Gottesdienst
21. August 2005, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr
Markus 3, 31-35: Stellen Sie sich vor,
drei Stunden später. Nach diesem Gespräch: Die Mutter geht enttäuscht nach
Hause. Gestützt wird sie von zwei leiblichen Brüdern von Jesus. Der eine
auf 180. Wie kann der Mutter nur so lächerlich machen vor all den
Menschen. Der andere kämpft wie die Mutter ebenfalls mit den Tränen. Das
Nesthäkchen. Er hat seinen ältesten Bruder Jesus sehr lieb. Es war eine
besondere Beziehung zu ihm entstanden. Jesus hat sich immer rührend um
seinen jüngsten Bruder gekümmert. Ein paar Meter hinter der Mutter ist die
eine Schwester von Jesus total in Rage. Knallrotes Gesicht. Was erlaubt
sich Jesus da schon wieder. Ständig muss er ausscheren. Ständig meint er,
jemand besseres zu sein. Und sie erinnert sich dran, was man eigentlich
mit solchen ungezogenen Söhnen macht, laut 5. Mose 21, 18: „Wenn jemand
einen widerspenstigen und ungehorsamen Sohn hat, der der Stimme seines
Vaters und seiner Mutter nicht gehorcht und auch, wenn sie ihn züchtigen,
ihnen nicht gehorchen will, so sollen ihn Vater und Mutter ergreifen und
zu den Ältesten der Stadt führen und zu dem Tor des Ortes und zu den
Ältesten der Stadt sagen: Dieser unser Sohn ist widerspenstig und
ungehorsam und gehorcht unserer Stimme nicht und ist ein Prasser und
Trunkenbold. So sollen ihn steinigen alle Leute seiner Stadt, dass er
sterbe.“ Den ganzen Gesetzestext kennt sie auswendig, weil sie, die
älteste Schwester von Jesus schon oft daran denken musste, wenn der große
Bruder Jesus seinen Eltern mal wieder das Leben schwer machte. Und die
kleinste Schwester von Jesus kann es noch gar nicht richtig beurteilen,
was sie gerade gehört hat. Was? Wir haben noch mehr Geschwister? Alle, mit
denen Jesus zusammen war, sind auch noch Geschwister? Und sie fragt
ungläubig ihre Mutter. Die wischt sich die Tränen aus dem Gesicht, nimmt
ihre kleinste in den Arm, aber kann nichts sagen. Ihr Mutterherz ist aufs
empfindlichste verletzt worden. Und das von ihrem ältesten. Dabei hatte
sie nach der Hochzeit zu Kana mit ihrem Sohn eine längere Aussprache. Sie
machte ihm deutlich, dass sie es nicht wünschte, wenn er sie in der
Öffentlichkeit mit so einem barschen Ton anredete und sie so bloß stellte.
Und jetzt wieder das Gleiche. Nein! Nicht das Gleiche. Jetzt setzt er
allem auch noch eins drauf. Will einen auf total Aussteiger machen, nennt
alle dahergelaufenen als Bruder, Schwester, Mutter. Wo soll das noch
hinführen. Wäre nur Josef noch da…
Und Jesus? Was hat er wohl drei Stunden nach diesem akuten Familiennotfall
gedacht? Hing für ihn der Haussegen schief? Hatte er wenigstens ein
schlechtes Gewissen, weil er seiner Familie so viel Unverschämtes
zumutete. Und was denkt sich ein Evangelist Markus, Matthäus und Lukas,
wenn er diese Geschichte aufschreibt, um damit für das Evangelium, für
Jesus Christus zu werben? Hätte nicht spätestens nach dieser Erfahrung mit
Jesus wenigstens ein Augenzeuge ehrlich und offen sein Evangelium
beschließen müssen: da haben wirs. Auch Jesus war kein Heiliger. Vorne rum
zu allen Menschen fromm und hintenrum, im Kreis seiner eigenen Familie ein
ganz normaler Typ.
Dieser Text enthält keine Einladung. Etwa derart, als Jesus sagte: Kommt
her zu mir, alle die ihr mühselig und beladen seid. Dieser Text enthält
keine Ermutigung. Etwa derart, als Jesus sagte: Ich bin bei euch alle
Tage, bis an das Ende der Welt. Dieser Text enthält keine Antwort. Etwa
derart, als Jesus sagte: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.
Dieser Text enthält aber massiv in-Frage-Stellungen.
Unser Familienglück wird in Frage gestellt.
