„Wie viel Gemeinschaft braucht der Mensch?“ Domino-Gottesdienst am 16. Oktober 2005 um 10.00 Uhr im Gemeindehaus

Ich hätte nicht in Peters Haut (in dem Anspiel) stecken wollen. Irgendwas ist danebengegangen, der Job verloren, so richtig die schwächste Stelle getroffen. Und dann sollst du so spielen, als wäre alles in Ordnung.

In einer so dummen Situation ist man am liebsten allein. Ich kann das gut nachempfinden.

Aber die Geschichte lief anders weiter. Für mich auch überraschend anders. Im Normalfall hätten alle Seiten das peinliche Thema vermieden. So wie das die Gastgeberin (Gina) ja auch wollte. Und ich glaube, so läuft das dann auch in den allermeisten Fällen. Peinliche Sachen werden vermieden, insbesondere wenn man das Gefühl hat, da ist einer der Looser und der andere der King. Man möchte nicht gerne in was reinrasseln, wo man vielleicht nicht mehr gut rauskommt. Es könnte ja sein, dass die Freundschaft darüber in die Brüche geht, wenn man dem anderen allzu sehr auf die Nerven geht.

Doch Peter hat sich plötzlich verstanden gefühlt, weil Jan auch mal in der Tinte saß und davon reden konnte. Da ist ein echtes und wirkliches Gespräch entstanden, das die Freundschaft festigt und wahrscheinlich auch in der Situation weiterhilft.

Das Thema unseres Gottesdienstes ist heute: „Domino“ - dem Herrn gehörend. Das hat auch mit Beziehungen zu tun, vor allem mit Beziehungen zu unserem Herrn.

Ich möchte es etwas griffiger so formulieren: „Wie viel Gemeinschaft braucht der Mensch?“

Es ist rund 4 Jahre her, dass wir Planungen für den Zweitgottesdienst machten und etwa ein halbes Jahr später haben wir dann den ersten durchgeführt, damals noch im Betsaal, weil unser Gemeindehaus noch nicht fertig war.

Ein wesentlicher Gedanke war, dass wir im Gottesdienst eine intensive Begegnung haben wollten. Eine aktivere Beteiligung von allen, die kommen. Natürlich auch andere Musik, einen einladenden Gottesdienst. Einen Gottesdienst, der einfach den sonst üblichen Gottesdienst ergänzt, wo Begegnungen mit Menschen und mit Gott stattfinden.

Gemeinschaft unter Menschen ist wichtig. Mir ist aufgefallen, dass ein Gottesdienst und eine Freundschaft viele Ähnlichkeiten haben. Natürlich wollen wir, dass so etwas wie eine stabile Freundschaft entsteht. Und dass diese Verbindung tiefer und intensiver wird... Es wäre nicht gut, wenn wir um wichtige Themen einen Bogen machen, nur um niemand zu verprellen, so wie der Jan den Peter. Wenn Sie den Eindruck haben, das oder jenes sollte mal zum Thema gemacht werden, dann sagen Sie es, oder denken Sie dran, dass wir einen Fragekasten haben.

Mir hat mal jemand gesagt: Wenn schwierige Themen dran sind, dann muss man den Stier an den Hörnern nehmen. Wenn man ausweicht, dann rennt einem der Stier hinterher.

Der Gottesdienst soll so sein, dass Sie sagen können: Da kommen die Fragen dran, die mich oder uns bewegen. Vielleicht sind das auch mal Fragen, die ich noch gar nicht richtig formulieren kann, aber ich spüre, dass sie dran sind.

Heute sind wir lieber unverbindlich. Das macht auch einsam. Viele Menschen binden sich nicht mehr gerne auf längere Zeit. Für gewisse Zeit zu einem bestimmten Projekt, ja; aber auf längere Zeit lieber nicht. Ein Chor findet für ein bestimmtes Projekt leichter Leute. Z.B. wenn an Weihnachten das Weihnachtsoratorium aufgeführt werden soll. Aber es ist schwer, jemanden dazu einzuladen, die nächsten 20 Jahre mitzumachen. Es muss ja nicht gleich eine schriftliche Beitrittserklärung gemacht werden. Es fällt uns trotzdem nicht so leicht mit einer festen Zugehörigkeit.

Darum: Wieviel Gemeinschaft brauchen wir? Baut es uns auf? Bekommen wir davon etwas?...

Ja. Denn dann wissen wir besser, was uns bewegt. Dann können wir uns auch gegenseitig helfen. Uns begleiten. Wir haben uns in Krisen, und zwar im Geben und im Nehmen. Paulus sagt einmal, dass er sich als Gehilfe der Freude für die Gemeinde in Korinth sieht, nicht als Herren über ihren Glauben (2. Korinther 1,24). Das ist eine Herausforderung: Den anderen zur Freude zu verhelfen.

Um einander zur Freude zu helfen, muss man voneinander viel kennen und wissen, man muss den Austausch pflegen. Man braucht Gespräch, möglichst regelmäßig. Der Austausch darf auch an kritische Stellen kommen, ja, eigentlich muss er das sogar. Und dann sollten solche kritischen Punkte vor Gott hingelegt werden. Das heißt Seelsorge. Denn auch sie soll möglich sein und dazu soll eingeladen sein.

Das gehört zur Gemeinschaft mit Gott. Die ist mindestens genauso wichtig wie die unter Menschen.

Wir wollen uns gegenseitig an den Gaben und dem Segen Gottes Anteil geben. Segen weitergeben. Wenn jemand den Eindruck hat, dass er gesegnet werden möchte, dann kann er kommen. Es darf meiner Meinung nach auch manches ungeplant und spontan kommen. Das gehört auch zu einer Gemeinschaft.

Vielleicht fragen manche:
Wozu eigentlich das Ganze? Warum gehen wir unter die Leute, warum machen wir Gemeinde, warum feiern wir Gottesdienst?

Könnten wir nicht einfach, jeder für sich, sein Geld verdienen und im übrigen auf die Insel gehen. Und wenn man dann Hilfe oder Begleitung braucht, dann kann man ja immer noch kommen.

Das ist auch in der Bibel schon ein wichtiges Thema. So sehr, dass Christsein gar nicht denkbar ist ohne Gemeinde und Gemeinschaft. Jesus hat nicht religiöse Eigenbrötler gewollt, sondern eine Gemeinde von gemeinsamen Nachfolgern. Die vielen Gaben von allen werden gebraucht und sollen eingesetzt werden. Denn nur so entsteht ein Organismus, wo der eine dem anderen helfen und ihn auch ggf. korrigieren kann, wenn er sich verrannt hat.

Zusammenfassung: Wir brauchen Gemeinschaft und die Gemeinschaft braucht uns.
 

(Pfr. Dr. Karl Knauß)                          

  

 

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