Gottesdienst am Volkstrauertag, 13. November 2005, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über Lukas 16, 1-8.

1 Er sprach aber auch zu den Jüngern: Es war ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter; der wurde bei ihm beschuldigt, er verschleudere ihm seinen Besitz. 2 Und er ließ ihn rufen und sprach zu ihm: Was höre ich da von dir? Gib Rechenschaft über deine Verwaltung; denn du kannst hinfort nicht Verwalter sein. 3 Der Verwalter sprach bei sich selbst: Was soll ich tun? Mein Herr nimmt mir das Amt; graben kann ich nicht, auch schäme ich mich zu betteln. 4 Ich weiß, was ich tun will, damit sie mich in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich von dem Amt abgesetzt werde. 5 Und er rief zu sich die Schuldner seines Herrn, einen jeden für sich, und fragte den ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig? 6 Er sprach: Hundert Eimer Öl. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich hin und schreib flugs fünfzig. 7 Danach fragte er den zweiten: Du aber, wie viel bist du schuldig? Er sprach: Hundert Sack Weizen. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig. 8 Und der Herr lobte den ungetreuen Verwalter, weil er klug gehandelt hatte; denn die Kinder dieser Welt sind unter ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts.


Das ist fast kabarett-reif.

Jesus stellt einen Betrüger als Vorbild hin. Vielleicht macht er damit manche von uns ratlos. Aber er zeigt: Selbst von einem Schuft kann man noch etwas lernen. Die Frage ist allerdings: Was man an ihm lernen kann. Und genau darauf kommt es heute an.

Zunächst: Die Geschichte könnte tatsächlich so stattgefunden haben. Es gab zur Zeit Jesu in Galiläa viele ausländische Großgrundbesitzer, die irgendwo lebten, weit weg. Über ihre Güter hatten sie einen Verwalter vor Ort eingesetzt, der mit umfassenden Vollmachten ausgestattet war. Die Situation könnte genau so passiert sein.

Vielleicht wurde diese Geschichte Jesus und seinen Jüngern erzählt.

Die Jünger und die anderen Zuhörer werden entsetzt gewesen sein über diese kriminelle Energie. Aber Jesus sieht noch eine andere Seite. Er sieht nicht nur den Betrug. Er sieht auch, dass dieser Verwalter in dem ganzen Wirrwarr einen klaren Kopf behält.

Denken wir die Geschichte anders zu Ende: Die meisten Betrüger machen es nämlich anders als dieser Verwalter. Normalerweise sagt keiner, stimmt, so war’s. Normalerweise sucht so jemand Ausflüchte: „Weißt du, Chef, so war‘s nicht! Und ich werde es dir beweisen. Gib mir ein paar Wochen Zeit.“ Dann gehen sie hin und vergeuden wertvolle Zeit. Sie mühen sich ab und konstruieren eine Geschichte. Sie steigern sich in dieses Lügenmärchen so sehr hinein, dass sie bald selbst glauben, es sei wirklich so gewesen. Aber irgendwann fliegt der Schwindel auf.

Aber so war der Verwalter in dem Gleichnis Jesu nicht. Er kann sich sehr schnell damit abfinden, dass nichts mehr zu beschönigen ist. Man entdeckt also, das ist kein Mensch der nach dem normalen Strickmuster gestrickt ist. Er hat etwas Besonderes. Er lügt sich selbst nicht in die Tasche. Auch wenn er mit dem Geld nicht richtig umgegangen ist, aber sich selbst gegenüber ist er ehrlich.

Wie einfach wäre die Welt, wenn ein Betrüger gleich sagen würde: „Stimmt! Wie hast du das nur so schnell rausgekriegt?“ Wie einfach hätten es unsere Juristen. Wie viel Energie und Geld würde erspart.

Und wie einfach hätte es Gott. Wenn die Sünder wirklich sagen würden: „Stimmt!“

Doch etwas ganz anderes ist in unserer Welt normal: Jeder verbraucht riesige Energie, um das zu beschönigen und zu vertuschen, was er getan hat. Egal, was es ist. Es geht unglaublich viel Energie dabei drauf, die Dinge so hinzudrehen, wie sie einem gerade passen. Viele Menschen machen sich dabei sogar krank. Und am Ende kommt es doch heraus!

