Gottesdienst am 5. Sonntag n. Trin., 26. Juni 2005, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über Johannes 1, 35-42.

Es lag etwas in der Luft, damals in Israel. Die Römer hatten das Land in einem eisernen Griff. Aber die Leute hielten das fast nicht aus. Einige Gruppen waren schon am Aufbau einer Widerstandsgruppe. Man wartete auch auf den verheißenen Messias. Man war sich nicht so ganz einig, was er denn tun würde, wenn er kommen würde. Die Pharisäer aus Jerusalem schickten eine Abordnung zu Johannes dem Täufer an den Jordan, um ihn zu fragen, ob er der Messias sei. Johannes sagte: Ich bin es nicht. Aber er ist schon unter euch.

Das wird in Johannes 1 berichtet. An dieser Stelle setzt der Predigttext für heute ein (Johannes 1, 35-42).

35 Am nächsten Tag stand Johannes abermals da und zwei seiner Jünger;
36 und als er Jesus vorübergehen sah, sprach er: Siehe, das ist Gottes Lamm!
37 Und die zwei Jünger hörten ihn reden und folgten Jesus nach.
38 Jesus aber wandte sich um und sah sie nachfolgen und sprach zu ihnen: Was sucht ihr? Sie aber sprachen zu ihm: Rabbi – das heißt übersetzt: Meister –, wo ist deine Herberge?
39 Er sprach zu ihnen: Kommt und seht! Sie kamen und sahen’s und blieben diesen Tag bei ihm. Es war aber um die zehnte Stunde.
40 Einer von den zweien, die Johannes gehört hatten und Jesus nachgefolgt waren, war Andreas, der Bruder des Simon Petrus.
41 Der findet zuerst seinen Bruder Simon und spricht zu ihm: Wir haben den Messias gefunden, das heißt übersetzt: der Gesalbte.
42 Und er führte ihn zu Jesus. Als Jesus ihn sah, sprach er: Du bist Simon, der Sohn des Johannes; du sollst Kephas heißen, das heißt übersetzt: Fels.

Wir müssen uns zunächst noch in die Situation hineindenken:
Tausende von Menschen strömen zu Johannes dem Täufer an den Jordan. Er muss eine faszinierende Gestalt gewesen sein. Seiner Aufmachung nach erscheint er wie ein Mann aus der Vorzeit, nicht gekleidet wie zivilisierte Menschen. Er trägt ein Fell aus Kamelhaaren. Er isst, als wäre er ein Wilder. Aber die Leute stoßen sich daran nicht. Im Gegenteil. Sie kommen. Der Strom reißt nicht ab. Sie kommen von Jerusalem und der ganzen Umgebung. Was Beine hat, kommt; auch alle Frommen, das ganze Bildungsbürgertum.

Da geht eine große Sache ab. Es ist, als würde man hier heilige Luft atmen. Da öffnet sich einem selbst das Herz und der Mund. Gott redet. Und Gott bringt Beziehungen wieder in Ordnung. Da wird Kaputtes wieder heil. Menschen fangen an zu reden, was sie im Innersten bewegt hat, was sie auch zu Fehlern und Sünden gebracht hat. Sie packen aus und fangen neu an. Und sie klären ihr Leben vor Gott.

Aber dann verändert sich die Lage. Vier Szenen werden geschildert.

1. Szene:
Da taucht unter den Besuchern einer auf. Irgendwie, urplötzlich; Jesus. Es scheint, als hätten es die beiden Johannesjünger am Vortag nicht mitgekriegt, als er schon einmal da war. Und deshalb erklärt ihnen der Täufer: Schaut, da ist er, den Gott geschickt hat.

Die beiden Nachfolger des Täufers wechseln die Gemeinde, einfach so! Und der Täufer lässt sie gehen. Denn er weiß: Dort ist die Zukunft Gottes. Alles Bisherige war nur vorläufig. Jetzt kommt Gott zum Eigentlichen.

Wahrscheinlich ist einer von den beiden Nachfolgern des Täufers der Evangelist Johannes. Die Geschichte ist deswegen für ihn so ungeheuer spannend, weil es die Geschichte seiner Lebenswende ist. Seit dieser Stunde folgt er Jesus nach. Seit dieser Stunde war für ihn nichts mehr, wie es vorher war. Jedes Wort, jeder Schritt, jede Handbewegung hat sich ihm tief eingeprägt und er kann sie einfach nicht mehr vergessen. Er weiß sogar noch, wo die Sonne stand, als das passierte.

