Gottesdienst 28. August 2005, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr
 

„Zeige dich dem Priester“! Markus 1, 40 - 45

Wie gut war es damals! „Da weiß man, was man hat!“ jedenfalls, wenn einer Aussatz hatte. Wer Aussatz hatte, der wusste, wo er dran ist. Wo er zu sein hat. Nämlich draußen! Zitat 3. Mose 13: „Wer nun aussätzig ist, soll zerrissene Kleider tragen und das Haar lose und den Bart verhüllt und soll rufen: Unrein, unrein! Und solange die Stelle an ihm ist, soll er unrein sein, allein wohnen, und seine Wohnung soll außerhalb des Lagers sein.“

Wer Aussatz hatte, wusste klar: ich bin unrein. Ich habe nichts verloren in der Gemeinschaft Gottes und der Kinder Gottes. Zitate aus der gnadenlosen, göttlichen Paragraphenordnung:

4. Mose 5, 3: „Männer wie Frauen sollt ihr hinausschicken vor das Lager, dass sie nicht das Lager unrein machen, darin ich unter euch wohne. Aussatz ist gleich wie Sünde.“

Es war Israels Aufgabe und Bestimmung, ein heiliges Volk zu sein, somit hatte es die Verpflichtung, alle Art von Unreinheit aus seiner Mitte fernzuhalten. Andernfalls würde Gott sich von ihm abwenden und dem Verfall preisgeben. Aussatz, da weiß man was man hat! Unrein hieß im Gesetzes-Klartext: Getrennt von Gott und den Menschen. Und die Instanz, die darüber zu urteilen hat, war der Priester. „Zeige dich dem Priester“ sagt Jesus. Der beurteilt, ob du rein bist, oder noch unrein. „Zeige dich dem Priester“. Wie gut war damals alles geregelt. Da wusste man, wer oder was unrein ist, mich von Gott und Gemeinde trennt und vor allem: was zu tun ist. Aussatz – da weiß man, was man hat!

Aber heute? Wer weiß schon, ob er rein oder unrein ist. Wer hat dafür noch ein Empfinden. Eigentlich müssten wir unendlich empfindlich sein an dieser Stelle für das, was mich von Gott trennt. Denn es gibt eine faktische Trennung. Und wenn es zu dieser Trennung kommt, dann geht der Hilfesuchende leer aus. Dann geht der Hoffnungslose ohne Hoffnung aus dem Gottesdienst. Dann findet der Gescheiterte keine neue Chance. Dann bleibt der Trost-lose trostlos. Dann bleibt der Elende elendig dran. Dann bleiben die zerbrochenen Herzens heillos. Dann bleibt der Gefangene in seiner Unfreiheit und der Gebundene wird eben nicht frei. Das Leben vor dem Lager und außerhalb der Gemeinschaft ist eine Tragödie erster Klasse. (vgl. Jesaja 61)

Und in Jesus haben wir einen, der dies alles mit Nachdruck nicht bagatellisiert. Sondern einen der erst mal klar und richtig stellt, was Aussatz, Unreinheit eigentlich ist. Matthäus 15: „Was aus dem Mund herauskommt, das kommt aus dem Herzen, und das macht den Menschen unrein. Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsches Zeugnis, Lästerung. Das sind die Dinge, die den Menschen unrein machen.“

Eigentlich müsste dieser Predigteinstieg schon reichen für heute. Denn wir brauchen 2005 Jahre nach Christus ein kluges, wahrheitsgemäßes, offenes und ehrliches Sündenbekenntnis. Ein Bekenntnis, in dem jeder seine Sünde beim Namen nennt. Weil die Unreinheit, die zur Gottverlassenheit führt, verheerende Auswirkungen hat in alle Lebensbereiche hinein. Nehmen sie den Zustand der Kirchen, den Zustand der Familien, den Zustand unserer Verfassungen, den Zustand unserer Kriminalität, den Zustand des Gesundheitswesens, den Zustand unseres Arbeitsmarktes, den Zustand unserer Macht- und Meinungsmacher, unserer Verantwortungsträgern, unserer Hirten der Gesellschaft: nehmen sie es als ein Barometer für die Zuwendung und den Segen Gottes oder den Grad der Gottverlassenheit.

Aber der Aussatz, die Unreinheit wird im Text nicht verurteilt, sondern der Text zeigt Hilfe auf! Heilung!

Der Text zeigt uns auf, was aus Jesu Sicht dran ist: „Zeige dich dem Priester“. Denn ohne priesterliche Fürsprache, ohne priesterliche Begutachtung gibt es kein verlassen der Gottverlassenheit, gibt es für den Unreinen keinen neuen Anfang.

„„Zeige dich dem Priester“.“ Das ist eine Einladung: „Zeig dich“ ungeschminkt. Unverkrampft. Unverblümt. „Zeige dich“ dem, der letzten Endes die urteilende, aber auch erlösende und befreiende Instanz ist, über deine persönliche Reinheit oder Unreinheit. „Zeig dich“, heißt: bleib nicht alleine in deiner Gottverlassenheit.

