Gottesdienst am 1. Advent, 27. November 2005, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, mit integriertem Heiligem Abendmahl, Predigt über Offenbarung 5, 1-14.

Wussten Sie, dass man mit dem Singen eine Revolution auslösen kann?

In Estland findet alle 5 Jahre ein riesiges Sängerfestival statt. Es ist in der Hauptstadt Tallinn. Im letzten Jahr war es im Juli wieder mal so weit. Der Chor war relativ bescheiden: Nur etwa 23.000 Sängerinnen und Sänger. Es gab schon etwa 10.000 mehr. Die Bühne dort ist riesenhaft, und der Platz für die Besucher ist so groß, dass man sagt, fast die Hälfte der Esten hätte darauf Platz. Die UNESCO hat das Ganze vor kurzem zum Weltkulturerbe erklärt. In der politischen Wende haben die Esten auf diese Art und Weise ihre Unabhängigkeit (Aug 1991) erreicht. Deshalb nennt man es die „singende Revolution“.

Doch im Grunde ist das unbedeutend im Vergleich zu dem, was in der Offenbarung in den Kapiteln 4+5 beschrieben wird: Ein Ereignis mit unvorstellbaren Ausmaßen. Die Grenze zwischen Himmel und Erde scheint zu verschwinden. Man sieht förmlich die irdischen Mauern und Grenzen weichen. Und die Zeit ist irgendwie aufgehoben. Man weiß nicht so recht, ob das Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft beschreibt, vielleicht alles miteinander. Es ist wie ein Gottesdienst, der Himmel und Erde umspannt.

Der Text, den ich jetzt verlese, enthält drei Teile, in denen Jesus, das Lamm Gottes, angebetet wird, wie in einem großen Hymnus oder Sprechgesang (Verse 9+10, Vers 12b und Vers 13b).

[Offenbarung 5, 1-14]
Und ich sah in der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß, ein Buch, beschrieben innen und außen, versiegelt mit sieben Siegeln. Und ich sah einen starken Engel, der rief mit großer Stimme: Wer ist würdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen? Und niemand, weder im Himmel noch auf Erden noch unter der Erde, konnte das Buch auftun und hineinsehen. Und ich weinte sehr, weil niemand für würdig befunden wurde, das Buch aufzutun und hineinzusehen. Und einer von den Ältesten spricht zu mir: Weine nicht! Siehe, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, aufzutun das Buch und seine sieben Siegel.


Und ich sah mitten zwischen dem Thron und den vier Gestalten und mitten unter den Ältesten ein Lamm stehen, wie geschlachtet; es hatte sieben Hörner und sieben Augen, das sind die sieben Geister Gottes, gesandt in alle Lande. Und es kam und nahm das Buch aus der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß. Und als es das Buch nahm, da fielen die vier Gestalten und die vierundzwanzig Ältesten nieder vor dem Lamm, und ein jeder hatte eine Harfe und goldene Schalen voll Räucherwerk, das sind die Gebete der Heiligen, und sie sangen ein neues Lied: Du bist würdig, zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel; denn du bist geschlachtet und hast mit deinem Blut Menschen für Gott erkauft aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen und hast sie unserm Gott zu Königen und Priestern gemacht, und sie werden herrschen auf Erden.

Und ich sah, und ich hörte eine Stimme vieler Engel um den Thron und um die Gestalten und um die Ältesten her, und ihre Zahl war vieltausendmal tausend; die sprachen mit großer Stimme: Das Lamm, das geschlachtet ist, ist würdig, zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob. Und jedes Geschöpf, das im Himmel ist und auf Erden und unter der Erde und auf dem Meer und alles, was darin ist, hörte ich sagen: Dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm sei Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Und die vier Gestalten sprachen: Amen! Und die Ältesten fielen nieder und beteten an.

Der bekannte Kirchenmusiker Heinrich Schütz hat einmal gesagt, dass die rechten Kirchenmusiker immer eine Sehnsucht nach der Himmelskantorei haben. So gesehen ist unsere ganze Kirchenmusik, ja unsere Gottesdienste ein Üben für jenen großen Augenblick, wo wir vor dem Thron Gottes stehen werden. Es ist normal, wenn Christen immer wieder diese Sehnsucht packt: Die Sehnsucht nach der himmlischen Erfüllung. Denn das Leben auf dieser unserer Welt ist immer ein Suchen nach vorläufigen Lösungen. Weder am Stammtisch noch in den Universitäten oder in den Parlamenten hat man die Rätsel der Geschichte gelöst. Wir müssen mit Zwischenlösungen und Halbheiten leben, bis wir die Erfüllung erleben.