In meinem Leben gibt es auch einige solcher Situationen. Z.B. als ich meinem Vater erklärt hatte, dass ich seinen Betrieb nicht übernehmen würde. Ich war damals sein Geselle und arbeitet als Elektriker. Mir war klar geworden, dass Gott mich ganz für den Dienst im Reich Gottes haben wollte. Erklären Sie das mal einem Vater, der die ganze Hoffnung auf sie gesetzt hatte! Ich hatte es ihm erklärt. am Tag danach saß ich ihm gegenüber. Ich weiß noch jedes Wort, das er mir sagte; es war nur ein Satz, und dann schwieg er eine halbe Stunde. Und ich schwieg auch. Seitdem weiß ich, wie das ist, wenn man nichts mehr sagen muss, weil die Situation redet. So viel kann man in zehn Sitzungen nicht sagen, wie in einer halben Stunde Schweigen. Für mich war es an einem Montagmorgen von 9 Uhr bis ½ 10.

Der Jünger Johannes weiß noch jedes stotternde und unsichere Fragen. Die Situation hat ihn sein Leben lang begleitet.

Mit einem Rätselwort hatte der Täufer begonnen: Siehe, das ist Gottes Lamm!

Die beiden jungen Männer waren wie elektrisiert. Es muss gewesen sein, als würde ihnen der Ort für eine neue Goldmine verraten. Lass alles stehen und liegen und mach dich auf den Weg!

Was ist es ihnen eigentlich wert, dass sie den Messias gefunden haben? Der Täufer bekommt keine Provision und keine Ablösesumme, weder von den Jüngern noch von Jesus.
Ein guter Fußballspieler gilt heute ziemlich viel. 7 Millionen Euro wurden als Ablösesumme für Kevin Kuranyi vereinbart, der von Stuttgart nach Schalke wechselt.

Zwischen Jesus und Johannes gibt‘s keine Ablösesumme für Jünger, die überlaufen. Und doch ist es eine teuere Sache. Sie kostet sehr viel.
Wie kommt es, dass zwei junge Männer alles liegen und stehen lassen? Dass sie die Zeit ihres Lebens hingeben? Verdienen tun sie gar nichts! Ob sie etwas zu essen und zu trinken bekommen, hängt vom Wohlwollen von irgendwelchen Leuten ab, die sie gar nicht kennen. Was bringt Menschen dazu, sich auf eine so waghalsige Sache einzulassen?

2. Szene
Die beiden lassen sich drauf ein. Das ist ihre Chance. Wer weiß, ob eine solche Chance ein zweites Mal kommt! Sie gehen mit.

Jesus dreht sich um: „Was sucht ihr?“ Er merkt und weiß, da sind zwei hinter mir, die sind offen. Die wollen etwas, aber sie trauen sich nicht, vielleicht, weil sie die Nähe Gottes spüren. Ähnlich wie drei Jahre später, als Jesus auferstanden war und am See Genezareth an einem Kohlenfeuer saß. Da wagte auch niemand zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten es alle. Wer Jesus nahe ist, der muss eigentlich nicht viel fragen.

„Kommt und seht!“ sagt er.
Jesus lädt ein. Alles wäre umsonst, wenn er nicht einladen würde. Aber er sagt, kommt mit. Und er trifft auf Menschen, die bereit sind.

Man kennt die Stelle nicht, wo Jesus sie dann hinführte. Vielleicht hat er in einer Höhle übernachtet, vielleicht auf freiem Feld, vielleicht war er auch in irgendeinem Haus untergebracht. Das alles ist unwichtig. Wichtig war für die beiden, was sie dort geredet haben. Sie blieben ja den ganzen Tag bei ihm. Aber auch von diesen ganzen Gesprächen wissen wir nichts. Wir wissen nur das Ergebnis. Anschließend wussten sie, dass sie den Messias gefunden haben. Das war für sie so klar, dass sie sofort andere einladen.