Das hat etwas mit uns zu tun. Und das ist der Sinn dieses Gleichnisses. Wir stehen vor den Augen Gottes auch nicht fleckenlos da - keiner. Und doch liegt es näher für uns, zu sagen: Was willst du denn? Ist doch alles in Ordnung, im wesentlichen jedenfalls. Doch Klugheit heißt, keine unnötige Energie vergeuden mit einer Verteidigungsstrategie, die am Ende nichts bringt. Der Versuch, das Gesicht zu wahren, lenkt ab von der eigentlichen Sache.

Bleib dran! Sei nüchtern! Sieh deine Lage, wie sie wirklich ist. Wenn du überlegt handelst, kannst du noch was retten.

Mach Gott nichts vor. Sonst willst du deinen Ruf wahren und verlierst deine Haut. Etwas überspitzt formuliert. Jesus will etwa sagen: „Vor Gott bist du so dran wie dieser Verwalter! Dann lerne von seiner Klugheit. Dreh die Sachen nicht anders hin als sie wirklich sind.“ Doch leider sind die Kinder dieser Welt klüger als die Kinder des Lichts!

Jesus hat nicht den Betrug gelobt, sondern dass der Verwalter mitten in der ganzen Verstrickung und dem Wirrwarr von Unterschlagung, Betrug und Lüge einen klaren Kopf behält und Klugheit walten lässt.

Man kann selbst von einem Betrüger noch etwas lernen; etwa von Goebbels Rhetorik, oder von Osama bin Laden strategisches Denken. Gewiss, es ist gefährlich, von so zweifelhaften Gestalten etwas abzuschauen. Doch genau dazu hat Jesus ja aufgefordert; und zwar genau das abzuschauen, was an ihnen nachahmenswert ist: Ihre Konsequenz, ihre Intelligenz, ihr ganzer Einsatz; für falsche Ziele setzen sie alles ein. Sollten wir nicht für die richtigen Ziele auch alles einsetzen?

Eine wichtige Voraussetzung ist nötig, um von Verbrechern etwas lernen zu können: Man darf sich nicht von dem üblichen moralischen Gerede mitreißen lassen. Jesus hatte keine Berührungsängste. Er hatte viel mit sehr zweifelhaften Gestalten zu tun. Vor allem mit Zöllnern und Huren. Und das war ja schon damals ein Skandal. Die Sünder hatten es offenbar mit Jesus leichter als die Gerechten. Irgendwo hatten diese Sünder einen Vorzug vor den anderen: Sie sahen ihre Lage vor Gott schonungslos ehrlich. Sie konnten darum auch nicht so bleiben, wie sie waren, sondern wurden andere Menschen, als sie mit Jesus zusammentrafen.

Was Jesus sagen will, kann man mit einem Wort zusammenfassen: Klugheit.

Wir fragen deshalb: Was ist eigentlich mit klug sein gemeint? Dazu gibt es eine doppelte Antwort.

1. Einsicht
2. Voraussicht

1 Einsicht
Von dem treulosen Verwalter können wir an dieser Stelle einiges abschauen. Er hatte seinen Herrn betrogen. Das war nicht gut! Jetzt droht ihm, dass er auf der Straße sitzen muss und dass er nichts mehr hat, wovon er leben kann. Er grübelt nicht in seiner Vergangenheit herum.

Ich kannte einen Mann - er ist längst verstorben - der immer endlos grübelte, wenn ich ihn antraf. Er grübelte über seine Vergangenheit nach. Er hatte einmal einen guten Beruf und leistete etwas. Aber dann ging im persönlichen Leben etwas daneben. Irgendwie in der Wut fuhr er dann sein Leben sozusagen gegen die Wand und geriet auf die schiefe Bahn. Später dachte er ständig grübelnd darüber nach, wie es denn hätte anders laufen können.