Manchmal können wir sagen: Das ist mir ein Buch mit sieben Siegeln. Und wir meinen dann, dass wir etwas nicht verstehen und uns resigniert zurückziehen.

Bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts war die alte ägyptische Geschichte auch so ein Buch mit sieben Siegeln. Man wusste nicht viel davon. Es gab zwar Schriftstücke, Inschriften an alten Tempeln, ja einen umfangreichen Schriftwechsel der Pharaonen mit anderen Herrschern des alten Orients. Aber man konnte nichts davon lesen. Jahrhundertelang haben sich viele Gelehrte den Kopf darüber zerbrochen. Keiner konnte die Schrift lesen. Doch es gibt eine faszinierende Geschichte, wie ein Mann, belächelt von der ganzen damaligen Fachwissenschaft, das Geheimnis der alten Ägyptischen Schrift lüftete und die Hieroglyphen verstehen lernte. C. W. Ceram beschreibt diese atemberaubenden Geschichte in seinem Buch Götter, Gräber und Gelehrte.

Der französische Gelehrte Champollion beherrschte als junger Mensch bereits mehr als ein Dutzend alte Sprachen. Da machte er sich an die schwierigste Aufgabe seines Lebens, nämlich die Hieroglyphen zu enträtseln. Man hatte seit 1500 Jahren geglaubt, das sei eine reine Bilderschrift. Aber Champollion war überzeugt: Es sind Buchstaben. Man kannte eine zweisprachige Inschrift, wo neben den Hieroglyphen auch die griechische Wiedergabe war. Der Name Ptolemäus kam im Griechischen vor. Und bei den Hieroglyphen gab es eine Zeichengruppe, die eingekreist war. Das konnte doch nichts anderes sein als der Name des bedeutenden Königs aus dem 3. Jhd v. Chr. Schritt für Schritt ging er weiter und stellte ein Alphabet zusammen. Das war im Jahr 1822.

Nun machte er mit einigen anderen Wissenschaftlern eine Expedition nach Ägypten und konnte alle Inschriften lesen. Geheimnisse, die bisher auf ewig versiegelt erschienen, lüfteten plötzlich ihren Schleier. Man konnte in die alte Geschichte eindringen. Die versunkene Kultur gab ihre Geheimnisse preis. Man hatte verstehen gelernt, die Geheimnisse zu lüften.

Fast so spektakulär: In diesem Jahr wurde in Israel, in Megiddo, eine alte Kirche ausgegraben, vielleicht die älteste Kirche der Welt. Es ist spannend, was die Mosaiken und evtl. Inschriften an Geheimnissen preisgeben.

Im heutigen Predigttext ist auch von einem großen Geheimnis die Rede. Eine Buchrolle mit sieben Siegeln. Die Buchrolle ist des Geheimnis der Weltgeschichte. Und das ist mehr als nur das Geheimnis einer alten, versunkenen Kultur. Wer kann dieses Geheimnis der Weltgeschichte und der Heilsgeschichte verstehen? Wer weiß, was da vor sich geht? Und zwar über den bloßen äußeren Ablauf hinaus? Und wer hat das alles in der Hand? Seit Politik getrieben wird, versuchen Menschen, den Lauf der Weltgeschichte in die Hand zu bekommen: Politiker und Philosphen, kluge Menschen und Gewaltmenschen, und auch an Stammtischen. Aber es war nicht machbar, denn es steckt auch das Geheimnis des Menschen dahinter, und vielleicht auch ein Stück vom Geheimnis Gottes.

Niemand wurde für würdig befunden, die sieben Siegel zu öffnen. Und es ist doch unsere Sehnsucht, dass endlich jemand kommt, der die Kräfte der Geschichte kennt und der zum Glück und Heil aller Menschen beitragen kann. Das hieße dann doch auch, Friede zu bringen, der Bestand hat. Aber nicht nur äußeren Frieden, sondern auch solchen, wo einer den anderen gelten lassen kann, wo jeder seinen Platz und sein Glück hat? Gerade die entschlossensten Versuche, dieses Glück herbeizuführen, haben zu grausamen Diktaturen und großen Katastrophen geführt.

