnte sich die Überfahrt fast nicht leisten und musste
mit einem entsetzlichen Seelenverkäufer auf den neuen Kontinent fahren.
Als er das Schiff in Hamburg bestieg, sagte er zu sich selbst: „Wenn
dieses Schiff nach Amerika kommt, so ist dies Gottes Wille.“
Immerhin hatte so der Aufbruch in seine neue Existenz noch etwas mit Gott
zu tun. Doch im Grunde war es eigentlich die pure Sorge ums Überleben, die
ihn und viele andere zu diesem Schritt brachte.
Das Volk Israel hat einen anderen Grund des Auszugs aus Ägypten. Es war
nicht die Sorge um die pure Existenz. Dort hätten sie überleben können. Im
Nachhinein haben sie diese Zeit sogar in ihrer Erinnerung noch verklärt.
Aber es war nicht lebenswert und die Suche nach der Gemeinschaft mit Gott
war‘s, die sie trieb. Oder war es die Suche Gottes nach der Gemeinschaft
mit seinem Volk?
Das Volk Gottes kann nicht zurück. Nur vorwärts. Im doppelten Sinn von Weg
und Zeit. Damals und heute.
Vor uns liegt das neue Jahr. Wir wünschen uns, dass Gott vor uns hergeht
in der Wolken- und Feuersäule.
Auch für uns gibt es ja nur die Ausrichtung nach vorne. Es ist wie bei
einem Flugzeug. Es ist nur stabil, wenn es sich im notwendigen Tempo
bewegt. Wollte es stillstehen, würde es abstürzen.
So ist das Volk Gottes auf dem Weg in die Zukunft. Es ist:
1 Im Aufbruch
2 in Gottes Gegenwart
3 unter Gottes Führung
1 Volk Gottes: Im Aufbruch
Kirchen wurden in den letzten Jahrzehnten manchmal in der Form eines
Zeltes gebaut. Man sieht ihnen die Nachricht an, die sie uns mitteilen
wollen: Vergiss nicht, du bist unterwegs. Du bist ein Zeltbewohner im
Verlauf des Lebens. Da werden immer wieder die Zeltpflöcke herausgerissen.
Nicht um Unruhe in dein Leben zu bringen, sondern die Ruhe. Dass du
Frieden schließt mit dem, was dein Leben ausmacht. Du bist kein Stein. Du
bist kein Baum. Sondern du bist ein Mensch. Du hast ein Ziel; und bis zum
Ziel hin bist du in Bewegung.
Vielleicht ist das uns sesshaften Menschen nicht recht nahezubringen, uns,
die wir in Häusern wohnen, die wir einen Besuch machen und dann immer
wieder in unser Haus zurückkehren. Selbst wer fremde Länder besucht, kehrt
dann wieder an den Ausgangspunkt zurück. Aber für das Volk Gottes gab es
das nicht. Als sie in festen Häusern wohnten, da lebten sie als Sklaven.
Das Zurückschauen nach den Fleischtöpfen Ägyptens war eine Erinnerung an
die Unfreiheit. Nur im Unterwegssein waren sie frei.
Wir leben zwischen gestern und morgen. An Silvester wird uns das besonders
bewusst.
Aber es geht nicht um die Suche nach einem bestimmten Lebensstil, in dem
man für Änderungen offen ist. Uns muss nicht unentwegt Neues einfallen.
Das andere und neue ist nicht immer besser als das Alte. Es geht um das
ganz andere, dass Gott vorausgeht. Und wenn er vorausgeht, dann sortiert
sich unser Leben. Da kommt Sinn in die Bewegung. In der Bibel heißt es:
Wir sind unterwegs zu unserer himmlischen Berufung. Der wesentliche
Aufbruch ist nicht zu neuen Geschäften oder besseren Aktienkursen. Wir
sollen einen Abstand gewinnen zu dem, was ist. Wir brauchen innere
Freiheit von dem, was wir haben und sind.
2 Volk Gottes: in Gottes Gegenwart
Das hätten wir Menschen gerne: Immer zu wissen, in welche Richtung es
geht. Klarheit zu haben für unsere Entscheidungen. Aber braucht man dafür
Gott? Genügte dafür nicht auch irgendeine Ideologie?
Es gibt viele Menschen, die lieber ihre ganze Entscheidungsfreiheit
aufgeben wollen und einem Horoskop oder einer anderen Wahrsage-Methode
folgen, nur um sich anderswo zu versichern, um nicht selbst entscheiden zu
müssen oder um nicht in Gottes Gegenwart sein zu müssen.