Das ist die Gefahr von uns Menschen, dass wir in der Vergangenheit herumbohren, wenn etwas schiefgelaufen ist. Doch da lernen wir von dem Verwalter: Er macht sich keine Vorwürfe: „Ach hätte ich doch damals, als die ganze Sache angefangen hat, auf meine Frau gehört! Ach hätte ich doch...“ Was gewesen ist, ist vorbei!

Er sieht jetzt ganz realistisch dem entgegen, was auf ihn zukommt, nämlich der Verlust seiner ganzen Existenzgrundlage.

Wovon soll er denn künftig leben? Er hat keine Chance, eine neue Arbeit zu finden. Er will sich auch nichts vormachen, sondern seine Lage ganz nüchtern sehen.

Ich stelle mir vor, der Verwalter zog sich irgendwohin zurück, wo er Ruhe und Zeit hatte, vielleicht schloss er sich in ein Zimmer ein, oder vielleicht ging er auch spazieren und dachte gründlich nach.

Unsere Lage ist irgendwie vergleichbar mit der des Verwalters. Wir haben zwar noch eine Gnadenfrist, aber die Zeit rückt unaufhaltsam näher, wo wir uns vor Gott verantworten müssen. Nehmen wir uns auch Zeit, über unsere Situation vor Gott nachzudenken?

Der Mann war nicht mehr darauf aus, sein Gesicht zu wahren. Sobald ihm klar war, dass es um seine Zukunft schlecht aussieht, packte er entschlossen zu und sicherte seine Existenz. Er vergaß das, was nun bald vorbei sein würde und streckte sich nach dem aus, was vorne lag. Er war dabei nicht zimperlich und nicht wehleidig. Wer wehleidig ist, der kann sich nicht auf die Zukunft einstellen. Das Neue, das Jesus gebracht hat, ist es wert, alles andere zu vergessen!

Für sein Reich zu leben und zu arbeiten, sich ganz darauf ausrichten, das hat Zukunft!

Zweiter Punkt der Klugheit:
2 Voraussicht
Jesus hat vom Klugsein ja auch ein anderes Mal gesprochen, nämlich als er den Jüngern den gefährlichen Auftrag gab, das Evangelium weiterzusagen. Sie müssten damit rechnen, dass sie deswegen vor Gericht geschleppt und ins Gefängnis geworfen würden. Wie Schafe seien sie mitten unter die Wölfe geschickt. Darum sagte er „seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben“. Das heißt, wenn es gefährlich ist, dann muss man klug sein.

Im Neuen Testament wird unser Leben als Christen manchmal mit einem Kampf verglichen. Wir brauchen die richtige Ausrüstung, um in diesem Kampf stehen zu können. Es ist sogar ein Kampf gegen zwei Fronten. Die eine Front ist die, dass wir selbst unsere eigenen Gegner sind. Von uns selbst droht uns Gefahr, nämlich die Gefahr der Sünde, die uns zerstören, entmutigen und von Gott abfallen lassen will. Die andere Front ist, dass wir für unseren Herrn Zeugen nach außen sein sollen, seine jetzige und seine kommende Herrschaft anderen mitteilen, sie für ihn gewinnen, an ihnen nach seinem Willen diakonische Hilfe üben und damit sein Reich vergrößern sollen. Unsere Aufgabe ist, für sein Reich zu arbeiten und zu kämpfen.

3 Zusammenfassung und praktische Folgerung!
In dem Gleichnis vom ungerechten Verwalter fordert uns Jesus auf, dass wir klug handeln sollen. Klug sein heißt für uns, dass wir unsere Lage realistisch sehen und unser Leben jetzt schon überprüfen, weil es eines Tages Gott vor seinem Gericht überprüfen wird. Zum anderen sollen wir auch unsere ganzen Kräfte samt unserem Verstand einsetzen, um für das Reich Gottes zu arbeiten. Wenn das geschieht, das ist klug! Amen!
 

(Pfr. Dr. Karl Knauß)                          

  

 

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