Ich war einmal mit meiner Frau in einer kommunistischen Versammlung in Tübingen, so etwa um das Jahr 1980. Es war eine Weihnachts- oder Silvesterfeier. Durch persönliche Beziehungen waren wir eingeladen worden. Die Leute waren beeindruckt und begeistert von den Errungenschaften in den sozialistischen Ländern. Kurz vorher hatte eine Gruppe eine Reise nach Albanien gemacht. Irgendwie waren sie davon noch fasziniert. Es war eine Art vorrevolutionärer Stimmung. Sie waren überzeugt, dass sie demnächst die gleichen Errungenschaften auch bei uns einführen werden: Große Ziele, die Überwindung aller Nöte. Sie waren sich sicher, den Schlüssel der Geschichte zu haben. Marx und Engels und Lenin hatten die Geheimnisse der Geschichte geöffnet. Aber der Weg ging bekanntlich anders weiter. Die Ideen habe sich als Irrweg erwiesen.

In der Sprache der Offenbarung heißt das: Keiner ist würdig, keiner dazu fähig, die idealen Verhältnisse zu bringen. Eigentlich zum Weinen.

Auch der Seher Johannes weint, als ihm diese traurige Erkenntnis kommt. Die biblische Einsicht hat Christen durch alle Jahrhunderte von der Illusion befreit, als gäbe es irgendwann die ganz große und endgültige Lösung der Probleme der Menschen. Jedenfalls ist die Lösung nicht in großen Ideologien zu finden. Und die Demokratie ist deshalb besser als andere oft unglückseligen Herrschaftsformen. Denn sie weiß um ihre Grenzen und will nicht zur Heilslehre werden. In der Demokratie müssen wir wissen, dass wir nur Teillösungen haben und nicht das Endgültige.

In der Bildersprache der Offenbarung: Niemand ist würdig, außer dem einen, der die sieben Siegel öffnen kann: Der Löwe aus Juda. Den Löwen nennt man ja den König der Tiere. Ein starker Herrscher! Und eigentlich ist es einleuchtend: Wer Gerechtigkeit zu den Menschen bringt, braucht große Macht; sonst könnte er das Recht niemals gegen die Bosheit der Menschen durchsetzen.

Doch da geschieht etwas äußerst Merkwürdiges und Unerwartetes. Dem Seher Johannes war ein starker Löwe angekündigt worden und es erscheint - ein Lamm. Der Sieg ist nicht durch Stärke errungen, sondern durch das Opfer seines eigenen Lebens. Das bedeutet das Bild des Lammes: Jesus, das gekreuzigte Opfer.

Das Rätsel der Weltgeschichte und des Menschen wird nicht durch machtvolle Herrschaft gelöst, sondern durch eine Schwäche, die schon viele geärgert hat. Jesus machte es nicht so, dass er seine Gegner durch überlegene Macht und Gewalt beseitigte; sondern er siegte, indem er besiegt wurde. Der Kirchenvater Augustin drückte das einmal in Kürze so aus: Victor quia victima, d.h. Sieger weil Opfer.

Zugegeben: Wir haben heutzutage große Probleme mit dem Monumentalen. Riesige Ereignisse erinnern uns vor allem an die Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Es kann sein, dass deshalb viele bei den Visionen der Offenbarung gewisse innere Widerstände überwinden müssen.

Aber denken wir dran: In der Offenbarung wird beschrieben, wie die Weltgeschichte wirklich zu ihrem Ziel kommt. Die Anbetung ist hier freiwillig. Sie beten ihren Schöpfer und Erlöser an. Die Gewalt und der Terror hören auf. Unserem Herrn gehört als einzigem diese Ehre im vollen Ausmaß. Von den Kaisern Roms bis zu den Diktatoren haben sich viele eine falsche Ehre angemaßt, die ihnen nicht zusteht.

Mit dem 1. Advent beginnen wir ja immer ein neues Kirchenjahr, und in den Festen des Jahres soll sich auch die Heilsgeschichte abbilden. Deswegen sind besonders an den Festtagen unsere Gottesdienste eine Übung für die Anbetung Gottes. Wenn wir’s jetzt auch nur unvollkommen können, in der Ewigkeit wird es vollkommen sein. Amen.
 

(Pfr. Dr. Karl Knauß)                          

  

 

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