Gottesdienst am 12. Sonntag n. Trin.,
14. August 2005, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über Jesaja 29,
17-24
Kann sich von dem, was wir um uns herum sehen,
etwas ändern? Das ist heute das Thema.
Als der eiserne Vorhang noch stand, konnte sich kein Mensch vorstellen,
dass er jemals fallen würde. Er schien doch für die Ewigkeit festgemacht.
Eigentlich war es fast tabu, darüber zu reden. Mancher hoffte insgeheim,
aber er wagte das kaum auszusprechen, weil es so unrealistisch schien.
Doch dann kam die dramatische Wende.
Wie ist das mit unserer Hoffnung? Wenn wir mitten in Schwierigkeiten
stecken, dann denken wir, das können sich nie, nie ändern. Viele Menschen
können sich überhaupt nicht vorstellen, dass jemals etwas anders wird als
es gerade im Augenblick ist. So wie es heute ist, so wird es immer sein.
Heute könnte man denken, dass sich der schreckliche Terror islamischer
Fundamentalisten nie ändern werde. Es werde ewig so weitergehen.
Gehören wir eigentlich zu den ewigen Pessimisten oder zu den Optimisten?
Oder geht es um etwas anderes?
Jesaja gibt eine Weissagung an ein total entmutigtes Volk:
17 Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll
der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist,
soll wie ein Wald werden.
18 Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen
der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen;
19 und die Elenden werden wieder Freude haben am Herrn, und die Ärmsten
unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels.
20 Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus
sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil
anzurichten,
21 welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach,
der sie zurechtweist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des
Unschuldigen.
22 Darum spricht der Herr, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: Jakob
soll nicht mehr beschämt dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr
erblassen.
23 Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände – seine Kinder – in
ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen
Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten.
24 Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und
die, welche murren, werden sich belehren lassen.
Jesaja spricht von Hoffnung, wo nichts zu hoffen ist, wo alles trostlos
ist. Er ist damit nicht allein, sondern in der Bibel wird oft von Hoffnung
geredet.
Wenn eine Frau schwanger ist und bald ein Kind erwartet, dann sagte man
früher, aber man sagt‘s auch heute noch manchmal: Sie ist guter Hoffnung.
Wir benützen das Wort damit noch in einem sehr ursprünglichen Sinn: Die
Frau hofft nicht, dass sie vielleicht doch irgendwann ein Kind bekommen
könne, sondern es ist schon unterwegs. Zu einem frühen Zeitpunkt kann man
es noch nicht sehen. Aber es ist doch schon völlig klar, dass ein Kind
unterwegs ist.
In diesem Sinn ist die christliche Hoffnung gemeint. Sie ist überhaupt
nicht ungewiss. Aber sehen kann man sie noch nicht. Die Augen sind uns
dafür noch verschlossen. Propheten sind diejenigen, denen Gott die Augen
dafür geöffnet hat.
Ein Beispiel haben wir kürzlich in der Tageslese gelesen:
Als einmal die Aramäer mit Israel im Krieg lagen, war der Prophet Elisa
ein wichtiger Mann auf der Seite Israels; denn er meldete dem König
regelmäßig, wie er sich verhalten solle. Die Aramäer merkten das irgenwann
und wollten ihn gefangen nehmen. Sie rückten mit einem großen Heer an und
umstellten die Stadt (Dotan), in der er sich aufhielt. Als der Diener
Elisas morgens aufstand, erschrak er fast zu Tode. Denn er sah die Stadt
von einem großen Heer belagert. Er ging mit seiner Entdeckung zu Elisa.
Doch der Prophet sagte: „Habe keine Angst, denn auf unserer Seite sind
mehr als auf der anderen Seite.“ Elisa betete, dass Gott auch seinem
Diener die Augen öffnen soll. Dann sah der Diener einen ganzen Berg voll
von Pferden und Wagen. Es waren die Heerscharen Gottes, die Elisa
schützten. Der Prophet hatte sich nicht umsonst auf die Hilfe Gottes
verlassen. Sie war schon da. Nur normalerweise konnte man sie nicht sehen,
sondern nur mit dem von Gott geöffneten Blick.
So ist das mit den Verheißungen Gottes auch. Wer auf der Seite Gottes mit
ihnen fest rechnet, der ist Realist. Wer die Verheißungen verachtet, der
lebt in Täuschung. Nur kann man das noch nicht sehen.