Für viele ist das Familienglück und der Familienfrieden das höchste.
Entweder weil sie aus einer heilen Familie kommen, oder weil sie nie eine
heile Familie von innen gesehen haben. Egal wie die Familiensozialisation
war: die Erwartungen an Familie sind bewusst oder unbewusst extrem hoch:
Wenn es nur ja nicht zu Spannungen kommt. Wenn es nur ja nicht zu
Ausscheren kommt. Wenn nur ja jeder die Form und Norm wahrt. Denn was
könnten die anderen sonst denken, wenn es in der Familie nicht stimmt. Wie
kommt es, das trotz dieser hohen positiven Erwartungshaltung die
Familienrealität aus dem letzten Loch pfeift? Bald jede zweite Ehe wird
geschieden. Es gibt immer mehr unvollständige Familien, allein erziehende
Mütter und Väter, alleingelassene Kinder ohne Geborgenheit, Nestwärme und
Lebensorientierung.
Vielleicht muss man die Ursache unserer desolaten Familienzustände genau
in den Erwartungen an die Familie suchen. Natürlich geht man mit hoher
positiver Energie an die Familie ran. Man wünscht sich für sich von der
Ehefrau, vom Ehemann, von den Kindern größtes Glück. Größte Zufriedenheit.
Größte Harmonie. Aber: wenn Familie das nicht erfüllt, ist kein
Heil-(es)-Land mehr in Sicht. Dann wird Familie wie jeder andere nutzloser
Glücksbringer ausrangiert. Diese Jesusgeschichte könnte ein riesiger
großer Befreiungsschlag für unsere Familien sein. Das Heil kommt nicht aus
unseren Familien. Es gibt zwar Familienfrieden. Aber das ist nicht der
Friede, von dem Christus spricht. Es gibt zwar Familienglück, aber das ist
nicht die Glückseligkeit, von der Jesus spricht. Wer seiner Erwartungen in
Sachen Familienglück, Familienfrieden, Familiensegen an die Familie (an)hängt,
der macht sich abhängig von etwas, das nie und nimmer zur eigenen
Zufriedenheit, zum eigenen Lebensglück in vollendeter Form beitragen kann
und will. Das Heil kann in unsere Familien kommen, aber es kommt nicht aus
unseren Familien. Und das macht Jesus hier sehr deutlich: die Familie ist
nicht das Wertvollste, das Heiligste, das Heilvollste, das Heilmittel. Das
Heiligste, der Heiligste ist und bleibt der Vater im Himmel. Heil-Land in
Sicht wird nur und allein im Heilland.
In diesem Sinne und unter diesem Aspekt noch einmal: Jesus relativiert die
Familie ganz gehörig. Das Heil kommt nicht aus unseren Familien. Aber das
Heil kommt in unsere Familien, wo heile und kaputte Familien das
Familienglück nicht innerhalb sondern außerhalb von sich suchen. Frei nach
dem Motto Apg. 4, 12: „In keinem anderen ist das Glück, die Zufriedenheit,
die Vollkommenheit, auch ist kein andrer Name unter dem Himmel den
Menschen gegeben, durch den wir etwas retten, ganz, heil, gut machen
könnten, als allein der Name Jesu.“ Noch etwas wird in Frage gestellt:
Unser Haussegen wird in Frage gestellt.
Haussegen deshalb, weil dieser sich normaler weise auf eine in sich
abgeschlossene und abgeschottene Familieneinheit bezieht. Diese, in
Schieflage geratene Form von Haussegen, stellt Jesus in Frage und sagt:
Familie ist schön und gut. Hat auch seine Berechtigung und Grenzen. Aber:
Gott stellt dir in seiner Großfamilie nicht nur den leiblichen Bruder, die
leibliche Schwester, die leibliche Mutter, den leiblichen Vater, die
leibliche Großmutter zur Seite. In seiner Großfamilie erwartet er ohne
wenn und aber von mir, dass ich die als Familienangehörige akzeptiere, die
nicht automatisch dazugehören. Die ich mir vielleicht nicht unbedingt als
Bruder oder Schwester ausgesucht hätte, weil sie so anders sind. Den ich
mir nicht als Vater ausgesucht hätte, weil er so anders ist. Die ich mir
nicht als Mutter ausgesucht hätte, weil sie immer so anders ist.
