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Gottesdienst am Reformationsfest, 6.
November 2005, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über Matthäus 10,
26b-33.
Warum ist eigentlich manchen Menschen der Gottesdienst so fremd? Viele tun
sich mit der Form und Art sehr schwer? So hört man’s immer wieder. Andere
denken, wenn ich im Gottesdienst bin, dann bin ich zu Hause, dort, wo ich
eigentlich hingehöre. Wir sind nicht einheitlich in unserer Einstellung
zum Gottesdienst.
Aber das ist nicht erst unser heutiges Problem. Schon vor etwa 500 Jahren
haben die Leute das so empfunden; schon vor der Reformationszeit. Man hat
deshalb damals alternative Gottesdienste erfunden. Man feierte sie vor
allem in den freien Reichsstädten. Heute würden wir vielleicht
Zweitgottesdienste sagen. Das alte lief noch weiter, nämlich die Messe. In
der Reformationszeit hat man dieses Alternativ-Programm aufgegriffen. Bei
dieser neuen Form stand die Predigt im Mittelpunkt. Das Evangelium von
Jesus Christus sollte vor allem anderen verkündigt werden. Es war die
Devise, alles Beiwerk möglichst wegzulassen und sofort zum Wesentlichen zu
kommen. Sag’s direkt! Versteck nicht das, was zu sagen ist, in
traditionellen Formen. Jeder soll es verstehen können.
Das war auch das Anliegen von Jesus. Sagt das frei heraus, was ihr sagen
sollt.
26 Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim,
was man nicht wissen wird. 27 Was ich euch sage in der Finsternis, das
redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den
Dächern. 28 Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch
die Seele nicht töten können; fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der
Leib und Seele verderben kann in der Hölle. 29 Kauft man nicht zwei
Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde
ohne euren Vater. 30 Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupt alle
gezählt. 31 Darum fürchtet euch nicht; ihr seid besser als viele
Sperlinge. 32 Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch
bekennen vor meinem himmlischen Vater. 33 Wer mich aber verleugnet vor den
Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.
Eine Autofirma macht eine Rückrufaktion. Wer ein Auto dieses Typs und
dieses Jahrgangs hat, soll in die Werkstatt. Irgendein Teilchen am Auto
hat sich als schlecht herausgestellt. Das könnte zur Gefahr werden. Darum
soll es ausgetauscht werden; wer einer solchen Aufforderung nicht folgt,
wäre am Schaden selbst schuld.
Jesus macht auch so einen dringenden Aufruf. Bitte nicht überhören!
Das gilt zunächst seinen Jüngern. Sagt’s weiter. Dringend. Sagt’s weiter!
Meint nicht, dass sich die Leute selbst erkundigen. Ihr müsst es ihnen
schon sagen!
Fragen wir: Was denn? Was sollen sie sagen?
- Das wird nicht gleich verraten! -
Vor lauter Dringlichkeit fällt das gar nicht besonders auf. Es könnte uns
ähnlich gehen wie dem, der sein Auto in die Werkstatt bringen soll. Er
weiß nur noch, dass es wichtig ist. Aber warum, das weiß er vielleicht gar
nicht mehr. Und so sucht er nach dem Brief, den die Autofirma ihm
geschrieben hat. Und wenn er sich am Auto nicht auskennt, muss er sogar
die Gebrauchsanleitung holen und studieren, bis er überhaupt kapiert, was
denn nun das Problem ist.
Ich will’s ähnlich machen wie in dem Predigttext und auf das, was
weiterzusagen ist, erst später eingehen.
Jesus sagt zuerst, dass es nicht einfach ist, das weiterzusagen.
Offensichtlich droht sogar Lebensgefahr. Man kann das, was zu erzählen
ist, nicht leiden. Die Jünger werden auf Ablehnung stoßen.
Anlässe zur Angst gibt es auch heute:
Die Nachrichten berichten uns von randalierenden Jugendlichen in Paris und
anderen französischen Großstädten. - Paris ist weit weg. Und doch gibt es
Menschen, die deswegen Angst haben. Könnte das auch bei uns passieren? Was
läuft denn da ab? Was geht in jungen Menschen vor, die zu solcher Gewalt
greifen?
Andere Menschen haben Angst vor der Gewalt fundamentalistischer Moslems.
Wir haben uns an Terrorakte schon gewöhnt, weil wir sie schon ein paar
Jahre erleben. Aber es bleibt beunruhigend. Die jüngste Entwicklung zeigt
eine Steigerung. Der iranische Präsident (Mahmud Ahmadinedschad) hat vor
wenigen Tagen die Vernichtung Israels gefordert. Kenner sagen, das sei
kein Anzeichen für eine tatsächliche Änderung der Politik. Er würde nur
aussprechen, was in den Moscheen sowieso regelmäßig gesagt werde. Diese
Auskunft ist aber keineswegs beruhigend.