Worin bestehen nun die Ankündigungen des Jesaja konkret? Es sind vier
Verheißungen, d.h. vier Bereiche sollen neu werden:
1. Die Erneuerung der Natur
Der Libanon soll fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land
ist, soll wie Wald werden. Gott will, dass wir leben können. Aber er will
uns Mut geben, dass wir mitmachen. Fruchtbares Land hat nur Sinn, wenn
Menschen mitmachen. Sie bearbeiten das Land, dass es Frucht bringt. Doch
nur Menschen mit Hoffnung können das tun. Es kann sein, dass Menschen mit
sehr guten Voraussetzungen nichts zuwege bringen. Andere haben keine guten
Voraussetzungen und haben Erfolg. Wie kann so was sein? - Menschen mit
Hoffnung und Mut lassen sich von Gott anstecken zum Mitmachen. Nicht
denken: Gott wird‘s schon richten. Sondern er will uns gewinnen für sein
segensreiches Handeln.
2. Die Erneuerung des Menschen
Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen
der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen.
Wie abhängig sind wir von unseren Augen und Ohren! Wenn wir‘s wörtlich
nehmen, dann ist es eine Verheißung für die, deren Organe nicht gesund
sind. Diese Verheißung hat sich ja bei Jesus erfüllt. Er hat sich auf
diese Stelle berufen, als er Menschen gesund machte. Für jeden, der das
erfahren hat, war es eine geöffnete Tür zum Leben. Doch die Verheißung
Jesajas geht tiefer. Taube hören nicht einfach nur, sondern sie hören die
Worte des Buches. D.h. Menschen können Gottes Wort und Willen auffassen
und verstehen und folgen, die ihm bisher nicht gefolgt sind.
Ähnlich ist es auch mit den geöffneten Augen der Blinden. Es geht um die
Augen des Glaubens, die sich öffnen.
Ich muss an das Straßburger Münster denken: Am Südportal sind links und
rechts Synagoge und Ekklesia als 2 Frauen dargestellt. Die erste mit
verbundenen Augen. Der Ekklesia ist die Binde von den Augen genommen, dass
sie Jesus erkennen kann, dass sie sein Heil erfassen kann und die
Erfüllung der Verheißungen.
Ich möchte das gerne auch auf uns beziehen. Sehen und hören können ist
mehr als nur, dass es uns äußerlich gut geht. Sondern es ist, die Welt aus
der Perspektive Gottes sehen lernen; dass wir uns nicht über Dinge
aufregen, die bald nur noch kalter Kaffee sind; aber dass uns das tief
bewegt, was Gott auch tief bewegt.
Vielen geht es schlecht, wegen einer falschen Wahrnehmung. Sie sehen wie
durch ein Filter alles in einer negativen Färbung. Da ist beispielsweise
jemand an Magersucht erkrankt. Und das hat den Grund darin, dass er/sie
einen falschen Bezug zu sich selbst und der Umwelt hat. Oder da lebt
jemand in einer schwierigen Ehe. Und letztlich liegt alles an einer
negativen Sicht. Doch der Schleier des Negativen soll weggenommen werden
und die Augen für Gottes Zukunft geöffnet werden.
Die endgültige Erneuerung der Menschen steht noch aus. In der Erfüllung im
Reich Gottes werden sich die Gewichte verschoben haben. Darum möchte ich
gerne hier schon lernen, wenigsten ein Stück weit mit Gottes Augen zu
sehen.
3. Das Ende der Tyrannen, das Aufrichten der Gerechtigkeit
Wohl kaum etwas erfüllt uns Menschen so sehr mit Angst wie die
Unberechenbarkeit von Tyrannen; gegenwärtig ist es besonders der weltweite
Terrorismus. Es ist so schwer nachzuvollziehen, was diese Menschen bewegt
und wohin sie die Welt bewegen wollen. Man muss nicht in Madrid oder
London oder New York wohnen, um vor dieser Unberechenbarkeit Angst zu
haben. Das kann nicht im Dienste Gottes sein. Sondern das ist gegen Gott
und gegen sein Recht. Wir dürfen darum mit der Verheißung leben, dass Gott
damit ein Ende machen wird.
4. Die Erneuerung Israels
Immer wieder mussten die Propheten den Ungehorsam Israels anklagen. Jetzt
wird seine Umkehr angekündigt. Es sind immer noch relativ wenige, die
Jesus als ihren Messias erkennen und anerkennen. Aber nach seiner
Verheißung wird es einmal einen ganz großen Aufbruch geben, wie es der
Prophet Hesekiel in einer großartigen Schau angekündigt hat: Da ist ein
Feld voller Totengebeine. Es ist Israel. Aber in dieses Leblose kommt
Bewegung. Die Knochen fügen sich Zug um Zug zu lebendigen Körpern
zusammen, die sich bewegen können. Und zum Schluss heißt es dann: „Mein
Knecht David soll ihr König sein und der einzige Hirte für sie alle.“ Wir
kennen die Zeit noch nicht. Aber wir vertrauen darauf, dass er seine
Verheißung wahr machen wird: Mit der Erneuerung der Natur, der Menschen,
der politischen Gerechtigkeit und schließlich auch mit der Hinwendung
seines Volkes zu ihm. Amen.
(Pfr. Dr. Karl Knauß)