So leben wir nicht nur in unserer kleinen Familienfamilie in Liebe,
Anerkennung, Wertschätzung, sondern vor allem in der Großfamilie Gottes
als Brüder und Schwestern, geistliche Väter und Mütter. Unsere
Kleinfamilie kann Schaden nehmen. Es kann zu Brüchen kommen. Zu
Zerwürfnissen. Selbst Vater und Mutter können einen hängen lassen. Aber:
in der Großfamilie Gottes entsteht eine Geschwisterschaft und
Elternschaft, die alles andere relativiert und für unendlich viel
Entschädigung sorgt (Paulus sagt bezüglich der Familien: Mein Gott aber
wird all eurem Mangel abhelfen nach seinem Reichtum in Jesus Christus)!
Das garantiert den Haussegen. Das ist letzten Endes auch der Haussegen.
(Weil keiner etwas aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen tut, sondern
in Demut einer den anderen höher achtet als sich selbst und jeder nicht
auf das Seine sieht, sondern auch auf das, was dem andern dient. Vgl.
Philipper 2, 3-4)
Und noch mal: im Kreis der göttlichen Großfamilie gilt: Nicht wir suchen
uns aus, wer vielleicht unser Bruder oder unsere Schwester sein könnte;
nicht wir bestimmen, wer zur sacra familia, zur Familia Dei, zur Familie
Gottes dazu gehört und wer besser draußen bleiben sollte. Jesus selber
nennt uns Schwestern und Brüder. Sobald wir uns zu ihm als unserm Herrn
und Bruder bekennen, ist es unserer Verfügbarkeit entzogen, wen wir als
Familienmitglied akzeptieren wollen und wen nicht.
In unseren Familienfamilien und in unserer Gemeindefamilie hängt der
Haussegen schief, wenn es zu einem Familienklüngel kommt, indem der oder
die andere sich nicht oder nur schwer als Bruder und Schwester im Herrn
oder geistlicher Vater und Mütter fühlen kann.
Für unsere Familien hängt alles daran, wie und ob wir offen werden für
neue Familien-Beziehungen und neue Familien-Strukturen. Wer keine
Beziehungen mehr eingeht, geht ein. Wer keine Strukturen mehr aufbaut,
baut ab.
„Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder. Wer Gottes Willen
tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“
Jesus öffnet uns die Augen für die grosse Familie Gottes. Er lässt uns
Mütter und Väter, Schwestern und Brüder entdecken, die mit uns nicht
verwandt sind – es sei denn, dass sie Kinder Gottes sind wie wir.
Wer sich von ihm anstecken lässt und anfängt, aus der Bequemlichkeit,
Behaglichkeit und Sicherheit – und aus der Enge – des eigenen Nestes
herauszukommen, Augen, Ohren und eine offene Türe hat für die, die in
dieser Welt ohne Geborgenheit sind – gerade er findet unerwartet den Weg
zu einem erfüllten Leben. Das entlastet und befreit die Familie. Unsere
eigene Familie mit allem, was schön und gut an ihr ist, und mit allem, was
nicht aufgeht – sie kommt in den weiten Horizont einer neuen Welt, in der
niemand zu kurz kommt.
Du, Gott, zeigst uns den Weg zur Freiheit, zum wahren Leben. Komm uns zu
Hilfe mit Deinem Geist, damit wir ihn gehen können: den Weg, den Jesus uns
voran gegangen ist.
Wir bitten Dich für unsere Familien: Bewahre sie vor engem
Familienegoismus. Für die Eltern bitten wir Dich: dass sie ihre Macht über
ihre Kinder nicht missbrauchen zur Erfüllung ihrer eigenen Wünsche. Für
unsere Kinder bitten wir dich und für ihre Zukunft, aber nicht nur für
unsere eigenen, sondern für alle Kinder dieser Erde, besonders die
verlassenen, die ohne Liebe und Zuwendung aufwachsen müssen. Für unsere
Jugendlichen bitten wir Dich, die es immer schwerer haben, sich in dieser
verrückten Welt zu orientieren. Für die Alten und Kranken bitten wir Dich,
für die Einsamen und Lebensmüden, die Zweifelnden und Verzweifelten.
Gott, lass uns nicht verkümmern in der eigenen kleinen Welt, die wir uns
zurechtgemacht haben. Öffne uns die Augen, die Ohren, das Herz für die,
die Du uns als Schwestern und Brüder anvertraust. Lass uns mit ihnen
zusammen unterwegs sein zu Deinem Reich, wo Deine Liebe alles neu macht
und allen Jammer stillt.
Im Namen Jesu bitten wir Dich: Vater unser im Himmel ...
(Pfr. Heiko Bräuning)