Gottesdienst am 2. Advent, 4. Dezember 2005, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über Jesaja 63, 15-64,3.

15 So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich. 16 Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, Herr, bist unser Vater; »Unser Erlöser«, das ist von alters her dein Name. 17 Warum lässt du uns, Herr, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten? Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind! 18 Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsre Widersacher haben dein Heiligtum zertreten. 19 Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde.

*Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen,
1 wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kundwürde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten, 2 wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten – und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen! – 3 und das man von alters her nicht vernommen hat. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gemeinde!

Geschieht meiner Großmutter gerade recht, dass mich’s friert. Warum strickt sie mir keine Handschuhe.

Wir halten diesen gängigen Ausspruch für einen dummen Witz. Denn wer nicht für sich selbst sorgen will, kann die anderen nicht verantwortlich machen. Aber unsere Gefühle spielen uns oft diesen Streich:

* Gott ist schuld, dass ich meine Gesundheit ruiniert habe. Warum hat er den Raubbau an meinem Körper zugelassen?
* Gott ist schuld, dass ich meine Zeit mit Computerspielen totschlage. Denn ich kriege den Willen nicht auf, Mathe und Englisch zu lernen.
Tausend windige Ausreden. Gott ist schuld! Wie konnte er nur zulassen, dass ich auf Irrwege geraten bin?...

Das Volk Israel sitzt im babylonischen Exil. Sie machen es offenbar genauso. Sie machen Gott Vorwürfe, dass es ihnen so schlecht geht. Der Prophet spricht wohl nur aus, was das Volk denkt. Er macht sich dabei gewissermaßen zu ihrem Sprachrohr.

Aber, das ist das Besondere, er bleibt nicht im distanzierenden Vorwurf stecken. Sondern er lässt Gott hineinblicken in diese Gefühlswelt und bittet ihn dringend um Heilung und Hilfe; und um seine Zukunft; trotz bitterer Enttäuschung, trotz Anfechtung und Ohnmacht. Und dabei geht nicht nur um die eigenen Gefühle, sondern um Gottes Sache selbst. Wie kannst du denn zulassen, dass deine Feinde im Allerheiligsten herumtrampeln, dass sie dein Eigentum zerstören, deinen Tempel, deine Kirche?

Wahrscheinlich berührt uns das Schreckliche der damaligen Zeit kaum mehr. Aber für das Volk Gottes war damals das babylonische Exil mehr als ein totaler Zusammenbruch. Es war nicht nur eine Stunde Null wie für Deutschland das Jahr 1945. Sondern es war vermutlich noch schlimmer. Weder politisch noch geistlich konnte man eine Zukunft sehen. Es war, als wäre der Himmel geplündert und ausgeraubt worden und der Teufel hätte den Sieg über Gott ausgerufen.

Nun heißt es erstaunlicherweise nicht: Mit so einem Gott wollen wir nichts mehr zu tun haben. Sondern es geht um den himmelerweichenden Hilfeschrei: Fang neu mit uns an!

Heute wird von der Spannung in unserem Glauben gesprochen, ja fast von einer Zerreißprobe: Wir können noch nicht sehen, was wir glauben. Es ist noch verborgen. Aber

1. Gott lässt mit sich reden
2. Gott steigt vom Himmel herab
3. Gott lässt mit sich reden


Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber hat solche schrecklichen Zeiten der großen Probe als Gottesfinsternis bezeichnet. Es ist, wie wenn sich die Sonne verfinstert und uns das Antlitz Gottes verstellt ist. Es ist finster und kalt, als ob es ihn nicht gäbe, und es erscheint sinnlos, zu ihm umzukehren. Aber gerade in dieser ausweglos erscheinenden Situation liegt für Martin Buber die Chance der Umkehr.

Ich weiß es nicht, ob Buber dabei an diese Jesajastelle gedacht hat. Aber sicher ist: So können nicht Menschen reden, die von Gott ganz weit weg sind; nicht Menschen, die denken: Ach, Gott wird wohl eine fromme Erfindung sein. Sondern so redet ein Mensch, der Erfahrungen mit Gott gemacht hat, und der große Sehnsucht hat, dass diese Erfahrungen erneuert werden.

