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Gottesdienst am 15. Sonntag n. Trin.,
4. September 2005, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über Lukas
18,28-30.
Es ist schon ein Menschenalter her. Da gab es in der Antarktis ein
dramatisches Wettrennen. Zwei Männer hatten sich in den Kopf gesetzt, als
erste mit ihren Expeditionen den Südpol zu erreichen: Der Norweger Roald
Amundsen und der Engländer Robert Scott. Jahrelang hatten sie sich auf
diese gefahrvolle Reise vorbereitet. Amundsen hatte sogar sein
Medizinstudium abgebrochen, denn er hatte ein Ziel: Polarforscher zu
werden. Er wollte der Entdecker des Südpols werden.
Für „normale“ Menschen ist das zwar schwer vorzustellen, was am Südpol
reizvoll sein soll. Eisige Kälte beherrscht alles. Unsereiner würde für
verrückt erklärt, wenn er dieses Vorhaben hätte. Aber nichts konnte sie
von ihrem Vorhaben abhalten.
Im Jahr 1911 befanden sich ihre beiden Expeditions-Teams auf verschiedenen
Wegen zum Südpol. Mit dicker Kleidung und magerer technischer Ausrüstung
suchten sie gegen die Widerstände der Witterung ihr Ziel zu erreichen.
Nach monatelangen Strapazen erreichte Amundsen kurz vor Weihnachten sein
Ziel: Den Südpol.
Als Scott mit seinen Leuten einen Monat später ebenfalls dort eintraf, war
die norwegische Flagge bereits gehisst. Scott kam zu spät. Auf der
Rückreise zu seinem Schiff kam er ums Leben. Die Strapazen in der eisigen
Kälte der Antarktis waren zu groß. Später fand man sein Tagebuch, das ein
erschütterndes Zeugnis von den Entbehrungen der Männer ablegt.
...und das alles für ein bisschen vergänglichen menschlichen Ruhm. Man
fragt sich: Was bringt Menschen dazu, ihr Leben einzusetzen, nur um
berühmt zu werden.
Heute geht es um Lebensziele! Was würden Sie sagen, wenn Sie auf Ihr Leben
zurückschauen: Wofür hat es sich gelohnt, gelebt zu haben?
Ich habe als Schriftlesung die Geschichte vom Reichen Jüngling vorher
gelesen.
Dieser junge Mann hatte ein großes Ziel. Und für dieses Ziel suchte er
einen Weg: „Was muss ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?“
Es ist doch gut, wenn man fragt, was man tun muss! Der Bundestrainer
Jürgen Klinsmann fragt sich: Was muss ich tun, um nächstes Jahr
Weltmeister zu werden.
Jesus sah, dass dem reichen Jüngling seine Reichtümer ein Hindernis auf
dem Weg ins Reich Gottes waren und sagte, er solle alles verkaufen und ihm
nachfolgen. Die letzte Nachricht, die wir von ihm haben, heißt dann im
Matthäusevangelium: ...er ging „betrübt davon; denn er hatte viele Güter.“
Das war also sein Problem: Er konnte sich nicht richtig entscheiden
zwischen verschiedenen Zielen. Er hatte Probleme mit schmerzhaften
Entscheidungen, die weh tun. Aber es musste unbedingt entschieden sein.
Wie Jesus die Geschichte mit seinen Jüngern
aufarbeitet, will ich jetzt verlesen: Lukas 18, 28-30:
28 Da sprach Petrus: Siehe, wir haben, was wir hatten, verlassen und sind
dir nachgefolgt.
29 Er aber sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Es ist niemand, der
Haus oder Frau oder Brüder oder Eltern oder Kinder verlässt um des Reiches
Gottes willen,
30 der es nicht vielfach wieder empfange in dieser Zeit und in der
zukünftigen Welt das ewige Leben.
Bei der Ausbildung zur biblisch-therapeutischen Seelsorge war ich mit
meiner Frau längere Zeit in einer therapeutischen Gruppe. Ich schaffte
damals noch an meiner Doktorarbeit. Der Leiter der Gruppe, Gottfried
Fabriz, fragte mich eines Tages, ob ich damit auch zu Ende kommen wolle.
