Gottesdienst am 11. Sonntag n. Trin.,
7. August 2005, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über Matthäus 21,
28-32.
In meiner Zeit als Elektriker musste ich manchmal tägliche Schäden suchen
und Fehler in elektrischen Anlage herausfinden. Am einfachsten ist es,
wenn irgendwo ein großer schwarzer Fleck ist: Kurzschluss. Da weiß man
wenigstens, was zu tun ist. Den Kurzschluss beseitigen. Aber schwierig ist
es, wenn man den Fehler nicht sieht, oder wenn er ganz ganz klein ist und
nicht so offensichtlich. ZB. wenn die Lampe nicht brennt, obwohl eine neue
Glühlampe reingeschraubt wurde. Da schaut man hin. Alles sieht gut aus.
Die Drähte liegen alle richtig. Die Lampe ist eingeschaltet. Die Sicherung
ist in Ordnung. Der Strom ist da. Und es tut trotzdem nicht. Es konnte
sein, dass an einer Klemme ein Draht herausgegangen ist und keinen Kontakt
hatte. Aber er blieb dennoch an der gleichen Stelle liegen. Nur einen
halben Millimeter Abstand. D.h. er hatte keine Verbindung mehr, aber es
sah aus, als wäre er genau an der richtigen Stelle. So ein
Täuschungsmanöver! Tut so, als wäre alles in Ordnung und ist es doch
nicht.
Jesus hat beobachtet, dass viele Menschen genau das Gegenteil von dem tun,
was sie sagen. Was sie sagen, ist in Ordnung. Aber was sie tun, passt
nicht. Dazu hat er ein Gleichnis erzählt:
28 Was meint ihr aber? Es hatte ein Mann zwei Söhne
und ging zu dem ersten und sprach: Mein Sohn, geh hin und arbeite heute im
Weinberg.
29 Er antwortete aber und sprach: Nein, ich will nicht. Danach reute es
ihn und er ging hin.
30 Und der Vater ging zum zweiten Sohn und sagte dasselbe. Der aber
antwortete und sprach: Ja, Herr!, und ging nicht hin.
31 Wer von den beiden hat des Vaters Willen getan? Sie antworteten: Der
erste. Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Die Zöllner und
Huren kommen eher ins Reich Gottes als ihr.
32 Denn Johannes kam zu euch und lehrte euch den rechten Weg, und ihr
glaubtet ihm nicht; aber die Zöllner und Huren glaubten ihm. Und obwohl
ihr’s saht, tatet ihr dennoch nicht Buße, sodass ihr ihm dann auch
geglaubt hättet.
Das Gleichnis ist zuerst an die Pharisäer und die Ältesten im Volk Israel
gerichtet, also an die Leute, die in Israel als die rechtschaffenen
Menschen galten und die deshalb in hohem Ansehen standen. Sie waren sich
ihrer Rechtschaffenheit sehr wohl bewusst und haben sie auch öffentlich
zur Schau gestellt.
Obwohl unsere Lage ganz anders ist als die der Pharisäer, gehören wir
anscheinend alle entweder zu der einen oder zu der anderen Sorte. Niemand
verhält sich vor Gott so, wie er sollte. Keiner ist normal in dem Sinne,
wie Gott sich uns Menschen gedacht hat. Paulus sagt einmal: „Da ist
keiner, der Gutes tut, auch nicht einer.“ (Römer 3, 12; Psalm 14, 3) Es
gibt nur einen einzigen, der Gott so gehorsam war, dass er in allem Ja
sagte und dann auch Ja tat: Jesus.
Ich will in drei Themenkreisen durchgehen:
1. Der Neinsager und Ja-Tuer
2. Der Jasager und Nein-Tuer
3. Gottes Geduld mit den Sündern
1. Der Neinsager und Ja-Tuer (der Aufmüpfige)
Verdient dieser Sohn wirklich ein Lob? Da
bittet ihn der Vater, im Weinberg eine notwendige Arbeit zu tun, und der
Sohn weigert sich. Ist das nicht eine bodenlose Unverschämtheit, wenn ein
heranwachsender Sohn dem Vater die Hilfe bei der notwendigen Arbeit
einfach abschlägt? Er sucht keine Entschuldigung, etwa, „ich habe keine
Zeit“ oder „ich muss mein Computerspiel noch zu Ende machen“, sondern er
sagt einfach ganz direkt dem Vater ins Gesicht: „Nein, ich will nicht.“
Einfach keine Lust, oder so...