3. Szene
Einer der beiden Jünger war Andreas. Er „findet“ seinen Bruder Simon. Das ist keine Zufälligkeit, sondern göttliche Fügung. Andreas ging vielleicht gar nicht zielbewusst auf irgend jemanden zu. Er hat nicht gefragt: Wer ist denn mein erstes Objekt, auf den ich zugehen könnte. Aber er konnte es nicht für sich behalten, als er mit seinem Bruder zusammentraf. Das Wichtigste kann man nicht zurückhalten. „Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.“[Matth. 12, 34]

Die Werbung für Jesus geht nicht immer so gut geht wie hier. Wer innerlich begeistert ist, wird nicht immer auch den richtigen Stil und die richtige Art finden, wie er von seiner Beziehung zu Jesus erzählt.
Man kann an Andreas abgucken: Er sagt nicht, wie es ihm ums Herz ist. Er wird nicht gefühlig und macht sich nicht selbst zum Mittelpunkt des Gesprächs. Sondern er berichtet von seiner Entdeckung. „Wir haben den Messias gefunden.“ Er hat etwas mitzuteilen und sagt es einfach. Und nur, wer etwas mitzuteilen hat, soll auch etwas sagen!
Es ist gut, zu wissen: Gott hat die zufälligen Begegnungen in seiner Hand. Man muss lernen, nicht in überschäumender Begeisterung zu reden, sondern im gleichzeitigen Beten und Hören auf Gott.
Andreas hat seinen Bruder gefunden und mitgeschleppt. Natürlich nicht gewaltsam. Er wird freiwillig und mit stürmischen Schritten mitgegangen sein, wie wenn es was umsonst gibt.

4. Szene
Petrus ist bei Jesus. Der gibt ihm einen neuen Namen. Das macht er nicht mit jedem. Jesus sieht ihn, als würde er ihn kennen. Dieser Petrus hatte eben doch einen besonderen Auftrag.

Jesus sieht uns, jeden von uns, als würde er uns persönlich kennen. Ja, er kennt uns. Er macht auch aus uns andere Menschen, auch wenn er uns keinen neuen Namen gibt.

Der Essener Pfarrer Wilhelm Busch erzählt einmal von einem Urlaubserlebnis am Bodensee. Dort begleitetete ihn eine Diakonisse auf den Weg zum Friedhof, der direkt an den See grenzt.

Während sie an der Friedhofsmauer entlang gingen, zeigte sie, so erzählt Busch, in das Wasser und sagte: „>Hier hat sich mein Leben entschieden.<

Ich schaue in das klare Wasser und sehe etwas Seltsames: Da liegen alte Grabsteine. In früheren Zeiten hat man wohl, wenn man Platz für neue Gräber brauchte, die alten Steine einfach in den See gestürzt. Da liegen sie nun zwischen den Ufersteinen. Wenn das Wasser klar ist, kann man die Inschriften noch lesen.
Und die Diakonisse erzählt: >Hier habe ich als junges Mädchen einmal gestanden. Mein Blick fiel auf einen der Grabsteine. Der Name war verwittert. Aber die Jahreszahlen waren noch zu lesen: 1789-1821. Und da durchfuhr es mich auf einmal: Der Strich zwischen den zwei Zahlen - das war ein ganzes Menschenleben. Nur ein Strich! Mehr ist unser Leben nicht! Ein Strich zwischen zwei Zahlen - so wenig! Und da ging mir auf, welch eine Verantwortung wir haben - die ungeheure Verantwortung, aus diesem armseligen Strich etwas zu machen ... ja, da habe ich mein Leben dem Heiland übergeben, und ich habe mich entschlossen, dies arme kleine Leben In seinen Dienst zu stellen. So wurde ich Diakonisse...<“

Ich fasse die vier Szenen zusammen, vier Stichworte: Hören, Sehen, Bezeugen, Ein anderer werden. Das war der rote Faden. Es ist das Erleben von zwei oder drei jungen Menschen mit Jesus. Die entscheidende Stunde ihres Lebens.

Für viele Menschen war es auch seitdem die entscheidende Stunde, als sie Jesus begegneten und ihnen aufging: Wir haben den Messias, den Retter gefunden. Amen!
 

(Pfr. Dr. Karl Knauß)                         

  

 

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