Ich sagte, dass ich das schon gerne möchte. Aber dann sagte er, dass ihn
das nicht interessiert. Sondern ob ich das wirklich will und auch alles
dran setze. Und dann nahm er mich so richtig in die Zange. Bis wann wirst
Du so weit sein? - Dann habe ich mich festgelegt. Ich nannte ein Datum.
Bis dahin! Ich bin ihm heute noch dankbar. Sonst würde ich vielleicht
heute noch dran rumschreiben. Das war doch auch nur eine sehr irdische
Sache. Was erst, wenn es um mehr geht!
Wer lebt, muss wissen, was er will. Man muss wissen, wofür man lebt. Man
muss ein Ziel haben. Dabei gilt:
1. Wer ein klares Ziel hat, nimmt Entbehrungen auf sich
2. Unser Ziel ist das ewige Leben
3. Hindernisse auf dem Weg zu diesem Ziel
4. Gott gibt Ersatz für unsere Entbehrungen
1. Wer ein klares Ziel hat, nimmt Entbehrungen auf sich
Petrus sagt: Wir haben unser Eigentum verlassen und sind dir nachgefolgt.
Den Jüngern war klar, wofür sie so viel aufgegeben haben. Sie wollten bei
Jesus mehr haben als bloß ihre irdische Existenz zu sichern. Jesus konnte
ihnen keine sichere Existenz versprechen, sondern eher Entbehrungen. „Die
Füchse haben Gruben, die Vögel haben Nester; aber der Menschensohn hat
nichts, wo er sein Haupt hinlege.“[ Matthäus 8, 20]
Die Jünger haben in ihrem Leben Prioritäten gesetzt. Sie sagten, was
wichtig und was weniger wichtig ist.
Nochmals zu den Polarforschern: Man kann nicht alles haben. Man kann nicht
gleichzeitig etwa Medizin studieren und den Südpol entdecken. Entweder -
Oder.
Denken wir an Leistungssportler. Wer etwas Großes zustandebringen will,
kann sich nicht auf die faule Haut legen. Er muss zäh üben und trainieren.
Wir sollten uns jetzt nicht damit beschäftigen, ob diese Ziele etwas wert
sind. Ich habe große Hochachtung vor Menschen, die dranbleiben, Tag für
Tag stundenlang üben, um dann in einigen Jahren vielleicht irgendwo zu
gewinnen.
Paulus schreibt im ersten Korintherbrief: „Wisst ihr nicht, dass die, die
in der Kampfbahn laufen, die laufen alle, aber einer empfängt den
Siegespreis? Lauft so, dass ihr ihn erlangt. Jeder, der kämpft, enthält
sich aller Dinge...“ Und er fährt fort: „ich bezwinge meinen Leib und
zähme ihn, damit ich nicht andern predige und selbst verwerflich werde.“[
1. Korinther 9, 24ff ]
Wer Jesus nachfolgt, für den verändern sich die Maßstäbe.
Man muss ganz klare Prioritäten setzen. Das hört heue niemand gerne, oder
besser, eigentlich hat man‘s wohl niemals gerne gehört. Aber vielleicht
ist es heute besonders krass, weil man alles kaufen kann oder es
wenigstens meint. Und doch scheint es ein geistliches Grundgesetz zu sein.
Echter Verzicht, der wehtut, ist meist die Voraussetzung für geistlichen
Fortschritt.
Manchen ist diese Haltung sehr suspekt, vor allem vielen jungen Menschen.
Aber auch viele aus der mittleren Generation haben ihre Eltern in einer
Lebenshaltung des Verzichts und der Disziplin erlebt oder erleben sie
noch, und doch fehlt der Sinn und das Ziel: Warum das alles. Das
Christsein ist keine Philosophie des Verzichts um seiner selbst willen.
Sondern Christen haben ein Ziel, auf das sie zugehen. Und was diesem Ziel
im Weg steht, das meiden sie.
