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Gottesdienst am 23. Sonntag n. Trin.,
30. Oktober 2005, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über Johannes 15,
18-21.
Heute feiern wir einen seltenen Sonntag. Vielleicht denken Sie, dass ich
die Umstellung von Sommer- auf Winterzeit meine. Aber das kommt jedes Jahr
vor, in die eine Richtung am letzten Oktobersonntag und in die andere
Richtung am letzten Märzsonntag. Was wir heute feiern, ist noch seltener.
Das hat damit zu tun, dass dieses Jahr Ostern sehr früh lag. Deshalb ist
die Zeit zwischen Ostern und der Adventszeit ziemlich lang. Meist haben
wir einen oder 2 Sonntage weniger. Im Kirchenjahr zählt man ja die
Sonntage durch. Heute haben wir den 23. Sonntag n. Trinitatis.
Das bringt es aber auch mit sich, dass über einen Text gepredigt wird, der
selten drankommt, und den viele eigentlich auch am liebsten ausklammern
möchten. Aber Jesus hat es für wichtig gehalten, das zu seinen Nachfolgern
zu sagen: Christsein ist keine Selbstverständlichkeit; kein Triumphzug
durch die Welt; keine Methode, um selbst groß herauszukommen. Sondern wer
Jesus nachfolgen will, muss andere Gründe haben; und die müssen so wichtig
sein, dass man auch unangenehme Dinge in Kauf nimmt. Es muss etwas
Großartiges sein, was Christen antreibt. Sie müssen ein unglaublich großes
Ziel haben, wenn sie doch dafür viel einzustecken bereit sind.
Dieses große Ziel ist als Hintergrund zu sehen, wenn Jesus von den
Schwierigkeiten spricht, die uns auf diesem Weg begegnen.
[Johannes 15, 18-21] 18 Wenn euch die Welt hasst, so wisst, dass sie mich
vor euch gehasst hat. 19 Wäret ihr von der Welt, so hätte die Welt das
Ihre lieb. Weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich euch aus der
Welt erwählt habe, darum hasst euch die Welt. 20 Gedenkt an das Wort, das
ich euch gesagt habe: Der Knecht ist nicht größer als sein Herr. Haben sie
mich verfolgt, so werden sie euch auch verfolgen; haben sie mein Wort
gehalten, so werden sie eures auch halten. 21 Aber das alles werden sie
euch tun um meines Namens willen; denn sie kennen den nicht, der mich
gesandt hat.
Wir Menschen jagen uns einen Berg hoch, und manchmal schinden wir uns
sogar, weil wir oben am Gipfel einen tollen Ausblick haben und vielleicht
ein überwältigendes Gefühl für die Schönheit und Größe der Welt, und weil
wir auch schon unterwegs die Schönheit der Natur erleben können. Und
sicher ist es auch irgendwie die Neugier, und vielleicht noch andere
Motive. Aber kein Mensch wäre so borniert und würde sich hochquälen, wenn
man nichts dabei erlebt und dann unterwegs noch ordentliche Schläge
einstecken müsste. Nur ein großes Ziel lässt uns auch Strapazen hinnehmen.
Oder warum büffeln Schüler Mathematik und Englisch und Physik? Sie tun das
doch nicht, um dafür Schimpf und Schande zu ernten. Sondern sie tun das,
weil sie damit etwas anfangen können, weil sie Ziele im Leben erreichen
können. Schüler, die kein Ziel haben, sind auch nicht motiviert. Nur was
Sinn hat, spornt auch an.
Nachfolger Jesu haben ein ganz großes Ziel. Jesus hat zu diesem Ziel
eingeladen. Es ist die Gemeinschaft mit ihm und mit seinem Vater in seinem
Reich.
Angenommen, es ginge um überhaupt nichts: Das müsste schon ein sehr
einfältiger Gott sein, der seinen Sohn auf diese Welt schickt, damit er
sinnlos das Gespött der Leute wird und sich quälen und dann noch ans Kreuz
schlagen lässt. - Doch so dumm ist Gott nicht. Sondern er hatte ein Ziel
mit Jesus. Und dieses Ziel ist unsere Erlösung. Uns herauszureißen aus
unserer Verlorenheit. Er will nicht, dass wir ewig vor die Hunde gehen.
Weil er uns lieb hat, will er Gemeinschaft mit uns haben. Er hat uns
geschaffen, weil er Freude an uns hatte. Er möchte dieses Vorhaben auch zu
seinem guten Ende führen. Und für dieses Ziel setzt er alles ein.
Darum möchte ich eigentlich diese großen Ziele vor Augen malen. Jesus hat
seinen Jünger keine Angst einjagen wollen. Aber er wollte, dass sie
Realisten sind. Wo das Ziel sehr groß ist, da kann man auch einen großen
Widerstand einstecken.
Da stand in Nigeria ein Mann des dortigen CVJM mit einer Besuchergruppe
aus Deutschland vor seiner niedergebrannten Kirche. Und er sagt angesichts
der Zerstörung: „Sie mögen uns schlagen, sie mögen uns töten - aber wir
hören nicht auf zu glauben und zu lieben!“
Der Evangelist Johannes hat von Jesus den Blick dafür geöffnet bekommen,
nicht kleinkariert zu denken. Er hat es offenbar von Jesus in ganz
besonderer Weise gelernt: Es finden ungeheure Auseinandersetzungen und
Kämpfe statt. Und diese Kämpfe finden gerade deshalb statt, weil Jesus auf
dem Weg ist, uns zu erlösen. Das, was sich gegen Gott richtet, nennt Jesus
hier einfach „die Welt“. Fast möchte man sagen: Hinter der Welt verbirgt
sich das Böse, oder der Böse. Es ist, als hätte er sich eine Art Tarnkappe
übergezogen, damit er nicht gleich erkannt wird. Er kommt in neutraler
Verpackung. Aber passt auf: Er ist nicht so harmlos, wie er tut. In
Wirklichkeit streitet der Widersacher gegen Gottes Erlösungsweg. Wundert
euch darum nicht, wenn es heiß hergeht.
