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Gottesdienst am 3. Sonntag n.
Trin., 12. Juni 2005, in Wilhelmsdorf um 9.00 Uhr, Predigt über Lukas 15,
1-3.11b-32.
1 Es nahten sich ihm aber allerlei Zöllner und
Sünder, um ihn zu hören.
2 Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser
nimmt die Sünder an und isst mit ihnen.
3 Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach:
11 Ein Mensch hatte zwei Söhne.
12 Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das
Erbteil, das mir zusteht. Und er teilte Hab und Gut unter sie.
13 Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog
in ein fernes Land; und dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen.
14 Als er nun all das Seine verbraucht hatte, kam eine große Hungersnot
über jenes Land und er fing an zu darben
15 und ging hin und hängte sich an einen Bürger jenes Landes; der schickte
ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten.
16 Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue
fraßen; und niemand gab sie ihm.
17 Da ging er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die
Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger!
18 Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen:
Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir.
19 Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich
zu einem deiner Tagelöhner!
20 Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit
entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm
um den Hals und küsste ihn.
21 Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel
und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße.
22 Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste
Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und
Schuhe an seine Füße
23 und bringt das gemästete Kalb und schlachtet’s; lasst uns essen und
fröhlich sein!
24 Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war
verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein.
25 Aber der ältere Sohn war auf dem Feld. Und als er nahe zum Hause kam,
hörte er Singen und Tanzen
26 und rief zu sich einen der Knechte und fragte, was das wäre.
27 Der aber sagte ihm: Dein Bruder ist gekommen und dein Vater hat das
gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wiederhat.
28 Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Da ging sein Vater
heraus und bat ihn.
29 Er antwortete aber und sprach zu seinem Vater: Siehe, so viele Jahre
diene ich dir und habe dein Gebot noch nie übertreten, und du hast mir nie
einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich gewesen wäre.
30 Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut mit
Huren verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet.
31 Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles,
was mein ist, das ist dein.
32 Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder
war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist
wiedergefunden.
Mit bebendem Herzen unterschreibt der Vater den Erbvertrag. Er überträgt
seinem Sohn das Erbe. Und er kennt ihn doch gut! War das nicht eine
bodenlose Dummheit? Dem leichtsinnigen Sohn so früh sein Erbe zuzuteilen,
diesem Faulenzer. Der ist doch charakterlich überhaupt nicht gefestigt. Er
kann mit dem vielen Geld nicht gut umgehen.
Viele Menschen halten das für einen Fehler Gottes, dass er uns die
Freiheit gegeben hat, fortzugehen von ihm, oder dazubleiben. Warum nimmt
er die Menschen nicht an die kurze Leine? Warum lässt er zu, dass jemand
sich selbst und andere ruiniert? All das Unrecht, die Kriege und
Bürgerkriege, das Sündigen am eigenen Körper, an der Gemeinschaft und an
der Umwelt? Wie kann Gott nur zuschauen und alles einfach geschehen
lassen?
Doch ich bleibe zunächst beim Gleichnis:
Da sehen wir den Vater allein im Haus zurückbleiben. Er hat den Sohn
einfach ziehen lassen. Was wird der Vater wohl dabei gedacht haben?
Etwa: Gut, wenn er sich die Hörner abstößt? - Nein, das dachte er gewiss
nicht! Das Herz hat ihm geblutet. Da hat er seinen Sohn weggehen sehen.
Der Vater geht an‘s Fenster und schaut ihm nach.
Er ballt nicht die Faust, warte nur, Kerl, du wirst schon noch sehen!
Sondern er lässt ihn ziehen. Der Sohn hat sich wohl nicht einmal mehr
umgeschaut. Er war froh, die häusliche Angebundenheit hinter sich gelassen
zu haben, eine häusliche Enge kann es nicht gewesen sein, denn eng, bei
solch einem Vater? Den Vater hat das Weggehen geschmerzt, wie es Schmerzen
bereitet, wenn man einen Sohn in jungen Jahren zu Grabe tragen muss.