Gott bleibt der Gesprächspartner. Es wird nicht nur gegen eine Wand gesprochen, sondern mit dem wirklichen Gott, auch wenn er sich anscheinend verbirgt. Er wird auch nicht in der Verzweiflung für tot erklärt. Sondern er bleibt unser Gegenüber.

Anfechtung ist etwas Furchtbares. Das ist eine Art Weltuntergang im eigenen Inneren.

Hat jemand Anfechtung? - Dann wird uns in dem Predigttext vorgemacht, wie man dann mit Gott umgehen kann. Denn wer mit Gott redet, mit dem er doch Not hat, bleibt mit ihm in Verbindung. Und wer so mit Gott redet, der bleibt auch in der Gemeinschaft der anderen. Denn gerade wenn der Glaube verunsichert und angefochten ist, darf ich mich von dem Glauben der anderen mitgetragen wissen. In der Gemeinde ist man nämlich nicht nur beieinander, um Gott zu loben und von ihm seine Weisung zu hören, sondern in der Gemeinde trägt man sich auch gegenseitig, besonders den Angefochtenen. Besonders den, der Fehler gemacht hat, dürfen wir nicht allein lassen.

Noch einmal diese penetrante Frage: „Warum lässt du uns abirren von deinen Wegen?“ Gott ist nicht beleidigt, wenn wir falsche Fragen stellen. Wer verzweifelt ist, stellt oft falsche Fragen. Und es ist besser, falsche Fragen zu stellen, als gar keine.

Von Menschen in Not hat Jesus gerne unpassende Fragen hingenommen und sehr barmherzig darauf reagiert; etwa bei der Samariterin am Jakobsbrunnen. Er schüttelte nicht den Kopf, als sie ihn fragte, ob man am besten in Jerusalem oder auf dem Berg Garizim anbeten soll. Und er wies dem Ratsmitglied Nikodemus nicht die Tür, als er die Sache mit der neuen Geburt nicht kapierte. Sondern beiden zeigte er in geduldigem Gespräch den Weg zum Leben.

Die Frau war so erfasst von dem Gespräch mit Jesus, dass sie zu den Leuten in der Stadt sagte: Kommt, seht einen Menschen, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe, ob er nicht der Christus sei. Sie redet sofort von ihrer Erfahrung mit Jesus.

Und Nikodemus war später auf der Seite Jesu. Er ist bei der Kreuzabnahme dabei.

4. Gott steigt vom Himmel herab

„Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab!“

Ein Junge wird in der Schule von seinem Lehrer gefragt, was er am liebsten zu Weihnachten haben möchte. Und der Junge denkt an ein eingerahmtes Bild mit der Fotografie seines Vaters, an dem er so hing und der nun nicht mehr da ist. Dann sagt der Junge leise: „Ich möchte, dass mein Vater aus dem Rahmen heraustritt und wieder bei uns ist!“

Wer im Glauben lebt und wer Gott liebhat, lebt mit der gleichen Sehnsucht und Erwartung. Gott wird einmal aus dem Bilderrahmen heraustreten.

Wir wissen zwar, er ist schon einmal gewissermaßen aus dem Bilderrahmen herausgetreten. In Jesus ist er zu uns gekommen. An Weihnachten ist er zu uns Menschen gekommen. Aber auch damals war er noch verborgen, es haben noch nicht alle gemerkt, dass er der Erlöser ist, der uns befreit. Ja, viele verschließen sich ihm noch.

Der Advent sei, so meinen wir Menschen, eine beschauliche Zeit mit Kerzenschein und Gutslesduft. Aber in der Bibel ist der Advent auch eine Zeit des Bangens. Wenn er kommt, wird er mich auch so antreffen, dass ich bereit bin?

Wenn er kommt, wird das offenbar, was unseren Augen bisher noch verborgen ist. Ich wünsche uns, dass wir von dieser Sehnsucht leben. Amen!

(Pfr. Dr. Karl Knauß)                          

  

 

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