Ehrlich: Das ist der Alltag in den meisten Familien. So sind Kinder eben.
Heute und wohl damals auch. Und ich wünsche Ihnen nur, dass es bei Ihnen
anders zugeht.
Aber die Geschichte ist schwieriger. Jesus will keine Ratschläge für die
Erziehung geben. Sondern es geht ihm um Gott. Der Vater steht hier ja
eigentlich für Gott, und der Sohn für uns Menschen. Darum: Was der Sohn
sagt, heißt in Wirklichkeit: „Ich will mit Gott nichts zu tun haben.“
Eigentlich erwarten wir von Jesus eine Rüge. Aber er lobt ihn. Dieses Lob
ist irgenwie ein Rätsel; aber Jesus lobt an ihm ja nicht das Nein, sondern
dass er fähig ist zur Reue.
Was haben wir wohlanständigen und gutgesitteten Bürger denn schon zu
bereuen? Die Neinsager haben viel größere Chancen, etwas zu bereuen. Diese
Reue wühlt auf, sie kehrt das Unterste zuoberst, sie lässt nicht alles
beim alten, sondern schafft Neues. Jesus konnte mit den verkrachten
Existenzen sehr gut. Sie hatten die Fähigkeit zur Umkehr.
Der bekannte englische Prediger Spurgeon, so wird berichtet, sei einmal
durch eine Straße in London gegangen, in der Steinklopfer beschäftigt
waren. Da hörte er einen der Arbeiter während seinen Steinschlägen ganz
lästerlich fluchen. Er wird geschildert als ein wüster und roher Geselle,
der seine Arbeit widerwillig und lässig tat, als ein Mann, von dem sich
jeder mit Schauder abwandte. Doch Spurgeon ging auf ihn zu und legte ihm
die Hand auf die Schulter. Dann sagte er: „Du kannst ja recht schön
fluchen, kannst du auch beten?“ Der Mann antwortete mit einem widerlichen
Lachen und einem Fluch. Da griff Spurgeon in seine Tasche und zog ein
größeres Geldstück heraus, hielt es ihm vor die Augen und sagte: „Willst
du versprechen, niemals zu beten, wenn ich dir dieses Silberstück
schenke?“ „Das ist leicht verdient,“ lachte der Mann, versprach es mit
einem neuen Fluch und steckte das Geldstück ein.
Sobald der Prediger aber außer Sichtweite war, wurde es dem Mann sehr
komisch zumute. Sofort nach vollendeter Arbeit ging er nach Hause. Seine
Frau starrte ihn ganz überrascht an, denn er war sonst nie vor Mitternacht
nach Hause gekommen. „Mir ist etwas Entsetzliches begegnet,“ sagte der
Mann, während er an allen Gliedern zitterte. Dann erzählte er die
Geschichte, nahm das Geldstück und warf es auf den Tisch. „Da ist das
Judasgeld - es brennt mich - ich kann‘s nicht behalten!“
Der findigen Frau gelang es, den Geber des Geldstücks ausfindig zu machen.
Der Mann brachte es Spurgeon selbst zurück. Der redete mit ihm intensiv,
betete mit ihm, und er fand zum Glauben an Jesus. Und es wird bezeugt, er
sei ein treues Glied seiner Gemeinde geworden und der Friede Gottes habe
in seinem Haus gewohnt.
Spurgeon erzählt anschließend, dass er vielleicht nie so ernstlich für
jemanden gebetet habe, wie für diesen Steinklopfer.
Wenn Gott jemanden anspricht, der so tief unten ist, dann kann die Reue
und Buße einen Menschen so umwandeln, dass er zu den eifrigsten
Mitarbeitern im Reich Gottes gehört. Darum: Verachten wir die nicht, die
nach unserem menschlichen Augenschein vor den Trümmern eines verpfuschten
Lebens stehen. Solche Menschen sind Jesus einst nachgefolgt, und wer weiß!
vielleicht werden sie uns noch zuvorkommen im Reich Gottes!
2. Der Ja-Sager und Nein-Tuer (Der Angepasste)
Wer Christ sein will, den geht dieser zweite
Sohn im Gleichnis gewiss besonders an. Gott fragt nicht nur nach unseren
frommen und vielleicht richtigen Worten, sondern er will, dass unsere
Worte auch zum Tun, zum Gehorsam vor Gott führen.