Der Aussatz begann bei Männern häufig mit dem Auftreten einer Glatze. (Vgl. 3. Mose 13) Aber eine Glatze kann man gut und gerne über kurz oder lang verbergen. Genauso die Unreinheit, von der Christus spricht. Das kann man alles verbergen. Einen Mord kann man vertuschen, einen Ehebruch kann man verheimlichen, Unzucht kann man verbergen und bagatellisieren, bei einem Diebstahl kann man beide Augen zudrücken, falsches Zeugnis kann man verschleiern, Lästerung kann im Geheimen geschehen.

„Zeige dich dem Priester“ ist eine Einladung, über die von Aussatz angefallenen Stellen nicht drüber hinwegzusehen, sondern heilende Hilfe in Anspruch zu nehmen. Dem Priester mal die Glatze zeigen und sich auch die kleinen peinlichen Stellen im Leben begutachten zu lassen. Alles in allem doch nur, um nicht länger als nötig in Gottverlassenheit zu bleiben, sprich das wertvolle Leben zu verschenken und zu vergeuden. Lebenszeit, die sich abseits göttlicher Zuwendung abspielt, ist wertlose, verlorene und vergeudete Zeit.

Der Hohepriester Jesu sagt: „Kommt her, alle, die ihr mühselig und beladen seid.“ Der Hohepriester Jesu sagt: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinaus stoßen.“ Der Hohepriester Jesu sagt: „Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht. Wenn euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr wirklich frei.“

„Zeige dich dem Priester“ heißt: wenn du endlich wieder – um mit Paulus zu sprechen – gesegnet werden möchtest mit dem geistlichen Segen im Himmel, wenn endlich wieder der Reichtum seiner Gnade auch für dich was abwerfen soll, wenn du endlich wieder leuchtende, strahlende, glänzende Augen haben möchtest, wegen der überschwänglich großen Kraft und Macht seiner Stärke, die an dir wirksam werden kann, wenn du wieder neu aus seiner Fülle Gnade um Gnade nehmen möchtest, wenn du rankommen willst an alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis, dann „Zeige dich dem Priester“.

„Zeige dich dem Priester“ ist eine Einladung, sich nicht mit der eigenen Selbstgefälligkeit und Selbstgerechtigkeit zu begnügen. Wie viele Menschen haben sich mit ihrer Gottverlassenheit abgefunden und haben sich ihre eigene Rechtfertigungsstrategie zu Recht gemacht. „Zeige dich dem Priester“ ist eine Ermutigung, sich mal wieder blicken zu lassen bei der Geistlichkeit und damit bei den Verantwortlichen der Gemeinde. Sich sehen zu lassen in der Gemeinde. Wie viele Menschen haben wir, die wir nie mehr sehen, nachdem oder seitdem sie unter ihrer Art von Aussatz leiden. Die haben sich unsichtbar gemacht. Sich irgendwie in Luft aufgelöst. Zu ihrem und unserem Leid. Zeige dich! Zeige dich, so wie du bist, mit dem was du hast, mit dem was du kannst. Zeige dich mit deinen Schwächen, Fehlern, Defiziten. Zeige dich mit deinen Kehr- und Schattenseiten. „Zeige dich dem Priester“ ist für Wilhelmsdorf konkret auch eine Ermahnung: auch wenn ihr ein Priestertum aller Gläubigen seid, auch wenn jeder sich von euch zu recht Priester nennen darf: zeigt euch vor allem, bei allem und in allem bei dem einen Hohenpriester, von dem es heißt: „Wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde. Darum lasst uns hinzutreten, wenn wir Hilfe nötig haben.“ (Hebr. 4, 15) Hier erfährt unser Verständnis vom Allgemeinen Priestertum eine Korrektur im Sinne Martin Luthers (Aus der Schrift "An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung" 1520, W.A. 6, 407f.). Luther sagt: „Denn weil wir alle gleicher weise Priester sind, darf sich niemand selber hervortun und sich ohne unsere Einwilligung und unsere Wahl anmaßen, das zu tun, wozu wir alle die gleiche Vollmacht haben. Denn was allgemein ist, das darf niemand ohne der Allgemeinheit Willen und Auftrag an sich reißen.“
Es geht bei diesem „Zeige dich dem Priester“ darum, nicht jeden Nomen Nominandum zum Verantwortlichen meiner persönlichen „Heil- und Seelsorge“ zu machen. Nicht x-beliebige Brüder und Schwestern anzurufen, um einander die Sünden zu bekennen, die persönliche Beichte abzulegen (das meint übrigens auch Jakobus 5 nicht!), sondern sich „dem Priester zu zeigen“. Es geht darum, dass nicht jeder nach seiner Facon selig wird, sondern das es gilt, sich an der von Jesus akzeptierten Struktur geistlicher Verantwortlichkeit zu orientieren. Gemeinde sollte ein Auge darauf haben, vor allem auch so engagierte, mündige, verantwortungsbewusste, kreative und innovative Gemeinde, das nicht jeder tun und lassen kann, was er will. „Zeige dich dem Priester“ spricht für eine klare Struktur und Ordnung in der Gemeinde.

„Zeige dich dem Priester“: man könnte über diese Worte Jesu Bücher schreiben. Aber das Wichtigste ist, dass der Aussätzige wieder weiß, was er hat und wie er die Gottverlassenheit verlassen kann und mit dem Leben davon kommt.
 

(Pfr. Heiko Bräuning)                         

  

 

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