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Gottesdienst am 8. Sonntag n Trin,
17. Juli 2005, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Erntebittgottesdienst,
Predigt Psalm 85, 8-14.
Unser Gedächtnis ist eine sehr eigensinnige Einrichtung. Wir erwarten von
ihm, es sollte funktionieren wie ein Archiv oder wie ein Computer. Es
sollte Erinnerungen aufbewahren, dass wir sie im richtigen Augenblick
hervorziehen können. Aber unser Gedächtnis tut uns den Gefallen meist
nicht. Es ist nicht so sachlich und unparteiisch. Es ist sehr wählerisch.
Manchen geht es so, dass sie hauptsächlich die guten Erinnerungen
aufbewahren. Das Schlechte vergessen sie einfach. Fragt man sie hinterher,
dann war alles rosarot und super. Anderen geht es genau umgekehrt. Von
einer Fahrt in die herrlichen Berge erzählen sie hinterher nur, dass es
oben nichts Rechtes zu trinken gab. Den herrlichen Blick und die schönen
Blumen haben sie einfach vergessen.
So sind wir Menschen. Sehr wählerisch!
Wie ist das nun Gott gegenüber? Bewahrst du das Gute im Gedächtnis? Nimmst
du es überhaupt wahr? Oder unterschiebst du im, was du dir selbst
eingebrockt hast?
In den Psalmen zieht es sich wie ein roter Faden durch. Das Volk Gottes
erinnert sich immer wieder daran: Vergiss es ja nicht: Gott meint es gut
mit uns! Wir vergesslichen Menschen müssen uns immer wieder gegenseitig
aufrichten: Gott hat es doch in früheren Zeiten auch immer wieder gut
hinausgeführt. So auch im 85 Psalm, zum Erntebittgottesdienst.
8 Herr, erweise uns deine Gnade und gib uns dein Heil!
9 Könnte ich doch hören, was Gott der Herr redet, dass er Frieden zusagte
seinem Volk und seinen Heiligen, damit sie nicht in Torheit geraten.
10 Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten, dass in unserm
Lande Ehre wohne;
11 dass Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich
küssen;
12 dass Treue auf der Erde wachse und Gerechtigkeit vom Himmel schaue;
13 dass uns auch der Herr Gutes tue und unser Land seine Frucht gebe;
14 dass Gerechtigkeit vor ihm her gehe und seinen Schritten folge.
Ein Leben lang hat ihn ein Erlebnis begleitet. Es hat ihn geprägt und
nicht losgelassen. Er war Landwirt. Sein Vater hatte ihm am Tag der
Hofübergabe den Schlüsselbund und die alte Familienbibel auf den Tisch
gelegt. Dann reichte er ihm die Hand und sagte: ‚Jetzt gehört dir der Hof.
Halte alles in Ordnung und schau zu, dass Gott mit dir zufrieden sein
kann.‘
Eigentlich macht es Gott mit uns so ähnlich; eigentlich mit jedem. Nicht
nur mit einem Landwirt. Jetzt gehört der Hof dir. Sorg dafür. Irgendwann
wirst du diese Aufgabe wieder abgeben, an einen anderen. Aber solange du
sie tust, ist sie von Gott anvertraut und übergeben. Sei es nun ein Hof
mit Äckern und Wiesen und Tieren; sei es eine Aufgabe mit Menschen etwa in
der Diakonie; oder seien es Kinder in der eigenen Familie; oder wo auch
immer.
Was wir tun, das ist uns von Gott übertragen. Wir vertrauen darauf, dass
er seinen Segen gibt, wenn wir die Verantwortung in seinem Sinn
wahrnehmen. Das hat er doch über Jahrhunderte bewiesen. Er hat sein Volk
nicht untergehen lassen, obwohl es nach menschlichem Ermessen praktisch
keine Chance zum Überleben gab. Damals bei der Rettung aus Ägypten; oder
aus der babylonischen Gefangenschaft. Eigentlich hätten sie untergehen
müssen. Aber sie sind nicht. An diese Wunder der Rettung denkt der Psalm.
Wir können hinzufügen: Die christliche Gemeinde war doch auch bis aufs
Blut verfolgt. Es war auch ein Wunder, viele Wunder; dass es christliche
Gemeinde überhaupt noch gibt.
Dieser Gott, der so viele Wunder getan hat, der wird auch dieses Jahr für
uns sorgen.