In ähnlicher Weise könnte man auch Gott missbrauchen: Ich habe beobachtet,
dass junge Menschen bei der Wahl ihres Ehepartners am liebsten eine
spezielle Offenbarung von oben hätten. Natürlich ist das eine wichtige
Entscheidung, so wichtig, dass das folgende Leben davon abhängt. Und
trotzdem macht es Gott nicht so, dass er uns diese Entscheidung abnimmt,
sonst würden wir nicht reif werden.
Nicht alles, was uns im Leben begegnet, können wir entscheiden. Etwa, wenn
man einen nahen Menschen verliert; oder wenn eine Krankheit kommt. In
solchen Situationen wünschen wir uns, dass wir das Unabänderliche aus
Gottes Hand nehmen können.
Seine Gegenwart hat besondere Merkmale: Gott geht mit. So wie Gott vor dem
Volk in der Wüste vorausgegangen ist. Er lässt die, die mit ihm gehen,
nicht im Stich. Wir sind dabei mit einbezogen. Wir sind keine Zuschauer.
Das Volk Israel hat die Wolken- und Feuersäule nicht angeschaut wie andere
ins Theater gehen. Wenn das so wäre, dann wären sie in der Wüste
geblieben. Dann hätten sie sich an die Felshänge gesetzt und hätten
gesagt: Es ist schön hier. Da können wir unser Leben lang zuschauen und
genießen. Statt dessen sind sie mitgegangen und Gott ging voraus.
Die Wolken- und Feuersäule bedeuten Gottes verhüllte Gegenwart. An vielen
entscheidenden Stellen der Bibel taucht diese Wolke auf, die Gott
offenbart und zugleich verhüllt. Ich nenne nur einige davon: Etwa, als
Mose auf dem Berg Sinai die Gebote erhält. Da ist Gott in der Wolke
verborgen und doch handelt er aus ihr heraus. Als der Prophet Jesaja im
Tempel vor Gott steht, da erfüllt eine Wolke den Tempel. Oder bei der
Verklärung Jesu wird von einer Wolke berichtet, die so etwas wie eine
Grenze bildet zwischen dem Reich Gottes und unserer Welt. Aus dieser Wolke
heraus bekennt sich Gott zu seinem Sohn. Als Jesus bei seiner Himmelfahrt
diese Welt verlässt, da wird er von einer Wolke verhüllt und ist
unversehens nicht mehr da. Und die Endzeit-Weissagungen sagen, dass Jesus
in einer Wolke wiederkommen wird.
Wer in Gottes Gegenwart lebt, muss das ertragen, dass Gott „in der Wolke“
ist. Wir sehen in das Reich Gottes noch nicht hinein.
Doch während Gott vorausgeht, gehen wir dennoch mit. Nur Ideologen fordern
als Bedingung: Es muss alles 100%-ig und absolut klar sein. Gottes
Verhüllung erfordert auch unser Vertrauen.
3 Volk Gottes: unter Gottes Führung
Führungen Gottes im Leben eines Menschen sind so etwas wie ein U-Bahnnetz
in einer fremden großen Stadt, z.B. London. Der Großteil des
Streckennetzes ist verdeckt. Selbst der U-Bahn-Benutzer durchschaut es
nicht, kann in den meisten Fällen nicht sagen, an welchem Punkt er sich
gerade befindet. Nur an den Stationen taucht er „ins Licht“, hier kann der
Reisende Zug und Richtung wechseln. Aber sobald er wieder ins Dunkel des
Tunnels eintaucht, kann er Gleisführungen, Abzweigungen und Kreuzungen nur
noch ahnen.
So sind die Wege Gottes über weite Strecken nicht offen erkennbar. Erst am
Ende weiß man, dass man am Ziel angekommen ist.
Nicht nur an diesem Jahreswechsel gehen wir ins Unbekannte hinein. Aber es
wird uns heute deutlicher bewusst als sonst. Wir können nicht ausrechnen,
was kommt. Uns wird nicht versprochen, es wird alles nach Wunsch gehen.
Aber uns wird versprochen, dass wir ans Ziel kommen, wenn wir unter Gottes
Führung stehen.
Die Pläne, die wir uns machen, planen im allgemeinen für das Irdische. Wir
haben Aufgaben zu bewältigen, Entscheidungen zu treffen. Wir finden uns
manchmal auch im Dunklen in Stürmen wieder. Nehmen wir das als Bild. Dann
sollen wir daran denken, dass es nicht nur dem wandernden Gottesvolk
sondern auch den Jüngern Jesu so ging. Und gerade als es am schwersten
war, rief Jesus seinen Jüngern zu: „Seid getrost, ich bin‘s, fürchtet euch
nicht!“
Ich wünsche uns, dass wir von dieser Zuversicht getragen sind hinein in
das neue Jahr. Amen!
(Pfr. Dr. Karl Knauß)
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