2. Unser Ziel ist das ewige Leben
Immer wieder ist uns in den letzten Jahrzehnten eingehämmert worden, diese
Hoffnung auf das ewige Leben sei Weltflucht. Vielleicht war es falsche
Scheu, vielleicht war es eine atheistische Psychologie oder
materialistische Weltanschauung, vielleicht auch eine falsche Theologie
oder gar alles irgendwie miteinander, die unseren Mund haben verstummen
lassen. Inzwischen ist das eine Art Tabu. Ein Tabu merkt man daran: Wenn
man es bricht, dann erschrickt man; man sichert sich ab, dass dies ja
nicht falsch verstanden werden soll. So ist‘s mit dem Reden über das ewige
Leben auch. Es geschieht kaum mehr, auch nicht in christlichen Kreisen.
Eisiges Schweigen hat sich drauf gelegt.
Wir sollten wieder über die Erwartung und die Freude das ewige Leben
reden. Wir sollen, ja wir müssen wieder davon reden, was unser Christsein
wertvoll und freudevoll und zielgerichtet macht. Was uns Kraft gibt und
Ruhe und Zuversicht.
Lassen Sie uns zur rechten Zeit darüber Rede und Antwort stehen. Ohne
dieses Ziel wäre mein Leben sinnlos. Wenn ich allein für das irdische
Leben hoffen würde, dann wäre ich der elendeste unter allen Menschen. Aber
weil ich weiß, dass ich das ewige Leben erben werde, darum hat auch mein
Leben hier Sinn und Inhalt.
3. Hindernisse auf dem Weg zu diesem Ziel
Ein Sportler tritt zum 1000m-Lauf an mit einem Rucksack auf dem Buckel.
Die Leute lachen. Aber das gibt‘s ja nicht! Kein 1000m-Läufer ist so blöd.
Die Sportler von heute sind genauso wie vor 2000 Jahren: Man lässt
unnötigen Ballast weg.
Und doch verhalten sich viele Menschen im täglichen Leben so. Sie
behaupten, ein Ziel zu haben. Aber sie schleppen dennoch Lasten mit sich
herum. Hindernisse auf dem Weg. Man könnte die Lasten loswerden. Doch man
hat keinen Mut.
Leider sind wir Menschen so, dass uns schneller auffällt, wo andere eine
unnötige Last mit sich herumschleppen, die sie auf dem Ziel zum ewigen
Leben hindert. Unsere eigene Last fällt uns erst sehr spät auf.
Bei dem Reichen Jüngling war es der Reichtum, bei anderen mögen es Macht,
Einfluss, Vergnügen oder Süchte sein. Jeder spürt, wenn er ehrlich ist,
seinen eigenen wunden Punkt. Es ist das, woran er hängt und was er um
alles in der Welt nicht aufgeben will.
Ein Tipp: Schreiben Sie Ihre Prioritäten einmal auf einen Zettel; was
Ihnen im Leben wichtig ist, und das der Reihenfolge nach. Vielleicht
ergibt sich daraus etwas!
4. Gott gibt Ersatz für unsere Entbehrungen
Jesus sagt, dass wir gerade für unsere Entbehrungen entschädigt werden.
Was zuerst wie ein riesiges Opfer aussieht, entpuppt sich als großer
Gewinn, und zwar schon hier und jetzt, aber dann erst recht in der
Ewigkeit. Worauf wir um des Reiches Gottes willen verzichtet haben, dafür
bekommen wir mehrfachen Ersatz. Wer Menschen verlässt, alte Freunde, die
ihm ein Hindernis auf dem Weg des Glaubens waren, der bekommt schon hier
neue, bessere Freunde, Brüder und Schwestern, die ihn nicht ausnützen
wollen, sondern für ihn einstehen. Wer Reichtümer verlässt, dem stehen
andere und größere Reichtümer offen.
Jesus sagt: Es lohnt sich, ganz auf ihn und auf das Reich Gottes zu
setzen; denn dann gewinnt man das Leben. Amen!
(Pfr. Dr. Karl Knauß)
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