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Gottesdienst am 21. Sonntag n. Trin.,
16. Oktober 2005, in Wilhelmsdorf um 9.00 Uhr, Predigt über Matthäus 10,
34-39.
Es ist nicht mehr üblich, die Früchte für den Winter selbst einzumachen.
Normalerweise können wir uns das ganze Jahr über Obst, Gemüse und andere
Lebensmittel besorgen, sowohl in Konserven als auch meist als frische
Ware. Trotzdem haben viele dieses Bild noch in Erinnerung: Im Sommer und
Herbst sammelt man, wenn alles in Fülle wächst, und man bereitet es so
auf, dass man es in der Notzeit des Winters hat. Es war eine Riesenarbeit.
Aber man brauchte es zum Überleben. Wer für den Winter nicht vorgesorgt
hatte, musste hungern.
Heute geht es ans Eingemachte. Für das geistliche Leben gibt es
Krisenzeiten. Jesus redet im heutigen Predigttext von extremen Krisen, in
denen alles wegschwimmen kann, was sonst selbstverständlich ist. In
unserem Umfeld ist heute keine Extremsituation. Wir hören diesen Text
deshalb beinahe unwirklich, so, wie man einem Nichtschwimmer das Schwimmen
beibringt, solange er noch auf dem Trockenen ist. Er übt die Bewegungen
mit den Armen und mit den Beinen, aber er befindet sich noch nicht im
Wasser.
Jesus redet hier nicht vom Normalfall, also nicht davon, was wir Tag für
Tag erleben. Sondern er redet von sehr unnormalen Situationen, etwa Zeiten
der Verfolgung. Unter dieser Voraussetzung sollten wir den Text aus
Matthäus 10, 34-39 hören.
34 Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf
die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.
35 Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und
die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer
Schwiegermutter.
36 Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.
37 Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert;
und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert.
38 Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist
meiner nicht wert.
39 Wer sein Leben findet, der wird’s verlieren; und wer sein Leben
verliert um meinetwillen, der wird’s finden.
Jesus will uns volles Leben geben. Das ist sein großes Ziel - nicht die
Not, nicht den Druck. Aber er weiß, das geht nicht ohne Probleme.
Ich möchte zunächst nicht auf die angedeuteten Extremsituationen eingehen,
sondern die Sache im Kleineren nehmen. Also nicht die Verfolgungssituation
ansprechen, sondern in unsere Verhältnisse hinein übertragen: Jesus will,
dass wir das Leben haben, Lebenserfüllung jetzt und hier und Lebensziel im
Leben bei ihm in seinem ewigen Reich.
Da ist ein junger Mann. Er will das Leben in vollen Zügen genießen. Er ist
hochbegabt und könnte aus seinem Leben etwas machen; und er liebt das
Leben mit schnellen und schweren Motorrädern, die Freiheit und Weite der
Welt. Das ist eigentlich nichts Schlimmes. Aber er ist ein Draufgänger, er
fährt zu schnell und hat seine Maschine nicht mehr im Griff. Es haut ihn
aus einer Kurve. Jetzt ist er spastisch gelähmt.
Es endet nicht immer so. Aber in seinem Fall war es so. Und nun schlägt
der Lebensgenuss in Resignation um. Er fühlt sich nichts mehr wert und
kann keinen Sinn mehr in seinem Leben sehen. Sein Leben ist noch nicht zu
Ende. Vielleicht kann aus den verbliebenen Kräften noch etwas entstehen -
wenn er nicht ständig an sich und seiner Situation herummachen würde. Das
Dran-Rummachen an seiner Situation, die Vorwürfe an Gott und sich selbst.
Er muss seine kleinen Möglichkeiten akzeptieren, dann kann aus dem Kleinen
etwas wachsen.
Doch wie viele andere Menschen vergessen ihre eigenen Ziele um einer
anderen Aufgabe willen! Vielleicht Familie, oder anderen Menschen zu
helfen in einer diakonischen Aufgabe. Und wenn sie dann nach einer Reihe
von Jahren zurückschauen, war es doch ein gelungenes und erfülltes Leben.
Wenn wir allzu verbissen eigene Ziele erreichen wollen, ist das Scheitern
fast vorprogrammiert. Das entspricht auch vielfältiger menschlicher
Erfahrung. Ein gelingendes Leben entspringt sehr oft der Bereitschaft,
sich für eine andere Sache einzusetzen, auch wenn man dabei keine eigenen
Ziele erreicht.
Im Vergleich zu früheren Generationen haben wir unvergleichlich mehr
Möglichkeiten. Und doch sind die Menschen nicht glücklicher.