Die Welt, das sind aber gerade auch die Menschen, die Gott liebhat und die
er in seiner Liebe immer wieder sucht. Geheimnisvollerweise lassen sich
viele eben nicht von ihm finden, sondern öffnen sich gerade dem, was gegen
Gott ist. Sie wollen irgendwie, dass das Große aus ihrem eigenen
Wurzelboden kommt, dass das Gute aufsprießt aus guten menschlichen Ideen
und Gedanken und Anstrengungen. Sie meinen, es müsste doch einleuchtend
sein: Wenn alle Menschen den guten Gedanken folgen, dass dann endlich sich
das Gute auch durchsetzt. Dafür ließen sich viele Beispiele in der
Geschichte nennen. Zur Zeit des Neuen Testaments war es das Römische
Reich, das eigentlich Frieden und Glück bringen wollte, ihn aber nur mit
rigoroser Gewalt erzwingen konnte. Und mit dieser Gewalt wurden auch die
Christen niedergehalten und schließlich bekämpft, weil sie von Gott her
und durch Jesus eine ganz andere Offenbarung bekommen hatten.
Jesus sagte zu dem ernsthaft fragenden Mann Nikodemus, dass er von neuem,
von Oben her geboren werden muss; dass menschliche Eigenleistung
danebengeht.
Der Widerstand der Welt gegen Jesus und gegen seine Jünger kommt aber
nicht zuerst von der Weltmacht Rom. Sondern der Hauptwiderstand kommt von
den religiösen Gruppierungen; jedenfalls war es damals bei Jesus und bei
seinen Jüngern so. Später war es ähnlich. Irregeleitete Religiosität hat
die meisten Kräfte gegen das Christsein mobilisiert. Wir dürfen deshalb
nicht meinen, die Welt, das seien die religionslosen Menschen. Sondern
Religion kann genauso wie eine politische Macht zum Instrument des Hasses
gegen die Christen werden.
Heute gibt es bekanntlich mehr Christenverfolgungen als je. Sie sind
vorwiegend in moslemischen Ländern. Sie sind aber oft auch dort, wo die
Staatsideologie religiöse Züge angenommen hat. Christen werden als
Störenfriede für das erhoffte Glück empfunden.
Ein Missionar erzählt: Wir saßen im Hinterzimmer eines Hotels in einer
Millionenstadt in China und lauschten gebannt dem Lebenszeugnis eines
chinesischen Pastors. In der Zeit der so genannten Kulturrevolution war er
zu 15 Jahren Arbeitslager verurteilt worden – einfach weil er Pfarrer war.
Die Jahre vergingen, und er freute sich auf den Tag seiner Entlassung.
Aber er wurde vergessen! So verbrachte er weitere acht Jahre dort. Endlich
– nach 23 Jahren – wurde er freigelassen. Er meinte zu dieser Tatsache:
»Wahrscheinlich hat Gott gedacht. 23 Jahre währen für mich besser!« In
seiner lieben und schlichten Art hat uns dieser Mann tief beeindruckt.
Kein Wort der Kritik! Zum Abschied sagte er uns: »Brüder, verkündigt das
Evangelium von Jesus Christus, wo immer ihr seid und könnt! Es gibt nichts
wichtigeres!«
Christen sind Fremdkörper in dieser Welt, weil sie von Oben her geleitet
sind. Das ist es, was die Welt nicht leiden kann, was sie ablehnt und
bekämpft.
Jesus redet von Hass. Damit meint er nicht Emotionen und Affekte, wie wir
das meinen würden. Sondern in seiner Sprache ist der Hass eher eine
Entscheidung des Willens.
Es ist übrigens keine zwingende Notwendigkeit, dass wir gehasst sein
müssen. Davon redet Jesus auch nicht. Er sagt aber, dass Hass, Widerstand
und Verfolgung nichts Überraschendes ist. Man muss damit rechnen wie mit
dem Regen, wenn der Himmel bewölkt ist.
Wenn kein Widerstand und kein Hass da ist, dann gibt es zwei mögliche
Gründe. Es könnte sein, dass wir Christen mit dem Evangelium Gehör
gefunden haben; dass es auf fruchtbaren Boden gefallen ist und aufgeht.
Wir müssen uns nicht den Zwang antun, Widerstand zu provozieren. Aber es
könnte auch sein, dass wir ganz bewusst einer Auseinandersetzung
ausgewichen sind und das Evangelium verschwiegen haben. Das wäre schlimm.
Dann würden wir uns nicht als Jünger unseres Herrn erweisen. Dann hätten
wir uns der Welt angeglichen.
Doch das Evangelium ist wichtiger als unsere gute bürgerliche Existenz.
Deshalb: Das Evangelium muss uns so wichtig sein, dass wir es weitergeben,
ob man es gerne hört oder nicht. Amen.
(Pfr. Dr. Karl Knauß)
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