Unseretwegen wenden sich Menschen von der Kirche und Gemeinde ab, weil wir
oft etwas sagen, was wir nicht tun. Vielleicht haben wir den Eindruck, es
sei bei uns ja beinahe in Ordnung; das, was wir sagen, und was wir tun,
würde beinahe übereinstimmen. Über die fehlenden Kleinigkeiten sei es
müßig zu reden.
Mit unserem Verhältnis zu Gott ist es manchmal wie bei der Störung in
einer elektrischen Leitung. Von außen sieht man nicht so ohne weiteres, wo
der Fehler liegt. Denn der Fehler ist nur sehr klein, fast
vernachlässigbar. Nur ein halber Millimeter. Aber es ist kein Kontakt da
und deswegen kann auch keine Kraft fließen.
Heute früh spürte ich Schmerzen im linken Zeigefinger. Offenbar ein
kleiner Splitter. Er war fast nicht zu sehen, aber die entzündete Stelle
war leicht zu sehen und vor allem zu spüren. Ich habe versucht, den
Splitter herauszuziehen. Ich bin mir nicht sicher, ob es gelungen ist.
Denn das Ding war so klein. Lieber ein richtig großer Splitter, den man
auch anfassen und herausziehen kann. Aber einen kleinen kriegt man nicht
richtig zu packen.
Mein Schwiegervater hat wegen eines Brombeerdorns, den er nicht ganz
herauskriegte, seinen Finger verloren. Ein Rest war zurückgeblieben und
fing an zu eitern, und es war die Gefahr einer Blutvergiftung. Wegen
dieses kleinen Schadens musste der Finger abgenommen werden.
Die „kleinen“ Fehler an uns Menschen sind gefährlich, weil man sie kaum
entdeckt. Sie richten vor Gott oft größere Schäden an als die dicken
Sachen.
Die Geschichte des Ja-Sagers ist schlimm. Er hat anscheinend nicht einmal
gemerkt, dass sein Reden und sein Tun nicht zusammenpassen. Es macht ihm
keine Not, dass er Gott nicht wirklich ernst nimmt.
3. Gottes Geduld mit den Sündern
Jesus sagt zu den frommen Pharisäern dieses
Wort, beinahe ein Gerichtswort: „Die Zöllner und Huren kommen eher ins
Reich Gottes als ihr.“ Es ist ein niederschmetterndes Urteil. Es erscheint
vielen auch ungerecht.
Was ist da passiert? - Es werden nicht die Sünder verherrlicht, noch viel
weniger ihre Sünde. Sondern die Sünder haben die Botschaft Johannes des
Täufers gehört, haben ihr geglaubt und sind umgekehrt. Das ist es, was
Jesus hervorhebt! Er hat die Sünder geliebt, wie er alle Menschen grundlos
liebt, obwohl sie es nicht verdient haben. Und die Sünder haben sich von
dieser Liebe umwandeln lassen, sie haben sich Jesus zugewandt und haben
von der Sünde gelassen und stattdessen Gottes Willen getan.
Ihr eigentlicher Vorzug war, dass sie seine Liebe angenommen haben,
während die meisten Pharisäer sie zurückgewiesen haben. Die meinten
nämlich, ihre eigenen Verdienste seien groß genug, um bei Gott gut
angeschrieben zu sein.
Bei dem Gleichnis könnte es so scheinen, als ob vor Gott alles auf das Tun
ankäme, und als ob wir nur konsequenter und gehorsamer werden müssten.
Auch das, was ich vorher gesagt habe, könnte zu diesem Missverständnis
führen. Aber gerade das Beispiel der Pharisäer sollte uns davor warnen,
denn genau das haben sie bis zur Perfektion versucht. Jesus will nicht das
Tun, nur damit etwas geschafft ist, sondern Jesus will Liebe zu ihm und zu
Gott. Diese Liebe führt zu selbstverständlichem Handeln. Doch dieses
Handeln ist eine Frucht.
Wie gut, dass Gottes Geduld sehr groß ist! Er kann auf unsere Frucht
warten. Und sie kommt auch, wenn wir ihn von Herzen lieben. Und darum soll
nicht Perfektion unser Ziel sein, sondern Liebe; Beziehung. Ich soll
merken, wenn keine Kraft mehr zwischen Gott und mir fließen kann. Ich soll
merken, wenn ich seine Nähe mehr brauche. Aber an der Frucht des Tuns
müssen wir uns prüfen lassen, ob diese Liebe echt ist. Amen!
(Pfr. Dr. Karl Knauß)