Wahrscheinlich haben auch die vielen scheiternden Ehen damit etwas zu tun,
dass die eigenen Wünsche und Ziele zu hoch gesteckt werden. Oft stehen zu
hohe Ziele an Lebenserfüllung stehen der wirklichen Erfüllung im Weg.
Auch im ganz normalen Leben stimmt das Wort Jesu.
Erst recht gilt es für Extremsituationen. Jesus redet von schweren
Konflikten, vom Leiden und von ganzer Lebenshingabe.
Es ist ein zutiefst anstößiges Wort, dass Jesus sagt: Ich bin nicht
gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Doch Jesus ruft
keineswegs zu einem aktiven Einsatz der Waffen auf. Bei Lukas ist es
übrigens etwas abgeschwächt. Dort sagt Jesus, dass er nicht gekommen ist,
den Frieden zu bringen, sondern Zwietracht.
Jesus hat seine Jünger zurückgewiesen, als sie sich gewaltsam wehren
wollten. Petrus verbietet er im Garten Gethsemane die Anwendung das
Schwerts. Ein anderes Mal verbot er ihnen (Jakobus und Johannes) sogar,
von Gott Rache zu erbitten. Das war, als sie in einem Dorf von Samaritern
nicht aufgenommen wurden und weiterziehen mussten (Luk 9,54f). Und eine
der Seligpreisungen preist die Menschen selig, die zum Frieden bereit sind
und ihn auch vollziehen. Jesus hat statt dessen dazu aufgerufen, Unrecht
gegen sich ohne Gegenwehr zu erdulden.
Wir müssen Jesus folgendermaßen verstehen: Wenn die Jünger nach den
Anweisungen Jesu leben und seine Botschaft weitersagen, dann werden sie
auf Widerstand stoßen. Es ist keineswegs für alle Menschen leicht
hinzunehmen. Deshalb müssen die Nachfolger Jesu mit heftigen Konflikten
rechnen. Die Konflikte gehen mitten durch die Familien, mitten durch die
Bevölkerung ganzer Gesellschaften, so dass auch mit organisiertem
Widerstand gegen die Christen zu rechnen ist, bis hin zum Martyrium. Jesus
hat nicht übertrieben, sondern er möchte, dass seine Nachfolger Realisten
sind.
Man fragt sich, was denn viele Leute an der Botschaft Jesu so sehr ärgert,
dass es solchen Widerstand gibt. Ich werde das nicht voll ausschöpfen
können. Es wird eine Aufgabe zum Nachdenken bleiben. Vielleicht sehen Sie
es als Hausaufgabe: Was ist am Evangelium so anstößig, dass es so oft mit
massivem Einsatz von Gewalt und Druck beseitigt werden sollte.
Ich deute einiges an: Im Neuen Testament wird die Botschaft vom Kreuz Jesu
als das große Ärgernis beschrieben. So sagt es Paulus im 1. Korintherbrief
(1,18-25). Und die Berichte im Neuen Testament weisen darauf hin. Es hat
die maßgeblichen Leute zum Widerstand gebracht, dass Jesus als der
Gekreuzigte auferstanden sei und der Herr sei. Lieber wollten sie selbst
groß sein.
Die Botschaft vom Opfer Jesu ist es, die die Menschen nicht hören wollen.
Wie sollte jemand, der schwach ist und sich hingibt, uns befreien können?
Jesus sagt nicht, dass seine Nachfolger die großen Herren der Welt würden.
Sondern er sagt, dass sie ihr Kreuz auf sich nehmen sollen und ihm
nachfolgen. Es könnte ihnen also das gleiche blühen wie ihrem Herrn. Denn
schließlich geht es nicht darum, ein irdisches Reich aufzurichten, sondern
Frucht für die Ewigkeit zu schaffen, d.h. Menschen für seine Nachfolge zu
gewinnen.
Deshalb war seine Gemeinde dann geistlich stark, wenn sie das beherzigt
hat. So hat auch der Kirchenvater Tertullian einmal gesagt, dass das Blut
der Märtyerer der Same der Kirche sei.
Wir wünschen uns keine Verfolgung. Aber wir müssen immer wieder neu in die
Schule Jesu gehen. Und seine Schule gilt im Großen und im Kleinen, in
Heilsgeschichte und in unserem Alltag: „Wer sein Leben finden will, der
wird’s verlieren; und wer es verliert um meinetwillen, der wird’s finden.
Amen.
(Pfr. Dr. Karl Knauß)
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