Der Sohn ist unterwegs. Er ist erleichtert! Er hat erreicht, was er
wollte. Er hat die Last der Verantwortung los, die Arbeit, diese elende
Schufterei von morgens bis abends. Jetzt will er endlich einmal sein Leben
genießen!
Dann ist er in der Fremde, in einem anderen Land. Vielleicht in Damaskus
oder Umgebung, jedenfalls dort, wo andere Sitten und Gewohnheiten
herrschen, eine andere Religion, nicht mehr das von zu Hause aus Gewohnte.
Gott wohnt auch im Wald und in der Kneipe!
Was macht der junge Mann heute? Wohin?
Vielleicht nach Amsterdam? Das freie Leben genießen! Ein bisschen
Zerstreuung, ein bisschen dies, ein bisschen das. Es wird bald langweilig,
wie einst die Arbeit auch langweilig geworden war. Stärkere Mittel müssen
her, Alkohol, Drogen, leichte Mädchen. Ein Leben, wie die Welt es bietet.
Geld hat er ja genug. Das Rechnen war nie seine Stärke. Schon in der
Schule hatte er immer ein fünf. Aber wenn man genügend Geld hat, muss man
nicht nachzählen.
Der Vater schickt ihm aber keine Späher nach, keine Privatdetektive, damit
er‘s auch wirklich ganz genau weiß. Er beauftragt nicht Leute, die ihn
bearbeiten sollen. Nein, er verzichtet auf alle üblichen Mittel, die die
Leute oft aus Angst anwenden.
Über Reisende gelangen Nachrichten an das Elternhaus, was er so alles
treibt, denn der ältere Sohn weiß dann später sehr genau Bescheid. Der
Vater nimmt die Beschämung auf sich, die auf seine Familie gefallen ist,
denn das Verhalten des Sohnes ist auch für den Vater, ja, für die ganze
Familie rufschädigend. Die Leute schneiden ihn. Nicht nur aus Hemmung
reden sie nicht mehr mit ihm, sondern sie wollen mit ihm aus religiöser
Überzeugung nichts mehr zu tun haben, denn sie dürfen sich ja nicht
verunreinigen. Dieses schädigende Verhalten könnte anstecken. Doch der
Vater wartet! Immer wieder geht er an die Tür und schaut hinaus in die
Ferne. Der hat Nerven! Warum tut er denn nichts!?
Dem Sohn geht es in der Tat dreckig. Alles ist verbraucht. Der Hunger wird
zur Plage. Er hütet schließlich die Schweine. Doch selbst da ist der
Mangel nicht zu beseitigen. Man gönnt ihm das Futter nicht, das er
eigentlich gerne gegessen hätte.
Davon habe ich heute sogar ein Probe mitgebracht. Bei dem Schweinefutter
handelt es sich um die Frucht des Johannisbrotbaums. Es sind Schoten -
Luther hatte einst „Treber“ übersetzt -, die wie Bohnen aussehen. Im
Mittelmeerraum ist dieser Baum häufig anzutreffen, insbesondere in Israel
und Umgebung. Dieses Futter erregt übrigens keinen Ekel. Es wurde auch von
Menschen aus einfachen Schichten durchaus als Nahrungsmittel gebraucht.
Es war die Erinnerung an den Vater, die den Sohn zur Umkehr treibt.
Während der Sohn fort war, außer Landes, da hat der Vater nichts anderes
getan als das, was er auch tat, solange er noch da gewesen war: Nämlich
nur Liebe und Güte austeilen, kein giftiges Wort, keine bissige,
verletzende Bemerkung. Deswegen konnte der Sohn daran denken: Ich will
mich aufmachen und zu meinem Vater gehen.