Diesen Beispielen könnten sicher noch eine ganze Menge hinzugefügt werden.
Besonders müsste eigentlich die Gewalt gegen Christen in vielen Teilen der
Welt hinzugefügt werden, auch wenn man davon im Augenblick nicht viel
redet. Denn Jesus hatte derartige Anlässe im Blick, als er mit seinen
Jüngern redete.
Es ist nicht überraschend, dass Jesus über Gewalt gegen seine Jünger
redet. Sondern überraschend ist, dass Jesus die Ängste davor klein redet.
Er verstärkt unsere Sorgen überhaupt nicht, sondern wiegelt ab. Vielleicht
denken Sie: Der hat Nerven! So etwas kann man doch nicht einfach auf die
Seite schieben. Das kann man doch nicht verharmlosen! Doch Jesus tut es
tatsächlich, weil er auf etwas ganz anderes schaut.
Wenn Journalisten eine solche Gewalt mitkriegen, dann schreiben sie
besonders anschauliche Berichte. So sind wir’s gewohnt. Aber Jesus würde
ihnen sagen, nun packt mal euer Schreibzeug und eure Fernsehkameras weg.
Schreibt und dreht über was anderes!
Das heißt doch: Ihr habt vor den falschen Dingen Angst! Ihr wisst nicht,
worum es eigentlich geht, wenn ihr Angst habt vor randalierenden
Jugendlichen, wenn ihr Sorge habt vor einem iranischen Präsidenten, der
das Maß verloren hat. Und dann vergleicht er: Die einen haben Furcht vor
Menschen, die anderen Furcht vor Gott. Und die sich vor Gott fürchten,
liegen richtig. Wer Gott echt fürchtet, braucht Menschen nicht zu
fürchten. Darum ist die Furcht vor Menschen ein schlimmer Feind für die
Nachfolger Jesu.
In der Welt läuft auch deswegen so vieles schief, weil wir Menschen so
viel Angst voreinander haben. Angst lässt uns genau das Falsche tun. Angst
blockiert und lähmt. Angst kann aber auch besonders aggressiv machen. Und
darum verliert, wer Angst hat, das nüchterne Maß und den realistischen
Blick.
Wir verstehen das in einem kleinen und überschaubaren Bereich. Wenn
Schüler und Lehrer voreinander Angst haben, dann kommt nichts Gescheites
dabei heraus. Das erschwert das Lernen enorm. Wenn aber die Angst weg ist,
dann kann man sich auf das Wesentliche konzentrieren. Da werden Gaben
entfaltet; da werden Kräfte frei. Da kann man über sich hinauswachsen.
Gehen wir in die größeren Dimensionen: Man hat das Freiwerden von der
Angst sehr wohl auch im neutralen politischen Bereich entdeckt. Die
Konfliktforschung weiß sehr wohl um die verhängnisvolle Funktion der
Angst, und dass Angst zu Aggression führen kann. Wo Angst abgebaut wird,
kann deshalb die Bereitschaft zur Gewalt verringert werden. Das mag
teilweise richtig sein. Doch Jesus geht tiefer: Im eigentlichen Sinn kann
die Menschenfurcht nur durch Gottesfurcht überwunden werden. Bei
krankhaften Angstzuständen wird es zwar komplizierter. Aber keine
Vernunfteinsicht kann so von der Angst befreien wie die echte Furcht
Gottes.
Wer Jesus nachfolgt, braucht keine Angst zu haben. Jesus rechnet zwar
realistisch damit, dass sie immer wieder nach uns greift, aber sie ist
nicht gut, sie ist eine Art Anfechtung: In der Welt habt ihr Angst, aber
seid getrost, denn ich habe die Welt überwunden. Jesus will uns frei
machen von der Angst. Das macht uns fähig, seinem Auftrag nachzukommen.
Zum Abschluss kommt der Punkt, den ich vorher verschoben habe: Was ist
eigentlich der Inhalt, was die Jünger sagen sollen?
Antwort: Es geht um das Bekenntnis zu Jesus. Er ist der Inhalt des
Evangeliums. Er soll im Mittelpunkt stehen und soll verkündigt werden. Wer
Jesus verkündigt, der wird verändert; außerdem wird auch der, der ihn
hört, verändert.
In der Reformationszeit wurde die Welt verändert, weil ein Mensch den
Auftrag Jesu ganz ernst nahm und sich von der Menschenfurcht nicht davon
abhalten ließ. Auch heute brauchen wir vor allem Menschen, die ihrem Herrn
folgen. Und wir sollen dabei sein. Amen!
(Pfr. Dr. Karl Knauß)
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