Vor uns steht wieder einmal die Ernte, bzw. sie läuft schon einige Tage.
Es ist nicht für alle Menschen selbstverständlich, dass Nahrungsmittel
vorher wachsen, bevor man sie essen kann. Für die meisten Menschen kommen
die Lebensmittel heute aus dem Regal im Laden. Aber es ist gut, wenn wir
uns daran erinnern lassen: Das ist nicht nur eine Sache des Geldbeutels,
ob man etwas zu essen hat.
Heute feiern wir Erntebittgottesdienst, und zwar für uns alle, nicht nur
für unsere Landwirte. Denn alle brauchen etwas zu essen.
Im Jahr 1817 forderte König Wilhelm von Württemberg dazu auf, eine
Erntebetstunde abzuhalten. Man hatte zwei Missernten hinter sich, die eine
Hungersnot auslösten. Wir können das heute kaum mehr nachvollziehen. Aber
das ist schlimmer als 5 Millionen Arbeitslose. In Württemberg sind damals
noch viele Menschen verhungert. Als dann der Hunger zu Ende ging, war es
ein großes Ereignis. Man feierte Erntedankfeste. In vielen Dörfern wurden
damals Hungerlinden gepflanzt zur Erinnerung: Denk dran. Gott hat uns
durchgeholfen. Im gleichen Jahr wurde auch das Stuttgarter Volksfest
begonnen auf dem Cannstatter Wasen, um dieser Freude und dem Dank Ausdruck
zu geben. Damals wurde auch beschlossen, künftig jedes Jahr eine
Erntebetstunde abzuhalten und das in gottesdienstlichem Rahmen zu tun.
Der 85. Psalm erinnert daran, dass es eine Geschichte der Beziehungen
zwischen Gott und uns gibt. Wie es uns geht, das hat mit der Beziehung zu
Gott zu tun. Es ist nicht einfach nur zufällig so.
Die Ernte ist in einem Vers ausdrücklich genannt.
Aber nicht nur die Ernte wächst durch Gottes Segen. Sondern buchstäblich
auch die Treue wächst und die Gerechtigkeit schaut vom Himmel. Vielleicht
erleben wir uns an dieser Stelle anfälliger als bei den Nahrungsmitteln.
Und ebenso sind wir beim Frieden anfällig.
Wir können diese Werte, Frieden, gutes gesellschaftliches Miteinander,
Gerechtigkeit, Solidarität, nicht einfach nur aus dem Regal im Laden
kaufen. Wenn wir das könnten, dann hätten wir schon längst viele
Finanzmittel dazu bereitgestellt. Das sind die empfindlichen Stellen für
uns, wo wir uns abhängig und verwundbar fühlen. Es gibt Sorgen und Ängste,
dass wir in der Gesellschaft einander nicht mehr ausreichend vertrauen
könnten; oder dass der Terror uns lange begleiten könnte.
Der Psalm 85 scheint selbst aus einer Krisenzeit zu stammen. Aber es wird
nicht gejammert und geklagt. Sondern er erinnert uns daran, dass
Gerechtigkeit und Friede und Vertrauen aus dem Verhältnis zu Gott
entstehen, wie die Frucht auf dem Acker. Deshalb brauchen wir die Nähe
Gottes. Fast möchte man sagen, dass der Beter das Ohr näher an Gott
heranschiebt, wie ein Lauscher das Ohr an die Tür drückt und dann ans
Schlüsselloch schiebt. „Gott, ich möchte dich gerne hören, was du zu
unserer Lage sagst. Wir müssen dich hören können, deine Worte verstehen,
damit wir nicht erschöpft aufgeben.“
Gott weiß, dass wir so verletzlich sind. Aber wir müssen auch wissen, dass
unser Überleben mit unserem Verhältnis zu ihm zusammenhängt.
Wir sollen nicht vergessen, dass wir ihn brauchen. Aber es ist gut, dass
Gott uns auch dann gibt, wenn wir es nicht verdient haben. Er lässt seine
Sonne aufgehen über Gute und Böse und lässt regnen über Gerechte und über
Ungerechte. So gibt er uns in jeder Hinsicht Vorleistungen. Wir danken für
Nahrungsmittel und dass wir mit den Menschen noch zusammenleben können. Es
ist Gottes Gabe. Amen.
(Pfr. Dr. Karl Knauß)
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