Der Sohn ist nüchtern geworden. Wie konnte er nur ein solcher Realist
werden? - Das Leben hat‘s ihn gelehrt. Er hat es erfahren: Von Träumen und
Theorien wird man nicht satt, sondern das Essen will erarbeitet sein. Was
der Sohn will, ist ganz auf der Ebene des Rechts gedacht. Er spekuliert
nicht auf billige oder teure Gnade. Er weiß, dass er das Recht verwirkt
hat, zur Familie zu gehören. Aber sein Vater war kein Unmensch. Er hat
alle seine Arbeiter ordentlich behandelt und es ging ihnen gut, sogar
denen, die nur um Lohn arbeiteteten und gar nicht mit zum Hause gerechnet
wurden, die Gelegenheitsarbeiter. Denn die Tagelöhner dienten um Geld, um
nichts anderes. Selbst die Sklaven hatten es besser. Sie gehörten nämlich
zur Familie im weiteren Sinn, aber die Tagelöhner nicht. Also dieser junge
Mann kann nicht einmal damit rechnen, dass er wie ein Sklave behandelt
wird und im Haus wohnen kann.
Nun ist er also unterwegs nach Hause.
Der Vater sieht ihn, so heißt es dann, und läuft seinem Sohn entgegen. Das
ist nicht unsere schwäbisches Laufen, denn für Schwaben gibt es da ein
kleines Missverständnis. Wir können ja ganz gemächlichen Schrittes laufen.
Wir müssen besser sagen: Er rannte ihm entgegen. Es war sehr unter der
Würde dieses Vaters, so zu rennen. Aber er wurde von seinem Herzen
überwältigt. Da konnte er keine Fassung mehr bewahren.
Es hagelt keine Vorwürfe. Der Sohn stammelt ein Schuldbekenntnis. „Vater,
ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht
mehr wert, dass ich dein Sohn heiße.“ Weiter kommt er nicht. Er hatte
eigentlich noch sagen wollen: „Mache mich zu einem deiner Tagelöhner!“
Aber der Vater unterbricht ihn. Ein Fest wird vorbereitet. Ehe der Sohn es
sich versieht, wird er wieder in die Rechte des Sohnes eingesetzt. Er ist
wieder in das Haus aufgenommen. Der Siegelring weist ihn als den aus, der
mit allen Rechten ausgestattet ist. Denn mit dem Siegel werden
Rechtsgeschäfte getätigt. Er bekommt also Vollmacht über alle Konten.
Diese Geschichte ist das Gleichnis vom erbarmenden Vater. Bisher haben wir
es das Gleichnis vom verlorenen Sohn genannt. Aber auch das wäre nicht
richtig, denn dann müsste es das Gleichnis von den zwei verlorenen Söhnen
sein. Denn auch der andere, der ältere Sohn hat sich von seinem Vater
entfernt. Ihn habe ich bei der Schilderung unterschlagen. Ich werde noch
über ihn sprechen. Aber wesentlich ist:
Der Vater ist die Hauptperson.
In verschiedener Hinsicht verhält er sich unverständlich, nicht wie ein
Vater sich im Normalfall verhält. Der Vater ist gewiss kein willenloser
Mann, mit dem man alles machen kann, was man will. So ist er nicht
geschildert. Sondern er hat eine vergebende Großmut, die einfach gewinnend
ist. Diese ungemein gütige Liebe macht den in die Fremde gelaufene Sohn zu
einem neuen Menschen. Nun ist es nicht mehr nur der Druck der Not, der ihn
zu einem Realisten gemacht hat. Nicht einmal seine Beichte, so ernst sie
gemeint ist, hat diesen neuen Menschen aus ihm gemacht, sondern die
Vergebung des Vaters. Allerdings wäre er ohne diese reuige Umkehr nicht
wieder zu seinem Vater gelangt.
Jesus will sagen: So, wie der Vater, so ist Gott! Seine Liebe und Güte und
seine Vergebung schafft neue Menschen!
Vergleichen wir die beiden Söhne: Im Gleichnis, so wie es in der Bibel
steht, gehört dem jüngeren Sohn automatisch unsere Sympathie, das ist gar
nicht überlegt, sondern beinahe wie ein Reflex. Der ältere Sohn hat für
uns nichts Anziehendes.
Aber ob es uns im normalen Leben auch so geht? Da schlagen wir uns eher
auf die Seite des Älteren, und die Gestalt des jüngeren Sohnes ist uns
widerlich. Ist das recht, dass er sein Erbe vorzeitig verprasst hat und es
sich dann, nachdem das alles geschehen ist, noch einmal anders überlegen
will? Der soll sich schämen, dass er sich überhaupt noch einmal
zurücktraut, dieser Schandfleck der Familie! Hat doch der Ältere für ihn
auch noch seinen Anteil an Arbeit mit leisten müssen! Und der Ältere
schmollt. Er will nicht mitfeiern, dass sein Bruder, der Sünder, umgekehrt
ist.
Gewiss hat Jesus diese Seite der Geschichte mit besonderem Nachdruck
herausgestellt. Denn der ältere Sohn, das sind ja seine Zuhörer, die
Schriftgelehrten und die Pharisäer, die, die in der Nähe Gottes geblieben
sind und die sich für ihn Tag für Tag abrackern. Neiden sie es den
Sündern, dass sie bei Gott Gnade finden?
Wer den anderen die Gnade Gottes nicht gönnt, der ist in Gefahr, von Gott
abzufallen. Da mag es sein, dass die Sünder den Gerechten zuvorkommen,
dass die Sünder wieder in die Familie Gottes aufgenommen werden, während
die Gerechten sich durch ihr Festhalten an ihren eigenen Verdiensten aus
seiner Nähe entfernen.
Beide Söhne sind verloren, vom Vater entfremdet:
Der Jüngere ist verloren, während er die Gebote missachtet, der Ältere,
während er alle Gebote einhalten mag. Der eine ist ein Tunichtgut, der
andere ein bürgerlich sehr anständiger und brauchbarer Mensch. Aber beide
sind verloren.
Der eine lebt nach allen Vorstellungen Gottes und ist ein guter Bürger.
Früher sagte man, er ist fromm, heute sagt man anders; vielleicht: Er ist
in Ordnung oder o.k..
Der andere lebt nicht nach den Vorstellungen Gottes. Eine Reihe von
Geboten hat er bewusst und manche wohl im Leichtsinn übertreten. Für die
Gesellschaft ist er ein untaugliches Mitglied. Er lebt vom sozialen Netz
und von der Toleranz der anderen. Aber beide leben an Gott vorbei. Der
ältere Sohn hätte eigentlich einen kürzeren Weg zu Gott, und doch hat es
der erste mit der Umkehr leichter, weil er seine Verlorenheit unmittelbar
sieht und handgreiflich erlebt.
Beides Söhne sind vor Gott verloren. Und darum ist das Gleichnis eine
Einladung an alle: Gott wartet auf dich!
Jesus verhandelt hier übrigens nicht das Thema, ob man anständig oder
unanständig leben soll. Das steht auf einem anderen Blatt. Sondern Jesus
verhandelt hier die Frage, dass unser Verhältnis zu Gott - unabhängig von
unserer Vergangenheit - in Ordnung gebracht werden kann, weil es Gott tut
und weil Gottes Erbarmen nicht von unserer Wohlanständigkeit abhängt.
Wir können‘s, ja, wir sollen‘s uns selbst heraussuchen, welchem der beiden
Söhne wir eher zuzurechnen sind. Aber vor Gott ist viel wesentlicher, ob
wir uns ihm zuwenden, ob wir unser gelungenes oder unser verpfuschtes
Leben ihm bringen und uns über seiner Liebe von ihm zu neuen Menschen
gestalten lassen wollen. Amen!
(Pfr. Dr. Karl Knauß)
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